Mir wird geschlechtPiratenpartei
Die Rückkehr der Genderritter

Ich hatte ja bereits angemerkt, dass die aktuell geführte Diskussion über die Klientel und womöglich maskuline Ausrichtung der Piratenpartei längst kalter Kaffee ist. Aus aktuellem Anlass möchte ich darauf nochmals etwas genauer eingehen.

Vor anderthalb Jahren, lange vor den Wahlen in Berlin, beschäftigte sich die Presse bereits ausführlich mit dem Thema Sexismus in der Piratenpartei, ausgelöst von der hier bereits mehrfach erwähnten Mailingliste der „Piratinnen“, die der angeblichen Bevorzugung von Männern in der Piratenpartei mittels der Bevorzugung von Frauen in der Piratenpartei entgegenwirken sollte. Hierfür ging die Vordenkerin der „Piratinnen“, Lena Simon, so weit, dass sie ihren sexistischen Standpunkt öffentlich als Meinung eines beträchtlichen Teils der Piraten verkaufte und diese Mailingliste nur Frauen zugänglich machte; was dann übrigens auch die einzige Mailingliste im Piratenumfeld war und ist, die die Anmeldung nur mit dem richtigen Geschlecht zuließ, womit wir das mit der Geschlechterfeindlichkeit dann auch noch mal deutlich vor Augen geführt bekommen hätten. Dabei hat es Lena auch nicht sonderlich interessiert, ob sich die Frauen in der Piratenpartei wirklich angefeindet vorkommen oder nicht:

Es gibt noch zu wenige Frauen in der Piratenpartei, da sind wir einer Meinung. Aber diese Frauen sind in den Vorständen sogar überrepräsentiert, wo kannst du da Benachteiligung sehen? Ich sehe Männer und Frauen, die ganz selbstverständlich integriert und als Menschen beurteilt werden, nicht als Penisträger oder Nichtpenisträger, ich kann die von dir behauptete (und durch nichts belegte) Diskriminierung nicht sehen.

Lange war es angemessen ruhig geworden um Lena und ihre „Piratinnen“, so ruhig, dass man sich in der Piratenpartei endlich mal wieder auf inhaltliche Arbeit konzentrieren konnte, statt ständig Fragen nach Lena und ihren Beweggründen ausgesetzt zu sein. „Ihr als Nerdpartei mögt doch sicher eh keine Frauen, wa?“. (Das ist, natürlich, eine verkürzte, aber inhaltlich übereinstimmende Darstellung.) Das hat sich mit dem Tohuwabohu um den Frauenanteil auf der Berliner Liste (14 Männer, eine Frau) dann nun endlich auch mal wieder geändert, Piraten haben ja nach so einer Wahl auch nichts interessanteres zu tun als Fragen zu beantworten, die seit einem (Geschlechterfrage) bis zu fünf („Einthemenpartei“) Jahren in ermüdenden Wiederholungen unterschiedlichsten Mitgliedern, Vorständen und Verbänden immer wieder gestellt und immer wieder sehr ähnlich beantwortet wurden. Recherche ist des Journalisten Lebenszweck dann wohl doch nicht.

Und während sie so olle Kamellen aufwärmten, fand die von dem Berliner Wahlergebnis auf unterschiedliche Weise beeindruckte Öffentlichkeit, die bis dahin noch keine Zeit oder keine Lust hatte, sich mit den Piraten zu beschäftigen, dann natürlich auch wieder Lena Simon und ihre „Piratinnen“; „fand“ ist vielleicht das falsche Wort, zurückhaltend und unscheinbar sind die Beteiligten ja bisher noch nicht aufgetreten. Das große mediale Interesse nun veranlasste Lena zu einem großen Schritt, den sie in ihrer Mailingliste verkündete; ich zitiere aus der mir zugespielten E-Mail auszugsweise:

Irgendwie scheint es uns keine(r) abzunehmen, dass nur „zufällig“ nur eine Frau auf der Liste ist.
Wir könnten uns ja gemeinsam auf die Suche nach der Ursache und möglichen Lösungen für dieses Problem begeben.

