Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2011 – Favoriten und Analyse

Huch, schon wieder ist Juni, das geht ja immer schnell! Und traditionell bringt so ein Juni nicht nur zu dicke Mädchen in zu dünner Kleidung mit sich, sondern außerdem meine Halbjahresrückschau der gefälligsten und ungefälligsten Musikalben, erstmals komplett mit Alben des Jahres 2011 befüllt.

Und in so einem halben Jahr kann sich viel ändern. Im Februar etwa rühmte ich das Album „I‘m Your Saviour“ von Toxic Smile, für diese Liste aber hat es dennoch keine Berücksichtigung mehr gefunden, da die schiere Masse an guter Musik ansonsten den Rahmen dieser Internetseite gesprengt hätte und ich somit wieder einiges aussieben musste. Auch habe ich es leider nicht immer geschafft, mich jedem Musikalbum, das mich interessiert hätte, rechtzeitig ausreichend ausführlich zu widmen; die beim Probehören recht vorzüglichen Alben „Flanders Fields“ von Humble Grumble und „Blown Realms and Stalled Explosions“ von den Enablers bitte ich das geneigte Publikum also selbst zu rezensieren. (Gern als Kommentar hier unten drunter. ;) )

Aber es ist auch ohne diese Alben eine recht abwechslungsreiche Liste geworden, von der ich hoffe, dass sie nicht jedem von euch bloßes Missfallen bereitet. Weiterlesen ‚Musik 06/2011 – Favoriten und Analyse‘ »

Musikkritik
The Decemberists: R.E.M. in anders

Nur mal so als Beispiel für eine Band, die zwar mich durchaus ansprechende Klänge hervorzubringen vermag, aber dieses Niveau bislang noch kein ganzes Album lang halten konnte, weshalb sie die anstehende Halbjahresliste nur als Zuschauer bewundern darf, erwähne ich hier und jetzt aus heiterem Himmel mal die von Peter durchweg geschätzten The Decemberists mitsamt ihrem diesjährigen Album „The King Is Dead“.

Colin Meloy klingt Michael Stipe nicht unähnlich, der Duettgesang erinnert mich daran, dass ich mal wieder Belle & Sebastian hören könnte, und auf dem Rest des Albums lassen sich Bob Dylan und Värttinä erahnen. Die Texte, obwohl bei Weitem weniger wortreich als die des Herrn Dylan, sind dermaßen tiefsinnig und angereichert mit Metaphorik, dass wir Textfreunde voll auf unsere Kosten kommen.

Und wären auch melodisch überragende Stücke wie „Down by the Water“ und „Rox in the Box“ nicht die Ausnahme auf diesem ansonsten eher beschaulichen Album, es hätte meine Empfehlung sicher. Schade eigentlich.

Musikkritik
Van der Graaf Generator – A Grounding in Numbers

Jüngst lauschte ich dem neuen Werk „A Grounding in Numbers“ der britischen Progressive-Rock-Legende Van der Graaf Generator und sah Potenzial für einen kurzen Verriss meinerseits. Er folgt:

Die Geschichte Van der Graaf Generators ist bewegt, bedenkt man, dass die Band sich seit ihrem Bestehen mehrfach aufgelöst und umbesetzt hat und zwischen zwei Studioalben („The Quiet Zone/The Pleasure Dome“, 1977, und „Present“, 2005) auch schon mal 28 Jahre vergingen. Anders als etwa King Crimson, deren Geschichte ähnlich verlief, hatten „VdGG“ aber auch mit veränderter Instrumentierung nie ihren Stil als Markenzeichen, das leicht düster-theatralische Drama in Musikform, aufgegeben, was wohl auch der Stimme Peter Hammills zu verdanken ist, dem nicht umsonst unheilvolle Beinamen wie „King of Fear“, „König der Angst“ also, angedichtet werden.

Nun also ist „A Grounding in Numbers“ das neue Album der zum Trio geschrumpften Band (Saxophonist David Jackson hatte bereits nach „Present“ zum wiederholten Mal aus unbekanntem Grund seinen Hut genommen), und es ist ein Konzeptalbum zum Thema Mathematik geworden.

Die Texte Van der Graaf Generators waren ja schon immer etwas bodenständiger als die von Genrekollegen wie Yes, sieht man von deren Popausfällen einmal ab, insofern ist das eigentlich noch keine Erwähnung wert. Was aber „A Grounding in Numbers“ anzuhören ist, ist ein beinahe schon radikaler Schnitt in allem, was die Musik der Band einst auszeichnete.

Rückblende: Nach dem drogenschwangeren Psychedelic-Rock-Debüt „The Aerosol Grey Machine“ von 1969 wandten sich „VdGG“ in neuer Besetzung dem Progressive Rock zu und veröffentlichten eine Reihe von legendären Alben wie „H to He who Am the Only One“ von 1970, deren markantestes Merkmal die Instrumentierung (Orgel/Basspedal, Schlagzeug, Saxophon, selten Gitarre) ist. Saxophonist David Jackson wurde später von einem Violinisten vertreten, wodurch die mitunter Angst einflößende Stimme von Peter Hammill noch apokalyptischer (ist das ein Wort?) wirkte.

Und jetzt also: „A Grounding in Numbers“, nach „Trisector“ das zweite Album in Triobesetzung, aber was auf „Trisector“ noch wirkte, nämlich statt des Saxophons Gitarre und Orgel als Klang bestimmende Instrumente zu verwenden, schlägt auf „A Grounding in Numbers“ fehl. In einer anderen Rezension las ich, „A Grounding in Numbers“ sei in der „VdGG“-Diskografie so etwas wie „Road Salt One“ in der von Pain of Salvation: Statt in epischer Breite Geschichten zu erzählen, konzentriert sich die Band auf kurze Lieder und geht dabei so spärlich wie möglich vor. In gewisser Weise hat „A Grounding in Numbers“ die Merkmale von Peter-Hammill-Soloalben, die auch stets eher zerbrechlich als bedrohlich wirken.

Überhaupt ist mir nach Ablauf der fast 49 Minuten – und immerhin 13 kurzen Stücke – nicht so ganz klar, was ich nun von dem Album halten soll. Wäre da nicht das überragende, leider nicht repräsentative „Mr. Sands“, ich hätte wohl bestenfalls die Achseln gezuckt. Instrumentale Ambientstücke statt extrovertierter Dramatik; habe ich versehentlich das falsche Album im Spieler? Ich schaue noch einmal nach: Nein, es stimmt.

