Archiv für die Kategorie ‘Netzfundstücke’.

Das, was andere als eigenes Blog betreiben, ist bei mir nur eine Kategorie wert. :)

Netzfundstücke
Strukturwandel: Christoph Kappes hat sich im semantischen Web verlaufen

Und dann ist da noch Christoph Kappes, Geschäftsführer der mir völlig unbekannten Gesellschaft „Fructus“, die wahrscheinlich irgendwas mit Obst macht, der aber trotzdem in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages herumsitzt und also bestrebt ist, der Bundesregierung das Internet mal so richtig durchzuerklären. Was ihn zu einem Sachverständigen macht, wüsste ich nur allzu gern, aber Dieter Gorny, Gründer von Viva, gehört der Kommission ja ebenfalls an, was die Messlatte schon recht niedrig legt.

Dieser Christoph Kappes nun hat gestern was gebloggt, nämlich eine ausführliche Stellungnahme als Antwort auf Fragen zum Thema „Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation“, also inwiefern das Internet politische Schwerpunkte und Interessen in und aus der Gesellschaft beeinflusst und/oder andersherum, und ich möchte die Pointe schon mal vorwegnehmen:

Ich bin sehr gespannt, ob man mich für einen Spinner hält.

Ja. Weiterlesen ‚Strukturwandel: Christoph Kappes hat sich im semantischen Web verlaufen‘ »

In den NachrichtenNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXXVII: Rechtsfreier Raum. (Die unendliche Geschichte.)

Twitter machte mich soeben darauf aufmerksam, dass wieder mal der „rechtsfreie Raum Internet“ „wirksam“ „bekämpft“ werden soll:

Für Deutschland schlägt die Studie dennoch ein “vorgerichtliches Mitwirkungsmodell” vor, das aus einem zweistufigen Warnhinweissystem besteht. Der Provider soll einen Internetnutzer warnen, wenn er mutmaßlich illegales Material verwendet hat.

Ich mag die deutsche Sprache auch, weil ihre Pronomina so flexibel sind.
“Lieber Internetnutzer, wir haben mutmaßlich illegales Material verwendet. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Provider.“

Dass sogar der – leider immer noch an Facebook gebundene und somit nicht empfehlenswerte – Streamingdienst Spotify hierzulande in Zusammenarbeit mit der Musikindustrie betrieben werden kann, ohne, dass sie sich über die deshalb ausbleibenden CD-Verkäufe beschweren würde, wertete ich als Zeichen der Einsicht. Schade.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Medienkritik in Kürze: Three Eleven

Seit dem 11. September (2001, A.d.V.) ist die Welt nicht mehr dieselbe. Sogar Datumsangaben werden seitdem solidarisch US-amerikanisiert, selbst dann, wenn sie mit den USA nichts zu tun haben, sondern an besagtem Tag nur irgendein Ärgernis geschah.

Etwa anlässlich des Jahrestages – feiert man das eigentlich? – der Havarie des Kernkraftwerkes Fukushima am 11. März 2011, der das so genannte „Nachrichtenmagazin“ N24 heute dazu verleitete, folgende bescheuerte Überschrift zu wählen:

Japan gedenkt „3/11″

Dass Japan (valider, aber unnötig dramatisierender pars pro toto) „3/11″ gedenkt, halte ich für unwahrscheinlich, denn Datumsangaben werden in der japanischen Sprache nicht in US-amerikanischer Schreibweise getätigt; soll heißen, dass es gut sein kann, dass in den Vereinigten Staaten lebende Japaner „3/11″ gedenken, die in Japan lebenden Japaner aber vermutlich eher so etwas wie „3月11日“ – und weil keiner weiß, wie um alles in der Welt man das aussprechen soll, fasst man es im Deutschen einfach ganz anders zusammen: „Japan gedenkt dem Atomreaktorunglück von Fukushima“, notfalls (gemäß genannter Regel) „Japan gedenkt Fukushima“.

