{"id":3641,"date":"2011-01-07T08:30:32","date_gmt":"2011-01-07T07:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/tuxproject.de\/blog\/?p=3641"},"modified":"2011-01-07T08:40:51","modified_gmt":"2011-01-07T07:40:51","slug":"anbiedermanner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2011\/01\/anbiedermanner\/","title":{"rendered":"Anbiederm\u00e4nner"},"content":{"rendered":"<p>Was mir selb\u00adst zwar noch nicht begeg\u00adnet, aber dank zahlre\u00adich\u00ader Fernse\u00adh\u00fcber\u00adtra\u00adgun\u00adgen entsprechen\u00adden Inhalts l\u00e4ngst zur Gen\u00fcge bekan\u00adnt ist, ist eine \u00fcble Marotte, die sich aus\u00adl\u00e4ndis\u00adche K\u00fcn\u00adstler im Laufe der let\u00adzten Jahrzehnte \u00fcber\u00adwiegend zugelegt haben und der sie aus\u00adgiebig fr\u00f6\u00adnen, wenn sie Deutsch\u00adland betouren. Diese Marotte ist die Anbiederung. Was bei den Bea\u00adt\u00adles noch kon\u00adse\u00adquent war, ver\u00adbracht\u00aden sie doch einen Gro\u00dfteil ihrer fr\u00fchen Kar\u00adri\u00adere\u00adjahre in Ham\u00adburg, ist bei \u201cK\u00fcn\u00adstlern\u201d j\u00fcn\u00adger\u00ader Jahre nur mehr als pen\u00ade\u00adtrant zu werten.<\/p>\n<p>Ein nicht mehr allzu aktuelles Beispiel, um zu ver\u00adan\u00adschaulichen, was gemeint ist: Da ste\u00adht also ein Welt\u00adstar wie, sagen wir mal, <a href=\"http:\/\/www.bunte.de\/stars\/robbie-williams-er-heizt-10-000-berlinern-ein_aid_13023.html\">Rob\u00adbie Williams<\/a> auf ein\u00ader B\u00fchne vor \u201crund 10.000 Fans\u201d, alter\u00adna\u00adtiv \u201cvor 10.000 Berlin\u00adern\u201d, eins wird schon stim\u00admen, die alle\u00adsamt oder jeden\u00adfalls gro\u00dfteils Geld bezahlt haben, um Her\u00adrn Williams\u2019 dr\u00f6gem Pop zu lauschen, und dann han\u00addelt der Konz\u00adert\u00adbericht nicht etwa von seinem Gesangsstil oder den vor\u00adge\u00adtra\u00adge\u00adnen St\u00fcck\u00aden, wom\u00ad\u00f6glich gar gepaart mit Kri\u00adtik an der enthal\u00adte\u00adnen Lyrik, son\u00addern vielmehr liegt man dem K\u00fcn\u00adstler zu F\u00fc\u00dfen, weil er nicht nur doof auf der B\u00fchne rumh\u00fcpft, son\u00addern auch noch ein paar auswendig gel\u00adernte Phrasen abspult. <span style=\"font-style:italic\">Sog\u00adar einige Begr\u00fc\u00dfun\u00adgen auf Deutsch hat\u00adte Williams f\u00fcr sein Pub\u00adlikum parat. \u201cDanke sch\u00f6n\u201d und \u201cIch liebe Euch\u201d ver\u00adset\u00adzte<\/span>(n)<span style=\"font-style:italic\"> das Pub\u00adlikum in wahre Freuden\u00adtaumel<\/span>, wenn das Pub\u00adlikum von der darge\u00adbote\u00adnen \u201cMusik\u201d schon nicht begeis\u00adtert ist, hil\u00adft es offen\u00adbar, stattdessen ein\u00adfach mal irgend\u00adwas daherzus\u00fclzen, <span style=\"font-style:italic\">und er ges\u00adtand<\/span>, tat ihm wohl echt Leid, <span style=\"font-style:italic\">nach den<\/span>, unfass\u00adbar, ganzen <span style=\"font-style:italic\">sieben darge\u00adbote\u00adnen Songs: \u201cDanke, Deutsch\u00adland, f\u00fcr alles, was ihr f\u00fcr mich getan habt.\u201d<\/span><\/p>\n<p>Was das ist, was Deutsch\u00adland f\u00fcr ihn wie auch f\u00fcr all die anderen K\u00fcn\u00adstler, die diese Kun\u00adst der Anbiederung zu beherrschen meinen, getan haben soll, bleibt im Ungewis\u00adsen. Man stelle sich das aber ein\u00admal vor: Da ste\u00adht ein mil\u00adliar\u00adden\u00adschw\u00ader\u00ader Welt\u00adstar auf ein\u00ader B\u00fchne, ver\u00addi\u00adent mal eben ein paar hun\u00addert Kr\u00f6ten pro Takt und h\u00e4lt es dann noch f\u00fcr n\u00f6tig, deutsche Phrasen zu dreschen, ver\u00admut\u00adlich, damit das Pub\u00adlikum denkt: Oh, er kann Deutsch, das macht ihn direkt viel weniger zu einem schmalzi\u00adgen Pop\u00adstar, son\u00addern zu <span style=\"font-style:italic\">einem von uns<\/span>!