Mir brachte man noch bei, dass Unrecht hat, wer schreit, doch war Rufen nicht Teil dieser Weisheit, so dass jetzt keiner mehr schreit, doch fast alle rufen: „Allahu akbar“ rufen muslimische Terroristen gern mal, was sie von Rechtsradikalen unterscheidet, die meist grölen, selten brüllen und nie einfach rufen. Es grölen jedoch auch nie Linksradikale, bestenfalls skandieren sie, meist jedoch wird auch ihrerseits gerufen. Wer nicht genau weiß, welcher Gruppe er angehören darf, dem sei geraten, an einer Demonstration in Berlin teilzunehmen, denn — Kenntnisse des örtlichen Soziolekts („Englisch“) vorausgesetzt — dort bekommt man das zu Rufende artig beigebracht:
Die Moderatoren üben Demo-Slogans mit den Teilnehmern ein. (…) Die Route führt zur Spree und über die Friedrichstraße zurück. Teilnehmer rufen „This is what democracy looks like“, My Body, my choice“ und „Gegen Macker und Sexisten“.
(Fehlendes Anführungszeichen wie im Original, sternfreie Schreibweise jedoch nicht.)
Ich bin davon überzeugt, das ständige Gerufe verbessert auf irgendeine Weise die Welt, denn sonst betrachtete man das Nachrufen vorgerufener Parolen als alberne Choreographie und nicht als wichtiges Handeln. Im Zweifel macht es jedenfalls zwar heiser, doch auch müde. Ein guter Schlaf ist wichtig für die Gesundheit. Ist man ausgeruht, dann ruft es sich besser.

Hat man mir auch beigebracht. Ist aber nur ein Trick der Eltern gewesen, damit man später mal ins System paßt und nicht unnötig auffällig wird. Tatsächlich ist es genau anders, wer schreit hat meistens Recht. Häufig genug ist man von einer konformen Masse umgeben, die Vernunftgründen unzugänglich ist. Wer das nicht aushält bzw. dem McInnesschen Grundsatz “Don’t engage!” nicht treu bleiben konnte — fängt irgendwann mal an zu schreien. Ist ja auch zum Schreien, das Ganze.
Statt irgendwem irgendwas nachzurufen, lese ich lieber Nachrufe zu Leuten und Institutionen, die mir zu ihren Lebzeiten auf den Sack gingen. Die Liste derer, die dafür noch dahinscheiden müssen, ist erfreulich lang.
An Nachrufen mangelte es eh noch nie. Frag mal einer ne Tageszeitung.
Nachrufen, vorsprechen … dann lieber mit(einander)reden :).