“Closer”. So ein schönes altes Lied der Nine Inch Nails.
“Closer”. So ein schreckliches neues Magazin der Bauer Media Group, bekannt von den Erfolgsformaten “JOY”, “InTouch” und “COSMOPOLITAN”.

“Naddel”, so titelt das dieswöchige Heft (“Stars, die wirklich interessieren”), das auch wie zur Warnung eine ganzseitige Werbung für RTL enthält, habe einen “schockierenden Absturz” hinter sich, irgendeine “Sabia” wolle irgendeinen “Rafael” erpressen, weil sie “doch krank” sei, außerdem habe eine “Lena” mit “schlimmen HASS-ATTACKEN” (sic!) zu kämpfen. Endlich mal ein bisschen Spannung! Gucken wir mal rein:
“Schlimme HASS-ATTACKE” steht über dem Artikel, der damit gleich zu Beginn den Plural relativiert, aber eigentlich geht es doch um mehrere. Die mir bis dato weitgehend unbekannte Lena Gercke (“Topmodel”, ebd.) wurde für ein in der “Closer” abgedrucktes Urlaubsfoto, auf dem sie von hinten mit — vielleicht, um ihr modeltypisches image als Dummchen zu festigen — verkehrt herum aufgesetzter Schirmmütze mit dem Aufdruck “BONNIE” sowie in einem nicht besonders straff sitzenden Bikini zu sehen ist, auf Facebook “übel beschimpft” (“Closer”). Viele ihrer “Fans” (ebd.) ziehen, so “Closer”, “über die Kehrseite des Models her”, indem sie schreiben:
Wo ist dein Po?
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Oder:
Sorry Viel (sic!) zu dünn, sieht nur extrem krank aus.
Es ist schwer vorstellbar, wie das Frollein Gercke diese “fiesen Beschimpfungen” (ebd.), sie habe keinen dicken Po, nur erträgt.
Auch schwer zu ertragen, wie man wenige Seiten später in der “Closer” liest, sei das Dasein als Teilnehmer der offenbar irrelevanten Fernsehschau “Promi Big Brother”, in der es augenscheinlich darum geht, dass Leute, die jemanden kennen, der mal mit jemandem den Geschlechtsverkehr vollzogen hat, der mal als Statist durch eine Vorabendserie getorkelt ist, vor einer Kamera ein möglichst normales Leben simulieren. “Closer” hat hierzu Ela Tas (wollte mal eine Liaison mit einem der ehem. “Bachelor”-Protagonisten eingehen) und Janina Youssefian (hatte mal Sex mit Dieter Bohlen), zwei durch und durch geschmacklose Personen, die in einer früheren Staffel der Sendung also gut aufgehoben waren, zu ihren Erfahrungen befragt.
“Wir wurden jeden Tag eine knappe Stunde mit extrem lauter Musik eingeschlossen, weil die Batterien der Kameras ausgewechselt werden mussten (…)”, erinnert sich Janina, die sich “wie ein Soldat im Krieg” fühlte.
Wenigstens musste sie dabei kein Prekariatsfernsehen sehen; andererseits, so weiß es der Volksmund, bilde Fernsehen, und vielleicht hätte sie ein weniger komisches Bild vom Krieg, wenn sie mehr ferngesehen hätte, aber wer sein Geld damit verdient, vor Jahren mal einem reichen Schwerenöter unters Gemächt gerutscht zu sein, der braucht augenscheinlich nichts im Kopf zu haben. Ich habe meinen Beruf verfehlt.
Ihre zehn Jahre jüngere Leidensgenossin Ela ist noch immer sichtlich traumatisiert davon, dass man sie in einer Sendung, in der sie beim Leben gefilmt wird, auch beim Leben sehen kann:
Ich wachte nachts schweißgebadet auf, wenn meine Bettdecke verrutscht war, aus Angst, man würde zu viel sehen. (…) Das war Psycho-Terror und wirklich eine der schlimmsten Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben.
Ach, Mädels. Ihr müsst es euch wenigstens nicht hinterher ansehen. Dass so eine Schlafkleidung deutlich mehr Haut zeigt als so ein Badebikini, bezweifle ich allerdings.
Viele “Promi-Ehen”, so informiert mich “Closer” im Weiteren, stehen derzeit vielleicht möglicherweise vor dem Aus, was mich fast so sehr schockiert wie der Umstand, dass ein deutlicher Großteil aller Texte in der “Closer” mit drei Punkten (“…”) endet. Seite 49 berichtet über die Tochter von Ophylia Adé, die kleine Angela Merkel, und wenn ich Redakteur der “Closer” wäre, hätte ich die Steilvorlage “Angela Merkel Adé” ja treffsicher verwandelt, aber ich habe wohl doch noch zu viel Anstand für solche Schundliteratur.
“Qualitätsjournalismus” hat seinen Preis (1,90 Euro) …
