Persönliches
Ein Dialog, zur Nachahmung empfohlen

Als ich heute durch das lokale Einkauf­szen­trum lust­wan­delte, fiel mein Blick auf die Wei­h­nachts­deko­ra­tion (is’ ja schon wieder fast Ende Novem­ber!), und mich überkam ein Schauer. Ich hegte die Befürch­tung, in Kürze würde eine weit­ere gekaufte Seele aus der Horde dieser für falsches Lächeln schlecht bezahlten Kun­den­di­en­st­darsteller meine Aufwartung machen und mich mit guten Wün­schen für ein Fest über­häufen, dem sie augen­schein­lich selb­st nur den Umstand abgewin­nen kön­nte, mal ein paar Tage lang nicht falsch lächeln zu müssen, und bere­it­ete, um nicht durch im Affekt gewählte Worte Unschuldige zu kränken, im Geiste einen Dia­log vor, der etwa wie fol­gt ablaufen sollte:

Die schlecht bezahlte Hil­f­skraft so:
“Fro­he Wei­h­nacht­en, grins!”

Ich dann so unge­fähr:
“Fro­he was bitte? Sie wollen mich wohl ver­gack­eiern. Hörense mal, gute Frau, Sie haben da etwas grund­sät­zlich missver­standen. Ich beab­sichtige dur­chaus, inner­halb der näch­sten dreißig Tage nochmals hier ent­langzuschlen­dern, es erscheint mir daher ver­früht, mir schon jet­zt in der Hoff­nung, dass ich beseelt vom Geist des Kon­sums umge­hend mein Porte­mon­naie zücke, ein fro­hes Fest zu wün­schen.

Und über­haupt Fest und Kon­sum: Sehen Sie, ich halte nicht viel von religiösen Bewe­gun­gen jeglich­er Art. Sie führen in der Regel zu kriegerischen Auseinan­der­set­zun­gen, und Krieg ist nicht unbe­d­ingt meine favorisierte Kom­mu­nika­tions­form. Auch bei Ihnen, nehme ich an, über­wiegen bei dem Wort “Wei­h­nacht­en” nicht die religiösen Empfind­un­gen. Ich kann Sie ver­ste­hen: Sie arbeit­en in einem deutsch­landweit agieren­den Konz­ern, der mit Waren jeglich­er Art han­delt und der deshalb natür­lich ger­ade in der gewin­nträchti­gen Wei­h­nacht­szeit, in der die Unsitte vorherrscht, ent­fer­nt Bekan­nten, die man während der ver­gan­genen elfein­halb Monate erfol­gre­ich zu ver­drän­gen befähigt war, noch in let­zter Minute schnell irgendwelchen Nippes zu erwer­ben, um das schlechte Gewis­sen zu beruhi­gen, an dem man selb­st die Schuld trägt, zu beson­der­er Fre­undlichkeit anleit­et. Es ist schlimm genug, dass es für Ihres­gle­ichen lei­der noch immer keine Selb­stver­ständlichkeit darstellt, in einem kun­den­na­hen Gewerbe die Fre­undlichkeit als höch­stes Gut zu deklar­i­eren, aber mir per­sön­lich ist falsche Fre­undlichkeit noch weniger lieb als ehrlich­er Miss­mut.

Sollte ich mich in Ihnen irren und Sie sind tat­säch­lich vom Geist der Wei­h­nacht beseelt, so möchte ich den­noch davon abrat­en, irgendwelchen Pas­san­ten ungewis­sen Glaubens einen angenehmen christlichen Fest­tag zu wün­schen. Ich nehme nicht an, dass jemand sich hier­von ern­sthaft belei­digt fühlte, jedoch teilt auch nicht jed­er die Auf­fas­sung, bei Wei­h­nacht­en han­dele es sich um einen Tag, der die Men­schen näher zusam­men­bringe oder an dem gar der Begrün­der ein­er der Wel­tre­li­gio­nen geboren wor­den sei. Let­zteres ist, wie Sie vielle­icht wis­sen, längst wider­legt, es wäre daher ange­bracht, mir “fro­he Wei­h­nacht­en” im Früh­jahr zu wün­schen, aber ich habe ohne­hin, da in Ihrem Geschäft schon im Okto­ber die ersten Pap­p­wei­h­nachtsmän­ner zu erah­nen waren, die Befürch­tung, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist; ersteres indes mag ver­ständlich scheinen, ver­bringt man Wei­h­nacht­en doch nur sel­ten allein, aber es ist doch oft eine lästige Pflicht, all die Leute, die man sich einzu­laden verpflichtet fühlt, anständig zu ver­sor­gen und ihnen einen schö­nen Tag zu bere­it­en.

Ich hoffe, Sie sind nun nicht allzu sehr gekränkt, dass ich Sie dergestalt zurück­weise, aber wenn Ihnen der Sinn danach ste­ht, so kön­nen wir gern aus­führlich über Ihre Motive disku­tieren, nach­dem ich meinen Stand­punkt nun dargelegt habe. Ich habe noch unge­fähr eine Dreivier­tel­stunde Zeit.”

Nach Abschluss dieses Wortschwalles, so malte ich mir aus, würde ich ein inter­essiertes Mienen­spiel vor­führen und mich auf die fol­gende Diskus­sion über unser Ver­ständ­nis von Wei­h­nacht­en und Chris­ten­tum ein­lassen, und ich hätte Kunde von vie­len neuen Gedanken, die mein Leben bere­ich­ern wür­den.

Lei­der kam es nicht dazu, und deshalb schreibe ich den fik­tiv­en Dia­log nun­mehr hier hernieder; vielle­icht kann ich ihn doch noch mal brauchen.