KaufbefehleMusikkritik
Delu­si­on Squared: Inter­es­san­tes aus Frank­reich

Durch Zufall stieß ich vor eini­gen Tagen auf das fran­zö­si­sche Trio Delu­si­on Squared, zu Deutsch etwa „Täu­schung zum Qua­drat“. In die­sem Jahr haben die drei Musi­ker mit eini­gen musi­ka­li­schen Gästen ein eher durch­wach­se­nes Album namens „II“ ver­öf­fent­licht, das namen­lo­se – oder selbst­be­ti­tel­te – Debüt von 2010 ist aber spit­ze.

Zu hören ist eine Melan­ge aus Neo-Prog und New Art­rock ohne Quietsch­key­boards und all­zu viel Elek­tro­nik­quatsch, dafür mit reich­lich Aku­stik­gi­tar­re, gespielt von Sän­ge­rin Lor­raine Young und Ste­ven Fran­cis, der neben­bei auch Kay­boards und Schlag­zeug bedient, erste­res wie­der­um gemein­sam mit Emma­nu­el de Saint Meen. Zumin­dest erste­ren Namen soll­te man sich mer­ken, denn sin­gen – und spre­chen, etwa gegen Ende des Stückes „Remem­brance – In my time of dying“ – kann Frau Young ziem­lich pri­ma.

Sti­li­stisch ist man fle­xi­bel. Wäh­rend eini­ge Stücke mit ihrem Auf­bau (aku­sti­sche Gitar­re, Stei­ge­rung, Kli­max) an „Trains“ der geschätz­ten Por­cupi­ne Tree erin­nern, geht es in „Delu­si­on – The Betra­y­al“ in Rich­tung Indu­stri­al Rock, zwar von Ramm­stein und Lai­bach noch weit ent­fernt, aber doch schon recht düster. Das abschlie­ßen­de „Lega­cy – A crea­ti­on myth“ ist trotz sei­ner fast acht Minu­ten Spiel­zeit eine radio­taug­li­che Bal­la­de, die für Frau Youngs Stim­me aller­dings etwas zu hoch gesetzt ist (das ein­zi­ge Mal wäh­rend der knap­pen Stun­de nervt der Gesang hier ein wenig), was aber sicher nicht der Grund dafür ist, dass die Radio­sen­der auf die­ses Stück wie auch auf den Rest des Albums offen­bar kei­nen gro­ßen Wert legen – Justin Bie­ber kann ja eben­falls nicht über­ra­gend gut sin­gen.

Über­haupt wäre es ein Feh­ler, ein­zel­ne Stücke dem Kon­text zu ent­rei­ßen. „Delu­si­on Squared“ – das Album – hat ein geschlos­se­nes Kon­zept:

Wir befin­den uns in einer fin­ste­ren Zukunft, in der das natür­li­che Öko­sy­stem der Erde nach ver­hee­ren­den Krie­gen weit­ge­hend zer­stört wur­de. Als Fol­ge muss­te man die sog. Arko­lo­gien bau­en, um das Fort­be­stehen der Mensch­heit zu sichern. (Arko­lo­gie ist ein von der Aussen­welt weit­ge­hend abge­schot­te­tes Öko­sy­stem, das durch archi­tek­to­ni­sche Maß­nah­men wie eine rie­si­ge Stadt gestal­tet wird). In den Arko­lo­gien leben durch Gen­tech­no­lo­gie per­fek­tio­nier­te, durch vir­tu­el­le Unter­hal­tung und medi­al erzeug­tes Kon­sum­ver­hal­ten glück­lich gemach­te und ruhig gestell­te Men­schen. Eine jun­ge Frau fin­det ein sol­ches Leben weni­ger prickelnd und beginnt dage­gen zu rebel­lie­ren. Ihr Wunsch auf natür­li­che Wei­se Mut­ter zu wer­den passt nicht zu den fest­ge­leg­ten Abläu­fen in der Arko­lo­gie, also greift sie auf Hil­fe eines gene­ti­schen Hackers zurück und wird dar­auf­hin fest­ge­nom­men, unfrucht­bar gemacht und aus­ge­setzt.

Die jun­ge Dame wird von den drau­ssen unter stän­di­ger Lebens­be­dro­hung exi­stie­ren­den Indi­vi­du­en in einem Zustand gefun­den, in dem sie offen­bar glaubt gleich ster­ben zu müs­sen. Die Frau wird lie­be­voll auf­ge­nom­men und schliesst sich dem Über­le­bens­kampf der Gemein­schaft in der feind­li­chen Umwelt an. Irgend­wann begin­nen sich die Arko­lo­gie-Bewoh­ner mit rie­si­gen Raum­schif­fen abzu­set­zen. Die drau­ssen Leben­den sehen das als Ansporn ihr Schick­sal wei­ter­hin zu mei­stern.

Mit der Zeit eig­net sich die namen­lo­se Frau beträcht­li­ches Wis­sen durch das Stu­di­um der Arte­fak­te an und wird durch ihr Ein­falls­reich­tum und sozia­le Intel­li­genz zu einer belieb­ten Auto­ri­tät. Sie hilft den Über­le­ben­den ihre Gene in der feind­li­chen Umwelt zu stär­ken und als sie 97-jäh­rig stirbt wird sie von vie­len wie eine Gott­heit ver­ehrt. …und sie nann­ten sie Mother-of-all-peo­p­le…

Natür­lich ist die­se Geschich­te (noch) nicht unbe­dingt lebens­nah, aber doch ziem­lich gute Fik­ti­on und mal was ande­res als das ewi­ge „Baby, Baby, I love youuu“ aus dem Radio. Wer auf die Tex­te ach­tet, der kann sich an so man­cher Zei­le erfreu­en, die er fort­an in die Rei­he sei­ner Lebens­mot­tos auf­neh­men soll­te. „If you don’t know how to fix it, plea­se stop brea­king it.“

Kauf – ob vir­tu­ell oder auf tat­säch­li­chem Ton­trä­ger – und vor­he­ri­ges Hin­ein­hö­ren ermög­licht bandcamp.com, und wer noch auf der Suche nach guter main­stream­t­aug­li­cher, aber doch anspruchs­vol­ler Musik ist, der soll­te davon reich­lich Gebrauch machen.

Eines jeden­falls steht fest: Die­ses Album ist mit Sicher­heit kei­ne Täu­schung. Wärm­stens emp­foh­len.