{"id":19177,"date":"2022-01-24T22:51:31","date_gmt":"2022-01-24T21:51:31","guid":{"rendered":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/?p=19177"},"modified":"2022-01-31T09:54:23","modified_gmt":"2022-01-31T08:54:23","slug":"frueher-war-alles-musikalischer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2022\/01\/frueher-war-alles-musikalischer\/","title":{"rendered":"Fr\u00fcher war alles musikalischer."},"content":{"rendered":"<p>Andr\u00e9 West\u00adphal von \u201cCaschys Blog\u201d <a href=\"https:\/\/stadt-bremerhaven.de\/musik-alt-ist-maechtiger-als-neu\/\">benen\u00adnt<\/a> es als \u201cProb\u00adlem\u201d: Der Markt f\u00fcr neue Musik <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2022\/01\/old-music-killing-new-music\/621339\/\">schrumpft<\/a>, daf\u00fcr verkaufen sich <em>die alten Sachen<\/em> gut. Ted Gioia von \u201cThe Atlantic\u201d behauptet in seinem merk\u00adw\u00fcrdi\u00adgen Artikel, das liege nicht daran, dass <em>neue<\/em> Musik schlechter w\u00e4re als <em>alte<\/em> Musik, und dass Schallplat\u00adten nur deshalb eine wirtschaftliche Renais\u00adsance erlebten, weil sie als <em>altes<\/em> Medi\u00adum und damit als <em>bess\u00ader<\/em> wahrgenom\u00admen w\u00fcr\u00adden. Dass Schallplat\u00adten schlicht das\u00adjenige kon\u00adsumenten\u00adtaugliche Medi\u00adum sind, das <em>am l\u00e4ng\u00adsten hal\u00adten<\/em> wird (CDs sind nicht nur chemie\u2011, son\u00addern auch kratz- und stauban\u00adf\u00e4l\u00adlig, Stream\u00ading\u00addi\u00aden\u00adste ver\u00adschaf\u00adfen keinen garantierten Besitz und Fest\u00adplat\u00adten haben auch eine endliche Lebenser\u00adwartung), kommt in diesem Kon\u00adtext nicht vor, was ich etwas schade finde.<\/p>\n<p><!--more-->Aber auch die son\u00adstige Pr\u00e4misse f\u00fcr die Abhand\u00adlung \u00fcber den gegen\u00adw\u00e4r\u00adti\u00adgen Musik\u00admarkt, der sich vor allem mit Neuau\u00adfla\u00adgen <em>gut abge\u00adhangener<\/em> Klas\u00adsik\u00ader \u00fcber Wass\u00ader h\u00e4lt, halte ich f\u00fcr zu kurzsichtig. <em>Nat\u00fcr\u00adlich<\/em> ist die Musik von vor Jahrzehn\u00adten <em>bess\u00ader<\/em> als die heutige, denn es ist heutzu\u00adtage schwierig gewor\u00adden, eine Plat\u00adten\u00adfir\u00adma zu find\u00aden, die auch mal ein musikalis\u00adches Wag\u00adnis einge\u00adht. Viele Musik\u00ader in den aktuellen Radio\u00adhit\u00adpa\u00adraden sind entwed\u00ader schon lange im Gesch\u00e4ft oder man wird nach ihrem derzeit\u00adi\u00adgen <em>hit<\/em> nie wieder etwas von ihnen h\u00f6ren. Es wird Weg\u00adw\u00aderf\u00admusik pro\u00adduziert, die nicht provozieren soll, nicht aneck\u00aden, nicht mal <em>irgend\u00adwie auf\u00adfall\u00aden<\/em>. Hyper\u00adak\u00adtive Pro\u00adduzen\u00adten und Tex\u00adter schreiben \u2014 falls sie nicht ein\u00adfach eine Cov\u00aderver\u00adsion von irgend\u00adwas raus\u00adbrin\u00adgen wollen \u2014 ungez\u00e4hlte Banal\u00adit\u00e4ten, suchen sich dann irgen\u00addein hoff\u00adnungsvolles Aller\u00adwelts\u00adgesicht zwecks Into\u00adna\u00adtion