Nun, Esperanza Spalding ist eine von Barack Obama sehr geschätzte Musikerin und trotzdem gar nicht mal übel. Sie hatte 2009 die Ehre, anlässlich Herrn Obamas Nobelpreisempfang aufzutreten, und wurde 2010 anstelle von Justin Bieber mit dem Neulings-“Grammy” ausgezeichnet, was verwirrend scheint, denn mit Popscheiße hat sie es nicht so.
Auf ihrem vierten Album “Radio Music Society” ist Jazz zu hören, was nicht erstaunt, denn immerhin ist Frau Spalding “Jazz-Bassistin” (news.ch). Dass aber mit Gästen wie Jack DeJohnette illustre Namen auf der Liste der Mitmusikanten erscheinen, bedeutet leider weniger als der Titel des Albums, denn trotz der Lounge-Atmosphäre ist vor allem das Radiopublikum als Klientel gesucht; wie’s eben auch auf news.ch steht:
Natürlich orientierte sie sich bei ihren Songs an den klassischen Radiomusikthemen. In den Liedern geht es um Liebe in sämtlichen Tonlagen.
Natürlich, selbstverständlich, es gibt noch nicht genug Schnulzen im Radio, dass da nicht noch Platz wäre für ein paar andere Schnulzen. Zum Glück kann sich Frau Spalding minutenlange Wiederholungen von “I love you, I love you, baby” gerade noch so verkneifen und wird stattdessen gelegentlich so lyrisch, dass es einen alten, grummeligen Sack wie mich dann doch schon ein wenig rührt. Cinnamon tree, grace falling free…
Aber — und jetzt kommt das erwartete Aber — das ist nicht alles, was zählt. Zugegeben, das Dargebotene ist sehr solide, der Rhythmus einladend und der Gesang einwandfrei, aber das kann man von vielen Musikalben behaupten. Positiv hervor stechen die Lieder “Cinnamon Tree”, ein bedächtiges Stück über Freundschaft und Vergänglichkeit, und “Endangered Species”, eine betextete Neuinterpretation eines Stückes von Wayne Shorter, die leider nur etwa sechseinhalb Minuten lang ist. “Leider” aus einem simplen Grund: Das Stück hat Groove. Der Bass durchspringt, getragen von Schlagzeug und so manchem anderen Instrument, grazil Melodiebögen, während seine Meisterin Stimmexperimente wagt, die schon wieder die Gedanken des Hörers zur “himmlischen Musik” Zeuhl (Magma! Magma!) abschweifen lassen; war aber “Dondaï” auf Magmas “Attahk” noch ein Ausfall nach unten, so ist “Endangered Species” hier ein solcher nach oben.
Dass Jazz vielfältiger Natur sein kann und ein Kenner ob obigen Vergleichs vermutlich bestenfalls mit dem Kopf zu schütteln vermag, ist mir dabei wohl bewusst. Tatsächlich fehlt mir hier eigentlich nur etwas mehr Spannung. Die beiden genannten Lieder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, stellen die beiden Pole des Albums dar, aber die anderen enthaltenen Stücke plätschern eben etwas lustlos dahin. Mag sein, dass es für einen Grammy reicht — einen solchen hat aber Lady Gaga auch schon bekommen.
“Radio Music Society” hätte ein richtig gutes Jazzalbum werden können, aber Frau Spalding riskiert zu wenig. So reicht es trotz “Endangered Species” eben nur zur “Ehrenrettung der Radiomusik” (focus.de) und leider nicht für die Bestenliste 2012.
Wer es gern etwas gemütlicher mag und es nicht so mit Avantgarde hat, der möge dennoch einmal reinhören und mir hernach für den guten Tipp danken.


Endlich, e n d l i c h, ENDLICH mal was Vernünftiges. So ein schöner Mittwoch!
Nachtrag: Jetzt ist mir auch klar, warum den Beitrag zunächst entfernt hattest.
Weil ich zwei Musikbeiträge hintereinander außerhalb von Montagen doof finde.
Nein, weil Du reifer wirst.
Du meinst: So reif, dass ich weiß, welche Art von Musik hier nicht reingehört? Kann auch sein.
Radio Music Society ist jedenfalls eine vertane Chance.
Auch Du alter Grummelsack wirst noch auf den Geschmack kommen. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht.
Ich mag Jazz, ich mag nur keine Langeweile.