Ich spreche nicht gern darüber, denn ich habe es geschafft, mich davon loszusagen. Ich habe mein Leben seitdem völlig verändert und, dies behaupte ich dreist, zum Besseren gewendet. Nun aber wird es, bevor es ein anderer tut, Zeit, dieses dunkle Geheimnis aufzudecken.
Ich gestehe, ich habe von 1998 bis Anfang 2000 regelmäßig die “BRAVO” gekauft und gelesen.
Damals war ich in diesem Alter. Dessen ungeachtet habe ich mich natürlich kein bisschen für die Nackedeibilder interessiert, sondern hängte stattdessen die gelegentlich enthaltenen Poster von den Ärzten — Verzeihung: den Die Ärzte — an meine Zimmerwände. (Dort hingen später andere Poster, aber darum soll es hier nicht gehen.) Vor allem aber kannte (und mochte) ich einen nicht zu unterschätzenden Teil der rezensierten und sonstwie erwähnten Musiker. CDs von Scooter, Aqua und ähnlichen Künstlern waren in meinem Plattenschrank lange vor der Entstehung meines Musikfaschismus’ zu finden.
Aufgrund mitunter bedauernswerter Familienverhältnisse ergab es sich, dass mir heute die “BRAVO” 43/2012 sozusagen in die Hände fiel.
Meine spontane Reaktion war die Überraschung darüber, dass sich seit über einem Jahrzehnt nicht viel geändert zu haben scheint: Die “BRAVO” riecht immer noch wie früher, die Titelseite ist immer noch so brüllend bunt, dass man sich wünscht, beim Betrachten derselben unter Drogen zu stehen, und zeigt, erfreulicherweise fast verdeckt von vielen großen Buchstaben, fünf dank moderner Bildbearbeitung zwar einigermaßen naja aussehende, aber eben doch ziemlich austauschbare süße boys. N’Sync und die Backstreet Boys scheinen es nicht zu sein, die Bildunterschrift lautet:
Flirt-Alarm bei ONE DIRECTiON (sic!)
Von welchen Hollywood-Girls sie angebaggert werden
+ Wie die Jungs darauf reagieren
Wissen also, das natürlich immens wichtig für das tägliche Leben Heranwachsender ist, weshalb es unfein von mir wäre, mich darüber lustig zu machen. Wer genau One Direction sind und was sie machen, wird offenbar als Vorkenntnis vorausgesetzt. Eine hohe Hürde für potenzielle Käufer, ich selbst nämlich habe nicht die leiseste Ahnung. Das ist aber nicht schlimm, nehme ich an.
Weiters enthält diese Ausgabe “15 coole FUN-STiCKER” (erneut sic!). Dermaßen unfassbar cool und lustig sind diese sticker, dass ich einfach mal einen von ihnen beschreibe, weil es mir sonst keiner glaubt: Zu sehen ist SpongeBob Schwammkopf, der einen Kapitänshut und ein Holzschwert trägt. In einer Sprechblase, die auf ihn zeigt, steht: “ICH BIN BEREIT!”. Ich liege vor Lachen schier am Boden. Außerdem enthalten sind 5 Poster (“+ 5 POSTER”). Die ungerade Zahl zeigt es bereits: Um eines von ihnen zu entnehmen, ist es nötig, einen Teil des übrigen Heftes ebenfalls herauszureißen. Dass die Zuständigen der “BRAVO” dies billigend in Kauf nehmen, zeugt immerhin davon, dass sie noch nicht völlig verdrängt haben, was für ein unglaublich überflüssiges Magazin sie da eigentlich zu verantworten haben.
Nach dem Umblättern wird man zunächst von einem grinsenden Dieter Nuhr irritiert, der Werbung für den “Deutschen Comedypreis” auf RTL macht. Darüber steht etwas von der “besten Comedy”. Der Zusammenhang ist mir nicht klar. Rechts davon jedenfalls ist, umrahmt von allerlei bunten Bildern, das Inhaltsverzeichnis zu finden. Und was da außer den “mega-lustigen Fun-Stickern” nicht alles für dolle Themen drin sind!
Mega-Comeback: So rockt Michael Jackson auch drei Tage nach seinem Tod die Welt
Als ich noch jung war, war Rock das mit den Gitarren und dem Bass und nicht das, womit Michael Jackson bekannt geworden ist. Offenbar hat “rocken” in den letzten Jahren einen Bedeutungswandel vollzogen und bedeutet nun “mittels musikalischer Vergangenheit den Nachlassverwaltern viel Geld in die Kassen spülen”. Schade, dass man dieses schöne Wort nun also besser nicht mehr nutzen sollte.
