Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Tetrafusion – Horizons EP

Ich wurde heute via E-Mail auf die CD „Horizons“ der US-Amerikaner Tetrafusion hingewiesen, die mir ganz gut gefällt. Tetrafusion ist eine ehemalige Instrumentalband, die nunmehr auch Gesang in die eigene Musik einbaut. Ich zitiere:

Tetrafusion begannen als Instrumentalband und nahmen so ein Album auf („Absolute Zero“). (…) Ihre neue CD ist eine EP namens „Horizons“ und wurde im Vorfeld komplett von Fans finanziert. Daher hat die Band beschlossen, die Musik als Gratis-Download anzubieten. Wer will, darf aber auch einen selbst gewählten Preis zahlen oder für $7 einfach die CD-Version bestellen.

Sich selbst bezeichnen sie als Progressive-Metal-Band, und das progressive Element hat tatsächlich einen hohen Stellenwert. Jazzig-verspielte Soli, vielerlei Takt- und Rhythmuswechsel und die Dominanz des Keyboards klingen den Ohren des Dream-Theater-Freundes vertraut, da sei auch die kurze Spielzeit von durchschnittlich ungefähr vier Minuten (mal mehr, mal weniger) verziehen.

Ein wenig schade ist es, dass die Stücke immer etwas abrupt enden, aber womöglich legt sich das noch auf späteren Aufnahmen. Der (neue) Gesang nämlich scheint seinen Teil zu diesem Eindruck beizutragen, indem er selten mehr ist als bloße Begleitung der Melodie. An wen mich der Sänger stimmlich erinnert, weiß ich gerade nicht. Ich glaube, an die Smiths.

Ansonsten gibt es an „Horizons“ nichts zu meckern. Einem geschenkten Gaul schaut man als Musikfreund zwar ins Maul, aber man schläfert ihn nicht ein, wenn das Maul intakt erscheint, sondern behält ihn und gewinnt ein paar Rennen mit ihm.

Was fehlt? Ach so, der Verweis. Der führt zu Bandcamp.com, und wer genannte Beschreibung für positiv interessant befindet, dem lege ich nahe, ihm zu folgen. Gern geschehen.

In den NachrichtenMusikkritik
AbACAB

Interessant ist übrigens auch diese Meldung:

ACAB (…) steht für „All Cops are Bastards“. Das ist mittlerweile weithin bekannt.

Und dem 36jährigen Ronny K., der am Mittwoch wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht Regensburg stand, mochte man es nicht so recht abnehmen, als er sagte: „Das sind Buchstaben aus dem deutschen Alphabet. Die können viel bedeuten.“

Die Regensburger Staatsanwaltschaft hatte dem arbeitslosen Bürokaufmann einen Strafbefehl wegen zweifacher Beleidigung zukommen lassen, weil er sich im vergangenen Jahr mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Copacabana“ am Hauptbahnhof aufgehalten hatte.

So weit, so blöde; aber, Regensburger Staatsanwaltschaft, macht doch gleich Nägel mit Köpfen. Vor 31 Jahren veröffentlichte die Musikgruppe „Genesis“, nur wenige Jahre zuvor noch eine Größe des Progressive Rocks, das wirre, unausgegorene Musikalbum „Abacab“; ja, richtig: Abacab. Nachdem bis heute niemand so recht weiß, was Stücke wie das merkwürdige (aber immer noch vergleichsweise erträgliche) „Who Dunnit?“ (verdächtiger Titel auch: „Wer war‘s?“) eigentlich bedeuten sollen, schlage ich vor, das Album sicherheitshalber beschlagnahmen zu lassen. Phil Collins nervt.

Übrigens:

Das T-Shirt bleibt in Gewahrsam der Justiz.

Hoffentlich in einer Einzelzelle ohne Freigang!

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Discipline. – To Shatter All Accord

Heute ist ja bekanntlich der Tag des kollektiven Abschaltens, anlässlich dessen sich jetzt jedes kleine Hobbyblog mal so richtig in Szene setzen könnte. Diesen mir geschenkten Status als wegen der Nichtteilnahme an diesem Kinderkram heute wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Leser erhaltender Insinternetschreiber könnte ich jetzt natürlich ausnutzen, um mich wortreich über SOPA, PIPA, LEGO und Teewurst auszulassen, aber die Innenpolitik der USA interessiert mich weniger als gute Musik, also nutze ich die Aufmerksamkeit, um ein weiteres gutes Musikalbum zu empfehlen.

Zu den Musikalben, die die Frechheit besaßen, sich für die Aufnahme in die Jahresbestenliste 12/2011 nicht rechtzeitig bei mir zu melden, gehört außer Opeths ebenfalls unbedingt hörenswertem, weil mit Grölmetal nicht mehr eng verbundenem „Heritage“ auch „To Shatter All Accord“ von der US-amerikanischen Progressive-Rock-Band Discipline. (ganz diszipliniert mit Punkt am Ende).

Nun ist das Album augenscheinlich recht kurz, enthält es doch lediglich fünf Stücke. Allein die letzten beiden überschreiten gemeinsam jedoch bereits 30 Minuten. Radiogewohnte, schlichte Gemüter, denen die Geduld für Lieder jenseits der drei bis vier Minuten fehlt, sind hier also wahrscheinlich überfordert. Schade eigentlich.

