Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

Montagsmusik
Queen – Sheer Heart Attack

(Und dann, montagmittags, findet man im Repertoire von Queen doch noch das eine, einzige Stück, das die Stimmung einfängt und repliziert, ohne Ambitionen, ohne Kunst.)

Queen Sheer Heart Attack Live in Hammersmith Odeon 1979 HD

Guten „Morgen”!

KaufbefehleMontagsmusikMusikkritik
Kurzkritik: Incura – Incura

IncuraKanada, du unterschätztes geografisches Anhängsel der USA! Was nicht alles aus dir kommt: OpenBSD, Cobie Smulders, Kuchen mit Semikolon und Incura.

Incura sind ein RIO/Avant-Quintett, das kammermusikalische Elemente, Progressive Metal und Indie-Rock zu einem recht hörbaren und erstaunlich radiotauglichen Geflecht verknüpft. Die markante Stimme von Sänger Kyle Gruninger ist eine willkommene Abwechslung in jenen musikalischen Gefilden, in denen seine vier Mitstreiter – mal gefällig, mal verspielt – wildern. 2013 (hierzulande erst kürzlich) erschien nach einigen Jahren des Bandbestehens bei der überhaupt recht beachtlichen Plattenfirma InsideOut das Debütalbum von Incura, auf dem die Band allerlei Feines zu Gehör bringt, zum Beispiel „Who You Are”.

Who You Are – Official Music Video

Auch für Freunde gepflegten Gitarrengewitters ist im Übrigen was dabei:

Incura – Here To Blame Animated Music Video

Nicht nur an Ostern ein sehr vergnügliches Album.

Guten Morgen!

Musik
Mysterium Helene Fischer

Was hört eigentlich „die Jugend” heute so? Scooter, Aqua und Eminem wie „wir” damals? Blödsinn: Helene Fischer natürlich.

Helene Fischer, deren Name mir bis dahin ohne zugehöriges Gesicht schon des Öfteren begegnet war, sah und hörte ich zum ersten Mal diese Woche auf VIVA. Womöglich bin ich damit etwas spät dran, aber ich will ja auch nicht jeden Firlefanz kennen müssen. Apropos Firlefanz: VIVA – die Älteren erinnern sich vielleicht noch – war um das Jahr 2000 herum ein hipper Jugendsender, auf dem den ganzen Tag schlechte Moderatoren unter Zuhilfenahme dummer Witze groteske Popmusik „präsentierten” (lies: ansagten), sozusagen so was wie YouTube ohne die musikalischen Lichtblicke. Und was macht Helene Fischer so für Musik? Nein, nicht etwa Synth-Pop oder sonstigen Discoquark: Schlager.

Vielleicht ist das auch ihrem Partner Florian Silbereisen („DAS Traumpaar der Schlagerszene” laut SchlagerPlanet.com; früher waren „Szenen” ja noch irgendwas, wo man drin sein wollte), den ich zumindest kenne, geschuldet – jedenfalls: Ja, die deutsche Jugend, sonst nur für Alkohol- und Drogenexzesse, Unfälle und Kleinkriminalität bekannt, hört Schlager.

Helene Fischer – Atemlos durch die Nacht

Aufmerksame Hörer bemerken nicht nur: Trotz des harmlosen Schlager-beats verbirgt sich dahinter harte „NSFW”-Lyrik. Silbermonds „Durch die Nacht” hieß und funktionierte ähnlich; nur Die Ärzte („Die Nacht”) durchbrachen das Muster. „NSFW” ist die gängige Abkürzung für alles, was irgendwas mit Schnackseln zu tun hat; die Buchstaben stehen für „not safe for work”, „nicht sicher für den Arbeitsplatz”, und wer ernsthaft glaubt, sein Chef habe noch keine ausreichende sexuelle Aufklärung erfahren und hätte daher kein Verständnis für derlei, der ist bescheuert, wenn nicht gar US-Amerikaner. Ja, die US-Amerikaner, ein fröhliches Volk voller Waffen, Rassismus und Drogen. Nur Ficken mögen sie gar nicht, das ist ja nichts für Kinder. – Aber ich schweife ab.