Dass man bei N24 lieber Englisch schwätzt, ist vor dem Hintergrund von Pearl Harbor besonders amüsant. Aber Solidarität geht vor – mit wem, ist ja dann auch egal.

(Mit Dank an L.!)

NetzfundstückePolitik
Kurz verlinkt LXXXIV: Warum „links“ noch lange nicht links ist

Dass „links“ heutzutage das empfohlene Attribut ist, wenn man vorhat, irgendwas mit Politik zu machen, ist eine verbreitete These. Was aber ist links?

Klar: Links ist, was nicht rechts ist. Was ist rechts? Die Konservativen, die Nationalen? Falsch:

Gerade die vermeintlich progressiven Versuche, die Sozialpolitik zu zerschlagen, bedeuten für die Linken, sich dem reinen Fortschritt in den Weg zu stellen. „Links“ zu sein bedeutet hier nur eins: eine konservative Haltung einzunehmen.

„Links“ und „rechts“ sollte man keinesfalls versuchen als fixe Punkte zu definieren, überschneiden sie sich doch in vielerlei Hinsicht. Auch die einstmals „linke“ SPD ist dem Konservativismus näher als je zuvor, den Wunschpartner CDU freut‘s womöglich; der eben auch wenig wählerisch ist, kopuliert koaliert er doch bei Bedarf auch mit den Grünen, die bekanntermaßen „links“ sind wie auch die Piraten, die ja vielfach als „die neuen Grünen“ und/oder „die neue F.D.P.“ gehandelt werden, und obwohl sich mancher Pirat gelegentlich auf fragwürdigen Demonstrationen blicken lässt, ist das eine fatale Fehleinschätzung:

Sie sind letztlich Parteien der Mittelschicht, einer anderen als sie CDU und FDP sich ausmalen, aber einer Mittelschicht nichtsdestotrotz. Ihre Themen sind keine Themen von Menschen, die darum kämpfen, Miete und Essen zu bezahlen. Es sind aber, man muss es so hart sagen, Mehrheitsthemen. Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich der Mittelschicht zugehörig oder geht davon aus, auf absehbare Zeit dazuzugehören. (…) Und selbst grüne und orangene Bürgerliche sind bei aller Andersartigkeit ihrer Forderungen vom konservativ-bürgerlichen Kernbestand eines mit Sicherheit nicht: revolutionär und übermäßig links gestimmt.

Wer „gegen Rechts“ ist und sich „links“ nennt, ist also mit ein wenig Pech eigentlich konservativ-regressiv (rechts) und sein eigener Gegner; blöd ist‘s eben, wenn man Kampfbegriffe unreflektiert übernimmt, ohne sie zu verstehen.

„Links, zwo, drei, vier!“
– Rammstein

Netzfundstücke
Vögeln

Falls sich noch wer fragt, warum Kakapos sich nicht allzu oft vermehren:

Immerhin: Er hat es versucht.

Netzfundstücke
Ganz neu: Schwarzkopien schädigen die Gesellschaft

Dass die Vorsitzenden der Plattenfirmen sich das Benzin für ihren Maybach nicht mehr leisten können, wenn wir nicht alle aufhören, Kopien zu rauben (ob nun per Audiokassette oder via Internet), ist eine altbekannte Mär; dass Raub gemäß § 249 StGB mangels Gewaltanwendung beim Anfertigen der Kopien in der Regel nicht vorliegt, sollte sich auch noch mal herumsprechen. Angesichts der immer gleichen Leier von den armen Rechteverwertern ist es ziemlich erfrischend, wenn man auch mal etwas anderes zu lesen bekommt.

Zum Beispiel verfolgt Peter Singer, selbst Autor und somit vom bösen Internet geschädigter Kreativer, einen seltenen Ansatz, indem er schreibt:

Urheberrechte müssen auch im Internet verwertbar sein. Sonst werden sich viele Kreative ihr Geld auf andere Weise verdienen – und die Gesellschaft ist der Verlierer.

