Netzfundstücke
Das Märchen von der Null

Es war ein­mal eine Null, die in der ersten Spalte ein­er Matrix stand. Um sie herum standen noch viele andere Nullen. Sie waren so viele, dass der erste Spal­tenvek­tor ein Nul­lvek­tor war. Doch die Null wollte nicht mehr “eine unter vie­len” sein, und darum fragte sie ihren Math­e­matik­er, ob sie nicht etwas Beson­deres sein kön­nte. Doch der antwortete:
“Eine Null ist nun mal eine Null, du Null!”
Da war die Null sehr trau­rig. Sie wün­schte sich doch so sehr, ein­mal eine Drei zu sein, von ein­er Vier wagte sie erst gar nicht zu träu­men. Eines Tages — es hat­ten sich genau null Zahlen der Matrix geän­dert — war es der Null so lang­weilig, dass sie sich entschloss, in die Welt zu ziehen, um einen Sum­man­den zu find­en, der sie zu etwas machte. Doch es gab da ein Prob­lem: bekan­ntlich fressen große Sum­man­den die kleinen auf. So kon­nte sich unsere Null höch­stens mit ein­er neg­a­tiv­en zahl addieren. Doch neg­a­tiv wollte sie auch nicht sein.

Aber die Null ließ sich nicht ent­muti­gen, sie pack­te ihre null Sachen und begab sich auf den viele Nullen lan­gen Weg. Nach null beschw­er­lichen tagen traf die Null eine Fünf. Hun­grig rief die Fünf:
“Komm’ her, kleine Null, wir wollen uns addieren.”
“Nein”, sagte die Null, “dann wärst du ja immer noch eine Fünf, und ich wäre ver­schwun­den.”
Die Null floh mit null­fach­er Geschwindigkeit. Tage später traf sie eine Acht. Die Acht sah friedlich aus. Also ging die Null zu ihr und grüßte:
“Hey, Acht!”
“Hi, kleine Null!”
“Ich bin so deprim­iert. Ich füh­le mich wie ein Nichts.”
“Ja, du bist auch viel zu dick. Wenn du diesen Gür­tel umlegst, kannst du sein wie ich.”
Die Acht legte der Null einen Gür­tel um und zog ihn mit aller Kraft zusam­men. Doch die Null war zu dick, bekam keine Luft mehr und fiel bewusst­los zu Boden. Als sie wieder aufwachte, sagte die Acht:
“Es ist hoff­nungs­los mit dir. Aus dir wird nie eine richtige Acht. Geh weg, du schadest meinem Ruf!”
“Hey”, schlug die Null vor, “wir kön­nten doch zusam­men eine Achtzig wer­den.”
“Niemals! Dann wäre ich ja nicht mehr sym­metrisch”, antwortete die Acht. “Aber wir kön­nen uns addieren…”
Da lief die Null so schnell weg, dass sie alle ihre Vor­räte liegen ließ.

Als näch­stes traf die Null ein Pi.
“Oh”, sagte die Null, “ihr seid ja lustig, so schön lang und bunt. Kön­nt ihr noch eine Null gebrauchen?”
“Klar”, sagte die Drei, die zufäl­lig ger­ade vor dem Kom­ma stand, “wir haben zwar schon unendlich viele Nullen, aber stell dich ein­fach hin­ten an.”
Die Null ging also los, aber Weg ans Ende vom Pi zog sich immer weit­er hin, und es schien so, als würde sie das Ende nie erre­ichen. Als sie ger­ade die vier passierte, die an der vier­hun­der­sten Stelle hin­ter dem Kom­ma stand, fragte sie diese:
“Hal­lo Vier, ich suche das Ende. Die Drei da vorne sagte, ich könne mich hin­ten anstellen.”
Da lachte die Vier und brachte unter Prusten her­vor: “Du bist ja dumm. Weißt du nicht, dass wir irra­tionaler­weise unendlich viele sind?”
“Aber”, sagte die Null verzweifelt, “das geht doch gar nicht. Ihr seid doch nicht mal peri­odisch.”
“Bist du ein­fältig”, wun­derte sich die Vier, “wir irra­tionalen sind doch immer unendlich und brauchen dazu keine Peri­ode!”
Da fühlte sich die Null nichtiger als je zuvor. Nicht nur, dass sie nichts war, sie wurde noch nicht ein­mal ernst genom­men. Außer­dem fragte sie sich, ob ‘ein­fältig’ eine Belei­di­gung sei, oder ob es sich um eine Auf­munterung han­delte, denn immer­hin hat­te die Vier nicht ’nullfältig’ gesagt. Mit einem Funken Hoff­nung begab sich die Null also weit­er auf ihren beschw­er­lichen Weg durch die Welt der Zahlen.

