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Ich rede nicht gern über mich, aber manchmal schreibe ich. Und dann schreibe ich das hier.

Persönliches
Willkommen 2012

Meine erste Entdeckung des Jahres:

Jasmintee. Ein gutes Getränk.

Und ihr so?

Persönliches
Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier. (Matthäus 24,28)

Eines der weniger ruhmreichen Kapitel in meinem Leben ist meine Konfession.

Ich gestehe, ich stamme aus einer überwiegend katholischen Familie. Gerade die Familie eines meiner Elternteile ist traditionell römisch-katholisch getauft und bis zur vorletzten Generation durchaus auch noch heute kirchlich rege aktiv, und so wurde auch ich katholisch getauft, ohne, dass mich jemand um mein Einverständnis gebeten hätte. Meinem Großvater zuliebe verbrachte auch ich in Kindheit und früher Jugend einige Zeit damit, der Kirche zu dienen; die Bedeutung des Wortes „dienen“ war mir damals schlicht nicht bewusst, ich hielt das für etwas, was man halt so sagt, und so empfand ich es auch. Aus ähnlichem Grund nahm ich an Erstkommunion und Firmung teil. Dem hinzu kam der Aspekt, dass man das eben so machte, ob man nun die Wiederkunft des HErrn erwartete oder nicht. Katholisch getauft worden zu sein hieß für mich, sich auch firmen lassen zu müssen. Vielleicht lag es auch an den Geldgeschenken, die mich erwarteten.

Unter anderem wohl dem evangelischen anderen Elternteil und seiner Aversion gegen von Leuten, die sich außerhalb eines Kirchenhauses für christliche Gebote nur für einen Teil der zehn Gebote interessieren, vorgeschobenes Christentum ist es zu verdanken, dass sich mit der Zeit die ratio durchsetzen konnte und ich begann, meinen Einsatz für die katholische Kirche auf ein Minimum zu reduzieren, indem ich die Kirche nur noch in Ausnahmefällen betrat und mich auch dann den römisch-katholischen Leibesübungen (Aufstehen, Hinsetzen, Hinknien, Hinsetzen, Aufstehen, Hinsetzen, rauf, runter, rein, raus) entzog; nein, ich korrigiere mich – „rein, raus“ war damals nicht an der Tagesordnung.

Wenn also irgendwann der Verstand einsetzt und man bemerkt, dass das, wofür man sich für Jahre seines Lebens (zeitweise halbherzig) eingesetzt hat, ethisch nicht mehr dem eigenen Weltbild entspricht, muss – nicht nur sollte – man, um sich selbst nicht zu belügen, die Konsequenzen ziehen. Ich bewundere Menschen, die trotz allem weiterhin an Weihnachten, Ostern oder Neujahr aus Prinzip in die Kirche gehen, für diese Fähigkeit. Ich habe sie längst verloren.

Der Zufall hat mich bisher davor bewahrt, die Kirchensteuer entrichten zu müssen. Ich hatte mir fest vorgenommen, den Austritt, im Geiste vor Jahren erfolgt, bald auch formell vorzunehmen, bevor sich dieser Zustand ändert. Ein Austritt, immerhin, kostet aus unerfindlichem Grund Verwaltungsgebühren, also eilte es bislang nicht. Nicht einmal die, wie erst später bekannt wurde, erstaunliche Häufung von Kinderfickern inmitten der Bediensteten dieser Sekte – das ist sicher, wie bei der „christlich-demokratischen“ Union, nur Zufall – konnte für mich persönlich diesen Schritt beschleunigen.

Nun begab es sich, dass ein naher Verwandter nach langer Krankheit, also keinesfalls überraschend, abnippelte verstarb. Heute wohnte ich dem Trauergottesdienst bei, dem eine Trauerfeier folgen sollte, aber feierlich war mir nicht mehr zumute. So ein Trauergottesdienst unterscheidet sich ja von allen anderen Gottesdiensten offenbar nur darin, dass der Name des Toten während der Eucharistie genannt wird, und dann bittesehr weiter zur Tagesordnung.

Die besteht dann darin, dass man den Herrn lobt und preist und ihm selbstverständlich für seine guten Taten dankt. Dass sich niemand vernehmlich zu räuspern erlaubt, wenn zum Auszug des Priesters am Ende der Trauerveranstaltung die anwesende Schar an Menschen, ob nun eigentlich katholisch oder evangelisch oder buddhistisch oder satanistisch oder apathisch, im Chor ein altes Kirchenlied rezitiert, in dem es heißt:

Großer Gott, wir loben dich,
Herr, wir preisen deine Stärke,
vor dir beugt die Erde sich
und bewundert deine Werke.

(…)

Alle Tage wollen wir
dich und deinen Namen preisen
und zu allen Zeiten dir
Ehre, Lob und Dank erweisen.

…, fühlt sich zwar für die Anwesenden vielleicht mystisch und tief gläubig an, aber es ist selbst für mich eine Spur zu zynisch.

Katholikenpack, beschämendes!

