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G20: Demonstranten mit Haltungsschäden

Heute fand in drei Ländern eine Menschenkette gegen Atomkraftwerke statt. Die Frage, was sozial Abgehängte mit ihrer vielen Freizeit so anzufangen wissen, erübrigt sich. Dem Vernehmen nach wurden für die Menschenkette, deren Planer sich sicherlich zuvor tiefgründige Gedanken über den politischen Nutzen des Händchenhaltens gemacht haben, unter anderem auch Flaggen der Piratenpartei missbraucht. Sollten hier Journalisten mitlesen: Als Mitglied der Piratenpartei distanziere ich mich ausdrücklich von jedem Protest gegen unschuldige Kernenergie und befürworte eine Züchtigung jedes Teilnehmers.

Aber darum soll es heute mal nicht gehen, stattdessen um Demonstrationen, die noch in der Zukunft liegen.

In Hamburg nämlich trifft sich Anfang Juli die Gruppe der Zwanzig („G20”), also sozusagen das europäische Finanzsystem ohne die Schweiz, zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte. Unter konstruktiven Titeln wie „Willkommen in der Hölle” – natürlich auf Englisch, denn einen geraden deutschen Satz kann man als Demonstrationstourist nicht formulieren; hätte man grundlegende Schulbildung genossen, ließe man derartige Mottos im Allgemeinen ja auch lieber weg – wird angestrebt, möglichst viele Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das Gruppentreffen nicht besonders gern gesehen wird, weil Kapitalismus voll doof sei, wie auf den Facebookseiten der Organisatoren sowie auf eigens eingerichteten Websites (denn nichts ist so antikapitalistisch wie Facebook und das Web) zu lesen ist.

Schade nur: Den Teilnehmern der „G20” wird das Demonstrieren weitgehend egal sein, denn dort, wo sie tagen, ist Versammlungsverbot. Das Recht auf freie und ungehinderte Demonstration an frei gewählter Stelle, das muss man den Jüngeren kurz erklären, ist etwas, wofür zumindest im Osten Deutschlands vierzig Jahre lang gekämpft wurde, was die von dort stammende amtierende Bundeskanzlerin durchaus noch wissen dürfte. Entsprechend äußerte sie sich positiv über die vorgeblich demokratischen Absichten der Organisatoren, rechtlich jedoch ändert das nicht viel. Demonstriert werden darf dort, wo es niemanden außer den Anwohnern stört.

Dem entsprechend sind einige Demonstrationen auch eher als Volksfest angelegt. Die Organisation Campact etwa, berichtet „SPIEGEL ONLINE”, sorgt sich, „dass (…) Familien (…) fernbleiben könnten”, was klar für sich spricht: Eltern, die schon früh ihre Kinder mit den eigenen politischen Ansichten indoktrinieren wollen, müssen das natürlich auch ausleben dürfen. Was unmündige und unwissende Kinder außer der Auffüllung von Pressefotos auf politischen Demonstrationen zu suchen haben, ist mir nicht ganz klar, aber vielleicht möchten Eltern auch einfach nur stolz damit prahlen, dass ihre Kinder auch schon zu den Guten gehören, weil sie irgendwohin mitkommen und vielleicht noch Schilder, die sie noch nicht verstehen, in Kameras halten, wenn man es ihnen sagt.

Eine dieser Demonstrationen trägt den Namen „Lieber tanz ich als G20” und hat nicht nur einen bekloppten Namen, sondern auch noch einen bekloppten Inhalt:

Wir wollen die Menschen zusammenbringen, die das Verlangen haben nach Frieden, globaler Gerechtigkeit und grenzenloser Solidarität. (…) Gemeinsam wollen wir vom 6. bis 8. Juli 2017 auf unterschiedlichste Weise dafür sorgen, dass der Gipfel zum Desaster wird.

