{"id":8276,"date":"2013-08-13T16:03:51","date_gmt":"2013-08-13T14:03:51","guid":{"rendered":"http:\/\/tuxproject.de\/blog\/?p=8276"},"modified":"2014-05-08T10:54:52","modified_gmt":"2014-05-08T08:54:52","slug":"gesellschaftsprognosen-anhand-von-sprachanalyse-und-warum-sie-bloedsinn-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2013\/08\/gesellschaftsprognosen-anhand-von-sprachanalyse-und-warum-sie-bloedsinn-sind\/","title":{"rendered":"Gesellschaftsprognosen anhand von Sprachanalyse und warum sie Bl\u00f6dsinn sind"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Titel \u201cDas Ego in der Sprache\u201d <a href=\"http:\/\/www.sprachlog.de\/2013\/08\/12\/googleology-gets\/\">reflek\u00adtierte Susanne Flach<\/a> (die trotz des sprachkri\u00adtis\u00adchen Umfelds, in dem sie pub\u00adliziert, dem Binnen\u2011I ver\u00adfall\u00aden ist) gestern eine <a href=\"http:\/\/pss.sagepub.com\/content\/early\/2013\/08\/07\/0956797613479387.abstract\">Studie<\/a>, aus der her\u00advorge\u00adht, dass seit dem 19. Jahrhun\u00addert Ver\u00adben f\u00fcr indi\u00advidu\u00adellen Besitz zuse\u00adhends mehr Ver\u00adben f\u00fcr gemein\u00adschaftlich\u00ades Teilen ver\u00addr\u00e4ngt haben.<\/p>\n<p>Aus dieser Studie geht unter anderem ein Anstieg des Wortes \u201cchoose\u201d (\u201cw\u00e4hlen\u201d) und ein Abfall des Wortes \u201coblig\u00aded\u201d (\u201cverpflich\u00adt\u00adend\u201d) in auf Google Books ver\u00adf\u00fcg\u00adbaren B\u00fcch\u00adern her\u00advor. Hm, tja, nun \u2014 dass Par\u00adtizip\u00adi\u00aden weniger ver\u00adbre\u00adit\u00adet sind als For\u00admen, die zugle\u00adich Infini\u00adtiv, Imper\u00ada\u00adtiv und sonst\u00adwie flek\u00adtiertes Verb sein k\u00f6n\u00adnen, ist nun nichts, f\u00fcr dessen Ver\u00adst\u00e4nd\u00adnis ich eine Studie br\u00e4uchte. Dass eine von Frau Flach dahinge\u00adhend angepasste Ver\u00adgle\u00adichssuche (die unter anderem auch \u201ccho\u00adsen\u201d und \u201coblige\u201d miteinan\u00adder ver\u00adgle\u00adicht) zu einem immer\u00adhin \u00e4hn\u00adlichen Ergeb\u00adnis kommt, ist zumin\u00add\u00adest eine Anmerkung wert. (Ob auf Google Books nur englis\u00adchsprachige B\u00fcch\u00ader zu find\u00aden sind, wei\u00df ich nicht. Das Wort \u201coblige\u201d ist nicht nur im Englis\u00adchen heimisch, jed\u00ader Ver\u00adgle\u00adich w\u00e4re anson\u00adsten also verz\u00ader\u00adrt.)<\/p>\n<p>Dass man aus ein\u00ader so belegten Studie keine Schl\u00fcsse ziehen sollte, ist immer\u00adhin wahr, Frau Flach belegt dies anhand von \u201cshare\u201d (deut\u00adlich\u00ader Anstieg) und \u201cself\u00adish\u201d (nicht). \u201cMoment, <em>share<\/em>?