Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

Montagsmusik
Caravan – Golf Girl

Ihr habt doch nicht ernsthaft gedacht, ich entlasse euch ohne Musik in den Montag? Ich könnte es doch selbst nicht ertragen.

Caravan – Golf Girl (music video 1971)

Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
The Rolling Stones – Their Satanic Majesties Request

The Rolling Stones - Their Satanic Majesties RequestNennt mal ein paar Lieder der Beatles! – Das ist nicht so schwer, ein Teil von ihnen (es gibt ja genug) wird sowieso von den Sendern tagein, tagaus einem beinahe wehrlosen Publikum vorgespielt. Ein besonders bedrückendes Beispiel war der Sender Radio 21, der vor ein paar Jahren die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ein paar Beatles-Lieder zu spielen, inzwischen vermutlich aber damit aufgehört hat.

Und jetzt nennt mal ein paar Lieder der Rolling Stones!

„Satisfaction”, ja. „Start Me Up”, auch richtig. „Paint It, Black” und „Sympathy for the Devil”, vielleicht noch „Angie” und „Gimme Shelter”. War’s das? Meistens. Das ist eigentlich erstaunlich: Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft haben „die Stones” deutlich mehr hinterlassen, was man kennen könnte. Klar, es war auch viel Unfug dabei, zum Beispiel das überflüssige „Tattoo You”, aber auch einige wahre Albenperlen wie „Some Girls” und das deutlich unterbewertete „Their Satanic Majesties Request”.

Letzteres, ein halbes Jahr nach „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” der Beatles veröffentlicht, wird oft als Versuch missverstanden, jenes zu kopieren. Während aber von „Sgt. Pepper” entgegen dem ursprünglichen Konzept nicht viel mehr übrig blieb als eine unzusammenhängende Liedsammlung, deren „Rahmenhandlung” um eine Musikgruppe namens „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” auf ein Minimum gekürzt wurde und deren „psychedelische Elemente” im Gegensatz zu Pink Floyds wiederum 1967 erschienenen Debüt allenfalls den Geist der Hippies atmeten, machten die Rolling Stones es von Anfang an richtig.

Das wohl bekannteste Stück auf „Their Satanic Majesties Request” – „She’s a Rainbow” – ist trotz der beachtlichen Instrumentierung zugleich das untypischste:

Rolling Stones – She's A Rainbow 1966

Wie so oft in den Jahren um 1967 herum wurde auf „Their Satanic Majesties Request” nämlich daneben allerlei Unfug getrieben; sei’s ein schnarchender Bill Wyman in „In Another Land”, sei’s das beschauliche Lagerfeuerlied „Sing This All Together”, das die erste LP-Seite (mit John Lennon und Paul McCartney als Hintergrundsänger) eröffnet und in einer etwas längeren, aber völlig anderen, psychedelisch-durchgedrehten Version (nicht der folgenden) wieder schließt:

01. Sing This All Together.mp4

Das alles ist noch kein Grund, „Their Satanic Majesties Request” überragend zu finden; aber da ist auch noch „Citadel”.

„Citadel” – one of the most underrated Stones songs ever – ist das psychedelische Lied der Rolling Stones, klingt natürlich nach John Lennon, Jefferson Airplane, The United States of America und …And You Will Know Us by the Trail of Dead (und zwar gleichzeitig) und kann gar nicht genug gewürdigt werden:

Citadel – Rolling Stones

Dass „Citadel” wie auch die meisten anderen Stücke auf diesem Album nie live gespielt wurde, ist ebenso bedauerlich wie die Rückkehr der Rolling Stones zum gewohnten Bluesrock mit dem Nachfolgealbum „Beggars Banquet” 1968. Mitgründer Brian Jones blieb nicht mehr lange in der Band – vermutlich wegen übertriebenen Drogenkonsums zog er sich wie Syd Barrett immer mehr zurück, 1969 wurde er vor die Tür gesetzt und starb noch im selben Jahr. „Their Satanic Majesties Request” verschwand im Folgenden weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, was etwas schade ist.

