Archiv für die Kategorie ‘Lyrik’.

Wann immer mich die Muse küsst, werde ich zum Pöten. Wenn das Ergebnis nicht übermäßig schlecht ist, lege ich es in dieser Kategorie ab und hoffe, dass es niemand findet.

LyrikSonstigesWie die Anderen
Wie die Anderen (extra): Amazon roman-tisch?

(Vorbemerkung: Dies ist ein Sonderteil meiner losen Reihe „Wie die Anderen“, diesmal inspiriert von Günter Grass; „Sonderteil“ deshalb, weil Herr Grass nicht bloggt.)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Kunden
wir allenfalls ratlos sind.

Es ist die behauptete Intelligenz,
die künstliche, von Menschen gemacht,
die uns allerlei Weisheit beschert
oder es versucht.

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Klugscheißerei“ ist geläufig.

Doch staune ich nicht schlecht
über des Amazons wundersame Algorithmen,
die da einen Roman nicht einmal erkennen würden,
wenn er die Verantwortlichen daselbst
in den Hintern träte.

(Nachbemerkung: Sollte ich eine der Marotten der in dieser Reihe parodierten Autoren versehentlich nicht eingebaut haben, so seid ihr natürlich herzlich eingeladen, es besser zu machen – gern mit Trackback und/oder Kommentar hier unten drunter.)

Lyrik
… weil er lacht, weil er lebt …

Eines Tages kam der Mensch an einen Fluss, der seinen Weg kreuzte. „Ei“, sprach der Mensch, „vielleicht hilft mir der Fluss, meine Sorgen zu vergessen.“ Und so setzte sich der Mensch an den Fluss und nahm die gleichförmigen Bewegungen des Wassers in sich auf.

Als er eine Weile so gesessen hatte, kam eine Ente des Weges geschwommen. Sie fragte den Menschen: „Ach, Mensch, warum schaust du so betrübt drein?“ Der Mensch erschrak, von der unerwarteten Anrede überrascht. „Ente, warum kannst du sprechen?“ fragte er.

Die Ente erwiderte: „Sind wir nicht allesamt Lebewesen? Wäre es nicht absurd, sprächen wir keine gemeinsame Sprache, wir Enten und ihr Menschen? Wir Enten können schon immer mit euch Menschen reden. Außerdem bist du betrunken.“

„Ach so“, sagte der Mensch. „Betrübt bin ich, weil ich mit dem Leben unzufrieden bin und dich nun hier sehe, wie du sorglos -“

„Halt!“, unterbrach ihn die Ente. „Wieso sollte ich sorglos sein, nur weil ich nicht jedem mein Leid klage?“

„Entschuldige, Ente; wie du hier also entlangschwimmst, als könne dich nichts erschüttern, während mich die Sorgen plagen.“

„Sorgen sind kein Grund, sich der Trübsal hinzugeben. Wichtig ist, dass man sein Leben lebt. Jeder ist seines Glückes Schmied, und wenn das Leben dir Melonen gibt, mach Marmelade daraus. Lass die Sonne rein!“

Nach kurzem Zögern erhellte sich das Gesicht des Menschen. „So habe ich das noch gar nicht gesehen!“ rief er. „Ich danke dir vielmals, Ente! Kommst du noch mit auf einen Kaffee?“

„Nein, ich muss noch fahren“, sprach die Ente, „aber ich danke dir für die Einladung!“

„Schade!“ bedauerte der Mensch die Ente. „Dennoch danke ich dir für alles, mein Freund!“

Und frohen Mutes schritt er davon. Die Ente aber sah ihm noch lange nach und seufzte.

(Nimm das, Antoine de Saint-Exupéry!)

Lyrik
Romantik im Januar

Der Morgen erwacht,
und über der Nacht
liegt Schweigen.

Den Wölfen ihr Heulen
lud sie mit den Eulen
zum Reigen.

Sie g‘nossen den Abend,
nach einander darbend,
am Meer.

Sie liebten den Hafen,
wo sie sich einst trafen,
d‘rum sehr.

Er hörte das Tosen
und schenkte ihr Rosen
und Wicken.

Die Nacht brach herein,
sie blieben allein,
um zu bumsen.

(Abt.: Ist das nicht süß?)

LyrikPolitik
Leere Gesichter

Wie ausdruckslos, wie lebensmüd‘,
wie todesnah, wie leer
sind, wie man dort oben sieht,
eure Gesichter!