der\u00adsel\u00adben und ziehen anschlie\u00dfend weit\u00ader, um das wieder und wieder zu wieder\u00adholen \u2014 nur ist Musik, deren Inter\u00adpre\u00adten kein <em>Herzblut<\/em> in das Intonierte steck\u00aden, weil sie let\u00adz\u00adtendlich nichts anderes tun als eine fremde Geschichte vorzule\u00adsen, nie mitrei\u00dfend, son\u00addern immer gef\u00fchlsarm; wenn nicht gar: <em>blut\u00adleer<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>Because some\u00adthing is hap\u00adpen\u00ading here,<br>\nbut you don\u2019t know what it is -<br>\ndo you, Mis\u00adter Jones?<br>\n<cite>Bob Dylan: Bal\u00adlad of a Thin Man<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Nein, \u201calte Musik\u201d <em>t\u00f6tet<\/em> nicht die \u201cneue\u201d Musik, wie\u2019s bei \u201cThe Atlantic\u201d behauptet wird. Die \u201cneue\u201d Musik, die man <em>eben so ken\u00adnt<\/em>, hat vielmehr nie <em>zu leben<\/em> begonnen. Richtig ist aber auch: Wie schon seit dem Beste\u00adhen von Plat\u00adten\u00adfir\u00admen gibt es bis heute immer wieder Musik\u00ader, die wenig\u00adstens neue Wege zu beschre\u00adit\u00aden <em>ver\u00adsuchen<\/em>. Heutzu\u00adtage gibt es zumin\u00add\u00adest die M\u00f6glichkeit, den Ver\u00adtrieb gegen ver\u00adgle\u00adich\u00adsweise geringe Geldein\u00adbu\u00dfen von darauf spezial\u00adisierten Plat\u00adtfor\u00admen wie Band\u00adcamp abwick\u00adeln zu lassen, so dass die Aus\u00addrucks\u00adfrei\u00adheit nicht von <em>wirtschaftlichen Erfordernissen<\/em> getr\u00fcbt wer\u00adden muss. Diese zahlre\u00adichen Eigen\u00adver\u00adtrieb\u00adsk\u00fcn\u00adstler aber <em>zu find\u00aden<\/em> ist gar nicht beson\u00adders leicht, denn die Nadeln im virtuellen Heuhaufen sind zwar zahlre\u00adich, jedoch ist dieser Heuhaufen auch weit davon ent\u00adfer\u00adnt, noch eine \u00fcber\u00adschaubare Gr\u00f6\u00dfe zu haben. Ich lasse mir wenig\u00adstens einen Teil dieser Nadeln gern von unge\u00adf\u00e4hr einem regelm\u00e4\u00dfig gele\u00adsen\u00adem Dutzend Fach\u00admagazi\u00adnen und \u2011blogs wie <a href=\"https:\/\/www.visions.de\">der \u201cVISIONS\u201d<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.betreutesproggen.de\">Betreutes Proggen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.neolyd.com\">NE\u00d8LYD<\/a> und <a href=\"https:\/\/doomcharts.com\">Doom Charts<\/a>, die mir qua\u00adsi als Per\u00adlen\u00adtauch\u00ader zu Dien\u00adsten sind, vor\u00adsortieren, aber diese bilden <em>nat\u00fcr\u00adlich<\/em> auch in Summe immer nur einen Auszug aus dem inter\u00ades\u00adsan\u00adten Teil des Ange\u00adbots ab. Bei Band\u00adcamp gibt es zumin\u00add\u00adest eine Liste an Empfehlun\u00adgen zu jedem Album: <em>Wer das mochte, der mochte auch\u2026<\/em> Dass <em>auch das<\/em> aber niemals dazu f\u00fchrt, dass man <em>alles<\/em> ken\u00adnen\u00adlernt, schon weil man neben\u00adbei ja auch noch ein sog. \u201cLeben\u201d zu f\u00fchren hat, ist min\u00addestens als bedauer\u00adlich zu ver\u00adste\u00adhen.