Netzfundstücke
Ganz neu: Schwarzkopien schädigen die Gesellschaft

Dass die Vor­sitzen­den der Plat­ten­fir­men sich das Ben­zin für ihren May­bach nicht mehr leis­ten kön­nen, wenn wir nicht alle aufhören, Kopi­en zu rauben (ob nun per Audiokas­sette oder via Inter­net), ist eine alt­bekan­nte Mär; dass Raub gemäß § 249 StGB man­gels Gewal­tan­wen­dung beim Anfer­ti­gen der Kopi­en in der Regel nicht vor­liegt, sollte sich auch noch mal herum­sprechen. Angesichts der immer gle­ichen Leier von den armen Rechtev­er­w­ert­ern ist es ziem­lich erfrischend, wenn man auch mal etwas anderes zu lesen bekommt.

Zum Beispiel ver­fol­gt Peter Singer, selb­st Autor und somit vom bösen Inter­net geschädigter Kreativ­er, einen sel­te­nen Ansatz, indem er schreibt:

Urhe­ber­rechte müssen auch im Inter­net ver­w­ert­bar sein. Son­st wer­den sich viele Kreative ihr Geld auf andere Weise ver­di­enen – und die Gesellschaft ist der Ver­lier­er.

Der Umstand, dass Urhe­ber­rechte wed­er veräußer­lich noch ver­w­ert­bar sind, fällt Buchau­toren wahrschein­lich weniger auf als Musik­ern, denen ihre Urhe­ber­schaft nur sel­ten viel Geld ein­bringt, da alles bei den Ver­w­ert­ern hän­gen bleibt. Die Argu­men­ta­tion ist aber mal inter­es­sant: Wenn die Inter­net­nutzer nicht aufhören, seine Inhalte miteinan­der zu tauschen, wer­den die Erzeuger dieser Inhalte eines Tages alle­samt aufhören, Nach­schub zu pro­duzieren, und lieber etwas anderes tun. Bei manchen (Place­bo, Muse, Tim Bendzko) wäre das allerd­ings kein großer Ver­lust für die Gesellschaft.

Dabei begin­nt Peter Singers Kom­men­tar eigentlich ganz gut, indem er die Anek­dote erzählt, dass er selb­st bere­its ein raubkopiertes Buch zuge­sandt bekom­men und auch gele­sen hat­te. Lei­der fol­gt der Wen­depunkt umge­hend:

Wenn Leute raubkopierte Büch­er nutzen, erlei­den häu­fig der Ver­lag und der Autor einen Nachteil – sie ver­lieren ihre Ein­nah­men aus dem Verkauf des Buch­es.

Ab hier wird’s Käse. Um in der Musik­welt zu bleiben: Die meis­ten Musikalben, die ich gern hören würde, ver­suche ich vorher als unl­izen­zierte Kopi­en zu bekom­men, um mir ein aus­re­ichen­des Bild davon machen zu kön­nen, ob es sich lohnt. Blind­käufe sind sel­ten eine gute Idee, denn auch, wenn man vorher zum Beispiel ein Lied aus einem Album in ganz­er Länge gehört und für gut befun­den hat­te, sagt das noch nichts darüber aus, ob der Rest der enthal­te­nen Musik­stücke den Kauf wert sein würde oder ob man diesen nicht doch bereut. Bei Gefall­en beste­he ich aber darauf, das Gehörte auch in physis­ch­er Form zu besitzen, um meine Wertschätzung angemessen auszu­drück­en.

Ob sich dieses Ver­hal­ten im All­ge­meinen auch auf Büch­er über­tra­gen lässt? Ich bin zwar ein Fre­und dig­i­taler Medi­en im All­ge­meinen, nicht jedoch dig­i­taler Büch­er, denn “E‑Books” sind kein voll­w­er­tiger Ersatz für sel­bige. Irgen­det­was würde stets fehlen, und sei es nur das Umblät­tern oder die Gewis­sheit, ein Buch auch mal wochen­lang zur Seite leg­en zu kön­nen, ohne vor dem Weit­er­lesen die Bat­te­rien wech­seln zu müssen. Wom­öglich sollte Peter Singer sich aber mal bei Thalia beschw­eren — in deren Fil­ialen haben Besuch­er meist die Möglichkeit, jedes nicht eingeschweißte Buch auf mehr oder weniger beque­men Ses­seln zu lesen, ohne es kaufen zu müssen. Was da allein für Ver­luste entste­hen!