Ja, „A Grouding in Numbers“ ist Kunst, ein Musikalbum, das sich mit der Mathematik befasst; sozusagen schon Metakunst. Ich bin kein Kunstkenner und ich gestehe jeder Kunst zu, dass sie Meisterwerke hervorbringen kann. Kunstwerke, die ich nicht verstehe, lobe ich allerdings auch nicht ehrfürchtig, sondern ich lasse sie links oder rechts liegen und warte, bis irgendwer sie wegräumt. Und genau so geht es mir mit diesem Album: Ich lasse es nun liegen und warte, bis es verstaubt.

Vielleicht werde ich es später noch einmal hervorkramen und den „Aha!“-Moment erleben, so ähnlich ging es mir vor einiger Zeit ja auch mit King Crimsons „Lizard“. Man schimpfe mich einen Banausen, aber hier und jetzt ringt es mir nur ein Gähnen ab.

MusikkritikNetzfundstücke
“Tuesday, Wednesday break my heart…“

Ein Internetphänomen, vor allem in den auch sonst nicht unbedingt für Musikgeschmack bekannten USA von Bedeutung, kreuzte in den letzten Tagen immer wieder meine Wege und ließ mich erschaudern. Die Rede ist von Rebecca Black, 13 Jahre alt, und ihrem „Lied“ „Friday“, also „Freitag“. Zeitgenossen, die wie ich dem Musikfaschismus frönen, sollten sich auch in eigenem Interesse von diesem Link fernhalten.

Aber worum geht es überhaupt? Nun, die Wikipedia weiß mehr:

innen weniger Stunden stiegen die Zugriffszahlen auf über 100.000 und ARK Music erhielt Anfragen von Fernsehsendern nach dem Lied. Die Popularität von Friday stieg rasant, sodass es bis zum 1. April 2011 über 73 Millionen mal angesehen wurde. (…) Zwischenzeitlich wird das Lied als Klingelton angeboten, in den iTunes-Charts stand es auf Platz 13.

Textlich geht es, wie ich vor einem spontanen Anflug von Kopfweh erlesen konnte, darum, dass man beim Autofahren vorn und hinten sitzen kann, dass Freitage auf Donnerstage folgen und dass Rebeccas Clique an diesen Freitagen zwecks Feierns durch die Gegend gurkt.

Der mäßige Text wird mit einem mäßigen Gesang dargeboten, die dazu gehörende Melodie ist bestenfalls belanglos. Manche Hörer des Liedes kürten es gar zum schlechtesten Lied aller Zeiten, und wäre da nicht Chaccaron Maccarón, wäre dieser Titel vermutlich nur noch schwerlich antastbar. Das Erschreckende ist: Die junge Frau Black meinte das Lied ernst.

Obwohl ihre Mutter an der Qualität des Textes zweifelte, gab sie dem Willen ihrer Tochter nach.

Vielleicht bin ich auch nur nicht die Zielgruppe dieses Liedes, aber wer ist dann die Zielgruppe? Laut YouTube-Statistiken („über 1,5 Millionen Mal negativ und knapp 200.000-mal positiv bewertet“) weiß die Zielgruppe das selbst nicht oder ist auch nur zu klein. Natürlich kann man über (Musik-)Geschmack nur schwerlich streiten, das möchte ich hier auch nicht unbedingt tun; bedenkt man aber, dass die deutsche Kindercombo „Rotznasen“, die augenscheinlich einen ähnlichen Altersdurchschnitt hatte, wenigstens Lieder mit einer message („ich bin verliebt, ich bin verliebt in dich“) sang, bin ich doch geneigt, „Friday“ Sinnlosigkeit zu attestieren. Zwar kann man mit den Noten, die dem Menschen zur Verfügung stehen, sozusagen unendlich viele Melodien erschaffen, aber musste das wirklich sein?

Makes tick tock, tick tock, wanna scream.

KaufbefehleMusikkritik
Jeavestone – 1+1=ok

Bereits im November 2010 erschien mit „1+1=ok“ das dritte Studioalbum der mir bis dato unbekannten finnischen Progressive-Rock-Band Jeavestone und gefällt mir außerordentlich gut.

Das Album beginnt („Laser Fluxus Bombus Interruptus“, auf so etwas muss man auch erst einmal kommen!) instrumental und ließ mich bereits in dieser Phase interessiert aufhorchen; als schließlich Sänger Jim Goldworth, von dem ich nicht annehme, dass er wirklich so heißt, eindrucksvoll die jeweiligen Texte darbot, während seine Mitstreiter im Hintergrund an ihren Instrumenten brillierten und in guter, alter Yes-Manier als Chor fungierten, wusste ich, dass ich dieses Album, wenn es schon aus selbstverständlichen Gründen nicht für die Halbjahresliste 2011 in Frage kommt, zumindest nachträglich mit einer Würdigung auf dieser Seite auszeichnen sollte.

Und eigentlich ist „1+1=ok“ ja sogar mehrere Alben, denn was da an Einflüssen auf den Hörer einprasselt, ist berauschend. Je nach musikalischer Vorkenntnis und Präferenz hört man hier Peter Hammill, Yezda Urfa oder die Boomtown Rats am Mikrofon, während Cheer-Accident, Mr. Bungle und ein bisschen Frank Zappa (oder, je nach Laune, Frogg Café) Melodien spielen, die die Musiker selbst „Prog‘n'Roll“ nennen und damit eine eigentlich ganz gute Beschreibung hinbekommen. Anderswo wittert man Nähe zu Sting, bricht sich aber einen am Genderwahn ab („Finn/inn/en“) und ist somit aus zwei Gründen nicht gut zu lesen. Nicht umsonst hat es das Quintett auch schon auf das deutsche Freakshow-Festival geschafft, auf dem sich sonst jene Musiker zu tummeln pflegen, die der typische CDU-Wähler vermutlich nur aus ethischen Gründen nicht entartet zu nennen pflegt. (Die mir bei diesem Thema spontan in den Sinn kommenden Sleepytime Gorilla Museum werden sich übrigens nach Absolvierung der drei letzten Konzerte auflösen. Schade!)

Apropos Gesang: Der Gesang dominiert zwar immer das Klangbild, dennoch sollte man es nicht versäumen, in den Momenten, in denen er gefälligeren Linien folgt, auf die Musik selbst zu achten, denn Jeavestone beherrschen den Kontrapunkt vortrefflich. Musik an sich zieht Parallelen:

(…) der Übergang in die lichteren, mehr Folk orientierten Teilen mit akustischer Gitarre und Flöte klingt schon stark nach Yes bzw. Genesis. (…) Die Band fräst sich mit den folgenden Songs, von denen für eine so Progverhaftete Band untypischerweise übrigens keines die 6 Minuten Grenze knackt, durch die Geschichte des Progs von Yes über Van der Gra[a]f Generator, ein wenig Pink Floyd und natürlich darf auch niemals ein wenig von den Beatles fehlen. Oftmals erinnern die Stücke ihrer Vielfalt aber vor allem in Ihrem Sound an deutsche Bands der Mittsiebziger wie Eloy, Snowball oder ähnliche.

