Ei, was bin ich gerade amüsiert!
Anlass ist ausnahmsweise mal der dieswöchige SPIEGEL, den ich gleichfalls ausnahmsweise wieder einmal zu kaufen wagte. Die Titelgeschichte ist für einen datenschutzfreundlichen techie wie mich natürlich ein prima Argument:
Der SPIEGEL ist eines der Magazine, die auf ihrer Internetseite mehrfach für das eigene Facebook-Profil werben; allein auf der Startseite befinden sich gegenwärtig zwei voneinander unabhängige Verweise auf selbiges, außerdem ist jeder Artikel natürlich mit einem “Empfehlen”-Knopf ausgestattet — übrigens in der heftig umstrittenen Version. (Dass facebook.com gar nicht Facebook gehört, ist auch noch so eine Sache, über die sich gefälligst andere Gedanken machen sollten, zum Beispiel die zukünftigen Aktionäre Facebooks.)
Und dieser facebookfreudige SPIEGEL (Profilwerbung: “Täglich posten wir Texte zur Debatte und teilen Ihnen Neuerungen mit. Klicken Sie jetzt auf “Gefällt mir” rechts oben, um unser Fan zu werden und mitzumachen!”, wobei das “Mitmachen” wohl eine eher passive Tätigkeit umschreibt) feuert auf dem Papier aus allen Rohren und beschreibt Facebook — bedauerlicherweise nicht wörtlich — als ein neues Knuddels.de ohne Belang für geistig fortgeschrittene Menschen:
Sogar die kleine Melisa, 13 Jahre alt, (…) hat schon ihre Prinzipien. (…) [S]ie weiß auswendig, dass sie 367 Freunde (sic!) hat, und muss auch keine Sekunde überlegen, was sie morgens als Erstes macht: “Isch geh sofort Facebook.”
(…) Erwachsenen erschließt sich der Reiz des Online-Geplauders nur schwer: “Na, was machst du gerade?” — “Ich sitze am PC und chatte mit dir!” Was kann daran so unwiderstehlich sein?
(…) Das Liebgetue unter Mädchen ist epidemisch: Lang und länger werden die Ketten der Kommentare, immer noch eine “Hüpschee!” und zwölf Herzchen dazu. (…) Jungs filmen einander auch nicht beim Shoppen; da sind die Stereotype noch ziemlich intakt. (…) Immer ist das Publikum im Blick: Wird es applaudieren? Bekomme ich auch genügend “Gefällt mir”-Klicks? 30 dieser “Likes” sollten es schon sein, ab 100 kann man sich was einbilden.
(…) Sie haben ja sonst nichts: Heranwachsende ohne echte Aufgaben, an denen sie sich bewähren könnten. Da ist es kein Wunder, wenn sie sich in inhaltslosen Statuswettbewerben aufreiben.
Dabei hat man im Hause SPIEGEL eine ganz eigene Vorstellung davon, was “nötig” ist im Leben:
Er macht dort (auf Facebook, A.d.V.) nicht mehr als nötig: Er plaudert mit den Freunden, verabredet sich über die Chat-Funktion.
“Nötig” habe ich anders in Erinnerung.
Und aber jedenfalls: “Isch geh sofort Facebook” — treffender hätte ich die Zielgruppe von SPIEGEL Online nicht darstellen können.
Bonuspointe: Der SPIEGEL berichtete ebenfalls über die ukrainischen Radikalfemanzen “Femen” und findet Sätze wie diese nicht irgendwie befremdlich:
Das erste Mal zogen sie so im Sommer 2008 los. In Hurenkleidern gingen sie auf die Straße. “Die Ukraine ist kein Bordell”, schrien sie und hielten ihre Plakate in die Luft.
Die vom SPIEGEL als aufrechte Kämpferinnen für die Rechte der Frau dargestellten “Femen” sind also Frauen, die sich wie Prostituierte kleiden oder gar (mittlerweile) nur noch in Unter- oder wenigstens Jeanshose auf die Straße gehen, um gegen das Klischee von der “Frau als Sexualobjekt” zu demonstrieren. Demzufolge sollte man Vegetarier dazu ermuntern, mehr Fleisch zu essen, um gegen die Tötung von Tieren zu demonstrieren.
In Hurenklamotten gegen Prostitution, mit Bier gegen Alkoholkonsum. Prost Mahlzeit.



Kaum zu steigernde Irrationalität, dass in der Internetära für Nichtfachzeitschriften Geld ausgegeben wird.
Der SPIEGEL ist das anerkannte Fachmagazin für zur Titelgeschichte aufgebauschten Quatsch.