\u201d Genau: Im Zeital\u00adter der <em>total\u00aden Ver\u00adnet\u00adzung<\/em> erh\u00e4lt das <em>shar\u00ading<\/em> nat\u00fcr\u00adlich auch in B\u00fcch\u00adern mehr Anerken\u00adnung, seit Mitte der 1970er Jahre (die Geschichte von TCP\/IP und die von UNIX bitte ich aus\u00adnahm\u00adsweise selb\u00adst nachzuschla\u00adgen, obwohl\u2019s das <a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2013\/08\/in-eigener-sache-ich-und-das-osbn\/\">OSBN<\/a> vielle\u00adicht freuen w\u00fcrde) steigt seine Ver\u00adwen\u00addung auf\u00adfal\u00adl\u00adend schnell an. Vielle\u00adicht w\u00e4re ein Ver\u00adgle\u00adich von \u201cshare\u201d und \u201clock\u201d\/\u201chide\u201d hier der kl\u00fcgere gewe\u00adsen.<\/p>\n<p>Susanne Flach zieht zwar die richti\u00adgen Schl\u00fcsse (dass H\u00e4u\u00adfigkeitsver\u00adgle\u00adiche von unge\u00adf\u00e4hren Wort\u00adpaaren eben <del>Keese<\/del> K\u00e4se sind), ver\u00ads\u00e4umt aber lei\u00adder eine Gege\u00adn\u00adanalyse auf gesellschaftlich\u00ader Basis anzufer\u00adti\u00adgen. Nun, das ist vielle\u00adicht auch kein f\u00fcr ein Sprach\u00adblog geeigneter Inhalt. Ich ver\u00adsuche es mal selb\u00adst:<\/p>\n<p>Der Men\u00adsch ist ein Ego\u00adist. Das ist aus\u00adnahm\u00adsweise kein Vor\u00adwurf, son\u00addern evo\u00adlu\u00adtion\u00e4r bed\u00adingt: Der gern gebende Men\u00adsch h\u00e4tte sich \u2014 <em>sur\u00advival of the fittest<\/em> \u2014 nicht gegen die anderen Arten durch\u00adset\u00adzen k\u00f6n\u00adnen, stattdessen war er stets darauf bedacht, die eigene Art zu etablieren. Das hat sich bis heute kaum ge\u00e4n\u00addert, obwohl\u2019s <em>die H\u00f6flichkeit<\/em> gebi\u00adeten mag, dies vorder\u00adgr\u00fcndig in den Hin\u00adter\u00adgrund (ha!) zu stellen. Zwar wei\u00df wohl jed\u00ader denk\u00adende Men\u00adsch, dass der l\u00e4chel\u00adnde Gegen\u00fcber eben\u00adso Ver\u00adach\u00adtung zu empfind\u00aden ver\u00admag wie er selb\u00adst, jedoch ist <em>gesellschaftlich erw\u00fcn\u00adscht\u00ades L\u00fcgen<\/em> (im Gegen\u00adsatz zum uner\u00adw\u00fcn\u00adscht\u00aden L\u00fcgen \u2014 das \u00fcbern\u00adimmt die Bun\u00addesregierung) unver\u00admin\u00addert en vogue.<\/p>\n<p>Diese L\u00fcgen begin\u00adnen im Kleinen: W\u00fcn\u00adscht ihr Frem\u00adden auf der Stra\u00dfe einen guten Mor\u00adgen, weil man das <em>eben so macht<\/em>? W\u00fcn\u00adscht ihr euren Nach\u00adbarn ein fro\u00adhes Fest, obwohl ihr wisst, dass er wie wohl die meis\u00adten Men\u00adschen christliche Feiertage nur kon\u00adsum\u00adierend, nicht aber feiernd ver\u00adbringt? Dann meint ihr eure W\u00fcn\u00adsche nicht ehrlich und aufrichtig \u2014 <em>ihr l\u00fcgt<\/em> mit dem blo\u00dfen Ziel, eure gesellschaftliche Stel\u00adlung hochzuhal\u00adten. <em>Sur\u00advival of the fittest.<\/em> Dass das Indi\u00advidu\u00adum sich also gesellschaftlichen Nor\u00admen unter\u00adwirft, geschieht nur zu dem Zweck, seine eige\u00adnen Pfr\u00fcnde zu wahren. Anders gesagt: Das gesellschaftliche Miteinan\u00adder wird allein aus ego\u00adis\u00adtis\u00adchen Motiv\u00aden gef\u00f6rdert, hier han\u00addelt es sich also nicht um Gegen\u00ads\u00e4tze, son\u00addern um zwei Teile eines Gesamtkonzepts. Genau so funk\u00adtion\u00adiert \u00fcbri\u00adgens das mit dem <em>shar\u00ading<\/em> in \u201csozialen Net\u00adzw\u00aderken\u201d: Ich teile Inhalte mit anderen, um wiederum andere daf\u00fcr zu inter\u00adessieren, was <b>ich<\/b> schreibe.