Ich empfehle jenen, die (wie ich) an den Rolling Stones vor allem ihre gelegentlichen Experimente (Disco und Punk auf „Some Girls” sowie eben dieses hier) schätzen, diese Wahrnehmung zurückzugewinnen, stilecht auf Vinyl (weil’s schöner ist) oder eben auf einem Tonträger eurer Wahl. Der Rest kann’s natürlich ignorieren, aber dann verpasst er was.

Open our heads, let the pictures come!
The Rolling Stones: Sing This All Together

Montagsmusik
Ladyfinger (ne) – Little Things

Sich montags zu fragen, warum man sich das überhaupt noch antut, ist ja auch so eine beliebte Angewohnheit.

Tja, manchmal sind’s die kleinen Dinge (zum Beispiel ein „(ne)”).

Ladyfinger (ne) – Little Things

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
SH.TG.N – Black Beetle

Die NSA-Sache ist vom Tisch: Ex-NSA-Chef entschuldigt sich bei Deutschen. Was für Unmenschen müssen wir sein, um ihm nun nicht endlich zu verzeihen? (Müssen wir ja auch nicht, so ein echter Ex-NSA-Chef bittet nicht um Entschuldigung, er entschuldigt sich ganz einfach selbst.)

Verrückt, allesamt.

Apropos verrückt:

SH.TG.N – 08. Black Beetle (Live @ St-Jacobs, Gentse Feesten 2011)

Guten Morgen!

(mit Dank an L.!)

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Combat Astronomy – Kundalini Apocalypse

Combat Astronomy - Kundanini ApocalypseNach so viel schlimmer Politik wird es Zeit, sich wieder auf die ätherische Kraft Kundalini im Körper zu konzentrieren, um vom Zustand der völligen Bestürzung in den der absoluten Glückseligkeit überzugehen. Dabei hilft bekanntlich Musik.

James Huggetts Musikprojekt Combat Astronomy („bekämpfe Astronomie!”) macht ebensolche. 2013 erschien mit „Kundalini Apocalypse” das sechste Studioalbum von Combat Astronomy, die momentan als Duo aktive „Band” wird hier unter Anderem von Elaine di Falco, seit 2008 Sängerin von Thinking Plague (von mir bereits 2012 ausführlich gewürdigt), unterstützt. Was gibt’s zu hören?

Vor allem Bass:

James Huggetts mächtiger Bass dominiert diese Musik so deutlich, dass man erst einmal wenig von dem mitbekommt, was hier sonst noch passiert.

Dabei ist das so manches. Nehmen wir als Beispiel Stück 2, „Path Finders”: Vereinzelt erklingt ein schräges Saxophon über einem anhaltenden Chorteppich, plötzlich zerreißt’s die Stille: Bass, Schlagzeug, Gitarre, dazu weiterhin das gelegentliche Saxophon. Frau di Falco steuert Gesang bei, der gar keinen Text hat. Verrückt. Zwischendurch allerlei Elektronik, Keyboardgeklimper, schon wieder der Chor. Bratz, bratz-bratz. Freiformjazz auf Metaluntergrund. Abrupt endet jedenfalls letzterer, während ersterer anhält. Keine Sorge, das Pfeifen seid nicht ihr, das ist Teil des Stücks. Assoziation: broken.heart.collector (ohne die Holzinstrumente).

So ähnlich funktioniert die komplette „Kundalini Apocalypse”. Zwar scheint mein Chakra nach dem Hören noch immer unverändert zu sein, aber schön war’s halt doch. Hopefully some of you wind up checking this thing out and find out about a cool band though, if you’re interested in jazz and metal fusions. Das klingt nach mir.

Außer bei Amazon gibt’s „Kundalini Apocalypse” übrigens auch via Bandcamp zum Kauf, an letzterem Ort auch als Komplettstream. Kost’ ja nichts.


An dieser Stelle übrigens meinen verbindlichsten Dank an den Feminismus, der mich nun endlich dazu bewegt hat, dem CCC beizutreten.