Eurem widerwärtigen Haufen kündige ich hiermit das letzte kümmerliche bisschen Freundschaft, das ihr noch nicht verspielt hattet. Möge ein gerechtes höheres Wesen euch lieber früher als später im Fegefeuer brennen lassen.

Arschlöcher.

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Impressionen: Romantische Betrachtung eines Nachmittags in der Adventszeit (Versuch 6)

Man latscht bedächtig durch die engen Straßen der Stadt, vorbei an Menschen, deren Hektik der offen gelebten Besinnlichkeit zuwiderläuft. Bereits von Weitem ist der Weihnachtsmarkt zu erahnen, zwar noch nicht mit Weihnachtsliedern beschallt, aber von vielfachen Stimmen und Imbissduft umwölkt. Nachdenklich sieht sich der stille Beobachter inmitten unecht lächelnder Zeitgenossen stehen und hört aus den zwischen Tand und Tinnef sowie Wurst- und Fischverkäufern nur leidlich gut versteckten Glühweinbuden das leiernde Lachen offenbar enger Freunde des Weihnachtsfestes, dem auch das Karussell gegenüber nicht viel entgegenzusetzen vermag.

„Ein Fest für die ganze Familie“, denkt man und verzieht sein zweites Gesicht zu einem gequälten Lächeln, sieht man doch ganze Familien hier beim Versuch, ihre weihnachtliche Stimmung um keinen Preis zu verlieren. Glücklich sehen hier eher die Augen der Budenbesitzer als die der Kinder aus, aber vielleicht täuscht dieser Eindruck auch, ziehen doch die Rauchschwaden der Imbisse unvermindert vorüber.

Nach einigen Minuten erwacht man aus seiner Gedankenwelt und tritt, noch immer beeindruckt, den Rückzug durch die festlich geschmückte Stadt an, in der sich doch nicht vieles geändert hat.

Wie damals in Alassio beginnt auch hier die Luft sich mit Benzin und Tabakqualm zu füllen, je weiter man sich vom Ort des Geschehens entfernt. Das „quack-quack-quack“ der Enten klingt, als lachten sie den Vorübergehenden aus.

Vielleicht tun sie das.

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Quotenkompetenz

Als Angestellter im öffentlichen Dienst erlebt man so manche Überraschung.

Heute zum Beispiel erreichte mich neben dem gewohnten Informationsmaterial betreffs meiner Arbeitszeitvergütung auch ein Brief der niedersächsischen Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration (Männer interessieren eben niemanden), die treffenderweise Aygül Özkan heißt und somit für mindestens zwei ihrer fünf Ämter sogar ein wenig Fachkompetenz besitzen dürfte, in welchem sie – oder einer ihrer Bediensteten – mich bat, an einer Umfrage teilzunehmen. Den Brief habe ich im Dienst der Transparenz und der Information meiner Leser im Folgenden einmal kopiert und die bemerkenswerten Stellen hervorgehoben:

Es geht also in Kurzform darum, dass Frau Özkan im öffentlichen Dienst ihresgleichen vermisst. Etwa 17 Prozent der Niedersachsen sind nicht von hier, und da man im Amt für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration offenbar gerade die genauen Zahlen nicht finden kann, hat man dort beschlossen, einmal herumzufragen, ob diese Zahl sich auch im Verhältnis der vom Land Beschäftigten wiederfinden lässt. Bei ungefähr 17 Prozent „betroffenen“ Niedersachsen ist es doch sicher möglich, eine Migrantenquote von min-des-tens 50 Prozent hinzubekommen, sofern das nicht mit der Frauenquote kollidiert. Besonders gern gesehen sind also, wahrscheinlich, behinderte weibliche Migranten; Verzeihung, es muss natürlich „behinderte weibliche Migrant/-innen“ heißen. Kompetenz ist, wie üblich, zweitrangig. (Nur, falls sich noch jemand wundert, wieso niedersächsische Behörden nicht für ihre Effizienz bekannt sind.)

Warum ich das Anschreiben in der heutigen, zum Nachteil einheimischer Männer „politisch (und sexistisch) korrekten“ Zeit überhaupt für erwähnenswert halte, erklärt die zweite Seite desselben:

Denn warum sollte man im öffentlichen Dienst auch arbeiten, wenn man stattdessen Umfragen ausfüllen kann? Sicher, „10 bis 15 Minuten“ klingt nicht nach viel Verlust, aber man sollte nicht vergessen, dass nicht jeder von der Bedienung des Internets allzu viel Ahnung hat, so dass es auch etwas länger dauern kann. Die erwähnte Internetseite wird etwas konkreter und erwähnt neben dem Umstand, dass außer der Herkunft auch das Geschlecht und das Alter sehr wichtig sind, wenn man im öffentlichen Dienst zukünftig einen Arbeitsplatz bekommen möchte, auch dieses Detail:

Insgesamt werden rund 222.000 Bedienstete gebeten, bis zum 20. Januar 2012 Auskunft über ihren möglichen Migrationshintergrund und ihr Beschäftigungs-verhältnis zu geben sowie einige zusätzliche Angaben zu machen.