Denn überschwänglich, siegestrun-
ken hab‘n eure Genossen
zur Ansehensverbesserung
das Aufhängen beschlossen.

Dabei haben sie allerdings die schwarzen Markierungen ebenso „übersehen“ wie die Schriftzüge, die darauf hindeuteten, dass dort, wo ihr, „Linke“, statt eure naturgemäß eher aus den unteren Gesellschaftsschichten stammende Klientel mit so was wie Politik zu überfordern, lieber die immergleichen Visagen („Oskar kommt“ einself) platziert habt, eigentlich andere Parteien, namentlich Grüne und Piraten hätten plakatieren sollen; in anderen Worten: Ihr, „Linke“, habt ohne Rücksicht auf Verluste – teilweise wurden auch Plakate der Piratenpartei überklebt – versucht, eurem Personenkult Gehör zu verschaffen, und befindet euch dabei in bester Gesellschaft mit der F.D.P. und der SPD, die, statt auf den nun wirklich nicht gerade knapp bemessenen Plakatflächen auch nur ansatzweise etwas darüber zu erläutern, wofür sie sich eigentlich politisch einsetzen, ein paar bekannte Gesichter und blöde Einzeiler hingepappt haben. Eigentlich, ihr Parteien, die ihr gar nicht erst versucht, den Eindruck zu erwecken, ihr hättet auch so etwas wie Inhalt, könntet ihr statt der üblichen hohlen Phrasen genau so gut „Ein ganzer Kerl dank Chappi“ hinschreiben. Das würde auf diesen Plakatwänden vielleicht sogar ein wenig Platz sparen: Ein Plakat pro Partei genügt dann vollends.

„Vertrau keinem Plakat – informier dich!“

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 5)

… Es war schon seltsam, dachte er; es waren erst wenige Tage vergangen, seit er sie zuletzt gesehen hatte, und doch kam es ihm vor, als lägen Jahre dazwischen.

Je mehr Zeit aber verstrich, um so deutlicher sah er sie vor sich, sah das Café, in dem sie sich kennen gelernt hatten, blickte tief in ihre Augen; und wachte doch immer wieder auf und sah sich ins Leere starren.

Sie hatte eine eigenartige Faszination an sich. Ihr Lächeln hatte ihn von Anfang an verzaubert. Und sie war so nah und doch für ihn kaum greifbar. Wie so oft wollte er alles besser machen, sie nicht verschrecken aus bloßem Missgeschick. Nur keinen Stress, nie wieder, das hatten sie sich versprochen. Den Moment genießen, ohne an den nächsten denken zu müssen. Und doch begann er zu zweifeln. Hatte er den richtigen Weg eingeschlagen?

Vielleicht sollte er endlich handeln. Es schien so einfach, ein Griff zum Telefonhörer, eine Nummer wählen und endlich wieder ihre Stimme hören.

Aber war es nicht gerade diese Ungeduld, die ihn schon Jahre zuvor um sein Glück gebracht hatte? Er würde sie jetzt gerade, in diesem Augenblick, so vieles fragen oder ihr schweigend beim Lächeln zusehen, das war ihm jetzt gerade, in diesem Augenblick, vollkommen gleichgültig, wenn sie nur bei ihm wäre. Er wusste, die Antwort würde er ohnehin nicht hören wollen; doch worauf sollte er noch hoffen? Nur ein Wort von ihr, und es würde vorbei sein. All die ungewissen Stunden, Tage würden der Vergangenheit angehören. Und vielleicht würde das auch bedeuten, dass ihm bewusst wurde, dass sie ihn längst abgewiesen hatte.

War es das wert?

Ihm wurde plötzlich klar, wie wenig er eigentlich über sie wusste. Wo sie jetzt wohl war? (War sie allein?) Er kam sich so klein vor wie seit Jahren nicht mehr.

Aus dem Internetradio knödelte Mike Patton:
„That‘s why I‘m easy; I‘m easy like Sunday morning …“

Nie zuvor war ihm ein Sonntag so schwer gefallen. …

Lyrik
Lobgesang des Popliteraten

Schon vieles habe ich verfasst in Prosa und als Reim,
doch wenige nur lesen es; zu trocken soll es sein?!

Ich schreibe über Emotion, Hass, Ungerechtigkeit,
von Liebe, Sehnsucht, Eifersucht, von Zwietracht und von Neid!

Das Föjetong hat mich entdeckt, verurteilt meinen Schrieb,
der „irgendwie wie and‘re“ sei, ich also nur ein Dieb?