Ein gutes Album zum Hören!
Einige Kostproben aus dem reichhaltigen musikalischen Büfett kredenzen die Finnen auf MySpace.com.

KaufbefehleMusikkritik
Toxic Smile – I‘m your Saviour

Prima: Die deutschsprachige Musikwelt 2011 erreicht mit „I‘m your Saviour“, englischsprachige Texte hin oder her, ihren ersten Höhepunkt.

Fünf Protagonisten musizieren zwischen Retroprog und Progressive Metal und klingen auf ihrem vierten Studioalbum, zählt man die beiden Versionen des Debütalbums separat, atmosphärisch so dicht wie nie zuvor.

Thoralf Koss schrieb 2006 über ein eigentlich ganz anderes Album der gleichen Musikgruppe:

TOXIC SMILE sind eine wahre Entdeckung am deutschen Himmel des ProgRocks, (…).

Tatsächlich ist es auch fünf Jahre später noch überaus beeindruckend, was man aus Leipzig zu hören bekommt. Das Musikmagazin eclipsed nennt in der Ausgabe 02/2011 unter anderem Spock‘s Beard eine „artverwandte“ Band, aber Vergleiche verbieten sich hier fast, denn wie bekannt sein dürfte, beeindruckt mich vor allem Einmaliges, Unverwechselbares.

Das eröffnende „Liquid Wall“ sagt etwas mehr als neun Minuten lang eigentlich schon alles, was man über das Album wissen muss: Keyboard- und Gitarrenbretter wechseln sich mit ruhigen, beinahe balladesken Passagen ab, während Schlagzeuger Robert Eisfeldt (nicht zu verwechseln mit Jan Eißfeldt, meist Delay) wüst herumwirbelt. Sänger „Larry B.“ ergänzt das Klangbild mit seinem extrovertierten – manche mögen‘s seicht nennen – Gesang zu einer Art „Dream Theater in anders“, und zwar anders-anders, nicht schlechter-anders.

Von den Socken aber, hätte ich sie nicht in den Schuhen getragen, hätte mich beinahe „The Abyss“, das dritte Stück, gehauen. Der Anfangsteil mit Gitarre, Bass und Schlagzeug lädt schon zum Kopfwackeln ein, das sich auch mit einsetzendem Gesang und zurückgefahrener Gitarre nicht zum Aufhören bewegen lässt. Nach etwa drei Minuten wird es ruhiger, ein Chor (schon wieder Dream Theater?) setzt ein und wieder aus und wird von Udo Rupkalwis abgelöst, der in der Rolle eines Nachrichtensprechers auf Deutsch von einer Selbstmordserie an einer Klippe (einem abyss eben) berichtet. Anschließend wieder Gesang: „This is my last day on Earth…“. Ganz und gar nicht schlecht. Inhaltliche Vergleiche gefällig? Ayreons „The Human Equation“ kommt mir in den Sinn.

Zwar ist „I‘m your Saviour“ sicher kein Album, das man stundenlang hören könnte, ohne sich irgendwann zu langweilen; im Progressive Metal ist mancher Zauber schnell vergänglich. Wie jedes gute Musikalbum aus diesem Genre aber wirkt „I‘m your Saviour“ schnell und nachdrücklich. Hörempfehlung hiermit ausgesprochen.

Interessenten können sich auf der Internetseite der Musiker einen ersten Eindruck verschaffen.

KaufbefehleMusikkritik
Sahara Surfers – Spacetrip On A Paper Plane

Im vergangenen Dezember merkte ich an, dass bei der Zusammenstellung der Jahresendrückschau unter anderem das Album „Spacetrip On A Paper Plane“ der Sahara Surfers aus Zeitgründen keine Beachtung fand, was Schlagzeuger Michael „Steini“ Steingress dazu veranlasste, mir seine Aufwartung zu machen; ein Glück, denn so plagte mich immenses Bedauern, das mich letztlich beschließen ließ, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit das Versäumte ausführlich nachzuholen.

Und es hinterließ mich beeindruckt.

Was da aus meinem Klangausgabegerät schepperte und jetzt gerade wieder scheppert, ist grandioser Stoner Rock vom ersten Takt an. Die vier Österreicher aus „Bitte Bundesland/Region auswählen“ lassen nichts anbrennen. Hier und da ist Postrockiges (Amplifier, Dear John Letter) nicht fern, aber vor allem regiert hier der Groove. Die Wikipedia „weiß“:

Als stilprägend gelten der Bluesrock als Basis, tiefgestimmte Gitarren, die teilweise durch Bassverstärker gespielt werden, scheppernde Drums, entrückte bis rockige Vocals, stark ausgeprägter Groove und ein allgemein sehr basslastiger Sound.

Für die Sahara Surfers wie auch für stilverwandte Musiker wie etwa Colour Haze, dass „Stoner Rock“ nichts mit Steinen zu tun hat, anders gesagt: „Spacetrip„ ist gut ausgedrückt. Nicht umsonst trat man auch schon in einem Etablissement namens „Mushroom Cellar“, „Pilzkeller“, zwinker!, auf.

Die Texte, vorgetragen übrigens von einer Frau, was in diesem Genre nicht unbedingt der Regelfall ist, folgen oft repetitiven Strukturen („Sister In Shade“) und sind ansonsten für uns Liedtextfreunde nachhaltig erinnernswert („Your whole world will die“ heißt es etwa mehrfach in „Propeller“), Klischee an, was eine willkommene Abwechslung zu den im Stoner Rock eher verbreiteten Themen (Friede, Brüder und Schwestern!) ist. Klischee aus. Ist euch übrigens schon aufgefallen, dass der nahe liegende Verschreiber „Schwetser“ wie „Schwätzer“ klingt?

Mit etwa 32 Minuten Laufzeit ist der akustische Trip leider ein wenig kurz geraten, aber daran soll es letztlich auch nicht scheitern; man drücke die Wiederholen-Taste und höre sich das Hirn schwammig.

„Spacetrip On A Paper Plane“ gibt es für fünf Euro via Mail zu bestellen, die passenden Kontaktdaten finden sich nebst derzeit vier der sechs Stücke auf Myunterstrich.com. Wer, wie ich, nicht immer genug Geld herumliegen hat, der kann sich auch, wie ich, mit dem mehrkostenfreien Download behelfen. Ich bin allerdings überzeugt, das Geld ist gut angelegt.

Gern mehr davon!

