Sonstiges
Medienkritik LXXVI: “BRAVO”: Wie ich darauf reagiere.

Ich spreche nicht gern darüber, denn ich habe es geschafft, mich davon loszusagen. Ich habe mein Leben seit­dem völ­lig verän­dert und, dies behaupte ich dreist, zum Besseren gewen­det. Nun aber wird es, bevor es ein ander­er tut, Zeit, dieses dun­kle Geheim­nis aufzudeck­en.

Ich geste­he, ich habe von 1998 bis Anfang 2000 regelmäßig die “BRAVO” gekauft und gele­sen.

Damals war ich in diesem Alter. Dessen ungeachtet habe ich mich natür­lich kein biss­chen für die Nackedeibilder inter­essiert, son­dern hängte stattdessen die gele­gentlich enthal­te­nen Poster von den Ärzten — Verzei­hung: den Die Ärzte — an meine Zim­mer­wände. (Dort hin­gen später andere Poster, aber darum soll es hier nicht gehen.) Vor allem aber kan­nte (und mochte) ich einen nicht zu unter­schätzen­den Teil der rezen­sierten und sonst­wie erwäh­n­ten Musik­er. CDs von Scoot­er, Aqua und ähn­lichen Kün­stlern waren in meinem Plat­ten­schrank lange vor der Entste­hung meines Musik­faschis­mus’ zu find­en.

Auf­grund mitunter bedauern­swert­er Fam­i­lien­ver­hält­nisse ergab es sich, dass mir heute die “BRAVO” 43/2012 sozusagen in die Hände fiel.

Meine spon­tane Reak­tion war die Über­raschung darüber, dass sich seit über einem Jahrzehnt nicht viel geän­dert zu haben scheint: Die “BRAVO” riecht immer noch wie früher, die Titel­seite ist immer noch so brül­lend bunt, dass man sich wün­scht, beim Betra­cht­en der­sel­ben unter Dro­gen zu ste­hen, und zeigt, erfreulicher­weise fast verdeckt von vie­len großen Buch­staben, fünf dank mod­ern­er Bild­bear­beitung zwar einiger­maßen naja ausse­hende, aber eben doch ziem­lich aus­tauschbare süße boys. N’Sync und die Back­street Boys scheinen es nicht zu sein, die Bil­dun­ter­schrift lautet:

Flirt-Alarm bei ONE DIREC­TiON (sic!)
Von welchen Hol­ly­wood-Girls sie ange­bag­gert wer­den
+ Wie die Jungs darauf reagieren

Wis­sen also, das natür­lich immens wichtig für das tägliche Leben Her­anwach­sender ist, weshalb es unfein von mir wäre, mich darüber lustig zu machen. Wer genau One Direc­tion sind und was sie machen, wird offen­bar als Vorken­nt­nis voraus­ge­set­zt. Eine hohe Hürde für poten­zielle Käufer, ich selb­st näm­lich habe nicht die leis­es­te Ahnung. Das ist aber nicht schlimm, nehme ich an.

Weit­ers enthält diese Aus­gabe “15 coole FUN-STiCK­ER” (erneut sic!). Der­maßen unfass­bar cool und lustig sind diese stick­er, dass ich ein­fach mal einen von ihnen beschreibe, weil es mir son­st kein­er glaubt: Zu sehen ist Sponge­Bob Schwammkopf, der einen Kapitän­shut und ein Holzschw­ert trägt. In ein­er Sprech­blase, die auf ihn zeigt, ste­ht: “ICH BIN BEREIT!”. Ich liege vor Lachen schi­er am Boden. Außer­dem enthal­ten sind 5 Poster (“+ 5 POSTER”). Die unger­ade Zahl zeigt es bere­its: Um eines von ihnen zu ent­nehmen, ist es nötig, einen Teil des übri­gen Heftes eben­falls her­auszureißen. Dass die Zuständi­gen der “BRAVO” dies bil­li­gend in Kauf nehmen, zeugt immer­hin davon, dass sie noch nicht völ­lig ver­drängt haben, was für ein unglaublich über­flüs­siges Mag­a­zin sie da eigentlich zu ver­ant­worten haben.

Nach dem Umblät­tern wird man zunächst von einem grin­senden Dieter Nuhr irri­tiert, der Wer­bung für den “Deutschen Com­e­dypreis” auf RTL macht. Darüber ste­ht etwas von der “besten Com­e­dy”. Der Zusam­men­hang ist mir nicht klar. Rechts davon jeden­falls ist, umrahmt von aller­lei bun­ten Bildern, das Inhaltsverze­ich­nis zu find­en. Und was da außer den “mega-lusti­gen Fun-Stick­ern” nicht alles für dolle The­men drin sind!