Hatte Ricky Zazikys „Du hast noch Sperma in den Haaren” wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert, so fehlt Helene Fischers Schlagergedudel indes jeglicher Reiz. Wie kommt es dann, dass sie in den Medien einen dermaßen großen Zuspruch erfährt? Ganz einfach: Sie ist „die neue Traumfrau” („JOLIE”), weil Männer es total klasse finden, einer verheirateten Interpretin schlimmer Schlagermusik den Hof zu machen; ähnlich sieht’s wahrscheinlich auch bei Emma Stone, Schauspielerin in gleichfalls schlimmen Filmen, aus, die jemandem beim Konkurrenzblatt „JOY” diesen Monat stolz mitteilte, sie sei „total chaotisch” (ebd.). Liebenswert: Durchschnittlich attraktive, vergebene Frauen, die für verwerfliches Tun zu viel Geld bekommen und dabei noch menschlich bleiben.

Und so lässt die „JOLIE” („die kluge Frau ist das neue Statussymbol des Mannes”, die „JOLIE” ist also ein typisches Singlemagazin) in der aktuellen Ausgabe dann auch begeisterte Männer zu Wort kommen, etwa den Studenten Kevin:

Hätte ich nicht meine Freundin, würde ich Helene Fischer auf der Stelle heiraten. (…) [Meine Freundin] hat sogar Verständnis dafür, wenn ich von ihr (Helene, A.d.V.) schwärme.

Klar, Helene Fischer ist (wahrscheinlich treu) vergeben, will das aus unerfindlichem Grund auch bleiben und ist damit keine ernste Konkurrenz – da stört’s die Partnerin nicht so sehr. Nur zur Sicherheit legt Heike Steiner am Ende des Artikels noch mal nach („Sehr wahrscheinlich pupst sie nachts auch mal unter der Bettdecke und wacht morgens mit Mundgeruch auf.”), damit auch die dümmsten Leserinnen begreifen, dass Helene Fischer kein unerreichbares Frauenideal darstellt; die, wie ich annehme, gleichen dümmsten Leserinnen, die am auf der gleichen Seite erwähnten „JOLIE”-Test unter dem Motto „Wie viel Helene Fischer steckt in Ihnen?” teilnehmen, übrigens. Tja. Und wie viel pupst eure Freundin so?

Das sollte gleich ein doppelter Tritt ins Kreuz der Frauen sein, denn junge Männer wollen sich heutzutage nicht mehr binden:

Drei Männer habe ich in letzter Zeit kennengelernt. Alle drei Geschichten endeten, bevor sie richtig begonnen hatten. Was ist nur los mit den Männern von heute?

Dass es daran liegen könnte, dass Steffi Arendsee, die für ZEIT.de schreibt, vielleicht einfach selbst nur eine nicht besonders gute Partnerin ist, kommt ihr nicht in den Sinn: Es muss den Männern von heute geschuldet sein, die alle lieber eine geheimnisvolle Helene Fischer (oder Emma Stone) als eine offensichtlich weinerliche Zicke wie Steffi Arendsee („Es dauerte zwanzig Minuten, bis er sich bei mir entschuldigte. Ich nahm die Entschuldigung nicht an.”, ebd.) heiraten wollen. – Es sei doch nichts Schlimmes, „sexy zu sein” (Helene Fischer über Helene Fischer), und bescheiden obendrein.

Ich als Mann finde Helene Fischer jedenfalls verglichen mit dem Trara um sie ziemlich langweilig. Dass ihr Medienmacher zu wissen glaubt, was mich an einer Frau positiv anspricht, und dieses Etwas ausgerechnet bei Helene Fischer verortet, bereitet mir nicht einmal allzu viel Kopfzerbrechen; den Umstand hingegen, dass einige eurer Leserinnen eure lobhudelnde „Berichterstattung” zum Anlass nehmen könnten, „wie Helene Fischer” (jedenfalls optisch, von Natürlichkeit wär’ dann allerdings keine Spur mehr zu sehen) sein zu wollen und/oder einen Zwist mit dem Partner zu beginnen, der als potenzieller Helene-Fischer-Verehrer ja sowieso nur unfreiwillig mit ausgerechnet ihnen liiert sind, nehme ich euch tatsächlich übel. (Warum ihr bei der Frage, was „Männer” wirklich wollen, niemals solche Männer befragt, die aussehen oder wenigstens sind wie ich und die meisten meiner männlichen sozialen Kontakte, und woher ihr die total natürlichen Allerweltsbubis immer nehmt, die dafür herhalten dürfen, möchte ich übrigens auch gar nicht so genau wissen.)

Vor Empörung höre jetzt erst mal was von Rolf Zuckowski. Ich hab’ den hippen Lebensstil halt voll drauf.