KaufbefehleMusikkritik
Die Rehabilitation einer Institution: Yes – Magnification

Ich muss dann hier doch mal eine Lanze für das vor nunmehr 10 Jahren veröffentlichte und bis dato, sieht man von den ungezählten Archivveröffentlichungen seitdem ab, leider letzte Album von Yes brechen, von dem man im Allgemeinen nicht viel mitbekommen hat, schließlich ist Yes lediglich mit „Owner Of A Lonely Heart“ vom Album „90125″, 1983, ein versehentlicher Welthit gelungen, von dem sie sich bis heute nicht vollends erholt haben.

„90125″ war das erste Album, auf dem sich Yes fürs Erste konsequent von dem sakralen, epischen Progressive Rock, den sie in den frühen 70-er Jahren maßgeblich mitgeprägt hatten und in dessen Klanggewand sie der Welt unter anderem die Glanztaten „Relayer“ und „Close To The Edge“, die man einmal im Leben zumindest mal gehört haben muss, bescherten, abwandten, um reich und berühmt zu werden, was ihnen zur Strafe immerhin versagt blieb und zu mehrfachen Umbesetzungen führte. Erst nach dem scheußlichen „Talk“, 1994 veröffentlicht, fanden Yes in der klassischen Besetzung (Gesang: Jon Anderson, Gitarre: Steve Howe, Bass: Chris Squire, Schlagzeug: Alan White, Keyboards: Rick Wakeman) wieder zusammen und zeigten, dass sie es doch noch können, indem 1996 und 1997 erst einmal auf dem zweiteiligen „Keys To Ascension“ (2010, ich erwähnte es, neu aufgelegt) neben beeindruckenden Livemitschnitten auch einige neue Studioaufnahmen, etwa das über achtzehnminütige, treibende Rockstück „Mind Drive“, davon zeugten, dass all die Rezensenten, die unkten, Yes sollten sich doch bitte ins Altenheim einschließen lassen, von Musik so viel Ahnung hatten wie die immergleichen Hackfressen, die sich „Jury“ schimpfen und irgendwas von „Superstars“ in jede Kamera speicheln, obwohl sie selbst noch nie eine Musikschule auch nur von außen gesehen haben.

Auf Bill Bruford, handwerklich versierter Weltschlagzeuger und einige Zeit zuvor von Yes zu King Crimson gewechselt, musste der geneigte Yesfan jedoch zugunsten des eher monotonen Alan White ebenso verzichten wie alsbald auch wieder auf Rick Wakeman, der erst 2002 zum wiederholten Mal zur Band stieß und seit 2004 aus gesundheitlichen Gründen ebenso wie Jon Anderson auf unabsehbare Zeit pausiert. Moment, 2001?, fragt nun der aufmerksame Leser, wer spielt dann auf „Magnification“ eigentlich Keyboard?

Tja, Yes sind hier nur zu viert, erstmals seit 1968 ohne einen bandeigenen Keyboarder spielten sie dieses Album ein. Als Ersatz indes steht Yes hier ein komplettes Orchester zur Seite, was für Bombastrock wie den ihren eigentlich nahe liegend ist, und man fragt sich, wie anders Yes eigentlich geklungen hätten, hätten sie in der Vergangenheit häufiger auf ein Orchester oder zumindest auf die Streicherecke zurückgegriffen. (Tatsächlich tourten Yes anschließend unter der Flagge der „Yessymphonics“ mit einem ebensolchen und präsentierten so etwa „The Gates Of Delirium“ von „Relayer“ in einem Gewand, das ungewohnt, aber beeindruckend ist. Später wurde das Material für die DVD „Symphonic Live“ verwendet, die es auszugsweise natürlich auch auf YouTube geschafft hat.)

Kennt man diese ganze Entwicklung nicht, kann „Magnification“ also völlig vorbehaltsfrei hören, so erwartet einen nach dem Einlegen der Silberscheibe ein aufgrund nahtloser Übergänge einheitlich wirkendes Stück, dessen vollständige Rezension andere übernehmen mögen, aus dem ich aber dennoch drei nennenswerte Momente herausnehmen möchte, damit sich der geneigte Leser sozusagen ein Bild davon machen kann, wie anders „Magnification“ doch klingt, wenn man Yes nur aus dem Supermarktradio kennt.

Zu „Spirit Of Survival“ etwa, dem zweiten Teil des Albums, ertappte ich mich Kopf nickend. Ayreon fiel mir als spontaner Vergleich ein, den ich aber doch schnell wieder verwarf, denn Jon Andersons Stimme, vom Alter gänzlich unberührt, steht im Vordergrund und erinnert den Hörer daran, wer hier eigentlich musiziert, obwohl er es beinahe nicht glauben kann, ist er von Yes doch ganz anderes gewohnt: „Spirit Of Survival“ ist zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auch ein (Prog-)Metalstück. Dream Theater waren nie so nah wie hier.

Das folgende „Don‘t Go“ ist eins der meist unterschätzten Stücke auf „Magnification“. Steve Howe urteilte 2010, sinngemäß übersetzt:

Wir sollten keine Zeit mit Liedern wie „Don‘t Go“ verschwenden. Es war ein Fehler, wir müssen nicht in die Welt der Popmusik vorstoßen.

Nun, Yes haben seit 1983 kaum anderes als Pop gespielt, sieht man einmal von wenigen lichten Momenten zum Beispiel auf „Keys To Ascension“ ab. Natürlich ist „Don‘t Go“ Pop, genauer: Poprock, aber im Gegensatz zu dem meisten Mist, den man Yesfans seit 1983 als Yesmusik verkaufen wollte, ist es schlicht grandios. Mehrstimmiger Gesang in Strophen und vor allem Refrain (seit jeher eine Stärke von Yes) über die eher untypischen Themen Liebe und Freundschaft, dabei noch eingängiger als „Owner Of A Lonely Heart“ es je war, ein hübsch schlichter Takt, solide gekloppt von Alan White, für dessen Schlagzeugstil diese Art von Musik geradezu prädestiniert scheint, und nach der Hälfte des Liedes unter anderem einige elektronisch modifizierte Gesangszeilen von Jon Anderson, bei denen mir sofort The Buggles einfallen, die ja etwa zwanzig Jahre zuvor bei Yes statt separat musizierten, obendrein nur weniger als viereinhalb Minuten lang und somit mindestens webradiotauglich, Videoclip inklusive. 2005 beklagte sich Jon Anderson, dass kein Lied auf „Magnification“ eine wirkliche Hitsingle geworden ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass niemand von einer Band wie Yes eine „Hitsingle“ erwartet hätte: Die Jugend des Jahres 2001 möge sich jetzt bitte grämen, denn sie hat abseits von Britney, Christina und den restlichen peinlichen Repräsentativen des Popgeschäfts so eine Menge verpasst, und wahrlich, ich sage euch, während ich dies schreibe, höre ich „Don‘t Go“ zum vierten oder fünften Mal am Stück und finde Indie-Rock, daran gemessen, plötzlich ziemlich langweilig.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ein prima Stück fehlt noch in meiner Auflistung. Es trägt die Titelnummer 8 von 10, heißt „Dreamtime“ und ist, wenn man eine solche Parallele überhaupt ziehen kann, das „Mind Drive“ von „Magnification“. Ein Abenteuer von zehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden Länge, das mit Streichern und Gesang beginnt, bevor Chris Squire seinen Bass antreibt, von Gitarre und Orchester tatkräftig unterstützt. Über all dem schwebt Jon Andersons Gesang, und obwohl „Dreamtime“ doch ein wenig länger ist als „Don‘t Go“, bemerkt man gar nicht, dass die Zeit vergeht, bis nach etwa neun Minuten die Streicher das Kommando übernehmen und eine filmmusikartige Szene aufführen. Das anschließende „In The Presence Of…“ ist zwar ebenfalls recht lang, aber der Rhythmus, den „Dreamtime“ vorgab, fehlt leider.