Mega-Come­back: So rockt Michael Jack­son auch drei Tage nach seinem Tod die Welt

Als ich noch jung war, war Rock das mit den Gitar­ren und dem Bass und nicht das, wom­it Michael Jack­son bekan­nt gewor­den ist. Offen­bar hat “rock­en” in den let­zten Jahren einen Bedeu­tungswan­del vol­l­zo­gen und bedeutet nun “mit­tels musikalis­ch­er Ver­gan­gen­heit den Nach­lassver­wal­tern viel Geld in die Kassen spülen”. Schade, dass man dieses schöne Wort nun also bess­er nicht mehr nutzen sollte.

Nur in BRAVO ver­rät Justin Bieber, wer wirk­lich wichtig ist in seinem Leben

Natür­lich “nur” in der “BRAVO”, denn der näch­sten Zeitschrift erzählt er vielle­icht etwas ganz anderes.

Anson­sten sind jede Menge Geschicht­en über weit­ere “Musik­er”, die mir über­wiegend unbekan­nt sind, und drama­tis­che Geschicht­en von men­schlichen Schick­salen enthal­ten. Die Nackedeibilder scheinen bedauer­licher­weise ver­schwun­den zu sein, aber die “Foto-Love-Sto­ry” ist immer noch genau so däm­lich wie früher. Die Ange­wohn­heit, die Pro­tag­o­nis­ten stets mit debilem Gesicht­saus­druck zu fotografieren, kam nicht abhan­den: Die Haupt­darstel­lerin darf ihre Klappe nur sel­ten schließen. Denkblasen entströ­men in der Welt der “BRAVO”-Macher offen­bar dem Mund und nicht dem Hirn. Das erk­lärt ver­mut­lich manch­es.

Die Hand­lung ist gewohnt albern: Ein dick­es Mäd­chen verabre­det sich über das Inter­net mit einem süßen boy, der sie erst mal mit ihrer Fre­undin ver­wech­selt. Als Resul­tat schickt sie eben­jene Fre­undin los, um sich mit dem süßen boy zu tre­f­fen, und beobachtet das Geschehen aus einem schlecht­en Ver­steck her­aus. Sie ent­deckt, dass auch der süße boy einen ver­steck­ten Begleit­er mit­ge­bracht hat, und da bei­de eh’ schon im Gebüsch sind, ist das hap­py end so total span­nend, dass ich es euch nicht vor­weg­nehmen möchte.

Den Artikel über den Flirt-Alarm bei ONE DIREC­TiON habe ich übri­gens nicht gele­sen. Ich nehme an, ich habe nichts ver­passt. Anzunehmen sei allen­falls, dass pro Absatz min­destens ein­mal wahlweise “cool” oder “süß” vorkommt. Ich vertrete die Ansicht, dass es für alle Beteiligten ein­fach­er wäre, wenn die “BRAVO” ein­fach mal ein Son­der­heft machen würde, das einen einzi­gen Artikel enthielte, dessen Über­schrift “Die süßen boys aus dem Fernse­hen und warum ihr sie niemals haben kön­nt” lautete. Wie schnell fän­den die regelmäßi­gen Leserin­nen der “BRAVO” dann ihre vorüberge­hend wahre Liebe! Aber das wäre natür­lich schlecht für das Geschäft.

Der Unter­ti­tel der “BRAVO” lautet: “Deine ganze Welt!”. Ein biss­chen erschreckt mich das.

Senfecke:

  1. Als ich noch jung war, war Rock das mit den Gitar­ren und dem Bass.

    Nein, diese Zeit­en hast Du nicht erlebt: Denn die betrafen u. a. The Sweet, Suzi Qua­tro, Kiss, Bay City Rollers. Was danach kam, war nur noch der Schrott, den Du hier jeden Mon­tag präsen­tierst.
    Also halte Dich mit der­lei Aus­sagen zurück.

  2. Tut mir Leid, dich auf den Boden der Tat­sachen zurück­holen zu müssen, aber Suzi Qua­tro wird auf Opasendern wie NDR 2 gespielt. Da kön­nen Leute deines Alters san­ft mit dem Kopf nick­en.

  3. Ich höre NDR Radio Kul­tur, weil es sich um einen der weni­gen wer­be­freien Sender (das Netz mal außen vor) han­delt. Und der ist immer noch bess­er als der Totensender NDR Radio Nieder­sach­sen, den Du Dir in Dein­er Geis­ter­stadt reinziehst.

  4. Na na, nicht stre­it­en.

    Immer­hin ist das Bra­vo-Cov­er erstaunlich dep­pen­leerze­ichen­frei.

  5. Ja, das beruhigt mich wirk­lich ein biss­chen. Das Wohl mein­er Mit­men­schen liegt mir schließlich am Herzen.
    So, reicht jet­zt aber auch. A tout à l’heure! ;-)

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