{"id":984,"date":"2009-10-23T23:17:32","date_gmt":"2009-10-23T21:17:32","guid":{"rendered":"http:\/\/tuxproject.de\/blog\/?p=984"},"modified":"2016-07-13T15:26:22","modified_gmt":"2016-07-13T13:26:22","slug":"sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2009\/10\/sie\/","title":{"rendered":"Sie. (Fragment)"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 Noch in seinem Ses\u00adsel, er hat\u00adte l\u00e4ngst die Zeit aus den Augen ver\u00adloren, \u00fcberkam ihn ein selt\u00adsames Gef\u00fchl. Er blick\u00adte an sich herab. Was war nur mit ihm passiert?<br>\nEr lie\u00df die Zeit, seit <span style=\"font-style:italic\">sie<\/span> fort war, Revue passieren. Das war nun schon lange her, und den\u00adnoch ber\u00fchrte es ihn noch immer sehr, wann immer er an sie dachte; und er dachte oft an sie.<\/p>\n<p>Als <span style=\"font-style:italic\">sie<\/span> noch bei ihm war, so sagten seine Fre\u00adunde und seine Fam\u00adi\u00adlie, schien er voller Lebens\u00adfreude, mit sich und dem Leben im Reinen. Seine Augen leuchteten und seine Wan\u00adgen gl\u00fcht\u00aden, wenn er von ihr sprach. Sie hat\u00adte sein Leben bere\u00adichert, war l\u00e4ngst zu einem Teil von ihm gewor\u00adden; nein, sie <span style=\"font-style:italic\">war<\/span> sein Leben. Men\u00adschen ver\u00e4n\u00addern sich, dachte er, und das nicht immer nur zum Guten. Er hat\u00adte es, wie so oft, gr\u00fcndlich ver\u00admas\u00adselt, hat\u00adte dadurch, dass er nur keine Fehler machen wollte, den gr\u00f6\u00dften Fehler seines bish\u00aderi\u00adgen und, so meinte er, ver\u00admut\u00adlich auch zuk\u00fcn\u00adfti\u00adgen Lebens gemacht.<\/p>\n<p>Hat\u00adten sie nicht die sch\u00f6n\u00adste Zeit ihres oder jeden\u00adfalls min\u00addestens seines Lebens gemein\u00adsam ver\u00adbracht? Und dachte sie eigentlich genau so? Er wusste es nicht, es war ihm in dieser Minute auch v\u00f6l\u00adlig egal. \u201cGanz sch\u00f6n selb\u00adst\u00ads\u00fcchtig\u201d, dachte er und ver\u00adachtete sich, wie so oft in den let\u00adzten Monat\u00aden, f\u00fcr seine eige\u00adnen unaus\u00adge\u00adsproch\u00adenen Gedanken.<\/p>\n<p>Nach\u00addem sie es been\u00addet hat\u00adte, war er nicht in Depres\u00adsion ver\u00adfall\u00aden \u2014 die h\u00e4tte er ver\u00admut\u00adlich l\u00e4ngst \u00fcber\u00adwun\u00adden -, son\u00addern in Apathie. Seine Zukun\u00adft\u00adspl\u00e4ne lagen in Scher\u00adben, das Leucht\u00aden war ver\u00adschwun\u00adden. Es blieb eine Leere, die er, wenn er die Augen schloss, wie ein gro\u00dfes schwarzes Loch vor sich sah.<\/p>\n<p>Im Radio lief \u201cWas z\u00e4hlt\u201d der Toten Hosen. Er sang leise mit:<\/p>\n<p><span style=\"font-style:italic\">\u201cF\u00fcr mich ist gestern wert\u00adlos und mor\u00adgen ganz egal, so lange du mir ver\u00adsprichst, dass du mich hal\u00adten kannst\u2026\u201d<\/span><\/p>\n<p>\u00dcber all die Monate, bald Jahre hat\u00adte er jeglich\u00ades Inter\u00adesse daran, seine Ver\u00adgan\u00adgen\u00adheit <span style=\"font-style:italic\">endlich<\/span> ruhen zu lassen, abgelegt. Nie\u00admand anders, dessen war er sich sich\u00ader, hat\u00adte ihm je dieses Gef\u00fchl gegeben, und er kon\u00adnte sich nicht vorstellen, dass <span style=\"font-style:italic\">eine andere<\/span> es ihm jemals geben k\u00f6n\u00adnte.