<\/p>\n<p>G\u00f6tz Als\u00admann, ein\u00ader der let\u00adzten akzept\u00adablen (unter anderem) Fernsehmod\u00ader\u00ada\u00adtoren Deutsch\u00adlands, sagte ein\u00admal sin\u00adngem\u00e4\u00df: Empfind\u00adun\u00adgen, die man, auf irgen\u00addein Pub\u00adlikum fix\u00adiert, in ein\u00ader frem\u00adden Sprache aus\u00addr\u00fcckt, etwa beim Schreiben fremd\u00adsprachiger Lieder, bleiben Worth\u00fclsen ohne Inhalt. Ich zum Beispiel besuche ein Konz\u00adert oder eine Lesung nor\u00admaler\u00adweise, damit die jew\u00adeili\u00adgen Pro\u00adtag\u00ado\u00adnis\u00adten mich mit ihrer musikalis\u00adchen und\/oder poet\u00adis\u00adchen Ader begl\u00fcck\u00aden. Stam\u00admen die Pro\u00adtag\u00ado\u00adnis\u00adten aus dem Aus\u00adland, so erwarte ich nicht, dass sie ihr Werk zuvor auf Deutsch \u00fcber\u00adset\u00adzen, aber dann m\u00f6chte ich doch bitte auch nicht, dass sie sich neben\u00adbei mit ein\u00ader Sprache qu\u00e4len, die sie nicht beherrschen. Um mich auf Musik\u00ader zu beschr\u00e4nken und es ein wenig abzuk\u00fcrzen: Auf einem Konz\u00adert erwarte ich, dass der von meinem ergaunerten Geld teuer bezahlte K\u00fcn\u00adstler mich mit sein\u00ader <a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2009\/03\/marnie-stern-this-is-it-and-i-am-it-and-you-are-it-and-so-is-that-and-he-is-it-and-she-is-it-and-it-is-it-and-that-is-that\/\" title=\"Marnie Stern \u2013 This Is It and I Am It and You Are It and So Is That and He Is It and She Is It and It Is It and That Is That\">gern auch fremd\u00adsprachi\u00adgen<\/a> Musik unter\u00adh\u00e4lt, nicht jedoch, dass er mich auf Deutsch voll\u00ads\u00fclzt. M\u00f6chte ich von Leuten, die es nicht beherrschen, auf Deutsch vollges\u00fclzt wer\u00adden, so besuche ich eine Beruf\u00adss\u00adchule oder eine Sitzung im Reich\u00adstag, aber kein Konz\u00adert eines welt\u00adbekan\u00adnten K\u00fcn\u00adstlers.<\/p>\n<p>\u201cWelt\u00adbekan\u00adnt\u201d ist ohne\u00adhin ein wichtiges Stich\u00adwort. Wertes Berlin\u00ader Pub\u00adlikum beziehungsweise Pub\u00adlikum in Berlin, das ihr von Rob\u00adbies \u201cDankesch\u00f6n!\u201d offen\u00adbar total von den Sock\u00aden wart, wie auch liebe andere Pub\u00adlik\u00fcme, die ihr anbe\u00adtend eurem jew\u00adeili\u00adgen Idol zu F\u00fc\u00dfen liegt, wenn es deutsche Phrasen drischt: Glaubt ihr tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich, \u201cohne Schei\u00df\u201d, dass der K\u00fcn\u00adstler sich, wom\u00ad\u00f6glich oben\u00addrein her\u00adzlich, bei euch bedankt, dass ihr so toll mitk\u00adlatscht, gar anfangt zu johlen, wenn ihr nach den ersten paar Sekun\u00adden das jew\u00adeilige Lied erkan\u00adnt habt und das f\u00fcr erw\u00e4h\u00adnenswert hal\u00adtet? Nein, der K\u00fcn\u00adstler bekommt sein Geld auch, wenn ihr stumm auf eurem Aller\u00adw\u00adertesten sitzen bleibt und die Fresse hal\u00adtet. Dass ihr seine Lieder erken\u00adnt, m\u00fcsst ihr ihm auch nicht mit\u00adteilen, denn davon geht er aus. Und wenn ihr nicht herumh\u00fcpft wie doof, son\u00addern euch ein\u00adfach mal so ver\u00adhal\u00adtet, dass man nicht etwas lauter reden beziehungsweise sin\u00adgen muss, um euer Gejohle zu \u00fcbert\u00f6\u00adnen, so wird das auch einen Rob\u00adbie Williams nicht in den Alko\u00adholis\u00admus oder \u00e4hn\u00adliche depres\u00adsions\u00adbe\u00add\u00adingt Sucht\u00aden treiben, son\u00addern er wird mit den Schul\u00adtern zuck\u00aden, seine Mil\u00adlio\u00adnen ein\u00adstre\u00adichen und so tun, als w\u00e4re nichts passiert. Ich nehme Wet\u00adten an, erwarte jedoch Gegen\u00adbelege.