  • Rund 222.000 Bedienstete werden offiziell dazu aufgerufen, durchschnittlich 15 Minuten ihrer Arbeitszeit damit zu verbringen, dem Ministerium ihre Person zu erläutern; klar: Woher sollte so ein Ministerium auch wissen, wer im Dienst des Landes steht? Das macht nach Adam Riese und calc.exe 3,3 Millionen Minuten, 55.500 Stunden oder 2.312,5 Tage (das sind einige Jahre), die auf Kosten des Steuerzahlers erwünscht verplempert werden.
  • Rund 222.000 Ausfertigungen vorliegenden Schreibens kosten den Steuerzahler nach den üblichen Briefbeförderungspreisen insgesamt über 122.000 Euro.

Und das alles, nur noch einmal zur Erinnerung, nur, weil Frau Özkans Ministerium der Meinung ist, Migranten seien unabhängig von ihrer fachlichen Kompetenz oder sonstigen Qualitäten bei der Vergabe von Arbeitsplätzen zu bevorzugen. Arbeitslose Deutsche gibt es eben noch nicht genug – als Ministerin für Soziales weiß man so etwas ja meist.

„Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein.“
– Die Toten Hosen

(Für eifrige Leser: Wer alle Grammatikschnitzer in obigem Anschreiben findet, bekommt ein virtuelles Schulterklopfen von mir.)

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Die Toten Hosen – Nichts bleibt für die Ewigkeit

… und dann ertappt man sich manchmal dabei, nachzudenken über sich und sein Leben und ob man seine Zukunft, die man sich einst so rosig ausgemalt hatte, auch verwirklichen konnte, und man würde gern das Fenster aufreißen und schreien, aber man bekommt kein Wort heraus. Man schafft es nicht einmal, aufzustehen, die Last der Gedanken drückt mit Gewalt zurück in den Sessel. Etwas durchströmt den Körper, von dem man sich wünscht, man könnte es hier und jetzt ein für allemal ausrotten.

War es immer ratsam, den gut gemeinten Ratschlägen zu folgen, das unbeschwerte Leben in den Tag hinein einzutauschen gegen eine ungewisse Zukunft? Ist es jetzt zu spät, noch etwas zu ändern?

Und warum fragt man sich all das erst jetzt?

Wenn du nachts hellwach in deinem Bett liegst,
hörst du, wie es leise tickt;
es ist ’ne Uhr in dir, die läuft nur für dich,
sie erinnert dich dran, wie spät es ist…

Persönliches
Befindlichkeiten

Ich kam mehr als einmal in die missliche Situation, den Heimweg mithilfe mir bis dahin unbekannter Dritte bestreiten zu müssen. Eigentlich gefällt mir das, denn in der Regel habe ich währenddessen Gelegenheit, die sozialen Umstände dieser Dritten subtil zu erkunden. Herauszufinden, wieso mich die Selbstverständlichkeit, mit der sich viele Menschen in ein Schicksal, um das ich sie nicht beneide, fügen, sehr verwundert und wieso sie das eigentlich tun, ist ein abwechslungsreicher Zeitvertreib.

Anlässlich der jüngsten Situation dieser Art entwickelte sich erneut ein solches Gespräch. Als ich jedoch beiläufig erwähnte, dass ich gerade aus dem, zugegeben, etwas beängstigenden Ort Liebenburg kam, erschrak und verstummte mein bis dahin redefreudiger Gesprächspartner. (In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Linux Magazin“ gibt es übrigens ein Zwiegespräch mit Miguel de Icaza, Gründer des Gnome-Projekts, zu lesen, der, gleichfalls redefreudig, zu Protokoll gab, dass die ständigen API-Änderungen und daraus folgende Inkompatibilitäten des Linux-Kernels ein gewichtiger Grund dafür sind, dass Linux als quelloffenes System keine Zukunft beim Endanwender haben wird; sprach‘s und tippte auf seinem iPad herum. Durchaus sehr lesenswert und nicht unwahr; aber ich schweife ab.)

Auf besagte Reaktion des Mitmenschen hin jedenfalls beeilte ich mich ihm zu versichern, dass ich trotz der bekannten dortigen Irrenanstalt (was ist schon normal?) kein entlaufener Insasse sei, sondern lediglich einer Feier außerhalb und unabhängig von jener Institution beigewohnt hatte; andererseits nehme ich an, ähnliches hätten auch entlaufene Insassen geäußert. Das Gespräch verlief nunmehr im Sande.

Dabei erstaunt es mich schon, wie kommunikationsfreudig die sonst notorisch apathischen („die da ohm machen eh, watt se wollen“) Leute hierzulande gerade sind. Ob das noch ein Rest von Sommer ist? Selbst im Supermarkt wurde das der Aggressionsbewältigung nicht dienliche „Sammeln Sie Punkte?“ (nein, Frollein, das sähe auch merkwürdig aus) abgelöst von einem eigenartig fröhlichen „Danke für Ihren Einkauf und einen schönen Tag!“, als hätte der Erwerb eines Bechers Espresso soeben die Filiale gerettet.

