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Medienkritik LXVII: SPIEGEL-Splitter / Facebook und keine Huren

Ei, was bin ich ger­ade amüsiert!

Anlass ist aus­nahm­sweise mal der dieswöchige SPIEGEL, den ich gle­ich­falls aus­nahm­sweise wieder ein­mal zu kaufen wagte. Die Titelgeschichte ist für einen daten­schutzfre­undlichen techie wie mich natür­lich ein pri­ma Argu­ment:

Der SPIEGEL ist eines der Mag­a­zine, die auf ihrer Inter­net­seite mehrfach für das eigene Face­book-Pro­fil wer­ben; allein auf der Start­seite befind­en sich gegen­wär­tig zwei voneinan­der unab­hängige Ver­weise auf sel­biges, außer­dem ist jed­er Artikel natür­lich mit einem “Empfehlen”-Knopf aus­ges­tat­tet — übri­gens in der heftig umstrit­te­nen Ver­sion. (Dass facebook.com gar nicht Face­book gehört, ist auch noch so eine Sache, über die sich gefäl­ligst andere Gedanken machen soll­ten, zum Beispiel die zukün­fti­gen Aktionäre Face­books.)

Und dieser face­book­freudi­ge SPIEGEL (Pro­fil­wer­bung: “Täglich posten wir Texte zur Debat­te und teilen Ihnen Neuerun­gen mit. Klick­en Sie jet­zt auf “Gefällt mir” rechts oben, um unser Fan zu wer­den und mitzu­machen!”, wobei das “Mit­machen” wohl eine eher pas­sive Tätigkeit umschreibt) feuert auf dem Papi­er aus allen Rohren und beschreibt Face­book — bedauer­licher­weise nicht wörtlich — als ein neues Knuddels.de ohne Belang für geistig fort­geschrit­tene Men­schen:

Sog­ar die kleine Melisa, 13 Jahre alt, (…) hat schon ihre Prinzip­i­en. (…) [S]ie weiß auswendig, dass sie 367 Fre­unde (sic!) hat, und muss auch keine Sekunde über­legen, was sie mor­gens als Erstes macht: “Isch geh sofort Face­book.”

(…) Erwach­se­nen erschließt sich der Reiz des Online-Geplaud­ers nur schw­er: “Na, was machst du ger­ade?” — “Ich sitze am PC und chat­te mit dir!” Was kann daran so unwider­stehlich sein?

(…) Das Liebgetue unter Mäd­chen ist epi­demisch: Lang und länger wer­den die Ket­ten der Kom­mentare, immer noch eine “Hüp­schee!” und zwölf Herzchen dazu. (…) Jungs fil­men einan­der auch nicht beim Shop­pen; da sind die Stereo­type noch ziem­lich intakt. (…) Immer ist das Pub­likum im Blick: Wird es applaudieren? Bekomme ich auch genü­gend “Gefällt mir”-Klicks? 30 dieser “Likes” soll­ten es schon sein, ab 100 kann man sich was ein­bilden.

(…) Sie haben ja son­st nichts: Her­anwach­sende ohne echte Auf­gaben, an denen sie sich bewähren kön­nten. Da ist es kein Wun­der, wenn sie sich in inhalt­slosen Sta­tuswet­tbe­wer­ben aufreiben.

Dabei hat man im Hause SPIEGEL eine ganz eigene Vorstel­lung davon, was “nötig” ist im Leben:

Er macht dort (auf Face­book, A.d.V.) nicht mehr als nötig: Er plaud­ert mit den Fre­un­den, verabre­det sich über die Chat-Funk­tion.

“Nötig” habe ich anders in Erin­nerung.

Und aber jeden­falls: “Isch geh sofort Face­book” — tre­f­fend­er hätte ich die Ziel­gruppe von SPIEGEL Online nicht darstellen kön­nen.


Bonus­pointe: Der SPIEGEL berichtete eben­falls über die ukrainis­chen Radikalfe­manzen “Femen” und find­et Sätze wie diese nicht irgend­wie befremdlich:

Das erste Mal zogen sie so im Som­mer 2008 los. In Huren­klei­dern gin­gen sie auf die Straße. “Die Ukraine ist kein Bor­dell”, schrien sie und hiel­ten ihre Plakate in die Luft.

Die vom SPIEGEL als aufrechte Kämpferin­nen für die Rechte der Frau dargestell­ten “Femen” sind also Frauen, die sich wie Pros­ti­tu­ierte klei­den oder gar (mit­tler­weile) nur noch in Unter- oder wenig­stens Jean­shose auf die Straße gehen, um gegen das Klis­chee von der “Frau als Sex­u­alob­jekt” zu demon­stri­eren. Demzu­folge sollte man Veg­e­tari­er dazu ermuntern, mehr Fleisch zu essen, um gegen die Tötung von Tieren zu demon­stri­eren.

In Huren­klam­ot­ten gegen Pros­ti­tu­tion, mit Bier gegen Alko­holkon­sum. Prost Mahlzeit.

Senfecke:

  1. Kaum zu steigernde Irra­tional­ität, dass in der Inter­netära für Nicht­fachzeitschriften Geld aus­gegeben wird.

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