Islamisten-Razzia Bombenbauer planten massiven Terrorschlag
Berlin - Es sind drastische Szenarien, die die ranghöchsten Vertreter der deutschen Sicherheitsbehörden heute Vormittag schilderten. "Massive Bombenanschläge", simultane Attentate mit mehreren Autobomben, eine riesige Zahl von Toten mitten in Deutschland - nur der beherzte Zugriff habe die Planungen von islamistischen Terroristen in Deutschland vereitelt, sagten Generalbundesanwältin Monika Harms und BKA-Chef Jörg Ziercke in Karlsruhe.
Gegen die drei am Dienstagnachmittag festgenommenen Verdächtigen wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Sie gehörten Harms zufolge einer deutschen Zelle der Terror-Gruppe "Islamische Dschihad Union" (Islamic Jihad Union, IJU) an. Sie hätten Terroranschläge gegen US-Einrichtungen in Deutschland vorbereitet. Es wäre ein Inferno geworden.
Das Sprengmaterial hätte nach Angaben von BKA-Chef Ziercke ausgereicht, um Bomben mit einer höheren Sprengkraft als bei den Anschlägen in Madrid und London zu bauen.
Demnach hätten die drei Männer vorgehabt, Sprengstoff mit einer Wirkung zu mischen, der in etwa der Kraft von 550 Kilogramm TNT entspricht. Die Bundesanwaltschaft hat gestern Nachmittag die drei Männer festnehmen lassen. In einer spontanen Aktion schlugen die Ermittler zu, weil die bereits beobachteten Männer beginnen wollten, Chemikalien für eine Bombe vorzubereiten und sich zudem aus dem konspirativen Versteck absetzen wollten.
Gefahrenstoff heimlich durch harmloses Material ausgetauscht
Da die Angst bestand, dass die Männer abtauchen wollten, nahmen Fahnder des Bundeskriminalamts (BKA) und der Sondereinheit GSG 9 die ganze Gruppe in Medebach-Oberschledorn fest. Danach durchsuchte das BKA an die 40 weitere Objekte in mehreren Bundesländern, Hunderte Beamte waren beteiligt.
Am Ort der Festnahme hatten die Männer in einer Ferienwohnung mit Chemikalien auf Wasserstoffperoxidbasis hantiert, die nach aufwendigen Prozeduren auch zu Sprengstoff umgewandelt werden können. Genau das sollen die Männer versucht haben, erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Sicherheitskreisen. Ähnliche Mischungen waren bereits bei anderen Terror-Anschlägen verwandt worden.
Zwar sollen die Männer erst begonnen haben, ihren legal erstandenen Bestand von 730 Kilogramm Chemikalien umzuwandeln - doch die Behörden waren alarmiert. Heimlich tauschten Experten der Polizei den Stoff mit einer Konzentration von 35 Prozent in den zwölf Fässern vor einigen Tagen durch eine verdünnte Flüssigkeit mit nur 3 Prozent Wasserstoffperoxid aus. "Die Vorbereitungen hatten ganz konkret begonnen, da mussten wir zuschlagen", so ein Beamter.
Von einer fertigen Bombe war man noch recht weit entfernt. "Ein Coitus interruptus war das nicht", sagte ein Beamter. Allerdings hatten die Männer nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits alle nötigen Bestandteile parat - auch einen militärischen Zündmechanismus für den Sprengsatz hatten sie schon beschafft. "Ein Anschlag stand unmittelbar bevor, es war nur noch eine Frage der Zeit", so ein hochrangiger Sicherheitsexperte. Vermutlich wollten die Männer die Bombe in einem oder mehreren Autos deponieren und vor ihrem Anschlagsziel zünden.
Das Ziel der Männer war klar. "Es ging darum, einen Anschlag mit möglichst vielen Toten zu verüben", sagte der Beamte. Vor allem besorgte die Ermittler, dass die drei Festgenommenen in den letzten Wochen immer konspirativer agierten und möglicherweise nach dem Treffen in Oberschledorn vorhatten, sich zu trennen und noch unauffälliger an ihrem Plan weiter zu arbeiten. Aus Angst, dann die Spuren der Gruppe und die Kontrolle über ihre Aktivitäten zu verlieren, entschlossen sich die Fahnder zum Zugriff.
Einer der Männer versuchte bei der Razzia, durch ein Badezimmerfenster zu flüchten. Einem BKA-Beamten, der ihn stellte, entriss er die Dienstwaffe. Bei einer anschließenden Rangelei löste sich ein Schuss, der BKA-Beamte wurde leicht an der Hand verletzt.
Die Festnahme erfolgte nach umfangreichen Recherchen der Bundesanwälte. Bereits seit Ende 2006 sind die Ermittler an den Fersen der Gruppe um den 28-jährigen Fritz G. aus Ulm, der in der angemieteten Ferienwohnung festgenommen wurde. Gemeinsam mit einem anderen zum Islam konvertierten Deutschen aus Saarbrücken, dem 22-jährigen Daniel S., und dem 29-jährigen Türken Adem Y. aus Hessen soll G. eine islamistische Gruppe gegründet haben, die zu Selbstmordanschlägen in Deutschland bereit gewesen sein soll.