Der Umstand, dass Urheberrechte weder veräußerlich noch verwertbar sind, fällt Buchautoren wahrscheinlich weniger auf als Musikern, denen ihre Urheberschaft nur selten viel Geld einbringt, da alles bei den Verwertern hängen bleibt. Die Argumentation ist aber mal interessant: Wenn die Internetnutzer nicht aufhören, seine Inhalte miteinander zu tauschen, werden die Erzeuger dieser Inhalte eines Tages allesamt aufhören, Nachschub zu produzieren, und lieber etwas anderes tun. Bei manchen (Placebo, Muse, Tim Bendzko) wäre das allerdings kein großer Verlust für die Gesellschaft.

Dabei beginnt Peter Singers Kommentar eigentlich ganz gut, indem er die Anekdote erzählt, dass er selbst bereits ein raubkopiertes Buch zugesandt bekommen und auch gelesen hatte. Leider folgt der Wendepunkt umgehend:

Wenn Leute raubkopierte Bücher nutzen, erleiden häufig der Verlag und der Autor einen Nachteil – sie verlieren ihre Einnahmen aus dem Verkauf des Buches.

Ab hier wird‘s Käse. Um in der Musikwelt zu bleiben: Die meisten Musikalben, die ich gern hören würde, versuche ich vorher als unlizenzierte Kopien zu bekommen, um mir ein ausreichendes Bild davon machen zu können, ob es sich lohnt. Blindkäufe sind selten eine gute Idee, denn auch, wenn man vorher zum Beispiel ein Lied aus einem Album in ganzer Länge gehört und für gut befunden hatte, sagt das noch nichts darüber aus, ob der Rest der enthaltenen Musikstücke den Kauf wert sein würde oder ob man diesen nicht doch bereut. Bei Gefallen bestehe ich aber darauf, das Gehörte auch in physischer Form zu besitzen, um meine Wertschätzung angemessen auszudrücken.

Ob sich dieses Verhalten im Allgemeinen auch auf Bücher übertragen lässt? Ich bin zwar ein Freund digitaler Medien im Allgemeinen, nicht jedoch digitaler Bücher, denn „E-Books“ sind kein vollwertiger Ersatz für selbige. Irgendetwas würde stets fehlen, und sei es nur das Umblättern oder die Gewissheit, ein Buch auch mal wochenlang zur Seite legen zu können, ohne vor dem Weiterlesen die Batterien wechseln zu müssen. Womöglich sollte Peter Singer sich aber mal bei Thalia beschweren – in deren Filialen haben Besucher meist die Möglichkeit, jedes nicht eingeschweißte Buch auf mehr oder weniger bequemen Sesseln zu lesen, ohne es kaufen zu müssen. Was da allein für Verluste entstehen!

Wie zum Trotz hat welt.de an dieser Stelle eine achtteilige Klickstrecke eingefügt (sieben Teile plus Werbung): „So hoch sind der Verluste der Unternehmen durch Internetpiraterie…“. Darin stehen Fakten wie:

Alle EU-Länder: 9,9 Mrd. Euro
Beschäftigungsabbau: 186.400

Woher diese Zahlen kommen? Man weiß es nicht. Dass Schwarzkopien die Schuld daran tragen, dass Unternehmen massenhaft Leute rauswerfen, halte ich allerdings für ein Gerücht, aber die Springer-“Presse“ war ja schon immer für ein wenig Populismus zu haben.

