Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

Montagsmusik
Leonard Cohen – So Long, Marianne

(Und dieser Montag schlägt ja immer auch in jeder nur erdenklichen Härte zu, weil man dann eben doch zu viel investiert in das mit der Einsamkeit oder ihre Überwindung, und während Russland sich die Krim einverleibt, sich aber partout weigert, auch Ostdeutschland mitzunehmen, und während in Berlin irgendwelche SEO-Arschlöcher, die nie etwas Anständiges gelernt haben, völlig von der Erkenntnis überrascht werden, dass Internetnutzer sich gelegentlich auch mal für den Inhalt einer Website und nicht nur für ihre Metatags interessieren, und während beinahe der halbe Bundesvorstand der Piratenpartei die schwelende Diskussion über den Umgang mit ideologisch verblendeten Spinnern nicht mehr aussitzen will und sich in den dortigen Kommentaren wohl jede nur denkbare Schreibweise von „Rückgrat” findet, fällt es mir schwer, das alles in mehr als kurze Nebensätze zu pressen, weil dann ja doch wieder alles überlagert wird von der Schwermut.)

Leonard Cohen Live on German TV, 1979 1 So Long Marianne2

(Können wir Berlin nicht einfach gegen die Schweiz eintauschen?)

Guten Morgen.

Montagsmusik
IKI – Quisandolele

Ah, endlich wieder Montag, der störendste aller Wochentage.

Was stört noch? Richtig: Fliegengebrumme. Das muss nicht von Fliegen kommen, es ist auch sehr leicht nachzusummen, zum Beispiel von IKI. IKI? IKI sind ein seltsames skandinavisches Vokalensemble, das sich auf Experimental-A-cappella-Musik spezialisiert hat. Ich versteh’ kein Wort. Aber:

Das Ergebnis sind ungewöhnliche Töne: experimentell, jazzig, poppig, soulig, opernhaft, unerwartet björdesk und so schwer zu fassen wie die Schwestern im Geiste von Coco Rosie.

Schwer zu fassen wie ein Montag. Wie passend.

IKI – Quisanadolele

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Egg – The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound” oder „Canterbury Scene” bekannt wurde.

Diese „Szene”, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.

Noch bevor die „Canterbury Scene” Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The” wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force” (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-”Szene”, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)

„The Civil Surface” enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram”, „Wring Out the Ground (Loosely Now)” und „Germ Patrol” auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8-Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8-Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8-Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram” hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram” hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten

In „Wring Out the Ground (Loosely Now)” ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface” als Sänger zu hören.

Egg – The Civil Surface (1974) [Full Album]

Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower” wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.

Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

Montagsmusik
Die Toten Hosen – Mehr davon

(Und manchmal gibt es diese Momente, die um jeden Preis zu halten man, wenn schon nicht imstande, doch zumindest willens ist; und nicht nur die, allen Montagen zum Trotz.)

Mehr Davon – Live "Im Auftrag des Herrn"

Ich bezahl’ dich gut,
ich geb’ dir alles, was ich noch hab’:
Meinen Charakter, meinen Selbstrespekt,
jedes letzte Gefühl von Moral.

Atmen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritikPiratenpartei
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs

Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!”, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy”) nach dem großartigen „Vessels” mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs” („Phantomgliedmaßen”) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs” geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.

Das eröffnende „Phantom Eye” beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye” mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain” wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain”, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.

„Phantom Voltage”, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden” als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate”) in Pastellfarben. Schön.

„Phantom Limbs” – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.

KaufbefehleMontagsmusik
Karokh – Flowers Every Day

Frühling wird’s nun auch in unseren nördlichen Gefilden. Vielfach wurde er besungen, selten war das besonders schön.

Ganz anders das norwegische Experimental-Rock-Septett Karokh, das mit „Flowers Every Day”, dem ersten Stück auf seinem namenlosen Debütalbum, das Jahr 2014 ebenso wunderbar ins Rollen bringt wie den elenden Frühling, der den Nichtwinter würdevoll beschließen möge.

Karokh – Flowers Every Day

Guten Morgen!

In den NachrichtenMusik
Medienkritik in aller Kürze: Die Flut des Banalen

Nachrichten an.

Die deutsche Pop-Sängerin Annett Louisan (36) beklagt die alltägliche Überflutung mit Belanglosigkeiten.

Und dies, wohlgemerkt, in einem Interview, das einem von fast jedem leidlich unseriösen Nachrichtenportal entgegengrinst.

„Man findet überall Dinge, die man nicht sehen, nicht wissen will”, sagte die 36-Jährige der „Frankenpost” aus Hof.