Wie zum Trotz hat welt.de an dieser Stelle eine acht­teilige Klick­strecke einge­fügt (sieben Teile plus Wer­bung): “So hoch sind der Ver­luste der Unternehmen durch Inter­net­pi­ra­terie…”. Darin ste­hen Fak­ten wie:

Alle EU-Län­der: 9,9 Mrd. Euro
Beschäf­ti­gungsab­bau: 186.400

Woher diese Zahlen kom­men? Man weiß es nicht. Dass Schwarzkopi­en die Schuld daran tra­gen, dass Unternehmen massen­haft Leute rauswer­fen, halte ich allerd­ings für ein Gerücht, aber die Springer-“Presse” war ja schon immer für ein wenig Pop­ulis­mus zu haben.

Nach einigem frag­würdi­gen Geschwafel über SOPA, PIPA, ACTA und Megau­pload (“der Kampf wird weit­erge­hen”, das fürchte ich auch) stellt Herr Singer dann noch mal seine eige­nen Absicht­en in Frage, indem er schreibt:

Ich bin nicht nur Leser, son­dern auch Autor. Eines der Wun­der des Inter­nets ist, dass einige mein­er älteren Werke, die lange nicht mehr liefer­bar sind, jet­zt sehr viel leichter erhältlich sind als früher – als Raubkopie

Gin­ge es nach ihm selb­st, wären seine “älteren Werke” also nun ver­grif­f­en, nicht mehr zugänglich, und wür­den ihm keine neuen Leser mehr bescheren. Dass er mit diesen “Werken” kein Geld mehr ein­nehmen kann, ist ihm egal, so lange sie eben nur auch nie­mand mehr kaufen kann. Ver­steh’ ich nicht. Peter Singer macht allerd­ings den Fehler, von Ver­brech­ern betriebene Plat­tfor­men wie Megau­pload und soziale, nicht auf die bloße Bere­icherung ihrer Betreiber fokussierte Net­ze wie etwa Kadem­lia (eMule/aMule) miteinan­der in einen Topf zu wer­fen. Ich gebe ihm insofern Recht, als es ein­fach ist, sich bessere Zwecke für “(…) Ein­nah­men aus Autoren­recht­en vorzustellen als den umweltschädlichen Lebensstil eines Kim Dot­com”. Den­noch hat Schwarzkopieren nur sel­ten etwas mit der­lei Aktiv­itäten zu tun.

Am Ende bekommt er doch noch die Kurve:

Aus­tralien, Kana­da, Israel, Neusee­land und viele europäis­che Län­der haben heute ein öffentlich­es Ver­leihrecht, das darauf aus­gelegt ist, Autoren und Ver­leger für die ihnen durch die Möglichkeit zur Entlei­he ihrer Büch­er in öffentlichen Büchereien ent­gan­genen Umsätze zu entschädi­gen. Wir brauchen etwas Ähn­lich­es für das Inter­net.

Es kön­nte über eine Nutzungs­ge­bühr finanziert wer­den, und wenn die Gebühr niedrig genug wäre, würde dies den Anreiz zur Nutzung von Raubkopi­en ver­ringern.

Was Peter Singer hier befür­wortet, ist eine Kul­tur­fla­trate — also das, was aus den Rei­hen der Piraten­parteien unge­fähr seit ihrem Beste­hen gefordert und von Kreativ­en wie Peter Singer meist mit Legal­isierung von Dieb­stahl gle­ichge­set­zt wird. Diese Entwick­lung ist zumin­d­est bemerkenswert.

Gegebe­nen­falls sollte Peter Singer sich zunächst ein­mal entschei­den, ob das Kopieren sein­er Texte nun erwün­scht (wegen ver­grif­f­en) oder nicht so erwün­scht (wegen Kim Schmitz) sein soll, bevor er sich daran wagt, einen Text zu schreiben, der sich für und/oder gegen file­shar­ing ausspricht. Ich fürchte allerd­ings, bevor diese Entschei­dung schließlich gefällt wor­den sein wird, macht er längst etwas anderes und lässt die Gesellschaft darunter lei­den.

Mich fröstelt es jet­zt schon.

Senfecke:

  1. man kön­nte meinen die Musik­er sind die wichtig­sten Men­schen im Lande.
    Hat­te das römis­che Reich ca 450 n.Chr. wohl die gle­ichen Prob­leme?

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