Sicher sind auf „Magnification“ auch ein paar Stücke zu finden, auf die man schlicht verzichten könnte, etwa das aufdringliche „Can You Imagine“, aber Füllsel gab es auf Yes-Alben schon immer, und unter dem Strich ist „Magnification“ das beste Yes-Album seit „Drama“ (1980) und auch weitaus besser als vieles, was die Konkurrenz 2001 auf den Markt warf; und schließlich und endlich ging es bei Yes schon immer um anderes als nur nebensächliche Unterhaltung.

Dreamtime begins
where every song is the perfect place,
words never spoken
are the strongest resounding.

Wie wahr!

KaufbefehleMusikkritik
Eatliz – Teasing Nature

Wie angedroht schreibe ich jetzt eine kleine Rezension von Eatliz‘ Zweitling „Teasing Nature“ und bin da wohl der Erste, zumindest finde ich gerade keine Gegenbelege. Schade, zu viele Texte gibt es schon über wirklich schlechte Musik, aber nur wenige über solche wie die von Eatliz.

Eatliz, manchmal auch EatLiz, heißt auf Hebräisch „Schlachthaus“, sieht aber nicht ganz so blutrünstig aus, wie Bilder belegen. Das Debütalbum „Violently Delicate“ von 2007, einige Monate lang legal und ohne Mehrkosten online zu beziehen, inzwischen wohl nicht mehr, hat mich ebenso wie der/die/das folgende EP „Delicately Violent“ an den Eiern gepackt und an die exquisiten Stolen Babies, deren zweites Album irgendwann 2011 ebenfalls erscheinen soll, erinnert; insbesondere die Stimme von Sängerin Lee Triffon steht der von Dominique Persi nur wenig nach. Israel scheint ideale Bedingungen für die Geburt richtig guter Musiker zu bieten.

Und nun „Teasing Nature“, „die Natur sticheln“, was nach einem zweckfreien Unterfangen aussieht.
Der Pressetext bereitet Sorge:

Their new and exciting album, Teasing Nature, finds the band after a self reflecting and soul searching process and it marks the beginning of a new way for them in a long and uncompromising journey. The album takes the band out of its comfort zone by being experimental mainly because it has no Metal elements (that have been very dominant in the past albums), this has opened the way for the band to use keyboards and electronics.

Tatsächlich beginnt das eröffnende „Your House“ zurückhaltend und bleibt es auch über den ersten Refrain hinaus. Erst in der letzten Minute scheppert es wieder, wie der Volksmund sagt, im Karton. Apropos Refrain, der Refrain von „Your House“ ist zu meinem Bedauern ein ziemlich ohrwurmiges Stück Musik mit Chorgesang, beides nicht unbedingt Qualitäten, die ich bis dato dieser Band zugeschrieben hätte, aber: Sie können‘s!

Und sonst so? Elektronica („Berlin“, „Goldie“), Indie-Pop/Rock („O.K.“, „Lose This Child“), Klavierballaden („Got It“), Funkiges („Nine“), aber eben auch weiterhin die gute alte Krachmusik („Voice Over“). Neben „Your House“ stellt aber „Tears“, ein rhythmuslastiges Indierockstück, das sich nach etwas mehr als zweieinhalb Minuten in einer wahren Geräuschorgie entlädt; es pfeift, es tutet, es dröhnt, es brummt, allmählich verhallt Frau Triffons hier recht bluesige Stimme, dann ist Schluss. Prädikat: RIO/Avant. Klingt gut und wird viel zu selten gespielt.

Ja, fort ist der Metal. Er ist einer stilistischen Neuausrichtung gewichen, die andere Bands (I Like Trains, The Raveonettes und ähnliche ehemals prima Musiker) leider vollkommen versiebt haben (Peter sieht das anders).

Womit haben wir es auf „Teasing Nature“ also zu tun?

„Radiokompatibel“ ist ein böses Wort, aber nachdem Radiosender nun bereits „Last Christmas“ verbannen, bin ich guter Dinge, dieses Adjektiv in absehbarer Zeit wieder in positivem Kontext nutzen zu können, ohne die falsche Klientel anzusprechen. Derweil beschränke ich mich darauf, „Teasing Nature“ jedenfalls gefällig und unerwartet eingängig zu nennen.

Wenn das die „neuen Eatliz“ sind, dürfen die alten gern bleiben, wo der Pfeffer wächst.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2010 – Favoriten und Analyse

Kaum dreht man sich kurz um, ist das Jahr schon wieder vorbei. Regelmäßige Leser dieser Seite wissen, was sie erwartet, nämlich Teil zwei der Rückschau der unblödesten Musikalben 2010 nebst Rückblick auf 40 Jahre Musikgeschichte, womöglich noch rechtzeitig für das ein oder andere Gewinnspiel.

Der Finalausscheidung – ich wollte euch keine Rückschau auf fünfzig oder mehr Alben bieten, das läse doch keiner – fielen unter anderem die Wise Guys zum Opfer, die mit „Klassenfahrt“ zwar ein im Prinzip nicht übles Album mit dem ziemlichen Kracher Hamlet veröffentlicht haben, aber eben doch nur auf hohem Niveau stagnieren. Wie immer habe ich es leider auch nicht immer geschafft, mich ausreichend umfassend mit einigen viel versprechenden Werken zu beschäftigen, unter anderem „Spacetrip On A Paper Plane“ von den Sahara Surfers; ich hoffe, ihr findet dennoch Gefallen an meiner Auswahl.

