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Medienkritik XXIX: Der Saft ist schuld.

Das auch son­st einiger­maßen wun­der­liche Mag­a­zin NEON, seines Zeichens eine Art BRAVO für den geisti­gen Mit­tel­stand, hat in sein­er neuen Aus­gabe für den Juli 2010 eine Titelgeschichte, die mich tat­säch­lich kurzzeit­ig über­legen ließ, ob sich zur Belus­ti­gung die Investi­tion in ein Exem­plar lohnen würde:

Es ist ja wohl kein Prob­lem, wenn man nach ein paar Jahren in ein­er Beziehung nicht mehr so oft Sex hat. Denkt man.
Doch das ist Quatsch. Die Wahrheit ist: Nichts läuft gut, wenn es im Bett nicht gut läuft. Wer sich berühren mag, der liebt sich noch. Das bestäti­gen auch Forsch­er. Beim Sex wird zum Beispiel das Hor­mon Oxy­tocin aus­geschüt­tet, das emo­tion­al bindet. So kann Sex dabei helfen, Beziehungskrisen zu lösen. Also los!

“Das bestäti­gen auch Forsch­er” ist ohne­hin immer eine Phrase, die zur Vor­sicht rät; “das ist so, ganz dolle in echt” hätte einen ähn­lichen Effekt auf den Wahrheits­ge­halt des Satzes. Forsch­er meinen, genau zu wis­sen, welchem seel­is­chen Trieb ein Men­sch fol­gt; weil Men­schen let­z­tendlich auch nur Tiere sind und somit die ural­ten Instink­te immer siegen. Ja, der Men­sch ist grund­sät­zlich triebges­teuert, so weit stimmt’s.

Was aber nicht stimmt, ist dieser Zusam­men­hang zwis­chen Sex und Beziehun­gen. Ja, Sex ist oft ein wichtiger Bestandteil ein­er Beziehung, weil der Akt nicht allein der kör­per­lichen Befriedi­gung dient, son­dern auch und vor allem das höch­ste gemein­same Gefühl darstellt, die gemein­same Intim­ität gle­ich­sam nicht nur als bloßer Liebes­be­weis, son­dern qua­si als Superla­tiv des “Ich liebe dich”-Sagens; voraus­ge­set­zt natür­lich immer, man schläft nicht nur des Beis­chlafs wegen miteinan­der. Bevor man nun allerd­ings allzu vorschnell Schlüsse zieht, gilt es, sich selb­st zu fra­gen, was man denn über­haupt von ein­er Beziehung erwartet. Beziehun­gen funk­tion­ieren eben­so gut ohne Sex wie Sex ohne eine Beziehung funk­tion­iert; und einen Men­schen, den man wirk­lich liebt, kann und wird man wohl kaum auf seinen Kör­p­er reduzieren wollen, weil das immer die Gefahr birgt, dass das Herz for­t­an dem Trieb fol­gt statt, wie es eigentlich sein sollte, ander­sherum.

So gese­hen ist dann auch die Leg­ende von der durch Sex “geretteten” Beziehung Unsinn; weil man sie eben so nicht ret­ten, son­dern nur umwan­deln kann, weg vom Seel­is­chen hin zum bloßen Kör­per­lichen. (Was dann, ander­sherum, auch nicht immer schlecht sein muss, allein mir wär’s wohl zu müßig.)

Zwei Sätze aus dem ein­lei­t­en­den Text sind fol­glich als beson­ders hanebüchen her­vorzuheben, also mache ich das mal; hier sind sie noch mal:
“Beim Sex wird zum Beispiel das Hor­mon Oxy­tocin aus­geschüt­tet, das emo­tion­al bindet. So kann Sex dabei helfen, Beziehungskrisen zu lösen.”

Hor­mone schüt­tet der Kör­p­er ständig aus, nicht nur beim Sex oder beim Küssen, son­dern auch bei vie­len anderen Tätigkeit­en. Gegen die The­o­rie der emo­tionalen Bindung spricht auch der kom­merzielle Erfolg der Pros­ti­tu­tion, will heißen: Geht man zu ein­er Nutte, kehrt man nicht allzu wahrschein­lich ver­liebt nach Hause zurück. Und mit Sex löst man keine Beziehungskrisen, son­dern ignori­ert sie, lässt sie gar sich auf­s­tauen, bis sie sich ent­laden. “Du, Schatz, ich liebe dich nicht mehr; lass uns fick­en, dann merken wir es wenig­stens nicht so schnell.” Her­rje.

Also: Aus gutem Sex kön­nen gute Sexbeziehun­gen entste­hen. In ein­er guten Beziehung kann man guten Sex haben. All dies bed­ingt einan­der jedoch keines­falls; und spätestens, wenn eine ver­meintliche Beziehung trotz all des hochqual­i­ta­tiv­en Beis­chlafs unver­mei­dlich in die Brüche geht, merkt man dies. Ich bin nun kein Forsch­er mit irgendwelchen Ref­eren­zen oder Titeln, aber ich möchte auch ein­mal eine These wagen: Wenn man sich nicht mehr liebt (Gegen­seit­igkeit voraus­ge­set­zt), qua­si nur noch sex­uell miteinan­der klarkommt, das jedoch einiger­maßen pri­ma, ist es vielle­icht keine üble Idee, die Beziehung einzig darauf zu reduzieren. (Andere sagen: Lieber ganz been­den. Ich frage: Warum?)

Kein Wun­der ist es jeden­falls, dass Beziehun­gen nur sel­ten Bestand haben, so lange irgendwelche Forsch­er irgend­was her­aus­find­en. Ich habe mir dann doch lieber einen Garfield-Sam­mel­band gekauft.