Nach einigem fragwürdigen Geschwafel über SOPA, PIPA, ACTA und Megaupload („der Kampf wird weitergehen“, das fürchte ich auch) stellt Herr Singer dann noch mal seine eigenen Absichten in Frage, indem er schreibt:

Ich bin nicht nur Leser, sondern auch Autor. Eines der Wunder des Internets ist, dass einige meiner älteren Werke, die lange nicht mehr lieferbar sind, jetzt sehr viel leichter erhältlich sind als früher – als Raubkopie

Ginge es nach ihm selbst, wären seine „älteren Werke“ also nun vergriffen, nicht mehr zugänglich, und würden ihm keine neuen Leser mehr bescheren. Dass er mit diesen „Werken“ kein Geld mehr einnehmen kann, ist ihm egal, so lange sie eben nur auch niemand mehr kaufen kann. Versteh‘ ich nicht. Peter Singer macht allerdings den Fehler, von Verbrechern betriebene Plattformen wie Megaupload und soziale, nicht auf die bloße Bereicherung ihrer Betreiber fokussierte Netze wie etwa Kademlia (eMule/aMule) miteinander in einen Topf zu werfen. Ich gebe ihm insofern Recht, als es einfach ist, sich bessere Zwecke für „(…) Einnahmen aus Autorenrechten vorzustellen als den umweltschädlichen Lebensstil eines Kim Dotcom“. Dennoch hat Schwarzkopieren nur selten etwas mit derlei Aktivitäten zu tun.

Am Ende bekommt er doch noch die Kurve:

Australien, Kanada, Israel, Neuseeland und viele europäische Länder haben heute ein öffentliches Verleihrecht, das darauf ausgelegt ist, Autoren und Verleger für die ihnen durch die Möglichkeit zur Entleihe ihrer Bücher in öffentlichen Büchereien entgangenen Umsätze zu entschädigen. Wir brauchen etwas Ähnliches für das Internet.

Es könnte über eine Nutzungsgebühr finanziert werden, und wenn die Gebühr niedrig genug wäre, würde dies den Anreiz zur Nutzung von Raubkopien verringern.

Was Peter Singer hier befürwortet, ist eine Kulturflatrate – also das, was aus den Reihen der Piratenparteien ungefähr seit ihrem Bestehen gefordert und von Kreativen wie Peter Singer meist mit Legalisierung von Diebstahl gleichgesetzt wird. Diese Entwicklung ist zumindest bemerkenswert.

Gegebenenfalls sollte Peter Singer sich zunächst einmal entscheiden, ob das Kopieren seiner Texte nun erwünscht (wegen vergriffen) oder nicht so erwünscht (wegen Kim Schmitz) sein soll, bevor er sich daran wagt, einen Text zu schreiben, der sich für und/oder gegen filesharing ausspricht. Ich fürchte allerdings, bevor diese Entscheidung schließlich gefällt worden sein wird, macht er längst etwas anderes und lässt die Gesellschaft darunter leiden.

Mich fröstelt es jetzt schon.

Netzfundstücke
Kurz gefragt (1): Margaret Heckel!

Frau Heckel,

für den „The European“ schrieben Sie:

Eigentlich ist der digitale Raum die ideale Gelegenheit für Frauen. Er ist weitgehend barrierefrei und erlaubt flexible Arbeitszeiten. Doch nur wenige Vorzeigefrauen mischen ganz vorne mit.

Frage: Na und?

So ein paar Vorzeigefrauen im Internet gibt es dann doch. Marina Weisband von der Piraten-Partei. Die rheinland-pfälzische Oppositionsführerin Julia Klöckner von der CDU, die durch ihren schnellen Tweet mit den Ergebnissen der Bundespräsidentenwahl bundesweit bekannt wurde. Arianna Huffington, die die Internet-Zeitung „Huffington Post“ gegründet hat.

Frage: Interessiert es Sie überhaupt, dass die von Ihnen als leuchtendes Vorbild hingestellte Marina Weisband von Gestalten wie Ihnen und Ihren rückständigen Ansichten nicht viel hält?

Das ist zu wenig. Hilfreich wären ein paar mehr Vorzeigefrauen, die anderen Mut machen, sich im Internet zu verwirklichen.

Frage: Hilfreich wofür?