Nein!, sag ich, Banausen, schweigt! – oder, noch besser, brüllt,
denn des Dichters Eigenlob wird durch Missgunst erfüllt.

Ich schwimme auf dem reißend‘ Strom der populären Dichter,
will kochen wie einst Hölderlin und schreib doch bloß wie Lichter.

So bleib ich ohne Hintersinn und boshaftes Subtil,
ich brauche keine Wortgewalt und keinen eig‘nen Stil.

Wofür denn auch? Erfolg und Ruhm erscheinen nicht mehr weit,
ich träum vom Preis für Lit‘ratur, wie man ihn mir verleiht.

(Und die Moral von der Geschicht‘:
Jaud und Lobo liest man nicht.)

Lyrik
Hintergedicht

Gedanken hinter Bäumen.
Sie haben sich versteckt.
Zähl laut bis 20!

Träume hinter Glas,
schau sie, doch berühr sie nicht.
Der Nothammer ist in deinem Herzen.

Wünsche hinter Türen.
Du kannst sie erahnen.
Drück die Klinke herab!

Sehnsucht hinter Gittern.
Eingesperrt.
Urteil: Lebenslänglich.

Liebe hinter Zäunen.
Reiß die Zäune ab!
Du brauchst sie nicht mehr.

(Für C.)

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 4)

… Als er wieder in sein kaltes, leeres Zimmer zurückkehrte, sah er sich um. An der Wand hingen Bilder von ihr. Ihm war, als seien Jahre vergangen, seit er allein heimgekehrt war. Die Bilder an der Wand waren das Einzige, was er von ihr mitgenommen hatte; er hätte, dessen war er sich sicher, sie nicht zurücklassen dürfen. Das Wissen darum, dass er nun hier, Hunderte von Kilometern von ihr entfernt, saß und in Erinnerungen schwelgte, statt dort zu sein, wo er sich endlich angekommen wähnte, ließ ihn schwermütig werden. Jedes Mal hatte er sich vorgestellt, wie es wäre, würde er sie einfach nicht mehr loslassen. „Lächerlich“, dachte er dann jedes Mal und wusste, dass er es gar nicht lächerlich fand. War es nicht immer sein Traum gewesen, endlich anzukommen, die Reise, auf der er sich fortwährend befand, endlich beenden zu können?

Nun aber, da er allein war und in den Gedanken an sie zu ertrinken, zu ersticken glaubte, fühlte er wieder den stechenden Schmerz der Narbe in seinem Herzen, die ihm jeder Abschied bislang zugefügt hatte. Es war sinnlos, es abzustreiten: Er war nur noch eine Silhouette. Alles, was er zu sein glaubte, hatte er bei ihr gelassen.

Sie beherrschte seine Träume und seine Gedanken. Immer wieder hatte sie ihn gefragt, warum er sie nicht einfach vergessen konnte, und er hatte belanglose, nichts sagende Antworten gegeben. Er konnte es sich ja selbst nicht erklären. Ihm fiel Xavier Naidoo ein, der gesungen hatte: „Wenn sie vorbeigeht, dann scheint es wie ein Feuerwerk. Vor einem Himmel ist es sie, die ich bemerk‘.“ Er liebte sie, weil sie ihn liebte; und weil er sich endlich geborgen fühlte.

Er hatte einen Gedanken an „später“ immer verdrängt; zu groß war seine Angst davor, dass er sich in Wunschträume verlieren würde, die über seinem Kopf zusammenstürzen würden. Zwar hatte er schon einmal daran gedacht, wie es wäre, nicht mehr allein zu leben, aber vor weiter reichende Entscheidungen hatte ihn noch keine der Frauen in seinem Leben gestellt. Dann kam sie.

Seit damals war alles anders. Er hatte seinen Weg zurück zu ihr und in ihr Herz gefunden; seine Kammer war unberührt, sein Name stand noch an der Tür, als wäre nie etwas gewesen. Dennoch hatte sich etwas verändert. Sein Leben hatte er bisher am Augenblick ausgerichtet, aber er spürte, dass er nun auf etwas gestoßen war, was einmalig war. War es Schicksal, Glück oder Vorsehung?