Denn das Gehörte ist klasse. Seit dem Album „Unfolded Like Staircase“ sind immerhin vierzehn Jahre vergangen, so hatte das Quartett viel Zeit, den Nachfolger zu perfektionieren, und diese Zeit hat es wahrlich genutzt. Zu hören ist gitarren- und keyboardlastiger Retro-Prog, der die bedrohliche Atmosphäre von Van der Graaf Generator (zu „Godbluff“-Zeiten) einfängt und modernisiert. Dabei ist trotz häufigen Zitierens von „VdGG“-Melodien die Aufnahme so klar und modern, dass der Rückgriff auf die 1970-er Jahre kaum auffällt.

Ausgedehnte Instrumentalpassagen, in denen Keyboards und Gitarre sich duellieren, besonders beeindruckend im 24-minütigen Abschluss „Rogue“, dem auch der Titel des Albums entnommen ist, treffen auf hervorragenden Gesang. Genregrenzen sind hier völlig irrelevant, zwischen Hard Rock, Jazzrock und Funk wird variiert, gelegentlich (etwa fünf Minuten vor dem Ende von „Rogue“) winken auch die klassischen Genesis ebenso um die Ecke wie Rush und Led Zeppelin. Rock, Alter.

Wie gesagt: Frechheit, dass ich dieses Album erst jetzt entdecke. Das Warten hat sich aber allemal gelohnt.

Nachvollziehbar ist meine Freude an „To Shatter All Accord“ auf Grooveshark.com. Viel Spaß!

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Musik 12/2011 – Favoriten und Analyse

Leydiesendtschentelmen, herzlich willkommen am Jahresende und damit zur üblichen Retrospektive der primasten Alben des Jahres, die es in die Halbjahresliste 2011 nicht mehr geschafft haben. Dabei ist das nicht einmal unbedingt eine Frage des Erscheinungsdatums, denn wie üblich hatten sich wieder einige Alben aus dem ersten Halbjahr geschickt vor mir versteckt.

Ich erhielt anlässlich der Rückschau 06/2011 vereinzelte Kritik, es sei zu viel Material zusammen gekommen, um sich in einer angemessenen Zeit damit beschäftigen zu können. Diesmal aber kann Peter, der glaubt, drei Alben würden reichen, aufatmen: Diese Liste wird kürzer als angenommen. Hierfür gibt es einen guten und einen beschämenden Grund: Das selbstbetitelte Debütalbum von broken.heart.collector etwa kann sich wie auch manch anderes interessantes Musikwerk längst eines separaten Artikels erfreuen, vor allem aber hat noch während der Zusammenstellung der zu rezensierenden Alben meine alte digitale Schreibmaschine beschlossen, die Priesterlaufbahn einzuschlagen, und ohne Umschweife etwas gesegnet, nämlich das Zeitliche; und getreu Murphys immerwährendem Gesetz hatte ich diesmal keine Sicherheitskopie angefertigt.

Daher seht es mir nach, wenn euer persönliches Album des Jahres diesmal fehlt, und lasst es mich wissen: Vielleicht gefällt es auch anderen Musikfreunden, die dies hier zufällig entdecken. Weiterlesen ‚Musik 12/2011 – Favoriten und Analyse‘ »

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Pin-up Went Down – 342

Apropos Rock, Alter: 2010 erschien das Album „342″ der französischen Avantgarde-Metaller Pin-up Went Down und geht so ab, dass man geneigt ist, von Mordsmäßigkeit zu sprechen, wäre Mord nicht so negativ behaftet.

Bei pin-ups denkt man womöglich an Spindposter mit Ikonen früherer Jahrzehnte und nicht an Metal. Nun, tatsächlich zelebrieren die Musiker die Ästhetik der 50-er Jahre. Das Album beginnt mit lauschigen Klängen, wie sie ungefähr zu hören sind, wenn man sich Klavierbegleitung in einem Café in einem klischeehaften Schwarz-Weiß-Spielfilm über die Vor- und frühe Nachkriegszeit vorstellt (oder wie jedenfalls ich sie mir vorstelle), Sängerin „Asphodel“ beherrscht ihr Handwerk vortrefflich. Duffy ist ein stimmlicher Vergleich, der unsereinem in den Sinn kommt.

Kaum aber hat man sich an die leicht entrückte, insgesamt nach The Cardigans und Belle and Sebastian und Bell, Book & Candle und Regina Spektor und Klischeefilmen klingende Einleitung gewöhnt, haut der Schlagzeuger kurz auf die Pauke, und der Metal bahnt sich seinen Weg ins Gehör des erwartungsvollen und plötzlich ziemlich überwältigten Hörers. Maskulines Growling, Gitarrengeschepper, irres Schlagzeug, dazu gibt „Asphodel“ die Tarja Turunen oder, je nach Generation, die „Columbia“ aus der Rocky Horror Picture Show. Eine neue Assoziation, die sich bei der von mir gehörten Musik nur selten anbietet: Haggard. (Die ebenfalls recht gut sind und mal gehört werden sollten, liebe Leser.)