Andererseits fragte Sie das auch bereits gestern Ihr Kommentator B. Eichler:

Ihr Statement zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit. Vielleicht, weil Sie auch keinen Grund dafür wissen, warum 50 % der Internetaktivisten weiblich sein sollten, außer dem, dass Frauen 50 % der Bevölkerung stellen.

Dürfen wir auf eine Antwort hoffen?

Netzfundstücke
Cow. Mooooooo.

Apropos „was haben die eigentlich genommen?“:

Fan blows. Fan blows.
Yip yip yip yip yip.

(Abt.: Warum man manche Kinderserien erst in vergleichsweise hohem Alter lustig findet.)

Aber der Klingelton ist großartig.

NetzfundstückeSonstiges
Typisch Niedersachsen.

Das hat noch gefehlt: Auch Niedersachsen wird auf der kommenden CeBIT 2012, der laut „Themenspezial“ auf niedersachsen.de „beudendsten (sic!) IT-Messe“, wenn‘s eben für die bedeutendste nicht reicht, mit einem Stand vertreten sein. Das ist ein konsequenter Schritt, ist Niedersachsen – Motto: „Sie kennen unsere Pferde. Erleben Sie unsere Stärken.“ – doch vor allem als das Bundesland mit der größten digitalen Innovationskraft bekannt. Euch etwa nicht?

Für den Innovationsstand auf der CeBIT gibt es auch eine Informationsbroschüre: Diese hier.
(Hinweis: Die Datei ist etwas über zweieinhalb MiB groß.)

Das Titelbild ist schon ziemlich umwerfend:

Ein gezogener Netzwerkstecker symbolisiert das EDV-Innovationsland Niedersachsen wohl ungefähr so gut wie der braune Fleck im Kopfbereich, der sich wie ein roter Faden durch das corporate design der Vermarktungskampagnen Niedersachsens zieht. Nach Vergrößerung erkennt man: Es handelt sich um Pferdeäpfel. „Sie kennen unsere Pferde, dies ist ihr Dung.“

Auf der Themenseite „Innovatives Niedersachsen“ wird verdeutlicht, wofür Niedersachsen sonst noch gern stehen würde: Für mehr Religiösität, mehr weiße Kittel („Laborkittel“, natürlich), mehr Mobilität, all das jeweils veredelt mit dem braunen Klumpen der niedersächsischen Pferde.

Typisch Niedersachsen.

NetzfundstückePolitik
Schmalhans des Tages: Erika Steinbach, CDU.

Dieser Artikel ist Teil 2 von 4 der Serie Schmalhans des Tages

Schade: Die Junge Union Köln hat sich von Luca Leitterstorfs, der merkwürdigerweise laut eigener Aussage bislang erst einmal als Fanatiker bezeichnet wurde, geistigem Brei distanziert – wahrscheinlich ist er ihr noch zu gemäßigt. „Rechts von uns darf es nichts geben“, so oder so ähnlich drückte es doch F. J. Strauß aus (reimt sich). Jetzt ist er (der F. J., nicht der Luca) tot, tja.

Schützenhilfe bekommt er (der Luca, nicht der F. J.) von Erika Steinbach, der langjährigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, die gestern per Twitter verlauten ließ:

Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…..

Kurz hinsetzen, sacken lassen, nachdenken, eventuell empören. Die spontane Reaktion der meisten Leser dieses Tweets schien die ersten drei Schritte zu überspringen: Wenn jemand sein Leben lang „links“ sein wollte, nur um „gegen Hitler“ zu sein, wäre es natürlich ärgerlich, wenn er dafür stattdessen rechts sein müsste, würde das doch klar zeigen, dass seine einzige politische Überzeugung ein stumpfes „dagegen!“ ist. Hitler, der linke Lümmel.

