Twitternutzer wissen es: Wenn im Fernsehen “Wetten, dass…?” oder “Tatort” läuft, herrscht Hochbetrieb bei den Mikrobloggern. Jede Szene wird spöttisch kommentiert, wozu Markus Lanz und Til Schweiger, zugegeben, geradezu einladen. Nicht, dass ich mich an der kollektiven Selbstenthirnung beteiligen würde, denn ich habe kein Interesse daran, mit Schmuddelkindern zu spielen. Ich muss Scheiße nicht fressen, um zu wissen, dass sie mir nicht schmeckt.
Konsens scheint es ohnehin zu sein, dass zumindest erstgenannte Sendung qualitativ das Adverb “qualitativ” nicht einmal in Kombination mit “schlecht” verdient. Nach dem — hihi — Ausscheiden von Thomas Gottschalk kannten die Medien auch nur noch dieses eine Thema: Mit der Sendung sei’s vorbei, das werde nix mehr, es war sowieso schon immer schlecht und wurde nicht besser. Ja, damals, als deutsches Fernsehen noch einen gewissen Anspruch hatte und Moderatoren noch nicht jeden Satz mit “hehehe” beendeten, war “Wetten, dass…?” noch eine ernst zu nehmende show und kein netter Zeitvertreib für Leute, die zu blöd sind, um sich mit einer Spirituose und einem Buch und/oder Laptop vor den Kamin zu setzen und/oder zu legen.
Beim Tatort kann ich es noch verstehen: Fernsehzuschauer …
(…) brauchen, so scheint es, stets das Bild des Grauens vor ihren Augen.
Dabei geht es, wohlgemerkt, um tote Leichen, nicht um Markus Lanz. Was also ist das für ein seltsames Phänomen, das die Leute dazu treibt, der ganzen Welt stolz mitzuteilen, dass sie nunmehr beginnen, eine Fernsehsendung zu konsumieren, die sie weder wertschätzen noch anderen zumindest sympathischen Menschen empfehlen würden? Was bewegt Nonsensmedien wie SPIEGEL ONLINE dazu, allerlei belangloses Geschehen rund um dieses in Szene gesetzte Leiden (ebd.) zu dokumentieren?
Vielleicht ist es Tradition. Leute gucken “Wetten, dass…?”, weil sie das vor 20 Jahren schon getan haben, sie wählen CDU, weil sie das vor 20 Jahren schon getan haben, sie lesen Tageszeitung (oder die jeweils gängige Onlinefassung derselben), weil sie das vor 20 Jahren schon getan haben. Grug Crood wäre ihnen ein stolzer Vater. Wir aber, wir jungen Wilden, sind anders aufgewachsen. Wir haben gelernt, unser Leben selbst zu gestalten. Will nicht jede Generation ganz anders sein als die Generation ihrer Eltern? Wir lesen nicht die Zeitung unserer Eltern. Wir wählen nicht die Lieblingspartei unserer Eltern. Wenn nur Grütze im Fernseher läuft, lassen wir den Scheißfernseher ganz einfach mal aus oder kaufen uns am Besten gar nicht erst einen.
Aber wahrscheinlich löst sich dieses Problem bald von selbst.

Senfecke:
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