In den NachrichtenPolitik
Ame­ri­ka kann man auch nicht mehr so has­sen wie damals.

Dass die Sprin­ger-Pres­se, die in der Geschmacks­rich­tung WELT ONLINE unlängst einen völ­lig uniro­ni­schen Text namens „Ame­ri­kas Ein­sät­ze sind gut für die gan­ze Welt“ publi­zier­te, wie auch die FAZ mit­un­ter eine sehr auf’s Gestern bedach­te Ein­stel­lung zum Welt­ge­sche­hen hat, ist nun nichts, was noch irgend­je­man­den ernst­haft empö­ren sollte.

Dass die sich gern als „libe­ral“ sehen­de Wochen­zei­tung DIE ZEIT aber die­sem Zeit­geist anschließt und unter der viel­ver­spre­chen­den Über­schrift „Macht Ame­ri­ka end­lich platt!“ einen halb­ga­ren Arti­kel ins Web stellt, des­sen Haupt­aus­sa­ge ist, dass die Deut­schen doch btte end­lich auf­hö­ren soll­ten zu jam­mern, ver­ste­he ich nicht ein­mal unter der Prä­mis­se, dass der Autor Eric T. Han­sen selbst US-Ame­ri­ka­ner ist und sich – haha, das Kli­schee – auf sei­ner Web­site mit einem Cow­boy­hut zeigt. So was von 19. Jahrhundert!

In Deutsch­land begeg­net man ihm offen­bar meist feindselig:

In den 30 Jah­ren [seit mei­ner Ankunft] ver­ging kaum ein Tag, an dem ich nicht erfuhr, wie die USA bald zusam­men­bre­chen wür­den, wie Ame­ri­ka bald den drit­ten Welt­krieg aus­lö­sen wür­de, wie Deutsch­land nur eine Kolo­nie der USA sei und wie Ame­ri­ka die deut­sche Kul­tur und Moral ruiniere.

Natür­lich hat sich nichts davon anschlie­ßend bewahr­hei­tet: Den Ver­ei­nig­ten Staa­ten geht es finan­zi­ell her­vor­ra­gend, ihr Mili­tär hält sich aus jedem inter­na­tio­na­len Kon­flikt her­aus, Deutsch­land wird von ihnen als sou­ve­rä­ner Staat akzep­tiert, aus des­sen Ange­le­gen­hei­ten sich ihr Geheim­dienst her­aus­hält, und die deut­sche Kul­tur und Moral haben durch den Ein­fluss US-ame­ri­ka­ni­scher Fern­seh­se­ri­en deut­lich an Reich­tum gewon­nen. Schwe­ster, mei­ne Pillen!

Was ist zu tun? Na ja:

Jagt das ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär aus dem Lan­de, kauft ame­ri­ka­ni­sche Fir­men auf und schmeißt alle Amis, die ihr in die Fin­ger kriegt, aus dem Land. Sam­melt Ver­bün­de­te in ganz Euro­pa und in der ara­bi­schen Welt, bom­bar­diert Washing­ton und die Wall Street, mar­schiert ein und schenkt das Land wie­der den India­nern. Die Geschich­te wird es euch danken!

Das wäre die ame­ri­ka­ni­sche Lösung, und in ande­ren Län­dern funk­tio­niert sie ja vor­treff­lich. Aber weil wir Deut­schen ein fried­lie­ben­des Volk sind und auch blei­ben wol­len, müs­sen wir anders vorgehen:

Falls die Deut­schen dazu aller­dings doch (noch) nicht bereit sind, habe ich eine Alter­na­ti­ve: Lernt end­lich, als selbst­be­wuss­te und gleich­wer­ti­ge Nati­on mit Ame­ri­ka auf Augen­hö­he zu leben. Und hört auf zu quengeln!

„Auf Augen­hö­he“, also doch das mit dem Mili­tär. Alles klar.

