In den Nachrichten
Knut und das mit dem Anstand

Ver­mut­lich haben es inzwi­schen alle bemerkt, also kann ich auch etwas dazu schrei­ben:
Eis­bär „Knut“, vom Medi­en­lieb­ling zum Skan­dalbä­ren (ich berich­te­te damals) und wie­der zurück ver­wan­delt wor­den, starb nach Bewusst­lo­sig­keit, wohl infol­ge einer Hirn­er­kran­kung, im Alter von nur vier Jah­ren.

Was mich an die­ser ohne­hin schon erschüt­tern­den Mel­dung vor allem nicht ruhig blei­ben lässt, ist die unfass­ba­re Pie­tät­lo­sig­keit, mit der die Öffent­lich­keit sich die­ses The­mas annimmt. Sicher war Knut eine Figur des öffent­li­chen Lebens, nicht umsonst hielt Ber­lins A- und AA-Pro­mi­nenz ein Schau­lau­fen ab:

Neben Poli­ti­kern wie dem Regie­ren­den Bür­ger­mei­ster Klaus Wowe­reit oder der Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin Rena­te Kün­ast drück­ten auch zahl­rei­che Bür­ger ihr Bedau­ern über den Tod des Eis­bä­ren aus.

Da man Knut nun aber nicht mehr nur als Tier (hier­zu bit­te die Kom­men­ta­re beach­ten), son­dern als Per­son betrach­te­te, ver­schaff­te ihm das Respekt – und Auf­merk­sam­keit von den Fal­schen, näm­lich der Bou­le­vard­pres­se. Der Tod des Eis­bä­ren näm­lich, gefilmt von einem der stets anwe­sen­den Besu­cher, die sich um Knuts Gehe­ge schar­ten, fand schnell sei­nen Weg ins Inter­net. Eine gro­ße Video­platt­form etwa hält die Auf­zeich­nung feil und lan­det so, sucht man nach dem Ereig­nis, auf vor­de­ren Plät­zen in Such­ma­schi­nen. Der Betrach­ter kann dort unter ande­rem sehen, wie das Tier sich dreht und schließ­lich bewusst­los ins Becken fällt, wo es starb.

Bei­na­he so zynisch wie die anschei­nend belie­bi­ge Anpass­bar­keit schäd­li­cher Strah­len­wer­te und die weit­ge­hen­de Akzep­tanz des Umstan­des, dass in Liby­en gera­de eine Demo­kra­tie­be­we­gung mit euro­päi­scher Bil­li­gung über den Hau­fen geschos­sen wird, erscheint es mir nun, wie mit dem Tod des Bären ver­fah­ren wird: Die Bou­le­vard­zei­tung, die die­ses Video ver­brei­te­te und am Sonn­tag als Kauf­an­reiz (Kauf­an­reiz!, ich wür­de den Titel­ge­stal­ter gern mal ganz fest drücken) ein Bild des toten Eis­bä­ren an pro­mi­nen­ter Stel­le druck­te und deren Namen ich hier bewusst ver­schwei­ge, ist ein wider­wär­ti­ges Medi­um. „Die­ses Bild (…) bricht uns Ber­li­nern das Herz“, also zoo­men wir noch ein biss­chen näher her­an, damit Trä­nen und Geld schnel­ler flie­ßen.

Tod ist etwas, das Men­schen berührt und berüh­ren soll. Sobald Men­schen auf­hö­ren, sol­che Gefüh­le zu hegen, haben sie jeg­li­chen Rest an Mensch­sein ver­lo­ren; und es lei­den meist die dar­un­ter, die sich am wenig­sten weh­ren kön­nen.

Knut ruhe in Frie­den.

Senfecke:

  1. Falsch. Tier sind kei­ne Din­ge, also kei­ne Sachen, sie­he § 90a BGB: http://dejure.org/gesetze/BGB/90a.html
    War­um macht sich denn, ver­dammt noch mal, weder hier noch sonst­wo irgend­je­mand kun­dig, son­dern behaup­tet ein­fach ins Blaue hin­ein? Egal, ob Eis­bär oder Dackel: Auch jeder Nicht­ju­rist müss­te, aller­dings bei aller Anstren­gung sei­ner Wil­lens­kraft, erken­nen kön­nen, dass es sich bei Tie­ren nicht um kör­per­li­che Gegen­stän­de han­delt, so wie sie in § 90 BGB legal­de­fi­niert sind.
    Den Link zu die­ser Vor­schrift stel­le ich hier nicht ein, damit mein Kom­men­tar wegen eines wei­te­ren Links nicht gleich wie­der im Spam lan­det. Er kommt mit dem zwei­ten Kom­men­tar.

  2. Was sind Tie­re denn, wenn kei­ne Din­ge und kei­ne Men­schen? Men­schen­rech­te genie­ßen sie jeden­falls nicht!

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