Lange Zeit irrte die Null durch die Gegend, bis sie so müde wurde, dass sie ein­schlief. In ihrem Traum traf sie eine merk­würdi­ge Zahl.
“Wer bist du denn?”, fragte die Null.
“Ich bin ein i”, sagte die Zahl.
“Aber I ist doch ein Buch­stabe”, wun­derte sich die Null. “Bist du etwa ein Gestalt­wan­dler? Ich glaube man nen­nt euch Vari­ablen.”
“nein, nein”, behar­rte die Zahl. “Ich bin eine Zahl! Genauer gesagt bin ich eine Zahl, die mit sich selb­st mul­ti­pliziert neg­a­tiv ist.”
“Quatsch!”, dachte die Null. “So was gibt es nicht. Das ist Ein­bil­dung, also nur eine imag­inäre Zahl.”
Als nun die Null nicht mehr an das i glaubte, ver­schwand diese abscheuliche Zahl, und die Null wachte auf und fragte sich, wie kom­plex die Welt wohl wäre, wenn es die Zahl i wirk­lich gäbe. Dann wären die Nullen ja noch ver­loren­er. Auf diese Weise etwas beruhigt legte sich die Null wieder hin und schlief lang und zufrieden.

Am näch­sten Mor­gen stand die Null auf und machte sich weit­er auf ihrem Weg durch die Welt. Bald traf sie eine Zehn hoch Fünf.
“Hal­lo”, sagte sie. “Was seid ihr denn?”
“Wir sind Hun­dert­tausend”, erwiderte die Fünf von oben herab.
“Aber eine Hun­dert­tausend hat doch fünf Nullen”, warf die Null ein. “Ihr dage­gen seid nur drei, und nur eine von euch ist eine Null.”
“Klar”, erk­lärte die Eins,” so sparen wir vier lang­weilige Nullen und haben dafür eine schöne Fünf.”
“Genau!”, pflichtete ihr die andere Null bei. “Wären wir fünf Nullen, dann wäre ich fast genau­so lang­weilig wie du, aber so bin ich etwas Einzi­gar­tiges und unverzicht­bar.”
Daraufhin protestierte unsere Null: “Ich bin genau­so wichtig wie du! Weil ich alleine ste­he, wäre ich ohne mich keine Null mehr.”
“Falsch!”, ent­geg­nete da die Fünf. “Eine Null ist nichts. Eine Null ohne Null ist auch nichts. Ich weiß gar nicht, warum es alle­in­ste­hende Nullen über­haupt gibt. Das ist doch unef­fek­tiv.”
“Na gut”, schrie die Null verärg­ert, “vielle­icht bin ich wirk­lich unef­fek­tiv, aber ich werde schon einen Platz find­en, wo ich rein­passe!”
Die Null lief halb wütend, halb trau­rig davon.

Später traf die Null ein Unendlich.
“Oh!”, schrie sie über­rascht auf. “Du bist ja unendlich! Ich habe dich schon immer bewun­dert, weil du so viel darstellst.”
“Was redest du da?”, fragte das Unendlich. “Ich bin doch nur dein Kehrw­ert, und außer­dem bin ich gar keine Zahl, son­dern nur ein Gren­zw­ert. Sei doch glück­lich, dass du so klar definiert und so greif­bar bist. Ich bin dage­gen nur abstrakt und gehöre eigentlich über­haupt nicht hier her”, erk­lärte es und ver­schwand ins hin­re­ichend Große.

Die Null ging nun weit­er in die Ungewis­sheit, da traf es eine kleine trau­rige Null.
“Warum bist du denn so trau­rig?”, fragte sie die Kleine.
“Weil man mir gesagt hat, dass ich nichts bin”, schluchzte die kleine Null.
“Komm doch ein­fach mit mir”, schlug die große Null vor. “Ich bin los­ge­zo­gen um her­auszufind­en, ob das Leben noch etwas übrig hat für Nullen wie uns.”
Die kleine Null willigte ein und fol­gte ihrem großen, neuen Fre­und, aber schon nach kurz­er Zeit tat­en der kleinen die Füße weh.
“Hey, Großer”, stöh­nte sie, “ich kann nicht mehr. Lass uns eine Pause machen!”
“Wir müssen aber weit­er”, sagte die große Null, “aber du wiegst ja nichts. Komm her, ich werde dich tra­gen!”
Also trug die große Null ihren kleinen Fre­und, und sie wan­derten weit­er.

Wie das Schick­sal es so wollte führte ihr Weg vor­bei an ein­er Achthun­der­tachtun­dachtzig. Die bei­den Nullen traut­en sich kaum, näher her­anzukom­men, aber da rief ein der Acht­en schon von Weit­em:
“Seht mal, da kommt die schön­ste und größte Acht, die ich je gese­hen habe.”
“Ja”, stimmte die größte und stärk­ste der drei Acht­en zu, “lasst sie uns zu unserem Boss machen. Ich wollte schon immer eine Acht­tausendachthun­der­tachtun­dachtzig sein.”
So nah­men die drei Acht­en unsere bei­den Fre­unde als vierte Achte auf. Die Nullen freuten sich natür­lich sehr über diese Ausze­ich­nung und passten ihr Leben ganz dem Leben der Acht­en an, nur dass sie nicht — wie alle Acht­en — um acht auf­s­tanden, son­dern schon um halb acht. Sie waren auch nur halb so acht­sam wie andere Acht­en.

So lebten sie glück­lich und zufrieden, und wenn sie nicht gestor­ben sind, dann leben sie noch heute.

Senfecke:

  1. Märchen dien(t)en ja des Öfteren der Verunglimp­fung des (großen bösen) WOLFes…
    …aber dies hat “Null” mit diesem Märchen hier zu tun…

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