Nach etwa drei Minuten folgt ein Folkstück mit mehrstimmigem Gesang, spärlich instrumentiert, der bereits erwähnte Bell, Book & Candle auch gesanglich in Erinnerung ruft. Lied 3, „Porcelain Hours“, ist beinahe schon „Pop“, stilecht mit diesem modernen Sprechgesang, den nach über 30 Jahren noch viele Jugendliche echt prima finden, in „Essence of I“ paart man Growling mit Shakira, und das klingt nicht einmal schlecht. Gelegentliche merkwürdige Choraleinwürfe, etwa in dem ebenfalls merkwürdig benannten “Murphy in the Sky with Daemons“ (da gab es doch mal was von den Beatles?), erinnern an Yes‘ merkwürdiges „Sound Chaser“ („cha cha cha / cha cha“) und belustigen und halten die Aufmerksamkeitsspanne des Hörers auf einem hohen Niveau. So muss das sein, so ist es fein.

Das gesamte Album und seinen Vorgänger „2 Unlimited“ von 2008 gibt es auf der Internetpräsenz des Trios zu hören, dauerhaften Spaß auch unterwegs bietet die CD-Version, die es zum Beispiel via Amazon oder zum Selbstbrennen auf Bandcamp.com zu erwerben gibt.

Man möge reichlich davon Gebrauch machen!

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London Underground: So was von 70-er.

In meiner Sammlung obskurer musikalischer Auswüchse entdeckte ich soeben das 2010 veröffentlichte Album „Honey Drops“ von London Underground, einer italienischen Psychedelic-Rock-Band.

“Psychedelic Rock“ ist hier keinesfalls ein verzweifelter Versuch, das Gehörte in Schubladen zu stecken. Tief atmen London Underground die Luft ein, in der The Kinks, The United States of America und weitere Heroen mit und ohne „The“ einst standen, und von dem Schweißgeruch bleibt dem Sänger vermutlich die Luft weg, denn „Honey Drops“ ist ein Instrumentalalbum, aber ein wirklich gutes.

Es dominiert die Hammond-Orgel und die Lust am Covern. Von den 12 Liedern sind neun Coverversionen auf dem Album zu finden, was niemanden ernsthaft stören sollte, denn London Underground spielen nicht bloß alte Klassiker nach, sondern warten mit einem eigenen Stil auf. So klingt Arzachels „Queen St. Gang“ hier ebenso wenig nach Arzachel wie Jethro Tulls „Dharma For One“ hier nach Jethro Tull klingt, was selbstverständlich bedeutet, dass die Originale auch weiterhin nicht überflüssig sind. (Gerade Arzachel ist für Freunde drogenschwangeren Psychedelic Rocks ein wahrer Schatz.) Dass auch die Beatles („Norwegian Wood“) gecovert werden, ist beinahe unvermeidlich, war doch das Album „Rubber Soul“ einer der Auslöser der Psychedelic-Welle in den 60-er Jahren.

In anderen Worten und einer anderen Sprache:

All in all „Honey Drops“ is a fantastic album which should please all fans of retro-prog and instrumental psychedelia.

Reinhören und mögen wird wärmstens empfohlen, zum Beispiel per YouTube.


Apropos obskur: Der bizarre Erfinder und einzige Protagonist des gleichsam bizarren Genres „Hippiepunk“, Ey Lou Flynn, sucht in seinem bizarren Blog reimbegabte Kreative, es gibt auch was zu ge-Wii-nnen (ich bitte um Verzeihung für dieses sehr vorhersehbare Wortspiel). Helft zahlreich!

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broken.heart.collector: Sammelt gebrochene Herzen und Stile

Während ich also eben gerade die Statistiken für September 2011 in einen akzeptablen Text einfließen zu lassen versuchte, rotierte in der Musikanlage das Album „broken.heart.collector“ des österreichischen Quintetts selben Namens, eigentlich ein um Sängerin und Bassklarinettistin erweiterter Abkömmling des Trios Bulbul, von dem ich ebenfalls nie zuvor gehört hatte; das Quintett jedenfalls schaffte es auf den Babyblauen Seiten zum Tipp des Monats, und das ist eigentlich meist ein gutes Zeichen. Die Musiker stehen übrigens bei Discorporate Records unter Vertrag, regelmäßige Leser meines Geschwafels kennen also einige ihrer Stücke bereits vom Discorporate-Records-“Sampler“ 2011.

Was mir da gerade gewaltfrei ins Ohr drang, war jedenfalls wirklich beeindruckend. (Erwähnte ich schon, dass Genres und gute Musik miteinander nur selten harmonieren?) Bereits der eröffnende „Love Reclamation Song“, etwas mehr als elfeinhalb Minuten lang, überrascht: Kammermusikartig setzen langsam und sanft und aber auch ein bisschen bedrohlich die Instrumente ein, Sängerin Maja Osojnik intoniert mit Bedacht und melodisch in solcher Form, dass man an die Strophen im Meisterstück „The End“ der legendären Doors denkt, stimmlich dann auch an die deutsche Chanteuse Nico, die selbiges Lied irgendwann mal gecovert hatte. Schön düster und nur vordergründig schlicht, denn die Instrumente sind zwar zurückhaltend, aber doch abwechslungsreich bedient. Wer sich aber jetzt versehentlich auf fast eine Stunde beschaulicher Hintergrundbeschallung einstellt, der sollte seine Nervenpillen bereit halten, denn bei etwa 9:00 Minuten erfolgt eine Zäsur und die fünf – plus, in einigen Stücken, Didi Kern als Gast am Klavier – rocken mit viel Bass und verzerrtem Gesang los. Kennt noch jemand „Open Your Eyes“ von den Guano Apes? Ganz so lärmend wird es nicht, aber so ähnlich klingt es doch, bedenkt man, dass broken.heart.collector von denen, die auf Genreschubladen Wert legen, oft als „RIO/Avant“, experimentelle Avantgarde-Musik also, geführt werden.

