Lange nichts mehr über Musik geschrieben.
Eher zufällig sah ich gestern vorzeitige Ohrgasmen anderer Leute, die bereits das heute — Freunde richtiger Tonträger (Amazon.de) müssen sich augenscheinlich noch etwas in Geduld üben — erschienene neue Studioalbum von Sigur Rós — “ÁTTA” — hören konnten. Das vorherige Studioalbum “Kveikur”, ein erstaunlich zorniges, aber um so erfrischenderes Werk, ist immerhin ungefähr zehn Jahre alt, daher hatte ich nicht damit gerechnet und bin ein bisschen neidisch geworden.
Aber heute ist es ja endlich auch uns normalen Leuten zugänglich.
Auf “ÁTTA” sind die Isländer immer noch zu dritt: Schlagzeuger Orri Páll Dýrason wurde gelindemannt, Multiinstrumentalist Kjartan Sveinsson hingegen ist wieder dabei. Átta ist Isländisch und heißt Acht (hier also quasi ACHT), das zehnte und damit letzte Stück auf diesem Album heißt “8”, aber ansonsten ist hier alles angenehm durchdacht.
Das eröffnende “Glóð” zeigt bereits eine Rückkehr zur Vor-“Kveikur”-Zeit, das ganze Stück klingt mit seinen fröhlichen Streichern und dem gewohnt glockenhellen Gesang wie vertontes Sonnenlicht. (Das folgende, getragene “Blóðberg” hält mit Mondlicht dagegen.) Wer nach dem ersten Hören von “Kveikur” angenommen hatte, Sigur Rós näherten sich künftig weiter der wilden Rockmusik an, der mag hier wahlweise erleichtert oder enttäuscht sein.
Auf “ÁTTA” gibt es also exakt das zu hören, was von Sigur Rós eigentlich zu erwarten war: Beschallung für das Kino im Kopf, so routiniert wie grandios dargeboten und ein anschauliches beziehungsweise anhörliches Beispiel dafür, warum Post-Rock eben keine normale Rockmusik ist. Wilde Instrumentalexzesse gibt es hier nicht, selbst das Schlagzeug macht erst im vierten Stück “Klettur” auf sich aufmerksam. Ausbrüche aus der “glitzernden Gleichheit” (Chris DeVille) sind auf “ÁTTA” kaum zu finden, was andererseits ja auch wieder Beständigkeit bedeutet. Beständigkeit ist gut, sonst wird man irgendwann wie Genesis.
Das Titelbild zeigt einen brennenden Regenbogen. Schade um den Topf voll Gold.