Weiterlesen ‚Musik 12/2010 – Favoriten und Analyse‘ »

KaufbefehleMusikkritik
Värttinä – Seleniko

Beim Sichten meines Musikbestandes für die anstehende zweite Rückschau 2010 (die erste gab‘s hier) fiel mir aus noch ungeklärten Umständen das 1992er Album „Seleniko“ der finnischen Folkrockpopirgendwasmusiker Värttinä in die Hände, und nachdem ich u.a. bei Peter selten ein positives Wort über skandinavische Volksmusik verliere, fällt es mir um so schwerer, zuzugeben, dass dieses Album ein beachtliches ist.

Ich verstehe zwar kein Wort, aber offenbar geht es um Beischlaf und Enten. (Bitte nicht auf die furchtbare Kleidung achten.)

Erfahrene Musikkenner erkennen hier vielleicht die Nähe zum Zeuhl und immerhin einige musikalische Gemeinsamkeiten mit der Folkmusik der 68er-Barden. Weniger analytische Musikfreunde können sich auch einfach über die grandiose Darbietung finnischer Weisen freuen.

Hätte ich 1992 bereits eine Rückschau auf die „Musik 1992″ geschrieben, so wäre das Album „Seleniko“ aus anderen Gründen vermutlich nicht auf die Bestenliste gekommen, zumal ich es damals noch nicht kannte. Ich möchte diesen Beitrag daher quasi als Ersatz für den bislang nicht erschienenen Beitrag „Musik 1992 – Favoriten und Analyse“ verstanden wissen.

Übrigens erschien nach meinen Informationen 2002 eine Neuauflage des Albums. Wenn zugreifen, warum dann nicht jetzt?

Musikkritik
Muss man nicht kennen: Erdmöbel – Krokus

Einer meiner Leser unterstellte mir trotz meines Bekenntnisses zum Musikfaschismus vorhin einen massenkompatiblen Musikgeschmack, als ich das prima Lied „Bleed It Out“ der missverstandenen Musikgruppe Linkin Park zitierte. Ich gebe allerdings auch zu, dass mir, musikalisch gesehen, „Who Do You Think You Are?“ von den Spice Girls weniger auf den Sack geht als dies eigentlich der Fall sein sollte.

Was hingegen mal so gar nicht geht, ist das Album „Krokus“ der seltsamen Band Erdmöbel. Das Föjetong findet‘s spitze, ich find‘s gähn.

Vielleicht verstehe ich dieses Album einfach nur nicht, ähnlich erging es mir mit Grindermans „Grinderman 2″, jedenfalls aber scheinen mir jegliche Vergleiche, die das Föjetong so anstellt, weit hergeholt zu sein. Lukas Heinser, der ansonsten einzige Popkulturblogger, den ich auf Dauer ertragen kann, verglich Erdmöbel letzten Monat textlich mit irgendwas zwischen Tocotronic und PeterLicht, und irgendwie sind die Texte hier auch der einzig nennenswerte Aspekt, die Melodien werden in den mir bekannten Rezensionen nur als Nebenbemerkungen erwähnt, das liest sich dann etwa so:

Erdmöbel sind zu vielschichtig, als das man sie einer bestimmten Gattung zuordnen könnte. Pop, Rock, Jazz, Easy-Listening, Bossa Nova, ja sogar etwas schlagerhaftes transportieren die Melodien der Band.

Man sieht förmlich den Kopf des Schreibers rauchen. Oh nein, hat er sich vermutlich gedacht, das ist ja gar nicht der übliche Indiemist, den ich hier sonst hören muss, hm, aber ist deutsch und eingängig, na gut, nennen wir es mal Pop und Schlager, doppelt hält besser. („Sogar Schlager“, weil das nämlich etwas total Herausragendes ist.) Ach, Irene, rief er dann ins Nebenzimmer zu seiner gelangweilten Sekretärin, was ist denn gerade so ein guter Musikstil? Irene, die alle Platten von Fleetwood Mac im Plattenschrank (wo sonst?) stehen hat, antwortete spontan: Rock!, denn sie hat mal irgendwo gelesen, dass Fleetwood Mac irgendwas mit Rock machen, also muss das gut sein. (Apropos: Heute wird John McVie 65 Jahre alt. Sollte mal erwähnt werden.) Der Musikjournalist fragte noch ein bisschen herum, und irgendwann hatte er befriedigend viele Antworten beisammen, listete sie auf und fuhr zufrieden mit so viel Produktivität in sein kleines Wochenendhäuschen, wo er gemeinsam mit Irene The Moody Blues und Elton John hörte, bis die Nacht über sie hereinbrach. Den Rest möchte ich euch ersparen. Nur so viel noch: Eine solche Auflistung an Genres ist bestenfalls kontraproduktiv. Ein Beispiel, das ich mir jetzt mal spontan ausdenke: Pink Floyd. Pop, Rock, Beat, Psychedelic, Jazz, sogar etwas schlagerhaftes. Und was sagt das jetzt über Pink Floyd aus? Vielleicht, dass sie irgendwas mit Musik gemacht haben. Und wenn man schon mal keinen Bock hat, sich mit einem Album zu befassen, dann macht man es doch gleich richtig falsch, damit es wenigstens so aussieht, als wäre das nicht ganz ernst gemeint, damit sich keiner, der weniger keinen Bock hatte, hinterher beschwert:

Die Worte sind deutsch (zumindest die meisten), aber die Sätze, die daraus entstehen, tragen sieben Siegel. Doch es ist eine verspielte PeterLicht-Rätselhaftigkeit, kein “Oh mein Gott, ich bin zu dumm!”-Gefühl wie bei Tocotronic.

Auszüge wie dieser demonstrieren das Dilemma von Musikjournalisten, die ein Album beruflich nicht einfach mal hören können, sondern da irgendwelche Interpretationen draufklatschen müssen, „Bezahlung nach Wörtern“, ihr kennt das ja. PeterLicht (ehemals das „Phantom der Popkultur„) ist nicht rätselhaft und Tocotronic lassen den Hörer nicht dumm zurück. Es kann doch nicht so schwer sein, einen Text einfach mal uninterpretiert stehen zu lassen, vorinterpretierte Texte sind langweilig.

PeterLicht schreibt Texte wie „Das ist das Ende, das Ende vom Kapitalismus, jetzt isser endlich vorbei“, „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf‘m Sonnendeck“ oder auch „Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen, die gelbe Sau!“. Wer das „rätselhaft“ nennt, der würde vermutlich auch Helge Schneider attestieren, er, Schneider, sei ein „Blödelbarde“. Tocotronic hatten es auch nie mit verschwurbelten Texten. Das textlich Seltsamste, was ich von ihnen je gehört habe, ist „Vier Geschichten von dir“ („Und einmal hab ich dich getroffen – ich glaube fast, es war irgendwann im Mai; du zeigtest dich betroffen von der Zeitverfluggeschwindigkeit“). Personen, die darob „Ich bin zu dumm“ denken, sind als Musikjournalisten ungeeignet und sollten, so meine ich, lieber irgendwas machen, wo man nicht unreflektiert lesen können muss, vielleicht Juristerei oder Blogger auf FickMBR.