"Wir haben es hier mit absolut überzeugten Tätern zu tun"
Seitdem beobachten die Behörden die Gruppe rund um die Uhr, Hinweise von den Verfassungsschutzämtern flossen mit ein und auch die US-Behörden lieferten Material zu. "Das Miteinander hat in diesem Fall zum Glück funktioniert", sagte ein Beamter. Innenminister Wolfgang Schäuble sagte, die Planungen seien "nicht in ein gefährliches Stadium" gekommen, da alle Behörden aktiv waren.
Späh-Fahrt am Silvestertag
Aufgefallen waren Mitglieder der Gruppe vor allem am Silvestertag 2006. Damals war zumindest Fritz G. in einem Auto, das die Fahnder beobachteten, auffällig häufig um eine US-Kaserne in Hanau herumgefahren. Der Verdacht lag nahe, dass er und seine Mitverdächtigen die Einrichtung für einen möglichen Anschlag ausspähten. Folglich intensivierten die Behörden ihre Recherchen und eröffneten im März 2007 ein offizielles Verfahren beim Generalbundesanwalt.
Dass die Männer weiter an ihrem Plan arbeiteten, erschreckte die Behörden. Mehrmals schon musste der Gruppe bewusst gewesen sein, dass sie beobachtet wurden. "Dass sie trotzdem weiter arbeiteten, zeigt, wie entschlossen sie waren", so ein Fahnder. "Wir haben es hier mit absolut überzeugten Tätern zu tun." Demnach waren die Männer bereit, bei den möglichen Anschlägen zu sterben. Für die Fahnder bestätigt sich damit ihre Theorie, dass Deutschland in der Tat "voll ins Zielspektrum des internationalen Terrorismus" geraten ist.
Sicher ist, dass alle drei Männer intensive Kontakte nach Pakistan pflegten, vermutlich zu der dort agierenden "Islamic Jihad Union" (IJU). Daniel S. besuchte nach den Recherchen der Behörden im März 2006 ein Trainingslager für Terroristen. Die beiden anderen Festgenommenen hielten sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Ende 2006 ebenfalls in Pakistan auf, vermutlich auch in Trainingslagern. Die Behörden schnappten danach auch immer wieder Telefonkontakte der Verdächtigen nach Pakistan auf. Die IJU hatte 2006 in Usbekistan bereits einen schweren Anschlag mit vielen Toten verübt und agiert nun vermehrt in Pakistan.
Welche Ziele die Gruppe tatsächlich in Deutschland angreifen wollte, ist bisher unklar. In abgehörten Gesprächen unterhielten sich die Männer immer wieder über mögliche Anschlagsziele. Dabei wurden der Flughafen Frankfurt am Main und andere Airports, die US-Basis Ramstein aber auch andere Orte wie zum Beispiel Diskotheken genannt. "Einen konkreten Plan gab es noch nicht", sagte ein Ermittler, "doch der Wille war eindeutig erkennbar". Einer der Verdächtigen soll klar geäußert haben, dass er zum Märtyrer-Tod bereit sei.
Die Ergebnisse der Ermittlungen gegen die Gruppe besorgten die Bundesregierung seit Monaten. Immer wieder, wenn Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) von einer deutlich erhöhten Terror-Gefahr für Deutschland sprach, spielte er auf die verdeckten Ermittlungen gegen die Gruppe an. Auch die USA hatten Hinweise auf die Verbindungen der Männer nach Pakistan und warnten die deutschen Behörden. Zudem erhöhten die USA die Sicherheitsvorkehrungen für ihre Einrichtungen, als die Ermittlungen erste Ergebnisse erbrachten.
Die Tendenz der Gruppe ist recht klar dokumentiert. Vor allem Fritz G., der in Ulm ein bekanntes Mitglied der radikalen islamistischen Szene ist, kennen die Fahnder seit längerem. G. gilt als führendes Mitglied einer ganzen Gruppe von radikalisierten Islamisten, die sich in Ulm angesiedelt haben. Auch die beiden anderen Verdächtigen hatten offenbar enge Kontakte zu dieser Gruppierung. Die Tendenzen in Ulm waren schon vor den Anschlägen des 11. Septembers 2001 bekannt, die Behörden beobachteten die Szene dort intensiv.
Einen Zeitplan für die möglichen Anschläge kennen die Ermittler bisher nicht. Möglich erscheint nach Aussage von Spitzenbeamten, dass die Attacke entweder zum Jahrestag des 11. Septembers oder anlässlich des zu verlängernden Mandats für die deutsche Afghanistan-Mission geplant gewesen sein könnte. Die beschafften Chemikalien haben eine kurze Halbwertzeit, die Zeit drängte also. Allerdings erscheint fraglich, ob die Gruppe den aufwendigen Bombenbau bis dahin hätte fertig stellen können.
Weitere Erkenntnisse erhoffen sich die Behörden nun von den Verhören der Verdächtigen. Weitere Festnahmen seien nicht ausgeschlossen, hieß es von der Bundesanwaltschaft.