Ja, zum Beispiel in den Nachrichten, wo Annett Louisan ihre privaten Befindlichkeiten erläutert. Nun gut, wenigstens singt sie sie dem Leser nicht vor.

(Hat schon jemand erwähnt, wie alt sie ist? 36, übrigens.)

Das gelte fürs Internet ebenso wie für Reality-Shows im Fernsehen, aber auch für das eigene Privatleben. Soziale Netzwerke nutzt die Künstlerin nur, um einen schnellen Draht zu ihrem Publikum zu haben, privat dagegen überhaupt nicht.

Und manchmal ist sie bestimmt sogar ein bisschen müde!

Das sechste Album der Wahl-Hamburgerin Louisan erscheint an diesem Freitag und heißt „Zu viel Information”.

„Man findet überall Dinge, die man nicht sehen, nicht wissen will.”

Nachrichten aus.

In den NachrichtenMontagsmusik
Trombone Shorty & Orleans Avenue – Fire and Brimstone

Die erste E-Mail wurde vor fast 30 Jahren, im August 1984, verschickt. Der Umgang mit dieser brandneuen Technik will gelernt sein; das Journalistengewerbe, schon im antiken Römischen Reich nicht unbekannt, hat jedenfalls die älteren Rechte und muss das deswegen auch gar nicht können:

Journalisten können einfach nicht nicht ihren Senf zu irgendwas geben.

Gegen gesellschaftliche Missstände hilft ohnehin kein Journalismus, der die vox populi ohnehin stets nach Gutdünken zu verdrehen vermag. Das beginnt in großer Weltpolitik und endet in den persönlichsten Lebensbereichen. Divide er (sic) impera – es werden nicht nur die Nichtraucher gegen die Raucher gehetzt, sondern ganz allgemein die Menschen immer mehr separiert, vereinsamt oder in die Körperlosigkeit des Internets getrieben, wo sie nichts groß anstellen können. (…) Kaufen Sie Schusswaffen. Ziehen Sie Konsequenzen! Schwefel und Feuer (1. Mose 19,24), Feuer und Schwefel.

Und dazu Jazz.

Trombone Shorty & Orleans Avenue "Fire and Brimstone" 01/22/14

Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
Special Providence – Soul Alert

Special Providence - Soul AlertUnbedingt beachtenswert ist übrigens auch „Soul Alert”, das dritte und bislang letzte Studioalbum von Special Providence. Special Providence ist ein ungarisches Jazzrockquartett, das stilistische Abwechslung ebenso zu schätzen weiß wie ich. Sehr schön!

Auf Gesang wird bei den vier Herren mit den ulkigen Umlauten in ihren Namen traditionell verzichtet, für das zehnte Stück „Fences of Reality” haben sie sich allerdings den ungarischen Sänger Balázs Tanka von der mir unbekannten Musikgruppe Turbo an Bord geholt; der allerdings, was ich bedaure, seinem Idiom ebenfalls das Englische vorzieht. Irgendwas ist ja immer.

Das Album ist exakt 1 Stunde lang, keine Sekunde mehr oder weniger. Diese Zeit wissen die Musiker durchaus gut zu nutzen. Das Eröffnungsstück „Babel Confusion” beginnt (wie sollte es bei diesem Titel auch anders sein?) mit Stimmengewirr, nach einem kurzen Progressive-Metal-Intermezzo geht es aber jazzig weiter. Bassist Attila Fehérvári beherrscht sein Instrument und wagt sich damit auch mal in den Vordergrund; selten, wenn „Babel Confusion” wieder in Metalgefilde abdriftet und Gitarrist Márton Kertész brillieren darf, fügt er sich in die Rhythmussektion ein. Der Progressive Rock mitsamt seinen Spielarten zieht sich nicht nur durch dieses Stück, sondern durch das ganze Album.

Apropos „stilistische Abwechslung”: „Lazy Boy”, das zweite Stück, wird durchzogen von einem merkwürdigen New-Wave-beat mit einer ebensolchen Melodie, die den Jazzrock nur unzureichend zu verdecken versucht. Zum Glück! Nach dreieinhalb Minuten plötzlich: Techno. Techno? Noch bevor man fertig ist, sich darüber zu wundern, bläst wieder der Progressive Metal aus dem Kopfhörer, dazu gibt’s Rave vom Keyboard. Dann: Symphonic Progressive Rock. Dann wieder: Progressive Metal. Langweilig ist „Soul Alert” jetzt schon nicht. Dass Keyboarder Zoltan Cséry gelegentlich, etwa zu Beginn von „Asparagus” („Spargel”, ahja), Easy Listening zu simulieren versucht, soll davon nicht ablenken.