Es ist dem solcherlei Wünschenden wahrscheinlich eher vollkommen schnuppe, ob der Kunde den Tag wirklich als schön empfinden wird oder ob der Wunsch angesichts Dauerregens und eigentlichen seelischen Unwohlseins zynisch wirkt und man gern „Sicher nicht, Sie Pfeife!“ erwidern würde, hätte man es nicht furchtbar eilig. So jedoch murmelt man ein nachdenkliches „Eher nicht…“ in den Raum, während man, eilends hinaus schreitend, gedanklich schon diesen Text hier verfasst und sich außerdem vorstellt, wie es wäre, hielte man das falsche Interesse versehentlich für ein echtes und diskutierte also mit dem Wünschenden ausführlich über das Weltgeschehen. Die übrigen Wartenden würden vermutlich binnen weniger Sekunde in Rage verfallen, denn ihre Zeit ist kostbar und ihr Arbeitsplatz meist nicht davon abhängig, Interesse an dem Wohlbefinden unsympathischer Kunden zu simulieren. Wie viele Kassierer sie wohl heimlich darum beneiden?

So wenig ich auch von der Industrialisierung jedes Lebensbereichs halte, so sehr erstrebe ich es doch, dass Kassenautomaten in Supermärkten eine große Verbreitung finden. Die halten wenigstens die Klappe.

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Leben am Feuer

(… und dann ergibt sich plötzlich diese Gelegenheit, und man findet sich im Kreise unbekannter Gleichaltriger wieder, geschart um ein Feuer nach alter Feuermachtradition; „Wein, Weib und Gesang“ mit enttäuschend wenig Wein, aber um so mehr Likören. Das Singen übernimmt zur allgemeinen Erleichterung die Konserve, batteriebetrieben wie damals in‘nen Neunzigern und ohne MP3 und Internet drin.

Irritiert, doch amüsiert beobachtet man die Szenerie, wie Äste und Jägermobiliar Opfer der Flammen werden, ebenso verschiedene Flaschen, und dass eine dieser Flaschen im Verlauf der Nacht detoniert und unangenehme Folgen für die eigene körperliche Unversehrtheit mit sich bringt, ist einem dann so was von egal, denn man fühlt sich nicht nur zehn Jahre jünger, sondern auch zehn Jahre älter, und da macht es einem sowohl noch nichts als auch nichts mehr aus, denn immerhin ist diese Zeit auch schon wieder bald zehn Jahre her.

Wildfremde Betrunkene, die gern Bruderschaft trinken würden, stören ebenso wenig wie die klirrende Kälte um die Feuerstelle herum, denn ein Blick nach oben offenbart Grenzenlosigkeit. Während Rage Against The Machine vom Töten in fremdem Namen singen, ist all das unendlich weit weg; man würde gern seufzen, aber im Kreise unbekannter Gleichaltriger würde dem unweigerlich eine Diskussion folgen, also seufzt man still in sich hinein. Die Sterne tanzen ihren Namen. „Weil wir oben auf sind und trocken hinter den Ohren“, und der Betrunkene am Szenenrand könnte davon sicherlich ein schmutziges Lied singen, schliefe er nicht.)

„Life is what happens to you while you‘re busy making other plans.“
- John Lennon

In den NachrichtenMusikalischesPersönlichesPolitik
Red Hot Chili Peppers – Get on Top

Wie wohl die meisten Jugendlichen meiner Generation durchlebte auch ich im Laufe meiner musikalischen Sozialisation eine Phase, in der ich des Öfteren Zeit mit Punks verbrachte, und obgleich ich mich ihrer überwiegenden politischen Radikalität – wie man als Jugendlicher eben so ist: Widerstand ist Lebenszweck – nicht anschloss, so besitze ich doch bis heute einige musikalische Andenken an jene Zeit in Form von CDs der Hamburger Musikgruppe Slime.

Als unlängst die neuen vermeintlichen Erkenntnisse zum „Bundestrojaner“ bekannt wurden, wäre dies eigentlich eine gute Gelegenheit gewesen, sich nochmals inhaltlich mit jenen Liedern zu beschäftigen, aber auch nach einer Dekade Bedenkzeit erschien mir plumpes „Mollis und Steine gegen Bullenschweine“ noch zu niveaulos und undurchdacht.

Also höre ich stattdessen etwas völlig anderes:

Viel besser!

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“Geschlecht? Ja, bitte!“

Wenn mich Bekannte oder weniger Bekannte fragen, was ich mir denn so zum Geburtstag, zu Weihnachten oder ähnlichen Anlässen wünsche, variiere ich meine Antwort meist anhand der Identität des Fragestellers von „warum sollte ich dafür beschenkt werden, geboren worden zu sein?“ bzw. „(…) dass Jesus angeblich geboren wurde?“ bzw. „(…) dass (…)?“ bis „och, Sex wäre nett“. „Ficken wäre nett“ traue ich mich nicht mehr zu sagen, denn ein bekannter Getränkehersteller hat dieses, zugegeben, etwas unfeine Wort nachhaltig ruiniert. Schnaps als Geschenk benötige ich nicht unbedingt.

