In Neuseeland ist das Wort des Jahres 2020 “Doomscrolling” geworden, also das unablässige Konsumieren schlechter Nachrichten für zusehends schlechtere Laune. Plattformen wie Twitter sind dafür prädestiniert, denn für schlechte Laune gibt es Zustimmung und Beifall.
Für das dringende Bedürfnis, das Jahr 2020 mal so richtig zu beleidigen, gibt es zurzeit fast 10.000 Herzchen, während mein Gegenvorschlag, das Jahr 2020 statt mit “Schrei nach Liebe” mit einer ordentlichen Portion Death Metal zu beenden, damit es nicht beleidigt, sondern taub wird, allenfalls für mitleidiges Schmunzeln sorgte. Andererseits leben wir in einer Zeit, in der unter der Überschrift “Die Nachrichten” Ergebnisse aus dem Glücksspiel vorgetragen werden.
Selbst diese Website hier zu lesen deprimiert — manchmal sogar mich. Ich wollte neulich mal wieder was über Musik schreiben, dann ist mir aufgefallen, dass ich das gemeinte Musikalbum schon letztes Jahr hinreichend bejubelt habe. Mich selbst zu wiederholen war noch nie mein Anliegen. Das habe ich anderen Insinternetschreibern voraus, deren Beiträge sich in ermüdender Regelmäßigkeit vermeintlich ironisch selbstreferenziell auf unzählige Male Gelesenes stützen. Es gibt im Web (das dieser Tage 30 Jahre alt geworden ist und somit ein Jubiläum der strukturellen Langeweile feiern lassen durfte) wenig, was weniger reizt als die Verlautbarungen von Menschen, die niemals einen neuen Gedanken äußern.
Das funktioniert in Coronazeiten (Impfen! Maske auf! Abstand! Impfen! Maske auf! Abst-argh!) nicht anders als sonst, es fällt vielleicht nur mehr auf, weil die Themendichte scheinbar abgenommen hat. Selbst Burying — das Treffen kontroverser politischer Entscheidungen, so lange die Welt woanders hinguckt — klappt dieses Jahr nicht schlechter als sonst, nur wegen des Virus statt wegen einer Fußballmeisterschaft. Heute schon Nachrichten gelesen? Ja? Warum?
Eine Gesellschaft, deren größte Sorge es ist, am kommenden Donnerstag vielleicht auf die gewohnte Sprengstoffdetonation verzichten zu müssen (das muss auch diese christlich-chinesische Tradition des Abendlandes sein), ist mit dem Jahreswortsieger Doomscrolling vermutlich noch harmlos beschrieben. Die als politikbezogene Apathie beschönigte Angst vor eigenen Entscheidungen sorgt nicht für eine Aufrechterhaltung der Werte der Aufklärung. Die da oben tun Ungewünschtes, aber man ist ja nur hier unten. Im Kontext der laufenden Krise mahnen die da oben nun verstärkt zur Eigenverantwortung, was hier unten als Beleidigung verstanden wird. Man kann doch nicht verlangen, dass Mitmensch Gartensprengmeister selbst entscheidet, was richtig ist. Der macht dann nur Unfug.
Es gärt etwas und das macht mich unruhig. Zum Glück habe ich einen Twitteraccount. Ich scrolle einfach ein paar Stunden. Alles wird gut.

Nächsten Donnerstag startet die Aktion “Böllern gegen den Staat” des Anarchistischen Untergrunds!
Bist Du nicht dabei, sind wir es!
Von Schmilka bis Hamburg startet zudem die Böllerkette entlang der Elbe. Für Oder & Neiße ist ähnliches geplant, doch die Veranstalter halten sich bisher noch bedeckt.
Begleitet wird das Jahresfinale vom Rundfunkdistanzorchester Ehrenfeld vs. Scooter: Fuck 2020!
Frisch auf Prosit!