So also sieht konstruktive Kritik gegen die Ungerechtigkeit der europäischen Finanzpolitik aus: Bis um kurz vor Mitternacht in Lübeck (sic!) zu voraussichtlich schauderhafter Musik tanzen („schnappt euch eure Tanzschuhe und lasst uns eine bunte, fröhliche Demo bilden”) und so eine in Hamburg stattfindende Versammlung von Politikern zu einem friedlichen Desaster machen. Dass das Desaster vermutlich Tanzschuhe und hässliche Klamotten statt Anzug und Oxfords tragen wird, kommt ihm nicht in den Sinn.

Den wenigstens bezüglich der Bezeichnung bedauernswerten Vogel ab schießen jedoch die Namensgeber der geplanten Großdemonstration „Hamburg zeigt Haltung”, vertreten von einem Bündnis aus Persönlichkeiten wie Kirchenvertretern, der Hamburger SPD und Ole von Beust, was bekanntlich dafür spricht, dass die bürgerliche Mitte (gern, wie Bischofsbeobachter wissen, mit Kindern) angesprochen werden soll. Zusammen mit Kirchen und der rechtspopulistischen SPD gegen „Nationalismus”, „Verächtlichmachung von Frauen” und so weiter demonstrieren zu wollen bedarf auch einer farbenfrohen Gehirnkirmes, vermute ich. Namentlich wird impliziert, dass „Haltung” grundsätzlich gut sei – ein Denkfehler, der gerade in der linken Szene recht verbreitet ist; man suche einmal nach „Haltung zeigen gegen” und erfreue sich am kreativen Wahnsinn. Wie auch Gewaltgegnertum (denn „gegen Gewalt” spricht sich fast niemand aus, fast jeder jedoch „gegen Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen”) ist „Haltung” offenbar ein recht parteiisches Ding. Was dabei aber nicht bedacht wird: Auch die „G20”-Teilnehmer zeigen „Haltung”. Eigentlich zeigt jeder Mensch eine „Haltung”. Selbst ich zeige „Haltung”, doch sie widerspricht der „Haltung” der Demonstranten in vielerlei Hinsicht (zum Beispiel würde ich grundsätzlich niemals zusammen mit irgendwelchen Kirchenvertretern demonstrieren wollen).

Unabhängig davon, wie auch immer die Demonstrationen – ich gehe vorerst von brennenden Kleinwägen alleinerziehender Mütter und kaputten Fensterscheiben in Fleischereien o.vglb. aus, denn das wird es dem Kapital mal so richtig zeigen – und sich deren Teilnehmer letztlich ablaufen werden, ist davon auszugehen, dass genau folgende zwei Dinge passieren werden:

  1. In Hamburg zu wohnen dürfte eine Woche lang dank polizeilicher Repressionen und frei drehender Idiotiekulturen anstrengender als üblich sein,
  2. die Gruppe der Zwanzig wird ungestört anreisen, tagen und abreisen.

Für den unwahrscheinlichen Fall, auch potenzielle Demonstranten unter meinen zweifellos recht denkfreudigen Lesern zu haben: Spart euch den Quatsch und hört lieber ein wenig Musik, denn Musik macht die Welt immer wieder ein wenig besser.

Esben and the Witch – No Dog

Bitteschön.

Senfecke:

  1. Ohne Deine teils sinnentstellenden, teils diffamierenden(, teils beides) Verkürzungen lobpreisen zu wollen habe ich mich doch sehr amüsiert.
    Leider ist die Zielgruppe nicht Deine.

  2. Zum großen Teil stimme ich dir zu; ist schon schräg, was manche da veranstalten.

    Nur irgendwie ein Zeichen setzen, diese Pseudodemokratie in die Tat umsetzen, halt irgendwas machen gegen diesen Finanzwahnsinn ist doch eigentlich richtig. Das kann doch nicht ewig so weitergehen! :motz:
    Vorschläge wie das aussehen könnte habe ich genau so viele, wie in diesem Artikel auftauchen. Aber was versuchen ist immer noch besser als nichts tun. Sehe ich zumindest so…

    Jruß
    chris

    Übrigens:
    Ich mag Wurst. :ja:

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
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:aufsmaul: 
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