Zur Vorgeschichte bitte hier entlang.
An manchem kommt man ja doch nicht einfach vorbei. An Verkehrsunfällen, an Explosionen und an CDs, die seit mehreren Wochen ungeduldig neben dem Laptop liegen und darauf warten, dass man sich endlich mal mit ihnen beschäftigt. Ich gebe nun nach und widme mich mal diesem Album, Felix wird’s freuen.
Continental also, irgendwie aus dem Dunstkreis der Dropkick Murphys emporgestiegen, mischen, so behauptet’s der Pressetext, “ehrliches Songwriting mit eingängigen Melodien, die sich irgendwo zwischen Blues, Folk, Country und dem Spirit der 77-Punk Ära (sic!) bewegen”. Eigentlich könnte man den Genrequark ja ganz weglassen, aber dann wird der Zettel halt nicht voll. (Im Ausland wird “All A Man Can Do” übrigens mit einem noch hässlicheren Coverbild verkauft.) Auf einem beigelegten Foto der Band sind Vater und Sohn Barton zu sehen. Schlagzeuger Tom Mazalewski bleibt ebenso unsichtbar wie die sechs Gastmusiker, von denen ich keinen einzigen namentlich kenne. Wie klischeehaft!
Klischeehaft sind zumindest nicht die Texte zur Musik. Keine Countrytexte, nichts mit Kühen. Ein Glück! Einzig “Hey Baby” erfüllt mit der relativen Kürze seines Texts und dessen Inhalt alle Voraussetzungen, dass man es sich ebenso gut von einem anderen Musiker vorstellen könnte. Zum Beispiel Elvis.
One minute I feel alright, next minute I don’t feel alright;
hey baby, would you say, I’m doing a‑OK?
Hey Baby
Aber zur Musik. Die geht recht klischeelos, äh, los: “Curious Spell”, sozusagen eine Eigencoverversion Rick Bartons, beginnt mit 80er-Ärzte-Gitarre, bekommt einen beschleunigten Refrain drübergestülpt und ist sonst nicht weiter schlimm. Ich möchte positiv erwähnen, dass mir der Gesang der beiden Bartons erfrischend wenig auf den Sack geht. Das ist ja durchaus nicht selbstverständlich. (Nebenbei bemerkt finde ich es immer ein wenig niedlich, wie es klingt, wenn man einen ganzen Satz auf dem Wort “shit” betont, was auch hier passiert. Ha, ich bin so unanständig. Shit, hihi. Herrje.)
Nächstes Lied: “Shine”. Schon besser, keine Countrypopgitarre mehr als Intro. Erinnert mich ein bisschen an die Bluesrockscheiben im väterlichen Besitz. Solide, mit “aaaaaahhhhh”-Hintergrundgesang in der bridge. Na ja, sagen wir, ich hab schon Schlechteres gehört. “Downtown Lounge”: Erinnert mich an die frühen Rolling Stones, etwas energetischer vielleicht, aber der Text (“All I want is someday to be next to you”) ist blöde. Was mir hier im Übrigen auch auffällt, sind die textlichen Wiederholungen, die “All A Man Can Do” wie ein roter Faden durchziehen. Das Ende vom Lied? Einfach noch mal den Anfang hören. Das ist mal zwischendurch in Ordnung, aber nutzt sich irgendwann dann schon ein bisschen ab, spätestens jetzt. “Red”: Je länger ich dieses Album höre, desto deutlicher wird die klangliche Nähe zu den Rolling Stones (diesmal allerdings zu den etwas neueren). Warum stehen solche Vergleiche, mit denen der leidende Rezensent sich eher anfreunden kann als mit Countryscheiße, nie auf Werbezetteln?
Ich mag nun nicht jedes einzelne Lied separat besprechen, mit steigender Spieldauer pendelt sich “All A Man Can Do” offenbar bei erwähntem Bluesrock ein, der Country traut sich nach dem ersten Lied nur selten (besonders schrecklich in “Wrecking Ball”) allzu aufdringlich raus. Gravierende Ausfälle gibt es außer “Hey Baby” (das auch musikalisch vollkommen uninteressant ist) nicht, lobend erwähnen möchte ich allerdings noch das recht eingängige “Dogfight” und das abschließende “Monday Morning”, das mit Hard-Rock-Refrain und ‑Gitarre aufwartet. Davon hätte ich mir auf den Album etwas mehr gewünscht.
Mein Fazit? Tja nun: Folk und “77-Punk” suche ich vergebens, der Country erfüllt aber auch trotz der Ankündigungen eher eine Feigenblattfunktion. Es hätte also schlimmer kommen können. Ich betrachte “All A Man Can Do” aus der Perspektive eines Musikhörers, der normalerweise eher zu Gentle Giant, Yes, The Dillinger Escape Plan und King Crimson als zu Papas Bluesrockplatten greift, daher möge man mir nachsehen, wenn mein Jubel sich in Grenzen hält. Als ein solcher bin ich zumindest positiv überrascht. Wer so Bluesrockzeug (und die Rolling Stones in ihren unexperimentellen Phasen) mag, der sollte mal nachsehen, ob er irgendwo reinhören kann. Die einschlägigen Reinhörwebseiten bleiben stumm, auch Spotify weiß nahezu keinen Rat. (Das, freilich, vermag nicht zu überraschen.)
Damit wäre das auch erledigt.