Was immer in seinem Leben noch geschehen würde, war ihm längst egal; sein einziger Gedanke galt nur mehr ihr. Er wusste selbst nur zu gut, dass er Träumen allzu oft hinterher gelaufen war, aber irgendetwas ihm immer ein Bein gestellt hatte. Mit diesem Traum aber, den er nicht mehr nur träumte, sondern längst lebte, sollte es nicht so enden. In einem Sommer, der nur mehr blasse Erinnerung war, hatte er sich selbst geschworen, er würde ihn ihr erfüllen. Jetzt war es an der Zeit.

Er vermisste es, bei ihr zu sein, ihre Nähe zu spüren.
Er vermisste es, in ihre Augen – „diese Augen!“, dachte er – zu sehen.
Er vermisste sie.

Er war nicht mehr der Herr seiner Gedanken. Es war sein Herz, das sie lenkte.
Und sein Herz wusste, was er wollte.

Er blieb noch lange vor ihrem Bild stehen. Tränen rannen seine Wangen hinab. Aus dem Fernseher im Wohnzimmer erscholl Bonos Stimme. „It‘s a beautiful day…“. Nie zuvor hatte er so wenig Freude an diesem Lied. …

Lyrik
Lamento

In Gedanken am Leben
doch in Gedanken allein,
träumend nur glücklich
bin ich armes Schwein!

Zu viel schon verloren,
ein Gewinn? Stets nur Schau!
Nur Regen, nie Sonne,
seh ich arme Sau!

Im Sommer zu heiß,
im Winter zu kühl;
selbst das Wetter treibt mit mir
ein hinterhältig‘ Spiel!

Keine Perspektive,
kein Sinn mehr gegeben,
ich bin wirklich arm dran
mit meinem Leben.

Die Leute sind fröhlich,
sie sind meist gut drauf,
nur ich bin schlecht drunter;
ich hör ja gleich auf!

Was mir liegt: Versagen!
Was sonst: Einsamkeit!
Nur eins liegt mir gar nicht
und zwar: Selbstmitleid.

LyrikMusikalischesNetzfundstückeSonstiges
Von Bloggern, Blogs und Gurus. (Eines wie jedes.)

(Da sich die Blogger derzeit in gegenseitiger Huldigung üben, dazu weiter unten mehr, halte ich als Nichtblogger es für fällig, dass jemand auch mal anmerkt, dass die deutschsprachige Blogosphäre nicht nur aus bedenkenlos Lesenswertem besteht. Dieser Jemand will gern ich sein.)

Mitunter verbringe ich ein wenig Zeit damit, mir aufgrund irgendwelcher Twitterbeiträge, Verlinkungen in Verlinkungen von Verlinkungen oder auch nur irgendwie anders aufgefallene, bislang unbeachtete Weblogs und Nichtweblogs heimzusuchen. Die meisten verlasse ich wegen groben Unfugs, schlecht geschriebener Nichtigkeiten oder bloßer Inhaltsleere ratzfatz, holterdipolter und vor allem folgenlos wieder, nur einige wenige schaffen es, sich in meiner Abonnementliste wiederzufinden.

Zu ersterer Gruppe gehört unter anderem auch die Internetpräsenz der ansonsten eigentlich beachtlichen und unter anderem von Herrn haekelschwein bereits gewürdigten Twitterdame eine_wie_keine. Bestehen ihre Tweets nicht selten aus hübschen Scherzchen, die man gern in Langform lesen würde, ist ihr Blog im direkten Vergleich so richtig blöd.

Ich nehme mal den ersten Absatz aus einem befriedigend aktuellen Beitrag hieraus als Grundlage für das folgende Gemecker und blende aus Gründen bloßer Subjektivität den Rest aus:

Gefühle kennen wir alle, haben wir alle und fühlen sie alle. Denn Gefühl kommt von fühlen.

Grammatikinkonsistenz im ersten Satz, unvollständige Etymologie im zweiten Satz, dem obendrein der Anschluss fehlt; da hat man doch jetzt schon eigentlich keine Lust mehr, sich des Textes anzunehmen. Und tatsächlich besteht er in Gänze aus derartigen Plattitüden und Papierromantik. Die Gute ist, wie sich unschwer recherchieren lässt, derzeit so ungefähr 17 Jahre alt. Nun bitte ich den geneigten Leser, sich einmal vorzustellen, wie ein Blog einer schwer romantischen Jungdame ungefähr aussieht. So – jetzt habe ich euch einen unnötigen Klick erspart. Gern geschehen.