„Alles ist so, wie es ist, weil es so ist.“
– Die Goldenen Zitronen: Fin de millénaire

Sacken lassen und nachdenken: Der Erfolg der NSDAP war eine unmittelbare Folge der Wirtschaftskrise gegen Ende der 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dass die NSDAP auch politisch linke Ideen als Kernpunkte führte, ist sicher nicht verkehrt, aber ein wenig Differenzierung ist schon vonnöten.

Erstens: Nationalsozialismus.

Der nationale Sozialismus bezeichnet zunächst einmal den Kompromiss aus Nationalismus und Sozialismus, zwei konkurrierenden politischen Strömungen im deutschen Kaiserreich. Vorrangiges Ziel war eine starke Gemeinwirtschaft zum Zwecke des Wohlergehens des deutschen Volkes und seiner Stärkung gegenüber den herrschenden Klassen. Dass Mitglieder des Nationalsozialen Vereins, aufgelöst nach einer Wahlniederlage im Jahr 1903, später die Vorläuferparteien der F.D.P., ursprünglich Teil einer linksliberalen Strömung, gründeten und die nun nicht gerade als faschistisch bekannte SPD sich mit dem Kriegssozialismus zur ersten nationalsozialistischen Partei Deutschlands machte, sollte klar machen, dass die politischen Schubladen „links“ und „rechts“ schon vor hundert Jahren inhaltlich völlig überholt waren.

Sozialistische Kriegswirtschaft hatte Deutschlands Bündnispartner Josef Stalin, der das mit dem völkischen Denken auch ganz gut konnte, ebenfalls im Angebot, so unterschiedlich waren die beiden Staaten anscheinend keinesfalls; wer ist „links“, wer ist „rechts“? Was der sozialistischen Sowjetunion zum Rechtssein also noch fehlte, war der offensive Rassenhass. Wird eine linke Partei zu einer rechten Partei, wenn sie derlei propagiert?

„Begriffe wie links und rechts basieren auf einer klassischen Definition von Arbeit, die mit der Informationsgesellschaft nicht mehr viel zu tun haben.“
– Marina Weisband

Die Betonung beim Nationalsozialismus sollte wahrscheinlich eher auf dem ersten Bestandteil – Nationalsozialismus – liegen, um klarzumachen, was die NSDAP eigentlich oberflächlich von der SED unterschied. Und apropos SED:

Zweitens: Arbeiterpartei.

Gegründet wurde die DAP (später NSDAP) von Arbeitern, ihr Wesen wie auch das Wesen des Nationalsozialismus‘ war es, wie beschrieben, die Arbeiterklasse zu stärken. Auch das galt jedoch explizit für die deutschen, arischen Arbeiter, deren gesellschaftlicher Aufstieg zu Kämpfern für das Vaterland an den real existierenden Sozialismus im Arbeiter- und Bauernstaat – arbeite hart für dein Volk, wie es dein Volk auch für dich tut – erinnern mag, der mit dem, was die Ewiggestrigen unter „rechts“ verstehen, kaum Gemeinsamkeiten aufweist, aber anscheinend gibt es guten und schlechten Nationalismus. Der Nationalismus von DDR, China und Sowjetunion war prima, weil er halt nicht auf (west-)deutschem Boden stattfand. Weit weg, interessiert uns nicht. Andere nationalistische und sozialistische Staaten haben ihre Völkermorde eben weniger werbewirksam aufgezogen. Die DDR, immerhin, hat auf einen solchen verzichtet. Ist sie damit der einzige „linke“ von den genannten Staaten gewesen?

Wer im Übrigen den Fehler macht, Nationalismus und Patriotismus miteinander zu verwechseln, dem erscheint diese ganze Diskussion wahrscheinlich vollkommen deplatziert. Zur groben Orientierung dies: Die USA sind patriotisch, Frankreich ist nationalistisch. Man sollte Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Faschismus nicht unbedingt immer gleichsetzen, auch, wenn das eigene Weltbild dadurch schön einfach wird. Links ist sozial und sozial ist gut, liebe Grüße auch an Fidel Castro; rechts ist (blöd und) national und die Nation ist böse, wenn sie halt nicht gerade den eigenen Lebensunterhalt finanziert. JU: Neukonservativ, rechts! Natürlich mit Ausrufezeichen, bitte gebrüllt mit rollendem „r“ vorstellen.

