Sonstiges
Medi­en­kri­tik XLIV: Vor­sätz­lich Goe­the

Ein pos­sier­li­ches Titel­bild hat der SPIEGEL sich da für sei­ne dies­wö­chi­ge Aus­ga­be geben las­sen, in der man, pas­send zum anste­hen­den Neu­jahrs­tag, unter ande­rem das The­ma „Gute Vor­sät­ze“ in ermü­den­den Wort­schwal­len platt­walzt.

Auf den „Kle­be­zet­teln“ auf dem Titel­blatt des SPIE­GELs steht so man­ches, was als Vor­satz für das kom­men­de Jahr gut­zu­hei­ßen ist, etwa „Wäh­len gehen“ und „Nicht mehr rau­chen“, aber auch etwas, was mich ver­blüfft:

„Goe­the statt Sar­ra­zin“ for­dert der, von oben gezählt, drit­te Kle­be­zet­tel auf der rech­ten Sei­te, und ange­sichts des Umstan­des, dass Sar­ra­zins pri­ma Buch unver­än­dert die Best­sel­lerliste des SPIE­GELs anführt, macht mich das schmun­zeln.

War­um aber aus­ge­rech­net Goe­the? Gemes­sen an heu­ti­gen Maß­stä­ben wür­de man Goe­the wohl gemein­hin einen „lin­ken Gut­men­schen“ nen­nen, stets war­nend vor dem poli­tisch Radi­ka­len. Der SPIEGEL, so scheint es, möch­te sich gern wie­der links posi­tio­nie­ren, even­tu­ell auch des­halb, weil sei­ne Leser auf­grund des Aller­welts-Ein­heits­breis, den er mitt­ler­wei­le kre­denzt, lie­ber anders­wo spei­sen, und dazu passt es dann auch, dass Hen­ryk M. Bro­der, einer der letz­ten kri­ti­schen Kolum­ni­sten des SPIE­GELs, nun­mehr für die kon­ser­va­ti­ve Kon­kur­renz schreibt, was den SPIEGEL der Belie­big­keit ein wei­te­res Stück näher rückt.

J.W.v.Goethe jeden­falls, so schlägt man in der SPIE­GEL-Redak­ti­on vor, sol­le man statt Thi­lo Sar­ra­zin lesen, und das führt man nicht wei­ter aus, denn Sar­ra­zin­ver­glei­che sind gera­de im Trend und spre­chen für sich; Hit­ler war gestern.

Nun aller­dings hat der gute Herr Goe­the letz­lich auch nichts ande­res geschrie­ben als Sar­ra­zin (oder eben Bro­der), etwa die­ses aus sei­nem Nach­lass stam­men­de Zitat:

Tole­ranz soll­te eigent­lich nur eine vor­über­ge­hen­de Gesin­nung sein: sie muss zur Aner­ken­nung füh­ren. Dul­den heisst belei­di­gen.

Denn das, was man die­ser Tage gemein­hin als Tole­ranz miss­ver­steht, ist nichts ande­res als eben die Dul­dung frem­der Kul­tu­ren unter Auf­ga­be der eige­nen, und das ist heu­te so wahr wie zu Goe­thes Leb­zei­ten.

„Goe­the statt Sar­ra­zin“ ist eine reich­lich selt­sa­me Anwand­lung, denn im Gegen­satz zu Sar­ra­zin ist Goe­the zwar all­ge­mein­gül­tig, aber nicht aktu­ell, rele­vant zwar für das Leben, nicht aber für das Tages­ge­sche­hen. Ich schla­ge vor: „Goe­the und Sar­ra­zin statt gar nichts und Sar­ra­zin“. Das klingt natür­lich nicht so grif­fig.

Senfecke:

  1. Hit­ler war gestern? – jaha genau…
    schon gele­sen dass man in Zukunft dar­über nach­denkt am Flug­ha­fen die Rei­sen­den in eth­ni­schen Grup­pen zu unter­tei­len und jene dann ungleich­mä­ßig kon­trol­lie­ren will, natür­lich ganz nach israe­li­schem (welch Iro­nie der Geschich­te) Vor­bild?
    Ich war­te auf die Rück­kehr des Juden­sterns zum Anstecken. :mad:

  2. Das eigent­lich Pri­ma’e ist ja, dass die Juden heut­zu­ta­ge in selbst­ge­wähl­ten Ghet­tos leben. Man muss sie nicht erst umständ­lich zusam­men­pfer­chen. :mrgreen:

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