(Bevor das nun wieder falsch aufgefasst wird: Meinethalben darf jeder ins Internet reinschreiben, was er möchte; ich gehe dieser Tätigkeit ja gleichfalls nach. Und man muss ja nun auch nicht alles gut finden, was andere gut finden (das viel verlinkte Nerdcore bspw. halte ich persönlich für wahnsinnig einfallslos). Aber im Internet geht es auch nicht viel anders zu als in der Welt der Bücher: Wer zu viel Unsinn schreibt, provoziert die Ignoranten. (Das, immerhin, verbindet eine_wie_keine und mich.))

Zumal es ja mit dem Insinternetreinschreiben ohnehin manchmal nicht ganz leicht ist. Der Nachtwächter hat es treffend zusammengefasst: Qualität ist irrelevant, der Pöbel will bloß unterhalten werden; und, wohl die wichtigste Regel, legt man es langfristig auf Erfolg an: Sex geht immer. (Der mit Bedeutungsebenen beinahe übersättigte Titel dieser meiner Internetpräsenz jedenfalls lädt Besucher von Suchmaschinen, deren Betreiber Deklination und Konjugation für unerlässlich halten, zu, wie ich an den Suchbegriffen erkennen kann, völlig falschen Prämissen ein; die meisten von ihnen bleiben zum Glück nicht lange.) Die Aufmerksamkeit eines Lesers wird nicht durch wohldosierten Humor oder Eloquenz gefördert, sondern durch möglichst penetrante Verlinkung möglichst vieler möglichst quietschbunter so genannter Blogs so genannter A-Blogger untereinander. „Auf Nerdcore steht …!“

Ja, derlei Blogger machen es „richtig“: Sie betreiben eine Plattform, auf der sie unregelmäßig Netzfundstücke kommentieren, nummeriertes Erbrochenes als „Manifest“ veröffentlichen und sich ansonsten lüstern in der Vielzahl ihrer Follower wälzen. Sie verdienen ihr Geld nicht mit Schreiben, sondern mit belanglosem Unfug wie etwa Werbung für scheußliche Telekommunikationsunternehmen, oder wandeln ihre Schreibplattform direkt in eine KG um und gründen gemeinsam mit ersteren Bloggern Unternehmen, deren Geschäftsmodell es ist, das Internet der anderen Leute eben mit Werbung vollzukleistern. Nicht etwa als blöde Nervdeppen, sondern als „Social Media Gurus“ beschimpft man derlei Leute dann und lädt sie auf Konferenzen ein, auf denen die anderen Eingeladenen im Kreis sitzen und an den Lippen des Gurus hängen, der dann ein wenig über das „Internet der Zukunft“ redet und dafür viel Geld, Applaus, Blumen und vermutlich Sex erhält. „Guru“ bedeutet etwa „geistiger Führer“; und nicht nur deswegen kann ich mich des Eindruckes beim besten Willen nicht erwehren, dass dieser Posten wie zum Spott stets von denen belegt wird, deren gesammelte geistige Ergüsse selbst nicht einmal zum Blumengießen genügen würden.

Und sie glauben allen Ernstes, dass das niemand merkt. Weiterlesen ‚Von Bloggern, Blogs und Gurus. (Eines wie jedes.)‘ »

In den NachrichtenLyrikMusikalisches
Weltsicht, gelb und sauer (Versuch und Irrtum)

Man hätte es wissen können.

Man hätte wissen können, dass das, was passieren sollte, passieren sollte. Dass es so passieren sollte, wie es passieren sollte. Sie wussten es, alle wussten es. Wer sagte, dass die, die es wussten, es nicht wussten, der log. Wissentlich, um sich selbst zu schonen, wissentlich auch wider besseren Wissens.

Man hätte wissen können, dass hinterher wieder alle sagen würden, sie hätten es schon immer gewusst, aber keiner habe ihnen zugehört. Schlimm sind immer nur die anderen. Die anderen, das sind die, die sagen, tja, das ist der Lauf der Dinge. Anpassen und Klappe halten. Sie sagen „haha, das war lustig“ und lachen nicht. Sie sagen „endlich sagt‘s mal einer“ und bleiben selbst stumm, man könnte ja die Leute verschrecken, die sie nie interessiert haben. Und überhaupt, Individualismus ist so 90er.

Man hätte wissen können, dass das, was sie taten, nicht falsch war. Dass die Art, wie sie es taten, zur Lage nichts beitrug. Was empörte, war, was sie nicht taten, und so sahen sie sich selbst tatenlos beim Nichtstun zu, während um sie herum die Welt explodierte. Das Letzte, was sie sahen, war ein Schulterzucken, und sie zuckten zurück, weil sie ihr ganzes Leben schon nur gezuckt hatten. Zuckend in den Untergang, und man bleibt sich treu.