Und überhaupt, Frau Steinbach, da wir gerade beim Differenzieren sind: „Die NAZIS“ waren gar keine Partei, sie waren Mitglieder einer solchen – und nicht einmal immer derselben.

Aber das passt halt nicht in 140 Zeichen.

Netzfundstücke
Sibirische Fernwärme / The heat is on (on the street)

Von der Klimaerwärmung hört man dieser Tage ja nur wenig. Manche Menschen nehmen wahrscheinlich an, sie halte selbst Winterschlaf. Zum Glück klärt Wolfgang W. Merkel von Welt.de diese Fehleinschätzung nun auf, indem er erklärt:

Der Golfstrom dreht Europas Fernheizung auf

…, und wahrscheinlich wird‘s Heizen deshalb immer teurer. Ob man deswegen nun den Betrieb von Automobilen verbieten oder lieber alle Kühe schlachten sollte, möge eine höhere Instanz entscheiden, zum Beispiel die EU, die ja für ihre patenten Lösungen bekannt ist.

Ich würde derweil gern wissen, wie lange das eigentlich dauert, bis die Fernwärme hier ist, denn:

Bis zum Freitag werde es täglich kälter, berichtete der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Sonntag. „Von Donnerstag bis Samstag sollten kälteempfindliche Menschen eher keine Außentermine planen, denn der bockige Ostwind wird auch tagsüber die gefühlten Temperaturen immer im zweistelligen Minusbereich halten.“

„Aus den Simulationen gehen klare Klimatrends hervor. Danach wird es vor allem in den Wintermonaten in ganz Deutschland wärmer.“
– focus.de, 7. Dezember 2009

Vielleicht sollten diejenigen, die sich im Winter über die klirrende Kälte beschweren, im Sommer ganz einfach mal einen kühlen Kopf bewahren.

(Danke an L.!)

MusikalischesNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXX: Edison und die abscheuliche Musik

Forscher haben zwischen anderen alten, verrauschten Aufnahmen eine alte, verrauschte Aufnahme von Otto von Bismarck entdeckt, der dem von Thomas Alva Edison erfundenen Phonographen etwas vorgesungen hatte. Für Historiker sicher recht interessant, musikalisch auch besser als das, was die Hirne der Radiohörer heutzutage so weichkocht. „Paraaaa, Paraaaa, Paradise!“, entschuldigt mich, ich werde kurz kotzen gehen.

Folgt ihr so lange dem Verweis zur Aufnahme, so landet ihr auf der Internetpräsenz des National Park Service, der noch mehr solcher Aufnahmen – zum Teil ebenfalls musikalischer Natur – bereithält. Darunter befindet sich auch eine Aufnahme des Komponisten Arthur Sullivan, der nach einer Präsentation des Phonographen etwas gestelzt zu Protokoll gab:

(…) I am astonished and somewhat terrified at the results of this evening‘s experiment — astonished at the wonderful power you have developed, and terrified at the thought that so much hideous and bad music may be put on record forever.

Frei übersetzt:

(…) Ich bin überrascht und etwas erschreckt über die Ergebnisse des Experiments dieses Nachmittags — überrascht über die wundervolle Kraft, die Sie entwickelt haben, und erschreckt ob des Gedankens, dass so viel abscheuliche und schlechte Musik auf ewig auf eine Aufnahme gelangen könnte.

Kassandra? Rasputin? Nostradamus? Alles kalter Kaffee. Die düstere Prophezeiung des Arthur Sullivan wurde schreckliche Wirklichkeit und hat den Propheten bis in die Gegenwart überdauert.
Wo bleibt eigentlich dieser verdammte Weltuntergang?