Dabei geht es ihnen nicht nur um die Lust am Krach. Das zweite Stück, „Another Heart Bites The Dust“, eröffnet mit brummenden Tieftönen, ist aber trotz des Titels keine Queen-Coverversion, sondern feinster Alternative. Den Anfang habe ich schon mal irgendwo gehört; nur wo? Andreas Hofmann unterstellt auf den Babyblauen Seiten klangliche Nähe zu Placebo, das infernalische Gejaule von Brian Molko bleibt aber zum Glück fern, vielmehr kommt mir spontan ein Vergleich mit Belle & Sebastian in den Sinn.

Die Band unternimmt auf dem Album sozusagen einen Streifzug durch die Genres. Von den aufgelösten Avantgarde-Metal-Kabarettisten Sleepytime Gorilla Museum („Eisenwalzer“) über The Kills („Get The Dog“) und Donovan („Boatwischmusik“) bis hin zum Canterbury und zeuhlschwangeren Jazzrock („Cestni črv“) reicht die stilistische Bandbreite. Das abschließende „Wolves“ (ein Wolf ziert als den Kurzfilmen im DDR-“Sandmännchen“ nicht unähnliche Zeichnung auch das Titelbild des Albums) rundet das Album schließlich ab: Der eingängige, unaufgeregte Pop steigert sich ebenso wie der Gesang allmählich zu einer geradezu irren Klimax in Form eines improvisierten Lärms mit Gekreisch, sozusagen als eine nicht instrumentale Version der letzten Sekunden von „A Day In The Life“ der überbewerteten Beatles und auch als eine Art Fazit, Zusammenfassung des bis dahin Gehörten. All das – alle 10 Stücke – wird dargeboten in einem eigenständigen Klanggewand aus Bassflöte, Klarinette, Gitarre, Bass, Schlagzeug und dergleichen; wer also behauptet, das alles sei längst ein alter Hut, dem unterstelle ich so lange Irrtum, bis er es belegt, denn mir ist es letztlich nicht wichtig, ob prima Musik nun zum ersten oder zum hunderttausendsten Mal in dieser Form vorliegt. Die Hauptsache sollte doch, neben einem Mindestmaß an Anspruch, immer sein, dass sie gefällt. Und das tut sie fürwahr.

“Scheppern / Raunen / Avant-Noise“ schreibt man im Magazin „Intro“ und hat damit vollkommen Recht. broken.heart.collector machen dort weiter, wo Sonic Youth längst aufgehört haben. Und das ist auch gut so.

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Herzberg unterm Dach

Buntes AllerleiWährend das Burg-Herzberg-Festival nach Jahrzehnten des Bestehens eine gewisse Bekanntheit erlangen konnte, ist der Ableger „Herzberg unterm Dach“, eine ebenfalls jährliche, aber nur einnächtige Veranstaltung, noch immer ein Geheimtipp. Selbigen allerdings nutzte ich, um mich am Abend des 9. September dort einzufinden. In diesem Jahr fand das „Herzberg unterm Dach“ in der “Fabrik“, also einer (offenbar stillgelegten) Fabrik in Hamburg-Altona, statt. Bereits vor dem Beginn – der Einlass begann gegen 19 Uhr, das eigentliche festival gegen 20 Uhr – inspizierte ich, wie es so meine Art ist, zuerst einmal das angereiste Publikum.

Eine Überschneidung mit der Klientel des anderen diesjährigen Musikfestes konnte ich nicht vorstellen, denn mittelalterlich gekleidet war niemand, stattdessen lief man in allerlei psychedelisch kolorierten Klamotten herum. Diverse Haschischschwaden später begann dann der Einlass, und die kleine Fabrik füllte sich; „füllte“ allerdings wäre wahrlich etwas viel gesagt, denn sowohl auf den Sitzrängen als auch auf der Tanzfläche vor der Bühne war noch reichlich Platz, der im Laufe des Abends allerdings erst knapper und dann wieder weniger knapp wurde.

Mit Heimvorteil eröffnete die Hamburger Combo Cosmic Finger, in der Tradition der Grateful Dead (von den Veranstaltern konsequent falsch “Grateful Death“ genannt, stehend, den Abend. Da dieser US-amerikanisch geprägte Bluesrock aber meiner musikalischen Präferenz nicht entspricht, verzichtete ich darauf, besagte Combo fotografisch festzuhalten. Allenfalls ist zu sagen: Der Frontmann geht einem mit seinem gekünstelt wirkenden Gegrinse und Gezappel mal so was von auf den Zeiger, dass auch Leute, die von derartiger Musik eher positiv beeindruckt sind, besser Abstand von Filmaufnahmen nehmen und sich eventuell dann trotzdem mal eines der Alben anhören.