Eine Mailingliste, die gegründet wurde, weil ihre Initiatorin sich aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert fühlt, will Ursachen dafür suchen, dass „nur“ eine Frau auf der Liste ist. Das ist selbstverständlich ein unerwarteter Schritt, und auf das Ergebnis bin ich schon sehr gespannt. Ihr auch?

(…) jetzt hier folgender Vorschlag:

Wir öffnen die Liste für Männer (ein vertrauensvoller Kreis ist das hier ohnehin nicht), die an dem Thema gender ein Interesse haben.

Was bedeutet dieser Vorschlag?

  1. Das einzige Organ der Piratenpartei, das Menschen nach ihrem Geschlecht sortiert und Menschen des falschen Geschlechts Zugang und Mitarbeit verwehrt, gibt diese Monopolstellung auf und passt sich zum Beispiel der AG Männer an, in der selbstverständlich auch Frauen mitarbeiten dürfen (und wollen). Damit ist die ursprüngliche Aufgabe dieses Organs, einen virtuellen Raum zu schaffen, in dem Frauen, die sich über ihr Geschlecht und nicht über andere Eigenschaften definieren wollen, unter sich sein können, Geschichte.
  2. Nichtsdestotrotz betrachtet Frau Simon Männer unverändert nicht als gleichberechtigt, denn sie werden in ihrem Vorschlag nur geduldet („zugelassen“); ob sie tatsächlich dieselbe Rangfolge bekommen sollen, was sie ihnen ja bisher verwehrte, lässt sie offen. Tatsächlich betrachtet sie Männer implizit als „nicht vertrauensvoll“: „Wenn hier eh Leute drin sind, denen man nicht trauen kann, können wir auch Männer reinlassen.“
  3. Auch Frauen stößt sie so vor den Kopf, denn sie zeigt, dass sie auch ihren Mitstreiterinnen nicht vertraut. Kommentare wie „ein vertrauensvoller Kreis ist das hier ohnehin nicht“ sind zwar zutreffend, wie verschiedentlich Blogbeiträge beteiligter „Piratinnen“ und Kritikerinnen an diesem Konzept belegen, aber nicht zielfördernd.

Die „Piratinnen“-Liste wird also aus ihrem Tiefschlaf erweckt, um belanglos zu werden. Sie möchte niemanden mehr repräsentieren, sie möchte eine weitere Liste sein, auf der Interessierte „über die Genderfrage reden“ können; der verbleibende Unterschied zu den anderen AG, die dasselbe bieten, ist vermutlich der autoritäre, realitätsferne Führungsstil von Frau Simon. Pro forma fragt sie immerhin:

Seid ihr damit einverstanden? Dann würde ich jetzt auch Männer auf die Liste zulassen.

Es sollte mich nicht überraschen, wenn die Mehrheit zustimmt, denn die übrigen mir bekannten „Piratinnen“ sind bisher mit einem weniger sexistischen Weltbild aufgefallen, vom „Piratenweib“ einmal abgesehen.

Lena weiß wohl um diese Problematik, denn sie schließt die Mail mit einer „Bitte“:

Antworten, die ich nicht möchte sind ein Wiederaufkochen der deine-aktion-damals-war-total-scheiße-schimpferei. Erstens sind diesbezüglich die Argumente schon ausgetauscht, zweitens sind wir darüber hinweg, drittens ist das total unproduktiv und viertens könnt ihr die liste ja verlassen, wenn euch das so lange nicht los lässt.

„Nur, weil ich das alte Thema wieder hochkoche, heißt das nicht, dass ihr das auch dürft. Kritik ist nicht erwünscht, lebt damit und haltet die Klappe.“ :mrgreen:

Es hat uns, Lena, seit Mitte 2010 „los gelassen“. Es wäre uns allen ganz recht, wenn es das wieder tun könnte. Wäre das wohl möglich?

Nein?

Schade!

Senfecke:

  1. Hätte der verlinkte Mensch sich mal ein wenig informiert, zum Beispiel die Partei gefragt, hätte er ein weniger lächerliches Bild abgegeben mit seinen Interpretationen.

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