Dass das allerdings wirklich mal funktionieren könnte, hatte ich nicht erwartet, besteht mein Bekanntenkreis doch weitgehend aus Personen beiderlei Geschlechts, die sich für derartige „Geschenke“ vermutlich zu schade wären.

Dann aber erhielt ich unerwartete Post.

Ich sollte mich glücklich schätzen: Wie viele Männer bekommen heutzutage schon noch zwanglos Sex frei Haus? :mrgreen:

Jetzt benötige ich jedoch einen neuen Wunsch für einen kommenden Anlass.
Wer weiß Rat?

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Impressionen: Romantische Betrachtung eines Morgens im September nach durchregneter Nacht (Versuch 5)

Noch schlaftrunken, vor der ersten Tasse Kaffee, von zu viel Regen in der vergangenen Nacht zuverlässig daran gehindert, sich in ausreichender Menge sanftem Schlummer hinzugeben, beginnt man den Tag mit der lauen Septemberluft. Es riecht nach Regen, nach Freiheit, ein bisschen nach ihr, und man fühlt sich drei Jahre jünger, wenn nicht gar vier; unwillkürlich entlässt man einen tiefen Seufzer aus Regionen des Körpers, die man längst vergessen (oder verdrängt?) hatte, in die sanfte Brise, die gerade, just in diesem Moment, die Sorgen aufnimmt und zerstreut, und man möchte den Wind gern fragen, ob er mit derselben Leichtigkeit auch Tränen wegzuwehen vermag, aber man ist mit den Jahren gereift und so ein scheißrationaler Mensch geworden, der nicht mehr mit dem Wind spricht.

Und als hätte der Wind das bemerkt, lässt er die Bäume ein Lied singen; ein Lied, dessen Refrain mich ihren Namen nicht vergessen lässt.

Es ist klar, der Regen wäscht auf jeden Fall
weg, was war, und es erscheint mir überall -
schenkt er auch neues Leben, ‘ne neue Chance für jeden,
wenn Sonnenlicht durch Wolken bricht wie nach ‘nem Sommerregen.

– Die Fantastischen Vier: Sommerregen

PersönlichesPolitik
Sprachnazis

Ich spiele in meiner knappen Freizeit hin und wieder das Onlinerollenspiel League of Legends, kurz „LoL“. Während das Spielprinzip eher schlicht ist (zwei gegnerische „Städte“ á 3 oder 5 Spielern, menschlich oder Computergegner, versuchen die jeweils gegenüber liegende Stadt mittels Metzelns und/oder Magie einzunehmen), sind doch die dort anzutreffenden Exemplare Mensch so vielfältig wie die Ausreden eines vorgeblichen Windowsverächters, wenn er dann doch mal Wine nutzen muss.

Zu dem Wesen dieser Spielgattung gehört es, dass die Klientel überwiegend aus Sprösslingen unterer bis mittlerer Bildungsschichten besteht, was sich insbesondere auch in der eingebauten Diskussionsmöglichkeit („Chat“) zeigt, in dem Niederverbalitäten in der Regel vorherrschen, so man sie denn versteht. Franzosen und Spanier sind auf dem westeuropäischen LoL-Server nämlich in größerer Zahl vertreten als Deutsche, und während mein Spanisch vielleicht nicht reisetauglich, aber doch zumindest in Grundzügen vorhanden ist, beschränken sich meine Französischkenntnisse auf „merci“, „bonjour“ und Refrains populären französischsprachigen Liedgutes. Erfreulich ist es da, dass man Einheimische oft am angezeigten Namen erkennt, immerhin bevorzugt man im Alter von 12, 13 Jahren oft Charakternamen wie „bigboss1999″ und „Klaus der Tolle“. (Ähnlichkeiten mit vorhandenen Spielernamen sind bekannt.)

In einer etwas schwächeren Runde nun, die ich vor einigen Stunden absolvierte, waren sich meine Mitspieler spielintern einig, dass wir diese Runde zu gewinnen nicht mehr imstande sein würden. Keinesfalls aber lautete ihre Einschätzung hierzu „wir werden dieses Spiel nicht mehr gewinnen“ oder wenigstens „wir verlieren“, sondern „wir loosen“.

Meinem zaghaften Einwand, man möge doch bitte, wenn man schon englisch reden muss, nicht to lose („verlieren“) mit loose („locker“) verwechseln oder sich eben doch besser auf eine Sprache beschränken, die man auch beherrscht, wurde zum Einen entgegengebracht, dass „loosen“ (sic!) kürzer sei als verlieren („looooosen“ aber vermutlich nicht, was ich aus Gründen temporär mangelnder nervlicher Belastbarkeit indes nicht einbrachte), was keinesfalls von der Hand zu weisen war, zum Anderen überraschte mich einer meiner Mitspieler mit der Frage, ob ich denn Nazi sei „oder was“. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet.