Besser waren da Ashesh & Nekhvam aus Nepal, die ebenfalls Bluesrock zelebrierten, sich aber größte Mühe gaben, sich das nicht anmerken zu lassen. Angekündigt als Jimi-Hendrix-Coverband feuerten sie stattdessen ein mal im Stoner Rock, mal im Bluesrock beheimatetes Klangfeuerwerk ab, das auch wegen des markanten Gesangs des Gitarristen Ashesh Dangol (die Namensähnlichkeit zu „Haschisch“ ist also natürlich nur Zufall; auf einem Hippiespektakel durchaus eine Seltenheit) mitunter die guten, alten Tage der Led Zeppelin heraufbeschwor. Getrübt wurde der Auftritt nur von den ziemlich miesen Klangeigenschaften der „Fabrik“, die die eigentlich ziemlich primaen Musiker wie durch ein dumpfes Kissen filterte. Der hallentypische Hall (heißt ja nicht umsonst so!) tat ein übriges; nicht so, dass es alles ruiniert hätte, aber man wäre schon gespannt gewesen auf eine etwas „reinere“ Darbietung des, nun ja, Dargebotenen.

Schwerer wogen die Qualitätseinbußen bei Vibravoid aus Düsseldorf, die das „Herzberg unterm Dach“ mit ihrem von den frühen Pink Floyd beeinflussten Psychedelic Rock beendeten und gleichzeitig ihre neue CD „Live at Burg Herzberg Festival 2011″, aufgenommen im Juli, mitbrachten, denn obwohl sie zweifelsohne zu dem Besten gehören, was Deutschlands Musikerszene momentan zu bieten hat, beeinträchtigten unabsichtliche Rückkopplungen und, wieder mal, der dumpfe Hall den Hörgenuss.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man als Konsument keine Freude gehabt hätte an den Klangwänden, die die vier Musiker auf die versammelten Psychedelicfreunde losließen. Mitreißend nämlich waren sie (die Klangwände) stets. Hörbar profitiert hat von diesen Effekten gar das Abschlussstück, eine grandiose Version von Pink Floyds „Set The Controls For The Heart Of The Sun“, das Vibravoid bereits auf dem Burg-Herzberg-Festival 2011 spielten und das auf ihrem diesjährigen Album Minddrugs enthalten war:

Dass es sich um eine Coverversion handelt, bedeutet allerdings nicht bloße Kopie, denn Vibravoid spendierten dem Stück einen ausgedehnten Mittelteil aus Klangexperimenten, die sich harmonisch in das Gefüge der übrigen Stücke des Abends einfügten, denn experimentelle Klänge lieferten Vibravoid sozusagen im Minutentakt ab. Obwohl es bereits weit nach Mitternacht war, war an Schläfrigkeit nicht zu denken. Gegen 2 Uhr morgens schließlich verebbten die letzten Takte von „Set The Controls …“ und das festival war vorüber.

Natürlich ist das insgesamt keinesfalls mit dem „großen“ Burg-Herzberg-Festival vergleichbar, natürlich ist eine Nacht mit drei Musikgruppen, obendrein nicht einmal unter freiem Himmel, nicht genug, um des Blumenkindes Herz tagelang höher schlagen zu lassen. Als Ausklang des Festivalsommers 2011 aber konnte das „Herzberg unterm Dach“ voll und ganz überzeugen; und mindestens Vibravoid live erleben zu können ist den Besuch einer jeden Veranstaltung dieser Art wert.

Hin und wieder lohnt es sich eben doch, über den Tellerrand hinweg zu schauen.

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Discorporate Records: Querschnitt 2011

Wer übrigens, wie so viele andere Menschen, am Sonntag noch nichts besseres vorhat, dem sei der diesjährige sampler der Plattenfirma Discorporate Records ans Herz gelegt, bei der unter anderem exzellente Musiker wie etwa The Season Standard unter Vertrag stehen. Wie viele andere Indielabels – wie auch immer man dieses „Indie“ zu definieren beliebt – gibt es sozusagen zum kostenlosen Anfixen (denn tatsächlich ist diese Art von Musik eher Droge als Konsumprodukt) gelegentliche Auszüge aus ihrem Katalog zum kostenlosen Runterholen.

Auf dem „Sampler 2011″, den übrigens ein wirklich hübsches Titelbild ziert, sind The Season Standard zwar nicht zu hören, wohl aber der ebenfalls großartige Ableger SchnAAk und Auszüge aus dem Debütalbum der Österreicher broken.heart.collector, das, nebenbei, gute Chancen hat, die diesjährige Jahresrückschau zu zieren.

Der ganze Spaß kostet nichts, jedes Lied ist auf bandcamp.com (scheint das neue MySpace zu werden) für lau anzuhören, herunterladen kann man das Gesamtarchiv ebenfalls ohne nötigen Obulus als MP3, FLAC, AAC oder wonach einem gerade der Sinn steht. Wer seine E-Mail-Adresse lieber nicht irgendwelchen obskuren Musikanbietern zur Verfügung stellt, der findet die MP3-Version auch bei eMule.

Wärmstens empfohlen!

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The Book of Knots – Traineater

Während ich heute mein freitägliches Lauschpensum absolvierte, erreichte außer einer Menge belanglosen Zeugs auch dieses eine Album meine Ohren und ließ mich interessiert aufhorchen.

