Medien auf: Alles voller “Plattformen”.
“Plattformen”, erklärt Steffan Heuer aktuell in einem mehrseitigen Artikel im Wirtschaftsmagazin “brand eins” (S. 48 ff.), seien die Dienste von Unternehmen wie Facebook, Amazon und Slack, von denen Entscheider aus Einfachheitsgründen gern mal Gebrauch machen. Dass Slack, das restriktive IRC für Mausschubser, als Standardlösung für Firmenchats und das Betriebssystem Unix als Computerfirma (Seite 53 unten) bezeichnet wird, nimmt dem Artikel freilich manche Seriösität.
Trotzdem sind “Plattformen” (als wäre nicht jede poplige Webseite bereits eine kleine “Plattform”!) gerade auch wegen des “NetzDG”, des vom Bundestag jüngst durchgewinkten Zensurgesetzes, gerade wieder ein aktuell schwelendes Thema: Patrick Breyer, einer der wenigen verbliebenen Datenschutz- und Netzpolitikfachleute der Piratenpartei, hat dieser Tage seinen Twitteraccount entfernt und wird fortan nur noch auf GNU Social erreichbar sein. GNU Social, den Jüngeren muss man das erklären, ist eine vom fanatisch religiösen GNU-Projekt gesteuerte “dezentrale” Alternative zu Twitter, die ähnlich aussieht, aber zumindest in der Theorie von jedem Benutzer selbst installiert werden kann, so dass die Anzahl an miteinander vernetzten Servern beliebig groß ist und eine zentrale Zensurinfrastruktur nicht ohne Weiteres eingerichtet werden kann. Von GNU Social gab es in der Vergangenheit mit Quitter eine twitterähnliche Instanz, die während einer der ungezählten Wellen von “wir gehen jetzt alle von dem doofen Zensurtwitter weg” in den letzten Jahren einen bedeutsamen Zuspruch fand; erst vor wenigen Wochen fanden Gab.ai und Mastodon als weitere Twitteralternativen größere mediale Aufmerksamkeit.
Nun steht und fällt natürlich der Erfolg einer solchen “Plattform” (meinten Sie: Website?) mit einer ausreichend großen Sogwirkung, und wer vor ein paar Jahren das Gewese um Ello, Minds und Diaspora mitbekommen hat, die allesamt ein viel besseres Facebook sein sollten, aber bis heute von den meisten der wenigen Benutzer vermutlich höchstens als Zweit- oder Drittkanal zu Twitter genutzt werden, der fasst sich bei Aufforderungen, man möge doch bitte in irgendeines dieser wie Unkraut nachwachsenden “dezentralen Netze” kommen, nur mehr an die Stirn. Twitter ist nicht so groß geworden, wie es heute ist, weil es besonders aktiv die Daten seiner Nutzer schützt, sondern, weil man gern nicht nur mit sich selbst reden würde. Auf GNU Social (und so weiter) sind die Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Menschen in Ermangelung anderer Menschen hingegen eher begrenzt, was durch die unregelmäßig auftretende Aufteilung der community in diverse, teilweise miteinander inkompatible Besser-als-Twitters nicht besser wird.
Natürlich gibt es Dienste, die man hinsichtlich ihrer liberalen Technik irgendwie besser finden kann als andere, die zumeist irgendwelchen kommerziell orientierten Unternehmen gehören. Man kann also seine Erreichbarkeit in den großen “sozialen Netzwerken” auf ein Minimum beschränken und der dritte oder vierte Benutzer von GNU Social werden. Man kann auch aus Prinzip irgendein Nischenbetriebssystem nutzen, für das es höchstens drei brauchbare Anwendungen gibt, um es Microsoft mal so richtig zu zeigen. Man kann sich auch ein Bein abhacken, damit skrupellose Schuhhersteller nur noch die Hälfte bekommen. Blödheit ist ja nicht verboten.
Effektiv ist sie nur eben auch nicht unbedingt.
(Offenlegung: Man findet mich sowohl auf Diaspora als auch auf Quitter, jedoch bin ich insbesondere auf Quitter allenfalls alle paar Wochen einmal lesend aktiv.)

Ich fand schon Laconica super. Genau das dezentrale Prinzip macht gnusocial so dufte. Ähnlich wie XMPP.
Was ist denn Laconica jetzt wieder?
Laconica war der Vorgänger von status.net
Ah, danke.