<\/p>\n<p>Das Konzept ist ein\u00adleuch\u00adt\u00adend: Per\u00adson x teilt lesenswerte Inhalte, das macht Per\u00adson x zwecks Ver\u00adnet\u00adzung beachtlich, nicht aber diejeni\u00adgen, die Urhe\u00adber der geteil\u00adten Inhalte sind. Ein Retweet auf Twit\u00adter hat \u00e4hn\u00adliche Auswirkun\u00adgen: Es wer\u00adden immer auch der urspr\u00fcngliche Schreiber sowie dessen Ver\u00adfol\u00adger auf den <b>eige\u00adnen<\/b> Twit\u00adter\u00adac\u00adcount aufmerk\u00adsam gemacht. \u201cPer\u00adson x hat meinen Tweet weit\u00aderge\u00adsagt \u2014 hm, Per\u00adson x kenne ich noch nicht, schaue ich mir mal an\u201d. Der Men\u00adsch ist ein ego\u00adis\u00adtis\u00adches Her\u00adden\u00adtier. Das Konzept funk\u00adtion\u00adiert oben\u00addrein nicht nur im Inter\u00adnet, son\u00addern l\u00e4sst sich auf eigentlich jedes soziale Kon\u00adstrukt ausweit\u00aden. Insofern hat der Anstieg des Wortes <em>share<\/em> einen am\u00fcsan\u00adten Beigeschmack: <em>Shar\u00ading<\/em> als gesellschaftlich erw\u00fcn\u00adschte Form des Ego\u00adis\u00admus ist Mode gewor\u00adden.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend \u201cihr\u201d selb\u00adstver\u00adst\u00e4ndlich klein bleibt, wird das \u201cIch\u201d in der englis\u00adchen Sprache bis heute gro\u00df geschrieben. Was sagt das eigentlich \u00fcber die angloglotte Gesellschaft aus?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel \u201cDas Ego in der Sprache\u201d reflek\u00adtierte Susanne Flach (die trotz des sprachkri\u00adtis\u00adchen Umfelds, in dem sie pub\u00adliziert, dem Binnen\u2011I ver\u00adfall\u00aden ist) gestern eine Studie, aus der her\u00advorge\u00adht, dass seit dem 19. Jahrhun\u00addert Ver\u00adben f\u00fcr indi\u00advidu\u00adellen Besitz zuse\u00adhends mehr Ver\u00adben f\u00fcr gemein\u00adschaftlich\u00ades Teilen ver\u00addr\u00e4ngt haben. Aus dieser Studie geht unter anderem ein Anstieg \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2013\/08\/gesellschaftsprognosen-anhand-von-sprachanalyse-und-warum-sie-bloedsinn-sind\/\" class=\"more-link\">\u2018Gesellschaft\u00adsprog\u00adnosen anhand von Sprach\u00adanalyse und warum sie Bl\u00f6dsinn sind\u2019 weit\u00ader\u00adlesen \u00bb<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[8,7],"tags":[],"series":[],"class_list":["post-8276","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-netzfundstucke","category-sonstiges"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"wp-worthy-pixel":{"ignored":false,"public":null,"server":null,"url":null},"wp-worthy-type":"normal","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8276"},{"taxonomy":"series","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/series?post=8276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}