The Book of Knots ist ein Musikerkollektiv aus New York, das sich für (vorerst) drei Alben mit einigen Gastmusikern zusammengefunden hatte, mit „Garden of Fainting Stars“ in diesem Jahr den Abschluss der Trilogie veröffentlichte und nun vielleicht weiter existiert, vielleicht aber auch nicht. „Traineater“, „Zugesser“, ist das zweite Album und erschien 2007.

Die beteiligten Musiker stammen überwiegend aus dem Avantgarde-Metal-Sektor um die mittlerweile aufgelösten Sleepytime Gorilla Museum. Als Gastmusiker sind unter anderem Tom Waits und Trey Spruance zu hören, woraus man bei entsprechendem Hintergrundwissen schon erahnen kann, wie das Album so klingt. Besitzt man dieses Hintergrundwissen nicht, so fällt die Beschreibung etwas ausführlicher aus:

Im Kern besteht The Book of Knots aus Matthias Bossi (unter anderem Schlagzeug und Gesang), Joel Hamilton (unter anderem Gitarren und Gesang), Tony Maimone (diverse Bässe und Gesang) und seit „Traineater“ auch Carla Kihlstedt (unter anderem Geigen und Gesang), nicht zu verwechseln mit Carla Bozulich, die, wenn ich nicht irre, hier lediglich als Gastmusikerin den Gesang in „View From The Watertower“ übernimmt.

Das zentrale Thema von The Book of Knots lautet „Niedergang“. Handelten die Texte auf dem Debüt von dem Niedergang der US-amerikanischen Fischerdörfe, so ist es auf „Traineater“ der „Rostgürtel“, der nordamerikanische „Ruhrpott“ also, dessen langsames Siechen hier besungen wird. (Einige Leser kennen dieses Prinzip vielleicht von der Band Big Big Train, die auch gern ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückgreift, allerdings in die britische.) Anders (etwas esoterischer) ausgedrückt:

The Book Of Knots erzählen auch auf ihrem zweiten Album nicht etwa die pathetische Science Fiction einer Revolution der Maschinen, sondern inszenieren die stoische Zerstörungskraft einer riesigen, außer Kontrolle geratenen Hurrikan-Apparatur, der es herzlich egal ist, ob sie Rosenfelder niedermäht oder irgendeinen Cyborg zum nächstbesten Bauernopfer zermatscht.

Das klingt geschrieben so radikal wie gehört, besticht aber gerade auch durch seine melodiösen, beinahe ruhigen Momente, die dem Hörer zwischendurch auch mal ein wenig Verschnaufpause gewähren. Es muss ja nicht immer hoch hergehen. Belege gefällig?

Auf YouTube gibt es zum Beispiel das großartige „Pray“ mit dem bereits erwähnten Tom Waits zu hören und das eröffnende „View From The Watertower“ ohne Tom Waits in einer nicht üblen Liveversion zu sehen. Wer es mag, der möge es kaufen. Der Rest möge die Augen verdrehen, „was für ein schrecklicher Lärm!“ skandieren und sich wieder seiner Easy-Listening-Radiobeschallung zuwenden. Aber zumindest ist er dann um eine Erfahrung reicher.

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Weltpinguintag

Obwohl der alljährliche Weltpinguintag – traditionell am 22. Februar – von mir dieses Jahr traditionell verschlafen wurde und der nächste – laut Walter Moers am 11. November – noch in quasi weiter Ferne liegt, halte ich es für angemessen, das Debütalbum der Jazz-Metal-Formation Weltpinguintag, deren Keyboarder Jörg Sandner mittlerweile „solo“ (in einer sehr freien Auslegung des Begriffs “Soloalbum“ ) musiziert und nebenbei den Vertrieb von Tonträgern der inzwischen leider aufgelösten Band mit dem sympathischen Namen übernimmt, hier zu würdigen.

Und ich würdige munter drauflos:

Bereits 1996, acht Jahre vor der Gründung der ungleich bekannteren Musikgruppe „Panzerballett“, kombinierte die Berliner Band „Weltpinguintag“ Jazz und Metal mit einer gehörigen Portion Humor. Das erste Stück vom zweiten und letzten Album „Pinguine in der Bronx“ heißt zum Beispiel „Die Rückkehr der Stiefschwester des Arbeitskollegen von King Kong“. Noch Fragen?

Fast ist es da schade, dass die fünf Weltpinguintagenden keine Texte zu ihren Liedern ersonnen. Aber auch ohne sie ist es ziemlich erfrischend, was auf dem Debütalbum aus den Lautsprechern erklingt.

21 Stücke zeigt mir der CD-Spieler an, verteilt auf ungefähr 52 Minuten, das sind nicht mal drei Minuten im Durchschnitt, obwohl zwei der Stücke die Vier-Minuten-Marke überschreiten. Man fasst sich kurz. Das ist gut. Kurz und prägnant statt ausufernd episch werden die Kompositionen auf den Punkt gebracht. Saxophon trifft auf Metalgitarre, und kaum glaubt man das Prinzip verstanden zu haben, ist der jeweilige Abschnitt auch schon wieder so schnell vorbei, wie er angefangen hat. Vergleiche? Panzerballett, hin und wieder auch die finnische RIO-Band Höyry-Kone, die allerdings auch mal wieder keiner kennt. Weltpinguintag sind (nun, waren) alles andere als langweilig.