<\/p>\n<p>Ein Pub\u00adlikum, das stun\u00adden\u00adlang geduldig zum Beispiel englis\u00adchsprachi\u00adgen Liedern lauscht, ist auch mit \u201cthank you\u201d nur schw\u00ader\u00adlich zu \u00fcber\u00adfordern. Wenn ihr euch bedanken wollt, ihr Rob\u00adbies und Madon\u00adnas da drau\u00dfen, wenn ihr es auch wirk\u00adlich so meint, dann bedankt euch in der Sprache eures Herzens. Das ist, sofern ihr aus den USA, Frankre\u00adich, Spanien <strike>oder Bay\u00adern<\/strike> kommt, nicht Deutsch. Ich als zahlen\u00adder Gast pfeife darauf, dass ein K\u00fcn\u00adstler, dessen k\u00fcn\u00adst\u00adlerischen <span style=\"font-style:italic\">out\u00adput<\/span> ich sehr sch\u00e4tze, ver\u00adsucht, sich bei mir beliebter zu machen, indem er so tut, als k\u00f6n\u00adnte er meine Mut\u00adter\u00adsprache ver\u00adste\u00adhen. Ich werde kein Musikalbum und kein Buch nur deshalb weniger kaufen, weil der Sch\u00f6pfer kein Deutsch spricht, jedoch werde ich an einen darge\u00adbracht\u00aden Vor\u00adtrag dieser Werke weniger pos\u00adi\u00adtive Erin\u00adnerun\u00adgen hegen, wenn der Vor\u00adtra\u00adgende glaubt, jemand, der Geld bezahlt, um ihn zu sehen, m\u00fcsse mit Zwis\u00adchen\u00adspie\u00adlen, die nicht Teil seines gewohn\u00adten Reper\u00adtoires sind, bei Laune gehal\u00adten wer\u00adden.<\/p>\n<p>Die von mir bish\u00ader besucht\u00aden Konz\u00aderte bzw. Lesun\u00adgen bestrit\u00adten aus\u00adnahm\u00ads\u00adlos deutschst\u00e4m\u00admige Kreative, so dass all das Geschilderte jeden\u00adfalls in der Ich-Form als rein hypo\u00adthetisch anzuse\u00adhen ist und hof\u00adfentlich bleiben wird. Den\u00adnoch w\u00e4re es sch\u00f6n, die enthal\u00adtene Wahrheit spr\u00e4che sich in der Welt der reichen Boule\u00advard\u00adlieblinge schnell herum, auf dass der Men\u00adschheit h\u00f6chst pein\u00adliche, via Presse ver\u00adbre\u00adit\u00adete und wom\u00ad\u00f6glich von ahnungslosen Anzeigenkun\u00adden mit\u00adfi\u00adnanzierte Huldigun\u00adgen wie die genan\u00adnte erspart bleiben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>(Fire\u00adfox-Nutzer aufge\u00admerkt: Ich habe meine Erweiterung Open\u00adDown\u00adload, inzwis\u00adchen Open\u00adDown\u00adload\u00b2, im Ver\u00adlauf der vorigen Stun\u00adden <a href=\"http:\/\/addons.mozilla.org\/de\/firefox\/addon\/10902\/\">auf Ver\u00adsion 3.0.0<\/a> aktu\u00adal\u00adisiert, die unter anderem Unter\u00adst\u00fctzung f\u00fcr Fire\u00adfox 4 und andere Betrieb\u00adssys\u00adteme als Win\u00addows mit\u00adbringt. Ich hoffe, ihr seid damit ein\u00adver\u00adstanden.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mir selb\u00adst zwar noch nicht begeg\u00adnet, aber dank zahlre\u00adich\u00ader Fernse\u00adh\u00fcber\u00adtra\u00adgun\u00adgen entsprechen\u00adden Inhalts l\u00e4ngst zur Gen\u00fcge bekan\u00adnt ist, ist eine \u00fcble Marotte, die sich aus\u00adl\u00e4ndis\u00adche K\u00fcn\u00adstler im Laufe der let\u00adzten Jahrzehnte \u00fcber\u00adwiegend zugelegt haben und der sie aus\u00adgiebig fr\u00f6\u00adnen, wenn sie Deutsch\u00adland betouren. Diese Marotte ist die Anbiederung. 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