Bin ich ein Nazi, weil ich meine Muttersprache beherrsche und Sprachmatsch aus deutschen Satzstummeln und (obendrein falschen) englischen Versatzstücken nur wenig abgewinnen kann? In der Tradition von Adolf Hitler jedenfalls, das beruhigt mich nach kurzer Recherche, stehe ich nicht, denn er billigte Anglizismen ausdrücklich. Insofern aber ist es in mehrfacher Hinsicht bedenklich, dass man, um nicht als „Nazi“ zu gelten, Sprachpanschereien gutmütig zur Kenntnis nehmen muss, denn eigentlich zollt man so wiederum dem Nationalsozialismus Tribut.

Meine dem Nationalsozialismus ähnlichste Eigenschaft ist mein Musikfaschismus, darüber hinaus aber kann ich mir nicht ohne Stolz ein weitgehend integres Weltbild attestieren. Dieses Weltbild lässt mich nun darüber nachdenken, inwiefern Sprache und Nationalsozialismus eigentlich zusammenhängen. Das Forcieren der eigenen Landessprache nebst Dezimierung der alternativ gesprochenen Sprachen im Land ist zum Beispiel in Frankreich Usus, aber von Nationalsozialismus kann dort wahrlich nicht die Rede sein, denn es regiert das Kapital.

Aus der Sprachwahl des mich derart Scheltenden folgere ich, dass man in seinen Augen also nur dann nicht als Nazi („meinten Sie: Nationalist?“) gilt, wenn man sich als Weltbürger zu erkennen gibt und also die Sprache der populistischen US-amerikanischen Kriegstreiber zu der seinen macht, unabhängig von dem nicht zu unterschätzenden Umstand, dass Deutsch in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Belgien Amtssprache und in Namibia und den Niederlanden und Teilen Frankreichs, Polens und der Slowakei zumindest eine der meistgesprochenen Umgangssprachen ist und es somit gut und richtig ist, von der Weltsprache Deutsch zu sprechen. Aber sind es nicht eigentlich eben die US-Amerikaner, die dem Nationalsozialismus nahe stehen?

Während die Deutschen alles tun, um die Zeit des Dritten Reichs damoklesschwertartig wie ein Menetekel über den Köpfen jeder heranwachsenden Generation pendeln zu lassen, (was eigentlich eine ziemlich blöde Metapher ist und) worin sich irritierenderweise die noch lebenden Funktionäre des bislang letzten deutschen Verbrecherregimes bis heute hervortun, sieht man es in den Ländern, die gegen die Deutschen einst schweres Geschütz auffuhren, nicht ganz so eng. Der Handel mit Andenken an die Zeit der NSDAP-Herrschaft, etwa Hakenkreuzflaggen und NSDAP-Ansteckern, erfreut sich gerade in den Vereinigten Staaten, unter anderem bei Amazon-Partnern, ebenso großer Beliebtheit wie Rassismus und die Bildung entsprechender Vereinigungen, sei es nun der Ku-Klux-Klan, sei es die NSDAP/AO.

Und während hierzulande zum Beispiel Komödien über Adolf Hitler trotz all der im Film implizit geschwungenen Zeigefinger vom Föjetong mit großem Grausen aufgenommen wird, weil es ja nicht sein könne, dass man Adolf Hitler filmisch zu einer grotesken Karikatur seiner selbst macht (vielleicht wäre den jeweiligen Schreiberlingen eine ehrfürchtige Huldigung lieber gewesen), ist das Kunstwerk Hitler in Übersee schon seit Jahrzehnten Gegenstand von Ehrerbietung einerseits und andererseits eben grotesker Karikatur, wie man etwa auf dem Künstlerportal deviantArt.com sehen kann.

Es zeugt also nicht von angemessener Wachsamkeit, die Sprache der US-Amerikaner der deutschen vorzuziehen, will man zeigen, dass man kein „Nazi“ ist; es zeugt vielmehr von einer gefährlich naiven Einschätzung der Weltpolitik. Längst nämlich sind es nicht mehr die paar hundert NPD‘ler, um die sich der aufrechte Antifaschist sorgen sollte, es sind ihre paar tausend US-amerikanischen Gesinnungsgenossen, die sich dort seit Jahrzehnten unwidersprochen ausbreiten können. Dass eine Demokratie auch faschistische Meinungen ertragen können muss, um noch eine starke Demokratie zu sein, habe ich bereits anderswo ausreichend erläutert, insofern ist das nun keinesfalls ein Aufruf, linksradikale Guerilla in den USA zu etablieren. Man sollte allerdings doch, sofern man irgendwann einmal zufällig auf diesen Text stößt, kurz darüber nachdenken, ob eine Sprache, deren primäre Sprecher – einmal unterstellt, der Nachwuchs bezieht seine Englischkenntnisse aus den Medien statt aus der Schule und bemüßigt sich also des US-amerikanischen, nicht des britischen Idioms – Hitler überwiegend alltagstauglich finden, sich selbst als Weltpolizei verstehen (die Zugriffsrechte des FBI auf aus der EU stammende Daten jeglicher Art seien nur einmal als Beispiel genannt), seit Jahrzehnten Angriffskriege führen, dunkelhäutigen Ausländern nicht immer allzu offenherzig begegnen und großteils kein Problem mit der Todesstrafe haben, wirklich weniger nazihaft wirkt als die Verwendung der Muttersprache im Gespräch mit Muttersprachlern, und das Ergebnis dann ausdrucken und in großen roten Buchstaben an seinen Bildschirm tackern, auf dass er auf derartige Vermutungen künftig verzichte.