Ach nein, gemeint ist natür­lich eine Part­ner­schaft, und wer das nicht will, der ist ein Faschist:

Die künst­lich über­zo­ge­ne Empö­rung gegen­über Ame­ri­ka ist dabei Teil eines zuneh­men­den Natio­na­lis­mus, der sich auch gegen die EU und damit gegen Deutsch­lands Nach­barn rich­tet. (…) 1933 sah sich der durch­schnitt­li­che Bür­ger als Opfer der Juden; heu­te sehen sich vie­le als Opfer ame­ri­ka­ni­scher Ban­ken, Kon­zer­ne und Politik.

Wenn US-Ame­ri­ka­ner sich dar­in ver­su­chen, deut­sche Geschich­te zu erklä­ren, kommt sel­ten etwas Sinn­vol­les dabei her­aus. Das „Ver­ge­hen“ der Juden bestand wei­test­ge­hend dar­in, über Geld zu ver­fü­gen. Ame­ri­ka­ni­sche Ban­ken aber ver­fü­gen nicht nur über Geld, sie ver­ju­beln es auch.

Das, zuge­ge­ben, ist nicht „unser“ Pro­blem, mögen die Ame­ri­ka­ner doch selbst damit zurecht­kom­men. Inter­es­san­ter sind schon ame­ri­ka­ni­sche Kon­zer­ne wie Face­book und Goog­le, die die von ihnen pro­pa­gier­te Frei­heit des Kun­den gern iro­nisch ver­ste­hen und über­dies in regem Aus­tausch mit den Schaf­fern ame­ri­ka­ni­scher Deutsch­land­po­li­tik ste­hen, über die der Schrei­ber die­ser Zei­len zur Scho­nung sei­nes Blut­drucks vor­über­ge­hend lie­ber kein Wort mehr ver­lie­ren möch­te. Sie wol­len ja nur unser Bestes, näm­lich wis­sen, ob wir gera­de zu Hau­se und Ter­ro­ri­sten sind.

Aber viel­leicht ver­ste­he ich hier nur die edlen Absich­ten falsch und es ist ja nicht alles schlecht in den USA:

Wel­che Vor­tei­le, fra­gen Sie? (…) Gleich­zei­tig impor­tiert man hier aus Ame­ri­ka alles, was man selbst nicht pro­du­zie­ren kann oder will – (…) die neu­sten Life­styletrends und natür­lich moder­ne Popkultur[.]

Denn wo wären wir ohne „die neu­sten Life­styletrends“ (häss­li­che Kla­mot­ten, unbe­que­me Möbel, Apple-Gedöns) und die „moder­ne Pop­kul­tur“ (castings, Coca-Cola, Apple-Gedöns)? Am Ende, sage ich euch! Und dar­um müs­sen wir end­lich ent­schlos­sen handeln:

Ein gro­ßes Land wie Deutsch­land hat zwei Mög­lich­kei­ten, mit einem noch grö­ße­ren Land wie Ame­ri­ka umzu­ge­hen. Es kann die eige­ne Posi­ti­on in der Welt­ord­nung zu einer uner­träg­li­chen Opfer­rol­le machen und auf höch­stem Niveau so lan­ge lei­den, bis das ein­ge­bil­de­te Lei­den zu einer Psy­cho­se wird. Oder es kann sich – wie alle ande­ren Län­der der Welt – selbst als gleich­wer­ti­gen Part­ner mit Schwä­chen und Sün­den begrei­fen, mit guten und schlech­ten Tagen wie sei­ne Part­ner und die Vor­tei­le sei­ner Part­ner­schaft mit einem noch grö­ße­ren Land genießen.

Es sei näm­lich Zeit, dass wir erken­nen, dass wir, die wir abge­schla­ge­ne Zwei­te hin­ter dem „grö­ße­ren“ (E. T. Han­sen) Ame­ri­ka sind und blei­ben wer­den, gei­stes­krank sei­en und nur davon geheilt wer­den kön­nen, wenn wir uns den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wie die SPD der CDU als gleich­wer­ti­ger Part­ner unter­ord­ne­ten, denn in einer Part­ner­schaft ver­ge­be man dem Ande­ren auch grö­ße­re Fehl­trit­te. Es müs­se ja nicht gleich eine Freund­schaft sein.

Gut, dass uns das mal jemand erklärt hat.

Wenn mir irgend­was nicht passt, steht mir frei, hier wegzugeh’n.
Farin Urlaub: Lie­ber Staat