Schade nur, dass Amazon diese prima Band nur im MP3-Format verschleudern will. Wer hingegen die CD kauft, bekommt ein handschriftliches Danke obendrauf:

Reinhören kann man unter anderem auf Last.fm. Man drehe hierfür die Lautstärke etwas höher und genieße die mannigfaltigen Höreindrücke.

Ich wünsche hierbei viel Vergnügen.

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Musik 06/2011 – Favoriten und Analyse

Huch, schon wieder ist Juni, das geht ja immer schnell! Und traditionell bringt so ein Juni nicht nur zu dicke Mädchen in zu dünner Kleidung mit sich, sondern außerdem meine Halbjahresrückschau der gefälligsten und ungefälligsten Musikalben, erstmals komplett mit Alben des Jahres 2011 befüllt.

Und in so einem halben Jahr kann sich viel ändern. Im Februar etwa rühmte ich das Album „I‘m Your Saviour“ von Toxic Smile, für diese Liste aber hat es dennoch keine Berücksichtigung mehr gefunden, da die schiere Masse an guter Musik ansonsten den Rahmen dieser Internetseite gesprengt hätte und ich somit wieder einiges aussieben musste. Auch habe ich es leider nicht immer geschafft, mich jedem Musikalbum, das mich interessiert hätte, rechtzeitig ausreichend ausführlich zu widmen; die beim Probehören recht vorzüglichen Alben „Flanders Fields“ von Humble Grumble und „Blown Realms and Stalled Explosions“ von den Enablers bitte ich das geneigte Publikum also selbst zu rezensieren. (Gern als Kommentar hier unten drunter. ;) )

Aber es ist auch ohne diese Alben eine recht abwechslungsreiche Liste geworden, von der ich hoffe, dass sie nicht jedem von euch bloßes Missfallen bereitet. Weiterlesen ‚Musik 06/2011 – Favoriten und Analyse‘ »

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The Decemberists: R.E.M. in anders

Nur mal so als Beispiel für eine Band, die zwar mich durchaus ansprechende Klänge hervorzubringen vermag, aber dieses Niveau bislang noch kein ganzes Album lang halten konnte, weshalb sie die anstehende Halbjahresliste nur als Zuschauer bewundern darf, erwähne ich hier und jetzt aus heiterem Himmel mal die von Peter durchweg geschätzten The Decemberists mitsamt ihrem diesjährigen Album „The King Is Dead“.

Colin Meloy klingt Michael Stipe nicht unähnlich, der Duettgesang erinnert mich daran, dass ich mal wieder Belle & Sebastian hören könnte, und auf dem Rest des Albums lassen sich Bob Dylan und Värttinä erahnen. Die Texte, obwohl bei Weitem weniger wortreich als die des Herrn Dylan, sind dermaßen tiefsinnig und angereichert mit Metaphorik, dass wir Textfreunde voll auf unsere Kosten kommen.

Und wären auch melodisch überragende Stücke wie „Down by the Water“ und „Rox in the Box“ nicht die Ausnahme auf diesem ansonsten eher beschaulichen Album, es hätte meine Empfehlung sicher. Schade eigentlich.

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Van der Graaf Generator – A Grounding in Numbers

Jüngst lauschte ich dem neuen Werk „A Grounding in Numbers“ der britischen Progressive-Rock-Legende Van der Graaf Generator und sah Potenzial für einen kurzen Verriss meinerseits. Er folgt:

Die Geschichte Van der Graaf Generators ist bewegt, bedenkt man, dass die Band sich seit ihrem Bestehen mehrfach aufgelöst und umbesetzt hat und zwischen zwei Studioalben („The Quiet Zone/The Pleasure Dome“, 1977, und „Present“, 2005) auch schon mal 28 Jahre vergingen. Anders als etwa King Crimson, deren Geschichte ähnlich verlief, hatten „VdGG“ aber auch mit veränderter Instrumentierung nie ihren Stil als Markenzeichen, das leicht düster-theatralische Drama in Musikform, aufgegeben, was wohl auch der Stimme Peter Hammills zu verdanken ist, dem nicht umsonst unheilvolle Beinamen wie „King of Fear“, „König der Angst“ also, angedichtet werden.

Nun also ist „A Grounding in Numbers“ das neue Album der zum Trio geschrumpften Band (Saxophonist David Jackson hatte bereits nach „Present“ zum wiederholten Mal aus unbekanntem Grund seinen Hut genommen), und es ist ein Konzeptalbum zum Thema Mathematik geworden.

Die Texte Van der Graaf Generators waren ja schon immer etwas bodenständiger als die von Genrekollegen wie Yes, sieht man von deren Popausfällen einmal ab, insofern ist das eigentlich noch keine Erwähnung wert. Was aber „A Grounding in Numbers“ anzuhören ist, ist ein beinahe schon radikaler Schnitt in allem, was die Musik der Band einst auszeichnete.

Rückblende: Nach dem drogenschwangeren Psychedelic-Rock-Debüt „The Aerosol Grey Machine“ von 1969 wandten sich „VdGG“ in neuer Besetzung dem Progressive Rock zu und veröffentlichten eine Reihe von legendären Alben wie „H to He who Am the Only One“ von 1970, deren markantestes Merkmal die Instrumentierung (Orgel/Basspedal, Schlagzeug, Saxophon, selten Gitarre) ist. Saxophonist David Jackson wurde später von einem Violinisten vertreten, wodurch die mitunter Angst einflößende Stimme von Peter Hammill noch apokalyptischer (ist das ein Wort?) wirkte.