Nur in BRAVO verrät Justin Bieber, wer wirklich wichtig ist in seinem Leben
Natürlich “nur” in der “BRAVO”, denn der nächsten Zeitschrift erzählt er vielleicht etwas ganz anderes.
Ansonsten sind jede Menge Geschichten über weitere “Musiker”, die mir überwiegend unbekannt sind, und dramatische Geschichten von menschlichen Schicksalen enthalten. Die Nackedeibilder scheinen bedauerlicherweise verschwunden zu sein, aber die “Foto-Love-Story” ist immer noch genau so dämlich wie früher. Die Angewohnheit, die Protagonisten stets mit debilem Gesichtsausdruck zu fotografieren, kam nicht abhanden: Die Hauptdarstellerin darf ihre Klappe nur selten schließen. Denkblasen entströmen in der Welt der “BRAVO”-Macher offenbar dem Mund und nicht dem Hirn. Das erklärt vermutlich manches.
Die Handlung ist gewohnt albern: Ein dickes Mädchen verabredet sich über das Internet mit einem süßen boy, der sie erst mal mit ihrer Freundin verwechselt. Als Resultat schickt sie ebenjene Freundin los, um sich mit dem süßen boy zu treffen, und beobachtet das Geschehen aus einem schlechten Versteck heraus. Sie entdeckt, dass auch der süße boy einen versteckten Begleiter mitgebracht hat, und da beide eh’ schon im Gebüsch sind, ist das happy end so total spannend, dass ich es euch nicht vorwegnehmen möchte.
Den Artikel über den Flirt-Alarm bei ONE DIRECTiON habe ich übrigens nicht gelesen. Ich nehme an, ich habe nichts verpasst. Anzunehmen sei allenfalls, dass pro Absatz mindestens einmal wahlweise “cool” oder “süß” vorkommt. Ich vertrete die Ansicht, dass es für alle Beteiligten einfacher wäre, wenn die “BRAVO” einfach mal ein Sonderheft machen würde, das einen einzigen Artikel enthielte, dessen Überschrift “Die süßen boys aus dem Fernsehen und warum ihr sie niemals haben könnt” lautete. Wie schnell fänden die regelmäßigen Leserinnen der “BRAVO” dann ihre vorübergehend wahre Liebe! Aber das wäre natürlich schlecht für das Geschäft.
Der Untertitel der “BRAVO” lautet: “Deine ganze Welt!”. Ein bisschen erschreckt mich das.


Nein, diese Zeiten hast Du nicht erlebt: Denn die betrafen u. a. The Sweet, Suzi Quatro, Kiss, Bay City Rollers. Was danach kam, war nur noch der Schrott, den Du hier jeden Montag präsentierst.
Also halte Dich mit derlei Aussagen zurück.
Suzi Quatro fabrizierte Schlagermusik und keinen Rock, du Anfänger.
Hättest Du das von den BCR behauptet, hätte ich das diskutieren wollen. Aber Suzi Quatro Schlagermusik anzulasten, ist einfach lächerlich.
Tut mir Leid, dich auf den Boden der Tatsachen zurückholen zu müssen, aber Suzi Quatro wird auf Opasendern wie NDR 2 gespielt. Da können Leute deines Alters sanft mit dem Kopf nicken.
Ich höre NDR Radio Kultur, weil es sich um einen der wenigen werbefreien Sender (das Netz mal außen vor) handelt. Und der ist immer noch besser als der Totensender NDR Radio Niedersachsen, den Du Dir in Deiner Geisterstadt reinziehst.
Ich habe noch keinen einzigen NDR-Sender gehört, der so etwas wie Rockmusik gespielt hätte.
Na na, nicht streiten.
Immerhin ist das Bravo-Cover erstaunlich deppenleerzeichenfrei.
Liest du sie etwa häufiger?
Ich habe die Bravo noch nie gelesen. Ich bezog mich auf die von dir abgebildete Titelseite.
Ich zweifle!
Selbstzweifel sind normal. ;-)
Beruhigend für dich.
Ja, das beruhigt mich wirklich ein bisschen. Das Wohl meiner Mitmenschen liegt mir schließlich am Herzen.
So, reicht jetzt aber auch. A tout à l’heure! ;-)