Auf der CeBIT 2013 gibt es außer viel leerem Geschwätz übrigens auch Produktneuheiten zu betrachten. Dazu zählt unter anderem “Changers”. “Changers?” Ja, “Changers”:
Über ein mobiles, flexibles Solarmodul, das kaum größer ist als ein DIN A4-Blatt und nur wenig mehr als 100 Gramm wiegt, kann der Nutzer überall auf der Welt seine eigene Energie erzeugen.
Natürlich zum Patent angemeldet, denn dass etwa getDigital.de so ein Gerät bereits seit Jahren ziemlich preiswert verscherbelt, heißt ja nicht, dass es nicht trotzdem eine total originelle Idee sein kann. Noch origineller ist eigentlich nur die Website, deren Sprachauswahlfeld rechts oben momentan nur Englisch anbietet. Trotzdem danke für den Versuch. (Die Erzeugung von Energie aus dem Nichts ist mit diesem Gerät übrigens höchstwahrscheinlich auch weiterhin nicht möglich; ich nehme an, gemeint war die Umwandlung von Sonnen- in elektrische Energie.)
Worum es geht, wird bereits auf der Startseite deutlich:
Please meet our intelligent and powerful solar charger, Kalhuohfummi and the super light and flexible solar panel Maroshi. Together they are known as the Changer Starter Kit.
“Kalhuohfummi”. Hihi. Und: Soso, ein “Starterkit”. Das heißt, man kann es upgraden, indem man einfach noch mehr Geräte mit einem blöden Namen kauft. Oh. Mehr Batterien haben also auch mehr Ladung. Schön, dass wir darüber gesprochen haben.
Aber was ist das? Oh, eine Seite namens “Community”! Dort treffen sich also die kurzsichtigen Ökonarren und tauschen getreu dem Motto “ich hab’ den längeren (Stromzähler)” ihre vermeintliche Ersparnis aus. Momentan haben die gesammelten Kräfte etwa 86 Kilogramm Energie erzeugt. Ja, im Hause Blacksquared (Name der Herstellerfirma) misst man Energie in Gewicht. So eine Waage hätte ich auch gern.
Noch nicht vollends überzeugt? Dann ab in den “Shop”! Den gibt es zwar auch auf Deutsch (als — ich wiederhole — Teil der englischsprachigen Website, auch den Pfad in der Adresszeile beachten!), aber warum sollte man als Webentwickler auch so etwas wie die Spracheinstellungen des Browsers nutzen? Das wäre doch abwegig. Aber das ist nicht schlimm, der englischsprachige “Shop” ist bescheuert genug.
Ein ziemlich guter Witz ist bereits oben auf der Seite zu finden: So ein “Starterkit” wird mal eben mit 149 Euro veranschlagt. Der geneigte Leser möge parallel oben verlinkte getDigital-Produktseite öffnen und sich wundern. 2.200 mAh sind auch nicht wesentlich mehr als 1.500. Aber vielleicht sind im Preis die abzusehenden Patentklagen von Apple bereits enthalten: Weiß, Plastik, abgerundet, nur 1 Schaltfläche. Das ist heutzutage sehr gefährlich.
Dazu passt, dass man daneben mit diversen bereits errungenen Preisen wirbt: “Product Design Award 2012”, “Good Design” (ah ja) sowie “German Design Award 2013”, letzteres erst als Anwärter. Für Innovationspreise reicht es offenbar nicht. Wieder so eine Parallele zu Apple: Wenn’s nicht neu ist, machen wir’s wenigstens hübsch und teuer. Die Leute werden es lieben! Nicht umsonst wird unter “Features” nochmals mit dem erworbenen “IF design award 2012” in der Kategorie “Leisure and Lifestyle”, “Freizeit und Lebensstil”, geworben. In diese Kategorie fallen auch Lavalampen und Sudokuhefte, nehme ich an.