(Indirekt: Danke an L.!)

In den NachrichtenNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXVIII: Deutsche, Google, goldene Pos

Puh, so ein Glück:

Unter den Toten und Verletzten des Schiffsunglücks vor der toskanischen Küste sind nach Informationen des Veranstalters keine deutschen Passagiere.

Dann ist ja alles in Ordnung.


Apropos DuckDuckGo und Google-verplusst-eure-Welt: diplix, der‘s auch gerade testet, bemerkt allgemein eine gewisse Unzufriedenheit mit Google und verweist auf Mat Honan, der sich stattdessen für Bing entschieden hat:

I just switched the default search engine in my browser from Google to Bing. And if you care about working efficiently, or getting the right results when you search, then maybe you should too. Don‘t laugh!

Warum? Ganz einfach:

Google broke itself.

Wenn man zu gierig wird, verbrennt man sich eben die Finger. An Alternativen mangelt‘s ja nicht.


Auch eine Art von Berühmtheit: Eine neu entdeckte Fliegenart, Scaptica beyonceae, wurde nach der „Sängerin“ Beyoncé benannt. Warum ausgerechnet sie? Die Fliege habe, solches sprach der Entdecker, einmalige goldene Haare am Gesäß, und das erinnerte ihn frappierend an Frau Knowles. Wenn‘s halt für das Gesicht nicht reicht.

Netzfundstücke
Steve Jobs zum Anfassen

Sollte noch jemandem nicht klar sein, warum ich Appleprodukte grundsätzlich als Spielzeug abtue: Es liegt an der Mentalität der Benutzer, die kein Arbeitsgerät, sondern etwas zum Spielen wollen, bevorzugt bunt und laut und aus Plastik.

Warum die Firma Apple in all den Jahren noch nicht den konsequenten nächsten Schritt gegangen ist, ist unverständlich. Zum Glück gibt es jetzt Abhilfe von treuen Anhängern:

Die Steve-Jobs-Actionfigur, die Barbie-Puppe für Trendtussis und ihre beängstigenden Freundinnen, im Maßstab 1:6. Mit nur etwa 100 US-Dollar ist sie beinahe ein Schnäppchen, bedenkt man, wie viel teurer die auch nicht viel nützlicheren Apple-Produkte üblicherweise sind. (Dass die Internetseite des Vermarkters zurzeit recht unflink zu laden ist, spricht für sich.)

Inkompatibilitäten mit dem Film „Chucky – die Mörderpuppe“ und den Folgefilmen sind nicht ausgeschlossen.

(via Nachtwächter)

NetzfundstückePolitik
Schmalhans des Tages: Luca Leitterstorf, Junge Union.

Dieser Artikel ist Teil 1 von 4 der Serie Schmalhans des Tages

Ach, was flattert denn da gerade per Twitter rein?

Luca Leitterstorf, laut eigener Aussage Mitglied der Jungen Union, twittert unter dem Pseudonym titusluca Bonmots wie dieses hier:

In jedem Video, wo angebliche Polizeigewalt gezeigt wird, gehen die Aggressionen von den Demonstranten aus.

Immer diese grundlos aggressiven Zivilisten!

„Polizisten prügeln nicht los“, schrieb Luca Leitterstorf dann, und für sie gelten ohnehin „andere Regeln“; und selbst, wenn sie mal selbst zum Täter würden, dann gänzlich unverschuldet:

Dass Polizisten vor allem bei Großeinsätzen Fehler machen ist wohl verständlich.

Immerhin nennt er interessierten Lesern eine geeignete Methode, kein Opfer von Polizeigewalt zu werden: Man darf sich nur nicht schützen.

Wenn man sich schon schützt, legt man es auf Konfrontation an! Man weiß, das die Polizei durchgreifen wird.

In seiner vita in seinem Twitterprofil schreibt er, er sei „bald Politiker“. Als gäbe es noch nicht genug Schmöcke im Bundestag.