<\/p>\n<p>Er war damals \u2014 <span style=\"font-style:italic\">fr\u00fcher<\/span> \u2014 sich\u00ader nie ein Kostver\u00e4chter gewe\u00adsen, aber er wusste: Wenn er jemals wieder gl\u00fcck\u00adlich wer\u00adden wollte, brauchte er <span style=\"font-style:italic\">sie<\/span> daf\u00fcr. Nat\u00fcr\u00adlich gab es andere Frauen in seinem Fre\u00adun\u00addes- und Bekan\u00adntenkreis, und nat\u00fcr\u00adlich h\u00e4tte er, und sei es aus Trotz, ver\u00adsuchen k\u00f6n\u00adnen, seine Geschichte in ihren Armen zu vergessen. Allein: Er wusste eben\u00adso wie sie, dass dies unm\u00f6glich funk\u00adtion\u00adieren kon\u00adnte. Er w\u00fcrde ihnen \u2014 und sich \u2014 das Herz brechen. In seinen Tr\u00e4u\u00admen sah er <span style=\"font-style:italic\">sie<\/span>. In seinen Tr\u00e4u\u00admen war er gl\u00fcck\u00adlich, seine Augen leuchteten und seine Wan\u00adgen gl\u00fcht\u00aden. Nein, so kon\u00adnte das nicht funk\u00adtion\u00adieren.<\/p>\n<p>Vielle\u00adicht hat\u00adte er nur noch eine Chance, vielle\u00adicht keine mehr; auf jeden Fall musste er es ver\u00adsuchen. Er musste seinen Mut zusam\u00admen\u00adnehmen, er musste sie zur\u00fcck\u00adgewin\u00adnen. Was sollte ihm passieren? Er hat\u00adte nichts zu ver\u00adlieren, er kon\u00adnte nur gewin\u00adnen. Den Haupt\u00adgewinn. <span style=\"font-style:italic\">Sie<\/span>.<\/p>\n<p>Zufrieden l\u00e4chel\u00adnd im Gedanken an das Gl\u00fcck griff er zaghaft nach der Bier\u00adflasche, die halb geleert neben ihm stand.<br>\nEine ver\u00adtraute Stimme in sein\u00ader Erin\u00adnerung fl\u00fcsterte leise: \u201cIch liebe dich.\u201d \u2026<\/p>\n<p>(Stim\u00admung heute: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?gl=DE&amp;hl=de&amp;v=3LbBj0x_VRA\" target=\"_blank\">Schw\u00fcl\u00adstig<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 Noch in seinem Ses\u00adsel, er hat\u00adte l\u00e4ngst die Zeit aus den Augen ver\u00adloren, \u00fcberkam ihn ein selt\u00adsames Gef\u00fchl. Er blick\u00adte an sich herab. Was war nur mit ihm passiert? Er lie\u00df die Zeit, seit sie fort war, Revue passieren. Das war nun schon lange her, und den\u00adnoch ber\u00fchrte es ihn noch immer sehr, wann \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2009\/10\/sie\/\" class=\"more-link\">\u2018Sie. (Frag\u00adment)\u2019 weit\u00ader\u00adlesen \u00bb<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[1,3],"tags":[],"series":[],"class_list":["post-984","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-persoenliches","category-lyrik"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"wp-worthy-pixel":{"ignored":false,"public":null,"server":null,"url":null},"wp-worthy-type":"normal","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/984","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=984"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/984\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=984"},{"taxonomy":"series","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/series?post=984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}