Im Kontrast dazu: Erdmöbel.
“Ich hör nicht auf zu fragen, Maria oder so, Polarlicht von Palermo“ („Wort ist das falsche Wort“, laut YouTube-Nutzern das „traurigste Lied“ auf dem Album), „Dankesehr, mein Akkordeon wird mir schwer, jetzt ist Endstation“ („Das Leben ist schön“, ein belangloses Popstück mit dem Stampf-Fickbeat, den seit Ende der 80-er Jahre schon keiner mehr hören kann), all das dargebracht von einem Sänger, der so unfassbar schlecht singt, dass man fast meint, er hätte früher, als sie noch weniger mittelgut waren, bei den Sportfreunden Stiller mitgesummt.
Und alle anderen Texte sind auch ungefähr so.

Scusi, aber: Hä?

Ein Album wird nicht dadurch gut, dass es keiner versteht, schon gar nicht die, die ihr Geld damit verdienen, ein Album zu verstehen. Selbst La Monte Young hat irgendwann wohl jeder verstanden, Tocotronic und PeterLicht sowieso. Erdmöbel sind bestenfalls sympathisch schlecht.

Interpretationshilfe zu diesem Album würde jedenfalls meinerseits freundlich begrüßt (und fortan unbeachtet in der Ecke stehen gelassen, wie man das mit nicht explizit eingeladenen Gästen eben so macht, bis sie freiwillig wieder geht).

KaufbefehleMusikkritik
Dear John Letter – Part & Fragment

Lange genug hat‘s gedauert, jetzt halte ich es ehrfürchtig in meinen flugs desinfizierten Händen, lausche der in Ton gegossenen Kunst, getragen von Rhythmus, wabernden Melodien und der immer ein wenig bekifft wirkenden Stimme von Martin Fischer und bekomme wg. Trance nur wenig mehr als drei Wörter am Stück heraus, was das Schreiben nicht einfacher macht.

Es stand zu befürchten, dass der Plattenvertrag, den das Quintett nach der Veröffentlichung des Debüts Between Leaves | Forestal unterzeichnet hat, negative Konsequenzen für die folgenden Veröffentlichungen haben würde, zumal via YouTube eine ausdrücklich als „radio edit“, also „Radioversion“, betitelte Version des eröffnenden „You Remain Unshakeably Calm“ verbreitet wurde, wenngleich mir die Band nach Bekanntwerden des Vertragsabschlusses höchstselbst versicherte, dass sie sich weiterhin auf ihre ureigenen Qualitäten konzentrieren würde; aber man weiß es ja nie so genau. (Für die übermäßige und vermutlich nicht immer allzu präzise Verwendung des Wortes „würde“ bitte ich den zeitgleichen Konsum psychedelischen Lauschgifts verantwortlich zu machen.)

Zu meiner persönlichen Erbauung sollte sie Recht behalten:
Das Album „Part & Fragment“ meiner trotz Nihiling noch immer nicht vom Thron gestoßenen Lieblings-Postrocker Dear John Letter ist, bandtypisch und zur Musik passend für den Herbst des Jahres angekündigt, seit vergangenem Freitag zu bekommen und lag bis heute aus Zeitmangel noch in meinem Postfach herum.

Und es ist klasse.

Filigran wie gewohnt beginnt es mit dem artwork, das eine eigenständige Würdigung verdient. Auf bedruckter Pappe oder jedenfalls etwas, was sich anfühlt wie bedruckte Pappe, ist außen- und innenseitig die Fassade einer bayerischen Altstadt gemalt, und wer jemals in Augsburg war, der weiß, dass es jedenfalls nicht Augsburg ist. Dass die Szenerie indes in Bayern anzusiedeln ist, folgere ich daraus, dass eines der Schaufenster mit „Brezen“ beschriftet ist. Wie überhaupt recht viel zu entdecken ist, etwa zwei Personen, die einen Flügel an einem Seilzug eine Häuserfassade entlang bewegen, an deren unterem Ende eine weitere Person steht und interessiert nach oben blickt. Ich bescheinige dieser Szene Amusement-Qualität. Zu bemängeln ist allenfalls: Obwohl die jeweils dreiteilige Szene in Dreiecksform gefaltet werden kann, so schließen rechtes und linkes Ende doch nicht aneinander an, vermutlich ist es allerdings auch nicht so gedacht. In dem papiernen Streifen, der das Album umfasst, ist ein Gedicht zu lesen. Ob es sich um einen Textausschnitt handelt, bleibt mir verschlossen. Ihr wisst ja: Die Trance. (Nachtrag vom 6.11.: Es handelt sich tatsächlich um den Anfang von „You remain unshakeably calm“.)

In der hübschen Verpackung stecken ein Poster mit den üblichen Informationen, unter anderem den beteiligten Musikern, aber ohne Liedtexte, sowie natürlich der Tonträger selbst, bedruckt mit einem stilisierten Zodiak, der anstelle der Tierkreiszeichen jedoch Dreiecke, Vierecke und Sterne aufweist, und einer Liste der enthaltenen Stücke.

Aber jetzt habe ich viel zu lange über Äußerlichkeiten referiert, entscheidend ist bei einem Musikalbum doch meist, was auf ihm zu hören ist; also wende ich mich der Musik zu. Wie das, was zu hören ist, ungefähr klingt, demonstriert oben erwähnte Radioversion schon recht anschaulich. Und obwohl Dear John Letter sich unverkennbar wie Dear John Letter anhört, ist „Part & Fragment“ doch weit mehr als nur ein zweites „Between Leaves | Forestal“. Eine Abwendung vom Postrock wurde attestiert, und auch, wenn sich das Album nicht bloß in die Worte „klingt wie Postrock mit prima Gesang“ kleiden lässt, so ist doch keinesfalls eine Abkehr zu hören, sondern vielmehr eine Ergänzung. Zu den gewohnten Tönen (Mogwai, Oceansize, Amplifier, eine Prise Pink Floyd) stoßen neue Einflüsse, der dies für mich am beeindruckendsten demonstrierende Part ist das abschließende Gitarrensolo in „House of Leaves“, das mir auch endlich erklärt, wieso Peter Led-Zeppelin-Remineszenzen aus der Vergleichsschublade kramte, die andererseits trotz wunderbarer Momente wie etwa „Achilles‘ Last Stand“ nie so detailverliebt zu Werke gingen.