Montagsmusik
Extrabreit und Hildegard Knef – Für mich soll’s rote Rosen regnen

Ich habe vor einigen Tagen erschüttert festgestellt, dass auf den Fernsehsendern, auf denen sich einst Rockbands tummelten, mittlerweile Schlager von Helene Fischer gespielt werden. Helene Fischer, das partygirl; damit man nicht immer Rolf Zuckowski hören muss, nehme ich an.

Dem Trend zu mehr Schlagermusik gerade auch in der Jugend kann und will ich mich nicht verschließen. Aber dann doch bitte wenigstens gute:

Extrabreit (+ Hilde Knef)-Für mich solls rote Rosen regnen

Guten Morgen!

Montagsmusik
Caravan – Golf Girl

Ihr habt doch nicht ernsthaft gedacht, ich entlasse euch ohne Musik in den Montag? Ich könnte es doch selbst nicht ertragen.

Caravan – Golf Girl (music video 1971)

Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
The Rolling Stones – Their Satanic Majesties Request

The Rolling Stones - Their Satanic Majesties RequestNennt mal ein paar Lieder der Beatles! – Das ist nicht so schwer, ein Teil von ihnen (es gibt ja genug) wird sowieso von den Sendern tagein, tagaus einem beinahe wehrlosen Publikum vorgespielt. Ein besonders bedrückendes Beispiel war der Sender Radio 21, der vor ein paar Jahren die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ein paar Beatles-Lieder zu spielen, inzwischen vermutlich aber damit aufgehört hat.

Und jetzt nennt mal ein paar Lieder der Rolling Stones!

„Satisfaction”, ja. „Start Me Up”, auch richtig. „Paint It, Black” und „Sympathy for the Devil”, vielleicht noch „Angie” und „Gimme Shelter”. War’s das? Meistens. Das ist eigentlich erstaunlich: Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft haben „die Stones” deutlich mehr hinterlassen, was man kennen könnte. Klar, es war auch viel Unfug dabei, zum Beispiel das überflüssige „Tattoo You”, aber auch einige wahre Albenperlen wie „Some Girls” und das deutlich unterbewertete „Their Satanic Majesties Request”.

Letzteres, ein halbes Jahr nach „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” der Beatles veröffentlicht, wird oft als Versuch missverstanden, jenes zu kopieren. Während aber von „Sgt. Pepper” entgegen dem ursprünglichen Konzept nicht viel mehr übrig blieb als eine unzusammenhängende Liedsammlung, deren „Rahmenhandlung” um eine Musikgruppe namens „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” auf ein Minimum gekürzt wurde und deren „psychedelische Elemente” im Gegensatz zu Pink Floyds wiederum 1967 erschienenen Debüt allenfalls den Geist der Hippies atmeten, machten die Rolling Stones es von Anfang an richtig.

Das wohl bekannteste Stück auf „Their Satanic Majesties Request” – „She’s a Rainbow” – ist trotz der beachtlichen Instrumentierung zugleich das untypischste:

Rolling Stones – She's A Rainbow 1966

Wie so oft in den Jahren um 1967 herum wurde auf „Their Satanic Majesties Request” nämlich daneben allerlei Unfug getrieben; sei’s ein schnarchender Bill Wyman in „In Another Land”, sei’s das beschauliche Lagerfeuerlied „Sing This All Together”, das die erste LP-Seite (mit John Lennon und Paul McCartney als Hintergrundsänger) eröffnet und in einer etwas längeren, aber völlig anderen, psychedelisch-durchgedrehten Version (nicht der folgenden) wieder schließt:

01. Sing This All Together.mp4

Das alles ist noch kein Grund, „Their Satanic Majesties Request” überragend zu finden; aber da ist auch noch „Citadel”.

„Citadel” – one of the most underrated Stones songs ever – ist das psychedelische Lied der Rolling Stones, klingt natürlich nach John Lennon, Jefferson Airplane, The United States of America und …And You Will Know Us by the Trail of Dead (und zwar gleichzeitig) und kann gar nicht genug gewürdigt werden:

Citadel – Rolling Stones

Dass „Citadel” wie auch die meisten anderen Stücke auf diesem Album nie live gespielt wurde, ist ebenso bedauerlich wie die Rückkehr der Rolling Stones zum gewohnten Bluesrock mit dem Nachfolgealbum „Beggars Banquet” 1968. Mitgründer Brian Jones blieb nicht mehr lange in der Band – vermutlich wegen übertriebenen Drogenkonsums zog er sich wie Syd Barrett immer mehr zurück, 1969 wurde er vor die Tür gesetzt und starb noch im selben Jahr. „Their Satanic Majesties Request” verschwand im Folgenden weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, was etwas schade ist.