Und jetzt also: „A Grounding in Numbers“, nach „Trisector“ das zweite Album in Triobesetzung, aber was auf „Trisector“ noch wirkte, nämlich statt des Saxophons Gitarre und Orgel als Klang bestimmende Instrumente zu verwenden, schlägt auf „A Grounding in Numbers“ fehl. In einer anderen Rezension las ich, „A Grounding in Numbers“ sei in der „VdGG“-Diskografie so etwas wie „Road Salt One“ in der von Pain of Salvation: Statt in epischer Breite Geschichten zu erzählen, konzentriert sich die Band auf kurze Lieder und geht dabei so spärlich wie möglich vor. In gewisser Weise hat „A Grounding in Numbers“ die Merkmale von Peter-Hammill-Soloalben, die auch stets eher zerbrechlich als bedrohlich wirken.

Überhaupt ist mir nach Ablauf der fast 49 Minuten – und immerhin 13 kurzen Stücke – nicht so ganz klar, was ich nun von dem Album halten soll. Wäre da nicht das überragende, leider nicht repräsentative „Mr. Sands“, ich hätte wohl bestenfalls die Achseln gezuckt. Instrumentale Ambientstücke statt extrovertierter Dramatik; habe ich versehentlich das falsche Album im Spieler? Ich schaue noch einmal nach: Nein, es stimmt.

Ja, „A Grouding in Numbers“ ist Kunst, ein Musikalbum, das sich mit der Mathematik befasst; sozusagen schon Metakunst. Ich bin kein Kunstkenner und ich gestehe jeder Kunst zu, dass sie Meisterwerke hervorbringen kann. Kunstwerke, die ich nicht verstehe, lobe ich allerdings auch nicht ehrfürchtig, sondern ich lasse sie links oder rechts liegen und warte, bis irgendwer sie wegräumt. Und genau so geht es mir mit diesem Album: Ich lasse es nun liegen und warte, bis es verstaubt.

Vielleicht werde ich es später noch einmal hervorkramen und den „Aha!“-Moment erleben, so ähnlich ging es mir vor einiger Zeit ja auch mit King Crimsons „Lizard“. Man schimpfe mich einen Banausen, aber hier und jetzt ringt es mir nur ein Gähnen ab.

MusikkritikNetzfundstücke
“Tuesday, Wednesday break my heart…“

Ein Internetphänomen, vor allem in den auch sonst nicht unbedingt für Musikgeschmack bekannten USA von Bedeutung, kreuzte in den letzten Tagen immer wieder meine Wege und ließ mich erschaudern. Die Rede ist von Rebecca Black, 13 Jahre alt, und ihrem „Lied“ „Friday“, also „Freitag“. Zeitgenossen, die wie ich dem Musikfaschismus frönen, sollten sich auch in eigenem Interesse von diesem Link fernhalten.

Aber worum geht es überhaupt? Nun, die Wikipedia weiß mehr:

innen weniger Stunden stiegen die Zugriffszahlen auf über 100.000 und ARK Music erhielt Anfragen von Fernsehsendern nach dem Lied. Die Popularität von Friday stieg rasant, sodass es bis zum 1. April 2011 über 73 Millionen mal angesehen wurde. (…) Zwischenzeitlich wird das Lied als Klingelton angeboten, in den iTunes-Charts stand es auf Platz 13.

Textlich geht es, wie ich vor einem spontanen Anflug von Kopfweh erlesen konnte, darum, dass man beim Autofahren vorn und hinten sitzen kann, dass Freitage auf Donnerstage folgen und dass Rebeccas Clique an diesen Freitagen zwecks Feierns durch die Gegend gurkt.

Der mäßige Text wird mit einem mäßigen Gesang dargeboten, die dazu gehörende Melodie ist bestenfalls belanglos. Manche Hörer des Liedes kürten es gar zum schlechtesten Lied aller Zeiten, und wäre da nicht Chaccaron Maccarón, wäre dieser Titel vermutlich nur noch schwerlich antastbar. Das Erschreckende ist: Die junge Frau Black meinte das Lied ernst.

Obwohl ihre Mutter an der Qualität des Textes zweifelte, gab sie dem Willen ihrer Tochter nach.

Vielleicht bin ich auch nur nicht die Zielgruppe dieses Liedes, aber wer ist dann die Zielgruppe? Laut YouTube-Statistiken („über 1,5 Millionen Mal negativ und knapp 200.000-mal positiv bewertet“) weiß die Zielgruppe das selbst nicht oder ist auch nur zu klein. Natürlich kann man über (Musik-)Geschmack nur schwerlich streiten, das möchte ich hier auch nicht unbedingt tun; bedenkt man aber, dass die deutsche Kindercombo „Rotznasen“, die augenscheinlich einen ähnlichen Altersdurchschnitt hatte, wenigstens Lieder mit einer message („ich bin verliebt, ich bin verliebt in dich“) sang, bin ich doch geneigt, „Friday“ Sinnlosigkeit zu attestieren. Zwar kann man mit den Noten, die dem Menschen zur Verfügung stehen, sozusagen unendlich viele Melodien erschaffen, aber musste das wirklich sein?

Makes tick tock, tick tock, wanna scream.