Und was ist so alles im Lieferumfang enthalten? Kalhuohfummi, Maroshi und Pikachu, diverse Kabel sowie ein Poster namens “Wir sind das Volk!” (genau so gut könnte es natürlich “zicke zacke Hühnerkacke” heißen), auf dem angeblich erklärt wird, warum die Einzelteile so behämmerte Namen tragen. Außerdem ist dort, das ist in der Vorschau gut zu sehen, der Werbespruch “Storming the Bastille.” zu lesen. Wie wir aus dem Geschichtsunterricht wissen, endete der Sturm auf die Bastille mit ziemlich vielen Enthauptungen. Das wird lustig. — Apropos “unpassende Zitate”: Unter “Experience” (denn man ist ja kein einfacher Benutzer eines Kalhuohfummi) lässt man Dritte die Werbetrommel rühren, zitiert etwa irgendjemanden aus dem Discovery Channel mit den Worten “One Solar Changer to Rule them All”, “ein Solarladegerät, sie alle zu knechten”. Da hat jemand den “Herrn der Ringe” nicht zu Ende geguckt.
Sonst so? Ach ja: “Environment”. “Umwelt” also. Darum geht es ja normalerweise, wenn man so ein Solarteil an den Mann bringen will. Dass Herstellung und Transport eines Kalhuohfummis wohl mehr Kohlenstoffdioxidausstoß verursachen als das Produkt während seiner gesamten Lebensdauer einzusparen vermag, wird meinerseits gnädig übersehen. Mit Apologeten der Solarenergie über den Umweltschaden durch Solarzellen zu diskutieren ist in der Regel ungefähr so aussichtsreich wie einem militanten Vegetarier die Vorzüge des Fleischkonsums schmackhaft zu machen. Unter “Umwelt” findet sich übrigens in der deutschen Version des “Shops” auch ein weiterer guter Grund, warum man sie nicht benutzen sollte:
Wir neutralisieren den Transport unserer Geräte.
(Hervorhebung von denen.)
Das würde ich ja schon gern sehen.
Nun, zurück zum “Environment”. Was wird noch geboten? Ah, der kohlenstofffreie Flug:
We fly carbon neutral with Atmosfair
Gut, um Kohlenstoff geht es eigentlich nicht, sondern um Kohlenstoffdioxid, aber das ist womöglich überzogene Kritik. Was ist dieses Atmosfair genau? Atmosfair — Eigenschreibweise “atmosfair” — neutralisiert nicht den Kohlenstoffdioxidausstoß eines Flugzeugs, sondern führt pro Flug einen angemessenen Betrag an Klimaschutzprojekte ab, also vielleicht an Krombacher. Dass das den Flug nicht kohlenstoffdioxid- und schon gar nicht kohlenstofffrei macht, ist allerdings auch wieder so etwas, was man in Gegenwart von manchen so genannten Klimaschützern vielleicht nicht laut sagen sollte, wenn man friedliches Miteinander bevorzugt.
Aber von Fakten wollen wir uns mal nicht unseren Lebensstil ruinieren lassen. Wie fordert doch die Startseite an prominenter Stelle?
Become a warrior of the light
Den Kriegern des Lichts gehen eben manchmal nur Energiesparlampen auf.
(Mit Dank an B.!)


ich bin begeistert mit welcher Leichtigkeit Du immer wieder Links zu diesem AtomClown unterbringst.
Auch der militante Vegetarier ist sehr köstlich (haha, doppeldeutig, an mir ist ein Poet verlorengegangen) eingewoben; wenn jetzt noch der ewige Finanzjude dabei wäre, wäre es perfekt.
Ah ok, das wäre thematisch zu passend gewesen; ich ziehe den Juden zurück.
“eigentümlich frei” als “AtomClown” zu bezeichnen ist ’ne lustige Idee.
Ach, militante Vegetarier; ich wünschte, sie wären zum Lachen. Ich finde sie eigentlich nur anstrengend.
Eigentümlich frei finde ich eher unlustig. Keinen Plot, keinen Gag, nur schwachsinnige Verdrehungen. Kann ich mir auch ein EON-Prospekt durchlesen.
Aber wo findest Du denn eigentlich militante Vegetarier? Hab ich noch nie einen getroffen. Militante Fleischesser dafür öfter.
Es geht nicht bei allem, was ich verlinke, um den billigen Witz. ef mag ich wegen der politischen Ausrichtung und der gelegentlichen Bissigkeit.
Wo? Och, ich arbeite quasi im öffentlichen Dienst. Um dort als Frau zu arbeiten, muss man offenbar einen sehr grünen Lebensstil pflegen. Zum Glück sitzen die nicht in meinem Büro.