<\/p>\n<p>Da die Ziel\u00adgruppe der\u00ader, die <em>anspruchsvolle<\/em> neue Musik zu h\u00f6ren w\u00fcn\u00adschen, nicht durch ihre Gr\u00f6\u00dfe besticht, h\u00e4lt sich das all\u00adge\u00admeine Inter\u00adesse daran, diesen Fund\u00adst\u00fcck\u00aden eine gr\u00f6\u00dfere B\u00fchne zu geben, eben\u00adfalls in Gren\u00adzen. Auf die Musik\u00adpresse, online wie offline, zu hof\u00adfen scheit\u00adert jeden\u00adfalls trotz weniger l\u00f6blich\u00ader Aus\u00adnah\u00admen daran, dass <em>Auflage<\/em>, <em>Wer\u00adbekun\u00adden<\/em> und so weit\u00ader eine st\u00e4rkere Metrik sind als die aufmerk\u00adsame Begleitung zeit\u00adgen\u00f6s\u00adsis\u00adch\u00ader Musikkul\u00adtur; allein schon die Wahrnehmung von Musik <em>als Kul\u00adturgut<\/em> und nicht blo\u00df als Ware ist l\u00e4ngst eine Ansicht, die zu wenige Anh\u00e4nger find\u00adet.<\/p>\n<div class=\"lyte-wrapper\" title=\"Madonna - Music (Official Video)\" style=\"width:1280px;max-width:100%;margin:5px;\"><div class=\"lyMe\" id=\"WYL_Sdz2oW0NMFk\"><div id=\"lyte_Sdz2oW0NMFk\" data-src=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FSdz2oW0NMFk%2Fhqdefault.jpg\" class=\"pL\"><div class=\"tC\"><div class=\"tT\">Madon\u00adna \u2014 Music (Offi\u00adcial Video)<\/div><\/div><div class=\"play\"><\/div><div class=\"ctrl\"><div class=\"Lctrl\"><\/div><div class=\"Rctrl\"><\/div><\/div><\/div><noscript><a href=\"https:\/\/youtu.be\/Sdz2oW0NMFk\" rel=\"nofollow\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FSdz2oW0NMFk%2F0.jpg\" alt=\"Madonna - Music (Official Video)\" width=\"1280\" height=\"700\"><\/a><\/noscript><\/div><\/div><div class=\"lL\" style=\"max-width:100%;width:1280px;margin:5px;\"> <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Sdz2oW0NMFk\" target=\"_blank\">Dieses Video auf YouTube anse\u00adhen<\/a>.<\/div>\n<p>Ich h\u00e4tte nichts dage\u00adgen, wenn das Radio, das Musikkon\u00adsummedi\u00adum der Gestri\u00adgen, das bef\u00fcrchtete Ver\u00adhal\u00adten tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich zeigen w\u00fcrde und statt des \u201cbesten Mix\u00ades\u201d und der \u201cHits der 90er\u201d nur noch die Musik der Gestri\u00adgen spielte, aber mir ist das Radio auch egal. Allein das <em>Vorhan\u00adden\u00adsein<\/em> von \u201cMix\u00aden\u201d scheint mir ein Teil des Prob\u00adlems zu sein: W\u00e4hrend vor eini\u00adgen Jahrzehn\u00adten noch Sin\u00adgles die ma\u00dfge\u00adbliche Dar\u00adre\u00adichungs\u00adform pop\u00adul\u00e4r\u00ader Musik\u00adst\u00fccke waren und daher sep\u00ada\u00adrat betra\u00adchtet wer\u00adden kon\u00adnten, haben schon bald Musikalben als <em>Gesamtkunst\u00adwerke<\/em> das Korsett geweit\u00adet. Das Aufkom\u00admen von Stream\u00ading\u00addi\u00aden\u00adsten als \u2014 zu oft \u2014 Ersatz ein\u00ader eige\u00adnen Musik\u00adsamm\u00adlung in direk\u00adter Folge des Siegeszuges des iPod Shuf\u00adfle (der au\u00dfer ein\u00ader Zufall\u00adswieder\u00adgabe des Gespe\u00adicherten eben absichtlich nicht viele Funk\u00adtio\u00adnen hat\u00adte; dass sich aus\u00adgerech\u00adnet <em>das Wort<\/em> \u201cPod\u00adcast\u201d trotz\u00addem so lange im all\u00adge\u00admeinen Sprachge\u00adbrauch behaupten kann, mutet \u00fcbri\u00adgens immer noch merk\u00adw\u00fcrdig an) hat diese Errun\u00adgen\u00adschaft freilich negiert. Wer nimmt sich schon noch <em>die Zeit<\/em> f\u00fcr ein gutes Buch, ein gutes Musikalbum oder einen guten Whisky?