In den NachrichtenMusik
„Anders! Nicht besser!”

Übrigens, Johannes Strate (c/o „Revolverheld”),

die heutigen Gazetten informieren über Ihr Vaterglück, das Sie wie folgt bejubelten:

Revolverheld-Sänger Johannes Strate freut sich, dass sein einjähriger Sohn Emil Papas Stimme im Radio erkennt. „Wenn er unsere Songs hört, dann guckt er schon genau hin und reagiert darauf anders, als wenn er andere Lieder im Radio hört.”

Ihr Thronfolger, Herr Strate, ist somit bereits kein kleines Kind mehr, sondern hat seine Tauglichkeit zu einem vollwertigen Mitglied einer denkenden Gesellschaft unter Beweis gestellt; denn wir alle, die wir uns für zu denken imstande wähnen, reagieren anders, wenn wir Ihren ewigen Teenager-Empörungspop ertragen müssen, als zum Beispiel auf gute Musik, etwa so:

Igitt kotzende babys

Sie sollten eigentlich viel öfter Ihre Musik hören.

Bitte meld’ dich nicht,
mach’ dich nicht lächerlich!
Revolverheld: An dich

(Das war jetzt etwas unsachlich.)

Montagsmusik
Leonard Cohen – So Long, Marianne

(Und dieser Montag schlägt ja immer auch in jeder nur erdenklichen Härte zu, weil man dann eben doch zu viel investiert in das mit der Einsamkeit oder ihre Überwindung, und während Russland sich die Krim einverleibt, sich aber partout weigert, auch Ostdeutschland mitzunehmen, und während in Berlin irgendwelche SEO-Arschlöcher, die nie etwas Anständiges gelernt haben, völlig von der Erkenntnis überrascht werden, dass Internetnutzer sich gelegentlich auch mal für den Inhalt einer Website und nicht nur für ihre Metatags interessieren, und während beinahe der halbe Bundesvorstand der Piratenpartei die schwelende Diskussion über den Umgang mit ideologisch verblendeten Spinnern nicht mehr aussitzen will und sich in den dortigen Kommentaren wohl jede nur denkbare Schreibweise von „Rückgrat” findet, fällt es mir schwer, das alles in mehr als kurze Nebensätze zu pressen, weil dann ja doch wieder alles überlagert wird von der Schwermut.)

Leonard Cohen Live on German TV, 1979 1 So Long Marianne2

(Können wir Berlin nicht einfach gegen die Schweiz eintauschen?)

Guten Morgen.

Montagsmusik
IKI – Quisandolele

Ah, endlich wieder Montag, der störendste aller Wochentage.

Was stört noch? Richtig: Fliegengebrumme. Das muss nicht von Fliegen kommen, es ist auch sehr leicht nachzusummen, zum Beispiel von IKI. IKI? IKI sind ein seltsames skandinavisches Vokalensemble, das sich auf Experimental-A-cappella-Musik spezialisiert hat. Ich versteh’ kein Wort. Aber:

Das Ergebnis sind ungewöhnliche Töne: experimentell, jazzig, poppig, soulig, opernhaft, unerwartet björdesk und so schwer zu fassen wie die Schwestern im Geiste von Coco Rosie.

Schwer zu fassen wie ein Montag. Wie passend.

IKI – Quisanadolele

Guten Morgen.

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Egg – The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound” oder „Canterbury Scene” bekannt wurde.

Diese „Szene”, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.

Noch bevor die „Canterbury Scene” Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The” wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force” (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-”Szene”, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)

„The Civil Surface” enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram”, „Wring Out the Ground (Loosely Now)” und „Germ Patrol” auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8-Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8-Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8-Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram” hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram” hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten

In „Wring Out the Ground (Loosely Now)” ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface” als Sänger zu hören.

Egg – The Civil Surface (1974) [Full Album]

Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower” wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.

Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

Montagsmusik
Die Toten Hosen – Mehr davon

(Und manchmal gibt es diese Momente, die um jeden Preis zu halten man, wenn schon nicht imstande, doch zumindest willens ist; und nicht nur die, allen Montagen zum Trotz.)

Mehr Davon – Live "Im Auftrag des Herrn"

Ich bezahl’ dich gut,
ich geb’ dir alles, was ich noch hab’:
Meinen Charakter, meinen Selbstrespekt,
jedes letzte Gefühl von Moral.

Atmen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritikPiratenpartei
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs

Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!”, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy”) nach dem großartigen „Vessels” mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs” („Phantomgliedmaßen”) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs” geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.

Das eröffnende „Phantom Eye” beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye” mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain” wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain”, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.

„Phantom Voltage”, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden” als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate”) in Pastellfarben. Schön.

„Phantom Limbs” – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.

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Karokh – Flowers Every Day

Frühling wird’s nun auch in unseren nördlichen Gefilden. Vielfach wurde er besungen, selten war das besonders schön.

Ganz anders das norwegische Experimental-Rock-Septett Karokh, das mit „Flowers Every Day”, dem ersten Stück auf seinem namenlosen Debütalbum, das Jahr 2014 ebenso wunderbar ins Rollen bringt wie den elenden Frühling, der den Nichtwinter würdevoll beschließen möge.

Karokh – Flowers Every Day

Guten Morgen!

In den NachrichtenMusik
Medienkritik in aller Kürze: Die Flut des Banalen

Nachrichten an.

Die deutsche Pop-Sängerin Annett Louisan (36) beklagt die alltägliche Überflutung mit Belanglosigkeiten.

Und dies, wohlgemerkt, in einem Interview, das einem von fast jedem leidlich unseriösen Nachrichtenportal entgegengrinst.

„Man findet überall Dinge, die man nicht sehen, nicht wissen will”, sagte die 36-Jährige der „Frankenpost” aus Hof.

Ja, zum Beispiel in den Nachrichten, wo Annett Louisan ihre privaten Befindlichkeiten erläutert. Nun gut, wenigstens singt sie sie dem Leser nicht vor.

(Hat schon jemand erwähnt, wie alt sie ist? 36, übrigens.)

Das gelte fürs Internet ebenso wie für Reality-Shows im Fernsehen, aber auch für das eigene Privatleben. Soziale Netzwerke nutzt die Künstlerin nur, um einen schnellen Draht zu ihrem Publikum zu haben, privat dagegen überhaupt nicht.

Und manchmal ist sie bestimmt sogar ein bisschen müde!

Das sechste Album der Wahl-Hamburgerin Louisan erscheint an diesem Freitag und heißt „Zu viel Information”.

„Man findet überall Dinge, die man nicht sehen, nicht wissen will.”

Nachrichten aus.

In den NachrichtenMontagsmusik
Trombone Shorty & Orleans Avenue – Fire and Brimstone

Die erste E-Mail wurde vor fast 30 Jahren, im August 1984, verschickt. Der Umgang mit dieser brandneuen Technik will gelernt sein; das Journalistengewerbe, schon im antiken Römischen Reich nicht unbekannt, hat jedenfalls die älteren Rechte und muss das deswegen auch gar nicht können:

Journalisten können einfach nicht nicht ihren Senf zu irgendwas geben.

Gegen gesellschaftliche Missstände hilft ohnehin kein Journalismus, der die vox populi ohnehin stets nach Gutdünken zu verdrehen vermag. Das beginnt in großer Weltpolitik und endet in den persönlichsten Lebensbereichen. Divide er (sic) impera – es werden nicht nur die Nichtraucher gegen die Raucher gehetzt, sondern ganz allgemein die Menschen immer mehr separiert, vereinsamt oder in die Körperlosigkeit des Internets getrieben, wo sie nichts groß anstellen können. (…) Kaufen Sie Schusswaffen. Ziehen Sie Konsequenzen! Schwefel und Feuer (1. Mose 19,24), Feuer und Schwefel.

Und dazu Jazz.