Ich empfehle jenen, die (wie ich) an den Rolling Stones vor allem ihre gelegentlichen Experimente (Disco und Punk auf „Some Girls” sowie eben dieses hier) schätzen, diese Wahrnehmung zurückzugewinnen, stilecht auf Vinyl (weil’s schöner ist) oder eben auf einem Tonträger eurer Wahl. Der Rest kann’s natürlich ignorieren, aber dann verpasst er was.

Open our heads, let the pictures come!
The Rolling Stones: Sing This All Together

Montagsmusik
Ladyfinger (ne) – Little Things

Sich montags zu fragen, warum man sich das überhaupt noch antut, ist ja auch so eine beliebte Angewohnheit.

Tja, manchmal sind’s die kleinen Dinge (zum Beispiel ein „(ne)”).

Ladyfinger (ne) – Little Things

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
SH.TG.N – Black Beetle

Die NSA-Sache ist vom Tisch: Ex-NSA-Chef entschuldigt sich bei Deutschen. Was für Unmenschen müssen wir sein, um ihm nun nicht endlich zu verzeihen? (Müssen wir ja auch nicht, so ein echter Ex-NSA-Chef bittet nicht um Entschuldigung, er entschuldigt sich ganz einfach selbst.)

Verrückt, allesamt.

Apropos verrückt:

SH.TG.N – 08. Black Beetle (Live @ St-Jacobs, Gentse Feesten 2011)

Guten Morgen!

(mit Dank an L.!)

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Combat Astronomy – Kundalini Apocalypse

Combat Astronomy - Kundanini ApocalypseNach so viel schlimmer Politik wird es Zeit, sich wieder auf die ätherische Kraft Kundalini im Körper zu konzentrieren, um vom Zustand der völligen Bestürzung in den der absoluten Glückseligkeit überzugehen. Dabei hilft bekanntlich Musik.

James Huggetts Musikprojekt Combat Astronomy („bekämpfe Astronomie!”) macht ebensolche. 2013 erschien mit „Kundalini Apocalypse” das sechste Studioalbum von Combat Astronomy, die momentan als Duo aktive „Band” wird hier unter Anderem von Elaine di Falco, seit 2008 Sängerin von Thinking Plague (von mir bereits 2012 ausführlich gewürdigt), unterstützt. Was gibt’s zu hören?

Vor allem Bass:

James Huggetts mächtiger Bass dominiert diese Musik so deutlich, dass man erst einmal wenig von dem mitbekommt, was hier sonst noch passiert.

Dabei ist das so manches. Nehmen wir als Beispiel Stück 2, „Path Finders”: Vereinzelt erklingt ein schräges Saxophon über einem anhaltenden Chorteppich, plötzlich zerreißt’s die Stille: Bass, Schlagzeug, Gitarre, dazu weiterhin das gelegentliche Saxophon. Frau di Falco steuert Gesang bei, der gar keinen Text hat. Verrückt. Zwischendurch allerlei Elektronik, Keyboardgeklimper, schon wieder der Chor. Bratz, bratz-bratz. Freiformjazz auf Metaluntergrund. Abrupt endet jedenfalls letzterer, während ersterer anhält. Keine Sorge, das Pfeifen seid nicht ihr, das ist Teil des Stücks. Assoziation: broken.heart.collector (ohne die Holzinstrumente).

So ähnlich funktioniert die komplette „Kundalini Apocalypse”. Zwar scheint mein Chakra nach dem Hören noch immer unverändert zu sein, aber schön war’s halt doch. Hopefully some of you wind up checking this thing out and find out about a cool band though, if you’re interested in jazz and metal fusions. Das klingt nach mir.

Außer bei Amazon gibt’s „Kundalini Apocalypse” übrigens auch via Bandcamp zum Kauf, an letzterem Ort auch als Komplettstream. Kost’ ja nichts.


An dieser Stelle übrigens meinen verbindlichsten Dank an den Feminismus, der mich nun endlich dazu bewegt hat, dem CCC beizutreten.

In den NachrichtenMusik
„Anders! Nicht besser!”