<\/p>\n<p>Dass es <em>immer noch<\/em> Leute gibt, die gro\u00dfar\u00adtige Musik von vor f\u00fcn\u00adfzig (oder mehr) Jahren nur ungern durch zeit\u00adgen\u00f6s\u00adsis\u00adche Her\u00advor\u00adbringun\u00adgen erset\u00adzen m\u00f6cht\u00aden, ist <em>mein\u00ader Mei\u00adn\u00adung nach<\/em> dur\u00adchaus wenig\u00adstens zum Teil dem Umstand geschuldet, dass es nur wenig gibt, was das \u201cNeue\u201d dem \u201cAlten\u201d voraus hat. Das tr\u00e4gt sicher\u00adlich auch dazu bei, dass es mehr Spa\u00df macht, <a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2022\/01\/musik-12-2021-favoriten-und-analyse\/\">nach \u201cNeuem\u201d zu fis\u00adchen<\/a>; deshalb aber dem \u201cAlten\u201d ver\u00adst\u00e4nd\u00adnis\u00adlos zu begeg\u00adnen, weil es das \u201cNeue\u201d <em>mar\u00adgin\u00adal\u00adisiere<\/em>, wie Ted Gioia schreibt, ist m\u00f6glicher\u00adweise nicht der beste Ansatz, dem zu begeg\u00adnen.<\/p>\n<hr>\n<p><em>Nach\u00adtrag:<\/em> Der Autor ein\u00ader anderen Net\u00adzpub\u00adlika\u00adtion frug, was der Punkt in der \u00dcber\u00adschrift solle. Ist doch klar: Das ist ein Haupt\u00adsatz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andr\u00e9 West\u00adphal von \u201cCaschys Blog\u201d benen\u00adnt es als \u201cProb\u00adlem\u201d: Der Markt f\u00fcr neue Musik schrumpft, daf\u00fcr verkaufen sich die alten Sachen gut. Ted Gioia von \u201cThe Atlantic\u201d behauptet in seinem merk\u00adw\u00fcrdi\u00adgen Artikel, das liege nicht daran, dass neue Musik schlechter w\u00e4re als alte Musik, und dass Schallplat\u00adten nur deshalb eine wirtschaftliche Renais\u00adsance erlebten, weil sie \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/2022\/01\/frueher-war-alles-musikalischer\/\" class=\"more-link\">\u2018Fr\u00fcher war alles musikalis\u00adch\u00ader.\u2019 weit\u00ader\u00adlesen \u00bb<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[2,8],"tags":[],"series":[],"class_list":["post-19177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikalisches","category-netzfundstucke"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"wp-worthy-pixel":{"ignored":false,"public":"6e5a406cae7a4d5f85e6c627c448fa69","server":"vg02.met.vgwort.de","url":"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/6e5a406cae7a4d5f85e6c627c448fa69"},"wp-worthy-type":"normal","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19177"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19177\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19177"},{"taxonomy":"series","embeddable":true,"href":"https:\/\/tuxproject.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/series?post=19177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}