Aber: „Endlich können wir uns wieder selbst geißeln!“ (Anonymus „Monark“ in völlig anderem Zusammenhang.)
Yeah, sozusagen.

PersönlichesWie die Anderen
Wie die Anderen (1): Milch und Zucker

(Vorbemerkung: Dies ist der Auftakt zu meiner losen Reihe „Wie die Anderen“, diesmal inspiriert von Caschy.)

Dürfte vielleicht einigen meiner Leser nicht bekannt sein: Ich bin ja beruflich und in der Freizeit vor allem Informatiker. Und was macht ein Informatiker so, wenn er nicht gerade an seinen Gadgets rumspielt oder seine sozialen Profile aufhübscht? Klar – er trinkt Kaffee.

Wer kennt das nicht? Man kommt morgens, mittags und abends einfach nicht in die Hufe. Wir Informatiker haben da Abhilfe: Einfach die Kaffeemaschine befüllen, anmachen und kurz warten. Geht easy-peasy und ruckzuck. :wink:

Blöd nur, wenn man seinen Kaffee gern mit Milch trinken würde, denn dann wird erst Unboxing fällig. Das macht normalerweise tierischen Spaß, ist aber bei Milch nicht leicht. Zwischen den Deckel und das Naturprodukt haben die Abfüller nämlich manchmal noch so ein Ding geschraubt, das man ganz easy-peasy abziehen können soll. Sitzt aber meist bombenfest, das Ding. Gibt es zum Beispiel mit Ring oben dran und sieht hinterher so aus:

Lust auf Kaffee hat man dann allerdings eigentlich keine mehr. Bloß nicht auf Zucker umsteigen. Alternativen? Fehlanzeige. :-S

Zu gewinnen gibt es diesmal nichts, aber ich frage mal in die Runde: Und ihr so?

(Nachbemerkung: Sollte ich eine der Marotten der in dieser Reihe parodierten Blogger versehentlich nicht eingebaut haben, so seid ihr natürlich herzlich eingeladen, es besser zu machen – gern mit Trackback und/oder Kommentar hier unten drunter.)

In den NachrichtenMusikalischesPersönliches
Prominentenseuche gebrochenes Herz

Vor all der Panik wegen verzockter Milliarden an nicht einmal real vorhandener Währung wird doch glatt vergessen, dass auch weiterhin Leute sterben. Um eine leidlich brauchbare Überleitung hinzubekommen, hole ich aber mal etwas weiter aus:

Vor einigen Tagen fuhr ich mit dem Regionalzug durch die Gegend. Ich schätze die Regionalzüge hier sehr, denn sie bieten reichhaltige Einblicke in menschliche Abgründe. In besagtem Regionalzug nun, mir schräg gegenüber, saß, sommerlich gekleidet, ein nicht unhübsches Mädchen von etwa 16 Jahren, das sich, wie man trotz ihrer Ohrhörer vernehmen konnte, der Techno- oder jedenfalls Ravemusik hingab. Mit dem Rücken ihr zugewandt saß ein bärtiger Mann mit Hut, der aussah, als würde er im Dezember seine Rente als Nikolaus aufbessern.

Diesen Mann nun hatte keinesfalls der Geist der Weihnacht erfüllt, denn er stand irgendwann auf, drehte sich um, beugte sich über sie und nuschelte „mach das aus, das stört mich“ in seinen beeindruckenden Bart hinein. Ich überlegte, ob ich einwerfen sollte, dass ich mich in meiner Gemütsruhe eher von seinem Gemurmel als von ihrer Beschallung gestört fühlte, aber da saß er auch schon wieder, und die Musik blieb, wie sie war; daher widmete ich mich wiederum lauschend den übrigen Reisenden.

Irgendwann stand der grimmige Herr dann auf und verließ den Zug. Allerdings nahm er hierfür einen kleinen Umweg in Kauf, nur um an dem nicht unhübschen Mädchen vorüberzugehen und sie nochmals ob ihres Hörverhaltens als Störerin bezeichnen zu können. Wieso ihm das nun, da er den Zug ohnehin verließ, noch so wichtig war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, das Mädchen jedenfalls wandte sich anschließend ihren offenbaren Freundinnen zu, die vor ihr saßen, und in breitem Jugendslang und wild gestikulierend spotteten sie über das betagte Verhalten des betagten Herrn.

Tja, werden nun die Leser einwenden, da treffen wieder völlig unterschiedliche Generationen und Gesellschaftsschichten aufeinander, und mit über 60 ist man dann so, wie man mit unter 20 nie sein wollte. So unterschiedlich sind ihre Sorgen aber gar nicht.