Hei, einen Punkt von dir möchte ich noch unzerstreichen. Wenn sich alle, die sich um Datenschutz scheren, gemeinsam eine tolle alternative schaffen würden, dann wären da durchaus ein paar Menschen (ich finde alle politiker sollten unabhängig von Großkonzernen sein und facebook, twitter nicht nutzen) dann wären immerhin ein paar Menschen dort. Wenn aber jeder, der sich um Datenschutz schert sein eigenes untereinander incompatibles System baut, dann wirds nichts. Wir sollten uns für eine Alternative entscheiden und die groß machen, dass sie wirklich eine Alternative wird.
Das wurde oft genug versucht. Nur erwartet jeder etwas anderes von einer Alternative. Deswegen gibt es ja so viele. Tja…
Gutes Beispiel: Mastodon. Es soll bitte genau wie Twitter sein, nur nicht Twitter heißen. Und nun?
Also ich nutze mittlerweile nichts mehr aus dem Bereich Sozialmedia!
Was mich aber immer an den freien Alternativen geärgert hat ist das sie immer eine Integration zu den unfreien hatte aber nie eine zu freien anderen alternativen. Das heißt zum Beispiel das man sich mit aus Diaspora heraus von Anfang an mit Facebook und Twitter verbinden konnte aber nie mit Friendica Quitter und anderen.
Sonst verstehe ich deinen Rant auf die freien alternativen und gerade gegen das GNU-Projekt nicht, das sind Leute die einen Standpunkt haben und den nicht gleich fallen lassen und auch weiterhin gegen die Taube Mehrheit von Schafen versuchen die Welt zu verbessern.
Niemand zwingt dich oder andere etwas von diesem Projekt zu benutzen!
Im Gegenzug dazu besteht sehr wohl ein Zwang der (A-)Sozialen Gesellschaft die Unfreien Sachen zu nutzen und das nicht nur bei den SozialMedia sondern auch bei den Spitzelbetriebsystemen bzw. neudeutsch SpyOS!
Im Gegensatz zu Dir weiß ich was es heißt sich diesem Zwang zu widersetzen und mit den folgen zu leben, aber das ist mir alle mal lieber!
Für mich ist es ebenso nur noch eine frage der Zeit, also wann meine Rechner kaputt sind, wie lange ich noch das kaputte Internet nutze. Geld investiere ich dann keinen einzigen Cent mehr darin und wenn Rechner kaputt dann brauche ich auch keinen Provider mehr der verdient jetzt noch als einziger daran.
Und das liegt auch an Leuten wie Dir! Jehova! Jehova!
Jeder Hansfranz hat einen “Standpunkt”. Du hast einen, ich habe einen, das GNU-Projekt hat einen. Das qualifiziert noch nicht automatisch zu moralischer Überlegenheit.
Aber wer genau zwingt hier irgendwen, irgendein bestimmtes System zu nutzen? Ich kenne Menschen, die an überhaupt keinen “sozialen Medien” teilnehmen. Ich bin auch nur auf Twitter, weil mir sehr oft langweilig und Twitter recht unterhaltsam ist. Es gibt tatsächlich Menschen, die das mit Absicht machen, ob Leute wie du das nun verstehen oder nicht, ist da weitgehend zweitrangig. Nicht alles, was man tut, aber eigentlich nicht zum täglichen Überleben notwendig ist, ist ein “Zwang”.
Im Gegensatz zu den GNU-Heinis versuche ich auch niemanden zu irgendeiner “Plattform” zu bekehren. Das unterscheidet Anstand von Fanatismus.
Moinsen!
Na ich weiß nicht. Stark philosophisch betont wäre eher meine Auffassung, Religiös; hmm. Wenn man den Missionarischen Aspekt gleich zu religiös ummünzen will, dann ist das zwar immer noch ein ziemlich gewagter Sprung IMHO, aber zumindest irgendwie theoretisch nachvollziehbar. Sehe ich aber anders. Ich sehe da ein paar Leute, die sich mächtig Gedanken darüber machen, wie das alles rings um Kompjuter laufen könnte. Das da sicherlich so ein paar Elfenbeintürme als Nebenprodukt entstehen, liegt wohl in der Natur der Sache.
Egal, ich finds gut, daß die da sind, immer wieder meckern und versuchen Alternative aufzuzeigen und anzubieten.
So, zum Semf jehört ne Wurscht! Prost!
Den finde ich so cool, den nehme ich …
Schon mal mit Veganern an einem Tisch gesessen???