Übrigens, Johannes Strate (c/o „Revolverheld”),

die heutigen Gazetten informieren über Ihr Vaterglück, das Sie wie folgt bejubelten:

Revolverheld-Sänger Johannes Strate freut sich, dass sein einjähriger Sohn Emil Papas Stimme im Radio erkennt. „Wenn er unsere Songs hört, dann guckt er schon genau hin und reagiert darauf anders, als wenn er andere Lieder im Radio hört.”

Ihr Thronfolger, Herr Strate, ist somit bereits kein kleines Kind mehr, sondern hat seine Tauglichkeit zu einem vollwertigen Mitglied einer denkenden Gesellschaft unter Beweis gestellt; denn wir alle, die wir uns für zu denken imstande wähnen, reagieren anders, wenn wir Ihren ewigen Teenager-Empörungspop ertragen müssen, als zum Beispiel auf gute Musik, etwa so:

Igitt kotzende babys

Sie sollten eigentlich viel öfter Ihre Musik hören.

Bitte meld’ dich nicht,
mach’ dich nicht lächerlich!
Revolverheld: An dich

(Das war jetzt etwas unsachlich.)

Montagsmusik
Leonard Cohen – So Long, Marianne

(Und dieser Montag schlägt ja immer auch in jeder nur erdenklichen Härte zu, weil man dann eben doch zu viel investiert in das mit der Einsamkeit oder ihre Überwindung, und während Russland sich die Krim einverleibt, sich aber partout weigert, auch Ostdeutschland mitzunehmen, und während in Berlin irgendwelche SEO-Arschlöcher, die nie etwas Anständiges gelernt haben, völlig von der Erkenntnis überrascht werden, dass Internetnutzer sich gelegentlich auch mal für den Inhalt einer Website und nicht nur für ihre Metatags interessieren, und während beinahe der halbe Bundesvorstand der Piratenpartei die schwelende Diskussion über den Umgang mit ideologisch verblendeten Spinnern nicht mehr aussitzen will und sich in den dortigen Kommentaren wohl jede nur denkbare Schreibweise von „Rückgrat” findet, fällt es mir schwer, das alles in mehr als kurze Nebensätze zu pressen, weil dann ja doch wieder alles überlagert wird von der Schwermut.)

Leonard Cohen Live on German TV, 1979 1 So Long Marianne2

(Können wir Berlin nicht einfach gegen die Schweiz eintauschen?)

Guten Morgen.

Montagsmusik
IKI – Quisandolele

Ah, endlich wieder Montag, der störendste aller Wochentage.

Was stört noch? Richtig: Fliegengebrumme. Das muss nicht von Fliegen kommen, es ist auch sehr leicht nachzusummen, zum Beispiel von IKI. IKI? IKI sind ein seltsames skandinavisches Vokalensemble, das sich auf Experimental-A-cappella-Musik spezialisiert hat. Ich versteh’ kein Wort. Aber:

Das Ergebnis sind ungewöhnliche Töne: experimentell, jazzig, poppig, soulig, opernhaft, unerwartet björdesk und so schwer zu fassen wie die Schwestern im Geiste von Coco Rosie.

Schwer zu fassen wie ein Montag. Wie passend.

IKI – Quisanadolele

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Egg – The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound” oder „Canterbury Scene” bekannt wurde.

Diese „Szene”, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.

Noch bevor die „Canterbury Scene” Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The” wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force” (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-„Szene”, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)

„The Civil Surface” enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram”, „Wring Out the Ground (Loosely Now)” und „Germ Patrol” auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8-Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8-Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8-Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram” hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram” hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten

In „Wring Out the Ground (Loosely Now)” ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface” als Sänger zu hören.

Egg – The Civil Surface (1974) [Full Album]

Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower” wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.

Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

Montagsmusik
Die Toten Hosen – Mehr davon

(Und manchmal gibt es diese Momente, die um jeden Preis zu halten man, wenn schon nicht imstande, doch zumindest willens ist; und nicht nur die, allen Montagen zum Trotz.)

Mehr Davon – Live "Im Auftrag des Herrn"

Ich bezahl’ dich gut,
ich geb’ dir alles, was ich noch hab':
Meinen Charakter, meinen Selbstrespekt,
jedes letzte Gefühl von Moral.

Atmen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritikPiratenpartei
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs

Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!”, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy”) nach dem großartigen „Vessels” mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs” („Phantomgliedmaßen”) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs” geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.

Das eröffnende „Phantom Eye” beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye” mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain” wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain”, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.

„Phantom Voltage”, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden” als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate”) in Pastellfarben. Schön.

„Phantom Limbs” – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.