Auf einer mit voranschreitender Uhrzeit zusehends anstrengenderen Reise drängte sich mir heute wieder die Frage auf, was eigentlich einen Jungmenschen dazu veranlasst, “Musik” — und sei es nur blödes Computergestampfe — über den internen Lautsprecher eines Mobiltelefons oder eines ähnlich ungeeigneten Gerätes abzuspielen statt einen Kopf- oder wenigstens Ohrhörer zu verwenden. Ich meinerseits betrachte es als Folter und nicht als gute Unterhaltung, wenn man mir per MP3-Codec kaputtkomprimierte Dance-Klänge über einen quäkigen Audioausgang vorspielt, und käme niemals auf die Idee, dies aus eigenem Antrieb heraus selbst zu tun; ganz davon abgesehen, dass Dance meine präferierte Musikrichtung nun wahrlich nicht ist.
Das bis dahin letzte Musikalbum, das ich hörte, war wenige Stunden zuvor das Album “Plumb” von den ziemlich guten Indie-Pop-Musikern Field Music, und von jenen ist der Schritt ein nicht geringer.
Was also gibt den Anlass für die weitflächige Verbreitung furchtbar verzerrter Tanzmusik in öffentlichen Verkehrsmitteln? Mitteilungsdrang kann es nicht sin, denn man teilt ja seinen Mitreisenden so abgesehen von dem Umstand, dass die eigene musikalische Sozialisierung erst noch stattfinden muss, nicht viel mit. Auch der Hedonismus scheidet aus, denn spaßig ist diese Ohrenfolter wohl nur für diejenigen, die, selbst mit Kopfhörern und Schadenfreude ausgestattet, das Mienenspiel der Gequälten beobachten können.
Dabei ist ausnahmsweise nicht einmal die Audiokompression der — im Wortsinne — Ausschlag gebende Aspekt, das Ausgabegerät ist es. Selbst eine hochauflösende Version von Gentle Giants “Funny Ways” gerät, durch diesen Filter gejagt, zu quäkigem Klangbrei; und wenn dann noch der übliche Fickbeat darunter gelegt würde (was den Darunterleger zu einem meiner ärgsten Feinde machte, weshalb ich davon abrate), könnte niemand mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er da gerade mit Gentle Giant, den Beatles, Madonna oder Skrillex (im Musiklexikon unter “S” wie “scheußlich” zu finden) belästigt wird. Es mag Konsum sein, Genuss aber keineswegs; zumindest bin ich möglicherweise willens, nicht aber fähig dazu, gegenteilige Behauptungen als uneingeschränkt zutreffend zu begreifen.
Als Kontrast zu uns Musikfaschisten bin ich geneigt, die Protagonisten solchen Tuns als Musikmasochisten zu bezeichnen; die eben “Musik” auch und gerade dann und dergestalt hören, wenn und dass es das größtmögliche Missfallen erzeugt. (In US-amerikanischen Foltergefängnissen wendet man bekanntlich eine ähnliche Strategie an.)
Ich empfehle Herstellern minderwertiger Klangausgabegeräte, jegliche Musikwiedergabe allein über die Klinkenbuchse auszuführen, um weiteres Leid zu reduzieren, und bedanke mich herzlichst im Voraus.

Imponiergehabe. Angesagt sein. Oder, um es mit den Worten Deiner Generation zu sagen: Hip sein.
Meine Generation redet nicht so.
Wem kann man denn imponieren, indem man seine Ohren quält?
Doch. Bitte andere Vertreter Deiner Generation um Bestätigung. Es gibt keine weitere Erklärung.
Ich kenne genug von ihnen. Leider.
Mein Vertrauen in die Menschheit ist seit langem erschüttert.