An Ideen mangelt es den Musikern von Special Providence nicht, „K2″ entwickelt sich binnen weniger Sekunden von einem minimalistischen Elektronikstück über Jazz zum Symphonic Rock und wieder zurück. Aufmerksamkeit wird empfohlen, auch für das nur 3:49 Minuten lange “Standing Still”, das trotz seines Namens noch einmal der etwas lauteren Gangart der Rockmusik huldigt, bevor es mit dem Titelstück „Soul Alert” wieder jazzrockig zugeht.

Sonst so? „Fences of Reality”. Bass, Schlagzeug, Keyboardteppich. Die Melodie kenn’ ich doch irgendwoher? Ah, „Lazy Boy” wird hier zweitverwertet, und zwar besser. Balázs Tanka singt, nein, ruft einen Text, den ich gerade nicht fehlerfrei zusammenbekomme, auf hörenswerte Weise ins Mikrofon hinein, und dann ist das Album auch schon vorbei.

Auf ihrer Website beschreiben Special Providence ihre Musik als „Progjazzrockmetalturbochill”. Seltsam ist sie zweifelsohne, und mir persönlich geht das Keyboard gelegentlich ein wenig auf die Nerven; aber – ich wiederhole mich – irgendwas ist ja immer. Einen Stream von „Soul Alert” gibt es jedenfalls auf Bandcamp.com zu hören. Möglicherweise solltet ihr das tun.

MusikNetzfundstücke
„Danke”, HTC!

Besten „Dank” für diesen Mehrwert:

Schlankes Design. Bombastischer Sound. Duale Stereo-Frontlautsprecher lassen im Zusammenspiel mit kräftigen Verstärkern alle um Dich herum Deinen Sound hören. Teile Deine Musik, teile Deine Videos, teile Deine Spiele – in der richtigen Lautstärke.

:wallbash:

(Das ist eben der immergleiche Appell an den menschlich-kindlichen Instinkt: Rationalität ist der zu besiegende Gegner derer, die etwas verkaufen wollen; weil man eben mit zwei, drei, vier, fünf und sechs oder zweihundert Klingen Gesichts-, Bein- und sonstwelche Haare noch abber als ab bekommt. Kauf, du Arsch! Mit Höflichkeit, sei’s juveniles Du oder distanziertes Sie, wo doch das Er meist ehrlicher wär’, verkauft sich ein schlechtes Produkt nicht, es muss schon „witzig” (Max Goldt, „Was man nicht sagt”) oder wenigstens pfiffig sein. Wenn’s dazu nicht reicht, dann genügt’s jedenfalls zur Statusaufbesserung: „Seht her, mein mobiles Telefon dröhnt meine Lieblingsfunktionsmusik noch aufdringlicher durch den Bus als das eure! Labet euch an seiner Güte!” Dem letzten französischen König wurde für derartig pompöse Zurschaustellung des Reichtums seiner Vorgänger die „Rübe” (Holger Roehlig) runtergeschlagen, aber in diese schrecklich engen öffentlichen Verkehrsmittel passt die mobile Taschenguillotine eben auch nicht mehr. Ein Hoch auf die Sparsamkeit und Klammer zu.)

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Rio Reiser – Alles Lüge

Gute Nachrichten: Wir brauchen die Piratenpartei nicht mehr. Wir haben jetzt die SPD!

Die alte Tante SPD setzt aufs Internet: In den kommenden Jahren wollen die Genossen zur neuen Netzpartei werden und so junge Wähler zurückgewinnen.

Gibt es schon konkrete Pläne? Aber natürlich!

Jeder Mittelständler muss in den nächsten Jahren in die Cloud um wettbewerbsfähig zu bleiben. (…) Datenschutz im nationalen Maßstab reicht nicht aus, wenn wir gegenüber den USA oder Asien in der digitalen Wirtschaft konkurrenzfähig werden wollen.

Genau – die derzeitige Gesetzgebung, die es unnötig erschwert, personenbezogene Daten auf Servern in (zum Beispiel) den USA zu speichern, ist rückständig. Das muss aufhören! Zum Glück haben wir die SPD, die sich dafür einsetzt, dass deutsche Datenschutzrichtlinien bald der Vergangenheit angehören, hippe Jugendpartei, die sie nun mal ist.

Auf diesen Schreck erst mal ein wenig Musik.

Rio Reiser & Band – Alles Lüge 1986

(Ich weiß auch nicht, wie ich jetzt auf dieses Lied komme.)

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
The Tiger Lillies – Either Or

The Tiger Lillies - Either OrAus der Welt der Politik zurück zur Musik. Noch so ein Album, das 2013 vergessen hat, bei mir vorstellig zu werden, ist übrigens „Either Or” des britischen Trios The Tiger Lillies, dessen älteres Stück „Killer” ich hier im Oktober empfahl. Ich habe ja spätestens seit dem Debütalbum der Stolen Babies ein offenes Ohr für Kabarett-Zirkusmusik mit düsterem Flair und werde hier keinesfalls enttäuscht.

