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Medienkritik XCIII: “Closer” to Hassattacke

“Clos­er”. So ein schönes altes Lied der Nine Inch Nails.

“Clos­er”. So ein schreck­lich­es neues Mag­a­zin der Bauer Media Group, bekan­nt von den Erfol­gs­for­mat­en “JOY”, “InTouch” und “COSMOPOLITAN”.

closer 35-2015

“Nad­del”, so titelt das dieswöchige Heft (“Stars, die wirk­lich inter­essieren”), das auch wie zur War­nung eine ganz­seit­ige Wer­bung für RTL enthält, habe einen “schock­ieren­den Absturz” hin­ter sich, irgen­deine “Sabia” wolle irgen­deinen “Rafael” erpressen, weil sie “doch krank” sei, außer­dem habe eine “Lena” mit “schlim­men HASS-ATTACKEN” (sic!) zu kämpfen. Endlich mal ein biss­chen Span­nung! Guck­en wir mal rein:

“Schlimme HASS-ATTACKE” ste­ht über dem Artikel, der damit gle­ich zu Beginn den Plur­al rel­a­tiviert, aber eigentlich geht es doch um mehrere. Die mir bis dato weit­ge­hend unbekan­nte Lena Ger­cke (“Top­mod­el”, ebd.) wurde für ein in der “Clos­er” abge­druck­tes Urlaub­s­fo­to, auf dem sie von hin­ten mit — vielle­icht, um ihr mod­el­typ­is­ches image als Dumm­chen zu fes­ti­gen — verkehrt herum aufge­set­zter Schir­m­mütze mit dem Auf­druck “BONNIE” sowie in einem nicht beson­ders straff sitzen­den Biki­ni zu sehen ist, auf Face­book “übel beschimpft” (“Clos­er”). Viele ihrer “Fans” (ebd.) ziehen, so “Clos­er”, “über die Kehr­seite des Mod­els her”, indem sie schreiben:

Wo ist dein Po? :|

Oder:

Sor­ry Viel (sic!) zu dünn, sieht nur extrem krank aus.

Es ist schw­er vorstell­bar, wie das Frol­lein Ger­cke diese “fiesen Beschimp­fun­gen” (ebd.), sie habe keinen dick­en Po, nur erträgt.

Auch schw­er zu ertra­gen, wie man wenige Seit­en später in der “Clos­er” liest, sei das Dasein als Teil­nehmer der offen­bar irrel­e­van­ten Fernsehschau “Pro­mi Big Broth­er”, in der es augen­schein­lich darum geht, dass Leute, die jeman­den ken­nen, der mal mit jeman­dem den Geschlechtsverkehr vol­l­zo­gen hat, der mal als Sta­tist durch eine Vor­abend­serie getorkelt ist, vor ein­er Kam­era ein möglichst nor­males Leben simulieren. “Clos­er” hat hierzu Ela Tas (wollte mal eine Liai­son mit einem der ehem. “Bachelor”-Protagonisten einge­hen) und Jan­i­na Yousse­fi­an (hat­te mal Sex mit Dieter Bohlen), zwei durch und durch geschmack­lose Per­so­n­en, die in ein­er früheren Staffel der Sendung also gut aufge­hoben waren, zu ihren Erfahrun­gen befragt.

“Wir wur­den jeden Tag eine knappe Stunde mit extrem lauter Musik eingeschlossen, weil die Bat­te­rien der Kam­eras aus­gewech­selt wer­den mussten (…)”, erin­nert sich Jan­i­na, die sich “wie ein Sol­dat im Krieg” fühlte.

Wenig­stens musste sie dabei kein Prekari­ats­fernse­hen sehen; ander­er­seits, so weiß es der Volksmund, bilde Fernse­hen, und vielle­icht hätte sie ein weniger komis­ches Bild vom Krieg, wenn sie mehr fer­nge­se­hen hätte, aber wer sein Geld damit ver­di­ent, vor Jahren mal einem reichen Schw­erenöter unters Gemächt gerutscht zu sein, der braucht augen­schein­lich nichts im Kopf zu haben. Ich habe meinen Beruf ver­fehlt.

Ihre zehn Jahre jün­gere Lei­densgenossin Ela ist noch immer sichtlich trau­ma­tisiert davon, dass man sie in ein­er Sendung, in der sie beim Leben gefilmt wird, auch beim Leben sehen kann:

Ich wachte nachts schweißge­badet auf, wenn meine Bettdecke ver­rutscht war, aus Angst, man würde zu viel sehen. (…) Das war Psy­cho-Ter­ror und wirk­lich eine der schlimm­sten Erfahrun­gen, die wir bish­er gemacht haben.

Ach, Mädels. Ihr müsst es euch wenig­stens nicht hin­ter­her anse­hen. Dass so eine Schlafk­lei­dung deut­lich mehr Haut zeigt als so ein Bade­biki­ni, bezwei­fle ich allerd­ings.

Viele “Pro­mi-Ehen”, so informiert mich “Clos­er” im Weit­eren, ste­hen derzeit vielle­icht möglicher­weise vor dem Aus, was mich fast so sehr schock­iert wie der Umstand, dass ein deut­lich­er Großteil aller Texte in der “Clos­er” mit drei Punk­ten (“…”) endet. Seite 49 berichtet über die Tochter von Ophylia Adé, die kleine Angela Merkel, und wenn ich Redak­teur der “Clos­er” wäre, hätte ich die Steil­vor­lage “Angela Merkel Adé” ja tre­ff­sich­er ver­wan­delt, aber ich habe wohl doch noch zu viel Anstand für solche Schundlit­er­atur.

“Qual­ität­sjour­nal­is­mus” hat seinen Preis (1,90 Euro) …