Trombone Shorty & Orleans Avenue "Fire and Brimstone" 01/22/14

Guten Morgen!

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Special Providence – Soul Alert

Special Providence - Soul AlertUnbedingt beachtenswert ist übrigens auch „Soul Alert”, das dritte und bislang letzte Studioalbum von Special Providence. Special Providence ist ein ungarisches Jazzrockquartett, das stilistische Abwechslung ebenso zu schätzen weiß wie ich. Sehr schön!

Auf Gesang wird bei den vier Herren mit den ulkigen Umlauten in ihren Namen traditionell verzichtet, für das zehnte Stück „Fences of Reality” haben sie sich allerdings den ungarischen Sänger Balázs Tanka von der mir unbekannten Musikgruppe Turbo an Bord geholt; der allerdings, was ich bedaure, seinem Idiom ebenfalls das Englische vorzieht. Irgendwas ist ja immer.

Das Album ist exakt 1 Stunde lang, keine Sekunde mehr oder weniger. Diese Zeit wissen die Musiker durchaus gut zu nutzen. Das Eröffnungsstück „Babel Confusion” beginnt (wie sollte es bei diesem Titel auch anders sein?) mit Stimmengewirr, nach einem kurzen Progressive-Metal-Intermezzo geht es aber jazzig weiter. Bassist Attila Fehérvári beherrscht sein Instrument und wagt sich damit auch mal in den Vordergrund; selten, wenn „Babel Confusion” wieder in Metalgefilde abdriftet und Gitarrist Márton Kertész brillieren darf, fügt er sich in die Rhythmussektion ein. Der Progressive Rock mitsamt seinen Spielarten zieht sich nicht nur durch dieses Stück, sondern durch das ganze Album.

Apropos „stilistische Abwechslung”: „Lazy Boy”, das zweite Stück, wird durchzogen von einem merkwürdigen New-Wave-beat mit einer ebensolchen Melodie, die den Jazzrock nur unzureichend zu verdecken versucht. Zum Glück! Nach dreieinhalb Minuten plötzlich: Techno. Techno? Noch bevor man fertig ist, sich darüber zu wundern, bläst wieder der Progressive Metal aus dem Kopfhörer, dazu gibt’s Rave vom Keyboard. Dann: Symphonic Progressive Rock. Dann wieder: Progressive Metal. Langweilig ist „Soul Alert” jetzt schon nicht. Dass Keyboarder Zoltan Cséry gelegentlich, etwa zu Beginn von „Asparagus” („Spargel”, ahja), Easy Listening zu simulieren versucht, soll davon nicht ablenken.

An Ideen mangelt es den Musikern von Special Providence nicht, „K2″ entwickelt sich binnen weniger Sekunden von einem minimalistischen Elektronikstück über Jazz zum Symphonic Rock und wieder zurück. Aufmerksamkeit wird empfohlen, auch für das nur 3:49 Minuten lange “Standing Still”, das trotz seines Namens noch einmal der etwas lauteren Gangart der Rockmusik huldigt, bevor es mit dem Titelstück „Soul Alert” wieder jazzrockig zugeht.

Sonst so? „Fences of Reality”. Bass, Schlagzeug, Keyboardteppich. Die Melodie kenn’ ich doch irgendwoher? Ah, „Lazy Boy” wird hier zweitverwertet, und zwar besser. Balázs Tanka singt, nein, ruft einen Text, den ich gerade nicht fehlerfrei zusammenbekomme, auf hörenswerte Weise ins Mikrofon hinein, und dann ist das Album auch schon vorbei.

Auf ihrer Website beschreiben Special Providence ihre Musik als „Progjazzrockmetalturbochill”. Seltsam ist sie zweifelsohne, und mir persönlich geht das Keyboard gelegentlich ein wenig auf die Nerven; aber – ich wiederhole mich – irgendwas ist ja immer. Einen Stream von „Soul Alert” gibt es jedenfalls auf Bandcamp.com zu hören. Möglicherweise solltet ihr das tun.