Gelegentlich bin ich, bedingt durch den Mangel an vergleichbaren Alternativen, in Zügen der Deutschen Bahn unterwegs. Nicht immer lässt es sich da vermeiden, ein Abteil mit Menschen mit obskurer Erscheinung und/oder obskurem Verhalten zu teilen.
So auch heute, als mir gegenüber eine Frau in ihren geschätzten Vierzigern saß. Das Erste, was ich von ihr allerdings nach ihrem Einstieg bemerkte, war ein auffallend forsch auf den Tisch zwischen uns gelegtes “Emma”-Magazin. Nun, der erste Eindruck zählt. Dass das Magazin nach der Platzierung seiner Besitzerin selbst in deren Tasche verschwand (sie hatte mich alles Notwendige ja bereits wissen lassen), macht Gesehenes also nicht ungeschehen. Nun saß ich ab einer Station — Hamm, wenn ich mich recht entsinne — einer Frau gegenüber, die Elke Heidenreich ähnlich sah, ständig irgendwelche Notizen machte und gelegentlich zu Recht misstrauisch zu mir herüberblickte. Aus ihrem Rucksack aber ragte nicht etwa besagtes Magazin hervor, sondern Rhabarber. Den Schaffner, der fragte, ob sich unter den Fahrgästen auch Zugestiegene befänden (vermutlich gehen Schaffner inzwischen davon aus, dass die meisten Passagiere bereits im Zug geboren werden), würdigte sie indes keines Blickes.
Wahrscheinlich schwarz fahrende Frauen über dreißig, die im Rucksack “Emma” und Gemüse transportieren — der neue Feminismus treibt gelegentlich skurrile Blüten.
Aber auch ohne diese Begegnungen ist das Fahren mit der Bahn oft ein Vergnügen für uns Leidensfrohe. Ein Beispiel: Vor einigen Wochen machte ich den Fehler, aus der Gegend um Dortmund nach Niedersachsen fahren zu wollen. Dass diese Strecke für ihre Attraktivität auf Selbsttöter bekannt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häufig gehört hatte, mehr jedoch auch nicht.
Nun, an diesem Tag wurde ich eines Besseren belehrt. (Menschen, die sich so umbringen, dass es möglichst vielen anderen Menschen den Abend verdirbt, sind nicht meine liebsten.) Infolge eines entsprechenden Zwischenfalls verpasste ich meinen Anschlusszug ebenso wie einen alternativen Zug wenig später. Die zumindest verständige Schaffnerin verwies mich nach einigen Telefonaten darauf, dass sie nicht weiterwisse, und damit auf das Bahnpersonal am Bahnhof Hannover. Ausgerechnet Hannover.
Das so genannte “Servicepersonal” in Hannover, wo ich irgendwann doch noch ankam, erklärte mir, ich könne auf der letzten Teilstrecke ein Taxi auf, immerhin, Bahnkosten nutzen, wenn ich das im Folgezug bekanntgeben würde, wo man mir ein entsprechendes “Ticket” ausstellen könne. Der Zugbegleiter im Folgezug jedoch sah das anders; ihm zufolge sei die Schaffnerin im ersten Zug dafür zuständig gewesen.
Kurzfassung des Vorgangs, um die temporalen Kausalitäten besser darstellen zu können: Zug 1 verweist mich an Personal auf dem Bahnhof, Personal dort verweist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zuständig gewesen, tja, Pech gehabt. Angesichts dieser Logikkette ist die seltsame bahnseitige Auffassung davon, wie viele Sekunden eine Minute hat, immerhin verständlich: Zeitliche Zusammenhänge sollte man konsequent mit gleicher Einheit messen.
Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Teeservice im Schrank.
“Die Erhaltung der Reichsbahn und ihre möglichst schnelle Zurückführung in die Macht des Reiches ist eine Aufgabe, die uns nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch verpflichtet.”
– Adolf Hitler, 23. März 1933

Du Glücklicher. Ich hab heut 1000km mitm KFZ gerissen und hatte (wie immer eigentlich) vergessen Mugge/Abwechslung mitzuehmen. Permanent das sogenannte Radio durchzappen (und immer wieder ausmachen) ist mit so aufregenden Bahnfahrten nicht zu vergleichen.
Ääh, was wollte ich? Ach eine Bahnfahrt — die ist wenigstens lustig …
Ohne Musik wäre auch eine Bahnfahrt oft eine noch größere Qual.
Gleich und Gleich gesellt sich gern.
Ja, gerade darum hielt ich es für erwähnenswert. Mit denen habe ich doch wahrlich nicht viel gemein!
Käme u. a. darauf an, ob Du Deinen angedachten Kurzhaarschnitt beibehalten hast oder doch wieder die Dreadlocks anstrebst.
endlich wieder ein Hitlerzitat
Natürlich — wie versuchsweise immer bei Bahnartikeln.
Ich habe ’ne Nachbarin, die der hier beschriebenen Dame zumindest dem Verhalten nach in etwa entspricht, was mich bereits veranlasste, Anfragen bei Personensuchmaschinen zu starten, wobei sich ergab, sie sei auch Sexualtherapeutin, was man durchaus hört, wobei man sich fragt, ob sie sich sich nicht selbst therapiert. Ich könnte Dir die Uhrzeiten nennen, zu denen sie das Haus verlässt bzw. betritt. Ich würde es begrüßen, wenn Du sie ein wenig begleiten könntest. Du solltest allerdings etwas gesprächiger sein, als im Zug. Ich bin sicher, Du fändest die passenden Worte.
In deiner Gegend wohnen halt nur merkwürdige Leute.