Prägend für die Musik der Tiger Lillies sind Besetzung und Konzept. Auf der Website ist zu lesen: The Tiger Lillies bieten jeder einzelnen Beschreibung die Stirn und handeln innerhalb ihrer eigenen exzentrischen Definitionen. Also gilt es zu paraphrasieren.

Frontmann und Gründer Martyn Jacques gibt bei den Tiger Lillies mit Maske und Akkordeon (manchmal auch Ukulele oder Klavier) den traurigen Clown, der, umrahmt von Adrian Stout (Bass, Singende Säge, Theremin) und Mike Pickering (Schlagzeug, Perkussion), im Falsett skurrile Texte zum Besten gibt:

She licks my cock, it’s kind of sad
as an actress I spose she’s bad
Sailor

Nein, leichte Familienunterhaltung möge der geneigte Leser bitte woanders suchen. Aber darum geht es auch nicht. The Tiger Lillies wollen ihrem Publikum keinen ruhigen Abend bereiten, sie wollen es desorientieren und fordern, schockieren und dadurch amüsieren. Das gelingt ihnen vortrefflich.

Dabei ist das literarische Niveau durchaus hoch. Waren unter den bisherigen Alben der Tiger Lillies neben einer Oper („Die Weberischen”) auch Adaptionen des „Struwwelpeters” und der Werke Edward Goreys, stellte diesmal die dänische Philosophie die Muse dar: Bereits der Titel des Albums ist ein Zitat des Zweiteilers „Entweder – Oder” von Søren Kierkegaard, die Texte sind überwiegend vom letzten Kapitel in „Entweder” inspiriert. Dass The Tiger Lillies im Gegensatz zu Kierkegaard dem Christentum in der Öffentlichkeit eher kritisch gegenüberstehen, weiß dem Rezensenten ein Schmunzeln zu entlocken.

God almighty you are king
pissing hailstones on me fling
No Sense

Kurt Weills Brecht-Interpretationen seien, so geben es die Musiker an, wichtige Einflüsse für ihre Musik gewesen. In der Tat versprüht auch „Either Or” den Charme klassischer Chansons, ohne dabei altbacken zu wirken. Alte Ideen müssen nicht immer langweilig sein.

"Gutter" by The Tiger Lillies – LIVE at Principal Club

Ist ja auch mal nicht schlecht.


Derweil ist SPIEGEL ONLINE völlig außer sich:

Kanzlerin Merkel hält im Bundestag eine Regierungserklärung – im Sitzen. Das hat’s noch nie zuvor gegeben.

Davon werden wir noch unseren Großneffen erzählen!

Montagsmusik
Circle – Eripwre

So einen Montag könnte man übrigens auch schlechter einläuten als mit dem akustischen Koffeinschub „Eripwre” der finnischen Kraut-Psychedeliker Circle.

Guten Morgen!

Montagsmusik
Caspar Brötzmann Massaker – The Tribe

Ach ja: Montag!

Müde? Das macht nichts. Kaffee und das Caspar Brötzmann Massaker werden diesen Zustand alsbald korrigieren.

Caspar Brötzmann Massaker – The Tribe

Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Naam – The Ballad of the Starchild Vol. 1

Naam - The Ballad of the Starchild Vol. 1Eine durchaus hörenswerte Mixtur aus Fuzzgitarren, Hallgesang und Elektrofrickeleien bieten Naam aus New York dem Hörer auf „The Ballad of the Starchild Vol. 1″, einem EP mit 5 Stücken drauf, erschienen bereits 2012. Auf Äußerlichkeiten geben die New Yorker nicht viel, “naam” ist ein Lehnwort aus dem Sanskrit und bedeutet auf Thai etwa „Name”. Warum auch nicht?

Es sind die inneren Werte, die zählen, und an denen mangelt es wahrlich nicht. Ja, natürlich fischt man in bekannten Gewässern, das Coverbild (hier rechts im Bild) deutet’s schon an. Pink Floyd und Colour Haze. Hard Rock und Stoner Rock. Kleckern und klotzen. Is’ schließlich New York, Mann. Hypnotisch, treibend. Ausnahme: „Sentry of Skies”, die kurze musikalische Ruhepause. Sehr willkommen, man wird ja auch nicht jünger.

Wenn Naam nicht den gleichen Fehler machen wie andere herausragende Musikgruppen und sich jetzt einfach auflösen, wird es hoffentlich auch eine “Ballad of the Starchild Vol. 2″ geben. Das fände ich sicher gut.