Das Ungeschliffene der Vorgängerwerke („Laika“, „Towers | Trees“) ist aus dem Repertoire der Gruppe zwar nicht gestrichen, aber doch deutlich zurückgefahren worden, und obwohl es gerade diese Lo-Fi-Attitüde war, die mich vor drei Jahren die EP2007 immer wieder hören ließ, wird sie auf „Part & Fragment“ in keinem Takt vermisst.

Nie zuvor war ein Dear-John-Letter-Werk so facettenreich, nie klang eines so ausgereift. Die zwei Jahre, die seit „Between Leaves | Forestal“ vergangen sind, haben die fünf Augsburger offenbar nicht damit verbracht, untätig herumzusitzen, und können nunmehr zum dritten Mal zeigen, dass sie jenseits von Etiketten über Genregrenzen hinweg die eigene Klangwelt am Leben erhalten können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, und allein der Umstand, dass sie in ihrer Kreativität und aufgrund der Eigenheit, sich ständig selbst neu (und besser) zu erfinden, unnachahmlich sind, wird auch auf lange Sicht effizient verhindern, dass Magazine wie etwa VISIONS ihren CD-Kritiken das Genre „dearjohnletteresk“ beifügen.

Sofern Dear John Letter jemals auf diesen Text stoßen, rufe ich ihnen zu: Chapeau!

KaufbefehleMusikkritik
Carptree – Nymf

Meine morgendliche Müdigkeit verflog heute zu den Klängen von Carptree.

Carptree ist ein Musikduo aus Schweden, das mitunter dem New Artrock zugerechnet wird, mich aber mitunter auch an Nightwish (ohne das jaulende Schwein am Spieß, versteht sich) erinnert. Prägnante Keyboardteppiche unterlegen den mal Remineszenzen an Peter Gabriel, interessanterweise aber auch und vor allem an Eric Fish hervorrufenden Gesang von Niclas Flinck, der neben seiner Stimme kein weiteres Instrument einsetzt.

Das muss er aber ohnehin nicht, denn Tastenmann Carl Westholm und die fünf Gastmusiker wissen, was sie tun, und das bemerkt man durchaus. Und so selten es auch ist, aus Skandinavien Musikgruppen mit unblödem Gesang zu hören, so gern genießt man eine Ausnahme wie diese.
Die Texte tun ein Übriges:

Under what circumstances are you what you are?
What are you under circumstances extraordinary?
What will change you?
What will you change into?

So fragt Niclas Flinck suggestiv-klagend im Eröffnungsstück „Kicking and collecting“, und unwillkürlich fallen „Weiter als du denkst“ und „Hey!“ von den Fantastischen Vier ein, so dass man sich fest vornimmt, künftig erst mal Texte zu lesen, bevor man ein Album hört, damit der Drang, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, nicht allzu überraschend hereinbricht. (Und dann vergisst man es doch wieder.)

Das Album stellt die logische Fortsetzung des Vorgängers „Insect“ dar, auch weiterhin geht es ungeachtet des Bandnamens („Karpfenbaum“) um Insekten, was auch das Titelbild verdeutlicht, auf dem eine humanoide Libelle zu sehen ist. Als Anspieltipp schlage ich, rein subjektiv, dann auch das Stück „Dragonfly“ („Libelle“ eben) vor, das musikalisch zwischen schwülstigem Bombast der Marke Queen und marillionesquem Neoprog anzusiedeln ist, gesanglich eher in der Steve-Hogarth- als in der Fish-Ära letzterer Band.

Nicht übel. Gar nicht übel!

KaufbefehleMusikkritikProjekte
Project:KOMAKINO – The Struggle for Utopia

Wer mich kennt, der weiß, dass Kaffee und Musik zwei essenzielle Bestandteile meines morgendlichen Erwachensritus‘ sind. Während mir also gestern die neuesten Werke von The Boiler und Harmful die Ohren quasi wegbliesen (mehr dazu traditionsgemäß am Jahresende), begann mein Tag heute mit einem eigentlich völlig anderen Album.

Das Album nennt sich „The Struggle for Utopia“, zu Deutsch also „Der Kampf um Utopia„, und wurde nach meinen Informationen bereits Ende 2009 von der britischen Musikgruppe Project: KOMAKINO veröffentlicht. (Jetzt wollte ich noch irgendwo einen geschickt platzierten Verweis auf die Schallgrenzen reinschmuggeln, dann ist mir aufgefallen, dass ich offenbar den Hinweis auf diese Band sogar ursprünglich dort fand. Prima, dann muss ich weniger schummeln.)

„The Struggle for Utopia“ ist ein vielschichtiges Album. Man könnte auf den Zug derer aufspringen, die es in Schubladen zu stecken versuchen, aber das wäre allzu banal. Nicht nämlich vertritt es eine Stilrichtung, sondern erschafft eine eigene Melange aus mehreren Genres, die nach etwas klingt, was man zwar schon mal gehört hat, aber noch nicht in dieser Intensität.

Es beginnt mit wabernden Synthesizer- und Gitarrenklängen, dazu ein wenig dezenter Rhythmus. Psychedelischer Spacerock, irgendwo zwischen Gong und den frühen Pink Floyd. Gemächlich drehen die Musiker die Spannung auf; blitzt da eine Prise Mogwai hervor? Ja, sie tut‘s.

Und kaum hat man sich also in das psychedelische Netz fallen lassen, das das Quintett gespannt hat, entreißt es es dem ahnungslosen Zuhörer, nur um gleich wieder ein neues zu flicken. New-Wave-artige Strophen (The Cure fallen mir da ein) mit gelegentlichen erneuten Spacerock-Ausflügen untermalen den Gesang, der auch den Sisters of Mercy, als sie noch gut waren (dann eben doch!), gehören könnte. Auf „In the temple of love…“ warte ich, obwohl das vorletzte Stück „Temple“ heißt, jedoch vergebens, stattdessen gibt es Resignation und Weltschmerz zu hören. Things are happening, they‘re always happening to me.

Musik (auch) für laue Nächte auf der Veranda. (Als hätte ich eine Veranda.)
Komakino? Kopfkino!

(So ungefähr sieht es übrigens aus, wenn man einem unvorbelasteten Leser dieses Album beschreiben will, verehrte Schreiberlinge in den Redaktionen dieses Landes; nicht aber so, wie ihr es laut der von mir bevorzugten Suchmaschine übereinstimmend tut: „Klingt wie Joy Division. Nächstes Album bitte.“ Banausen.)

Übrigens, für die Arbeit an TinyTodo fehlt mir derzeit, studienbedingt, die rechte Inspiration. Aber ich verspreche, es wird weitergehen.