In dieser Woche zum Beispiel sind die Boulevardmagazine im Zeitschriftenregal erfüllt von Trauer, weil zwei Personen des öffentlichen Lebens abgenippelt verstorben sind. Den Tod von Amy Winehouse thematisierte ich ja bereits. „Wer ist Amy Winehouse?“, fragen nun die älteren Menschen. Amy Winehouse, das antworte ich ihnen, war eine Sängerin, die beim vorwiegend jungen Publikum beliebte Weisen intonierte. Vergleichbar ist sie etwa mit Bernd Clüver, gleichfalls inzwischen toter Musiker, dessen „Junge mit der Mundharmonika“ einst ebenfalls Massen begeisterte.

Und so prangte heute in trauter Einigkeit in nämlichem Zeitschriftenregal das Gesicht von Amy Winehouse gleich neben dem von Bernd Clüver. Und während man bei der BRAVO spekulierte, ob Frau Winehouse wohl an gebrochenem Herzen starb („Starb sie an gebrochenem Herzen?“), ist man bei der „Neuen Post“ bodenständiger genau so überdreht esoterisch und fragt anlässlich Herrn Clüvers Ablebens: „Starb er an gebrochenem Herzen?“.

Das mit dem gebrochenen Herzen scheint ja eine brandgefährliche Sache zu sein. (Ob daran die Killerspiele schuld sind?)
Da ist es beinahe schon beruhigend, dass ein berühmter Toter garantiert an etwas anderem verstarb: Knut.

(Danke an V.!)

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 5)

… Es war schon seltsam, dachte er; es waren erst wenige Tage vergangen, seit er sie zuletzt gesehen hatte, und doch kam es ihm vor, als lägen Jahre dazwischen.

Je mehr Zeit aber verstrich, um so deutlicher sah er sie vor sich, sah das Café, in dem sie sich kennen gelernt hatten, blickte tief in ihre Augen; und wachte doch immer wieder auf und sah sich ins Leere starren.

Sie hatte eine eigenartige Faszination an sich. Ihr Lächeln hatte ihn von Anfang an verzaubert. Und sie war so nah und doch für ihn kaum greifbar. Wie so oft wollte er alles besser machen, sie nicht verschrecken aus bloßem Missgeschick. Nur keinen Stress, nie wieder, das hatten sie sich versprochen. Den Moment genießen, ohne an den nächsten denken zu müssen. Und doch begann er zu zweifeln. Hatte er den richtigen Weg eingeschlagen?

Vielleicht sollte er endlich handeln. Es schien so einfach, ein Griff zum Telefonhörer, eine Nummer wählen und endlich wieder ihre Stimme hören.

Aber war es nicht gerade diese Ungeduld, die ihn schon Jahre zuvor um sein Glück gebracht hatte? Er würde sie jetzt gerade, in diesem Augenblick, so vieles fragen oder ihr schweigend beim Lächeln zusehen, das war ihm jetzt gerade, in diesem Augenblick, vollkommen gleichgültig, wenn sie nur bei ihm wäre. Er wusste, die Antwort würde er ohnehin nicht hören wollen; doch worauf sollte er noch hoffen? Nur ein Wort von ihr, und es würde vorbei sein. All die ungewissen Stunden, Tage würden der Vergangenheit angehören. Und vielleicht würde das auch bedeuten, dass ihm bewusst wurde, dass sie ihn längst abgewiesen hatte.

War es das wert?

Ihm wurde plötzlich klar, wie wenig er eigentlich über sie wusste. Wo sie jetzt wohl war? (War sie allein?) Er kam sich so klein vor wie seit Jahren nicht mehr.

Aus dem Internetradio knödelte Mike Patton:
„That‘s why I‘m easy; I‘m easy like Sunday morning …“

Nie zuvor war ihm ein Sonntag so schwer gefallen. …

Persönliches
Wenn.

„Ich schau mich um und seh nur Ruinen;
vielleicht liegt es daran, dass mir irgendetwas fehlt.“
- Fehlfarben: Paul ist tot

Und dann ist irgendwann auch mal so was wie Sommer und man sitzt im Garten und (wartet auf den Weltuntergang und) lässt seine Gedanken kreisen oder eher ecken, „rund laufen“ hat man dann doch eher anders in Erinnerung, und man hält sich an seinem Versprechen fest statt an der Räson, um nicht vollends durchzudrehen. (Hat man nun versprochen oder vielmehr sich versprochen?)

Weil da eben auch immer so ein Moment war und bleibt, tief verwurzelt in den Erinnerungen, und die Erinnerungen waren und bleiben eben auch, und man hindert sie nicht daran, ein Moment, der jetzt so flüchtig scheint wie nie und der trotz seiner Flüchtigkeit so greifbar erscheint; und man streckt die Hand aus und greift ins Leere, dahin, wo man sich selbst schon längst wähnt, obwohl man sich eigentlich (ganz woanders hin träumt und) mit jedem Atemzug ein bisschen schmerzhafter spürt.

„Du atmest ein, du atmest aus.“
- Die Fantastischen Vier: Tag am Meer

Wochenende, Doppelpunkt.