Man hätte es wissen können, ja, ja, hätte. Alles Schwarzmaler und Faschisten, Ewiggestrige, Reaktionäre. Ich weiß, dass ich nichts weiß, wissen Sie? Uralt, kennt man, nichts zu danken, bis bald mal wieder.

Aber hinterher hat es wieder keiner wissen wollen.


(Haspelt doch vorhin eine sichtlich unentspannte Frau fraglichen Alters, die an irgendeiner fragwürdigen Aktion von attac teilgenommen hatte, in die erstbeste Nachrichtenkamera, es sei „echt toll“ gewesen, unter freiem Himmel zu schlafen. Darum, werte Frau, werden Sie Hunderte von Obdachlosen beneiden, dessen bin ich mir fast sicher. Andererseits hätten Sie das auch einfacher haben können.)

LyrikPersönliches
Versteckte Botschaften? Aber nicht doch.

Chaotisch die Essenz des Denkens,
Invalid auch sein Resultat.
Notdürftig auf Papier geschmiert
Dies Werk, auf Englisch verfasst:

Yet another day goes by,
Depressing times, an empty heart,
Until the sky will clear one day,
For I will find out how to start.

Eine Wand aus Pappmaché
Hindert jeden Denkprozess.
Lüge gar ist Vers Nummer 8.
(Schade: Das Y an erster Stelle.)

Tatsächlich wahr ist hingegen:
Mir fehlt der Traum, den ich erlebte.
In allem, was mir blieb, allein; das
Reimen kam mir selbst abhanden.

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 3)

(Ihr gewidmet.)

… Als er erwachte, hatte sich seine Welt verändert. Mühsam öffnete er seine tränennassen Augen und blickte sich um. Aber es war doch alles wie immer?

Nein, etwas war anders. Durch seinen Kater schien langsam die Erinnerung. Er hatte wieder einmal versagt. Dabei schien zum ersten Mal in seinem Leben alles so perfekt!

Vor Jahren noch, als er Suchender war, sich längst noch nicht angekommen wähnte, lernte er sie kennen. Sie wirkte zart, gar zerbrechlich. Sie war auf eine geheimnisvolle Art verschlossen, beinahe abweisend, und dennoch zog sie ihn magisch an. Schon damals hatte er sich in sie verliebt. Die Chance jedoch, die sie ihm gewährte, vergab er in jugendlichem Überschwang.

Er war sich bewusst gewesen, dass es nicht leicht werden würde, ihre Liebe zu gewinnen; dennoch hatte es ihm einen Schlag versetzt, als sie ihm zu verstehen gab, dass diese Liebe unmöglich eine Chance haben würde. Dass sie ihn nicht wollte, konnte er kaum glauben; zumal er in den folgenden Monaten betrübt, aber hilflos sehen musste, dass sie schnell Ersatz fand. Trotz alledem konnte und wollte er sie nicht vergessen, auch wenn er ihr gegenüber in der folgenden Zeit seinem Missmut und seiner Enttäuschung – oder war es bloße Eifersucht? – deutlich Ausdruck verliehen hatte. Er hatte nichts zu verlieren, er hatte sie schon verloren, bevor er sie jemals gewonnen hatte. Womöglich für immer.

Über sechs Jahre waren seitdem vergangen, in denen er sie fast aus den Augen verloren, nie aber vergessen hatte. Viel hatte sich geändert; nicht nur bei ihm, auch bei ihr. Dass er sie wiedersehen würde, kam unerwartet, aber es stand unter einem anderen Stern. Sie beide waren nicht mehr auf der Suche, sie fühlten sich längst schon gefangen in der Leere, in der sie nunmehr steckten. Was passieren würde, war ihnen vorher nicht klar. Er hatte Angst gehabt, sich wieder auf etwas einzulassen, was ihn überfordern würde. Er hatte sie zu oft, zu lange verletzt; das wollte er nicht wieder riskieren. Und doch war es schon wieder passiert: Er hatte sich aufs Neue in sie verliebt. Sie war noch immer so scheu und zerbrechlich wie damals, doch diesmal war ein Ende nicht abzusehen.

Zum ersten Mal wusste er, wo er war und was er wollte; nach all den Jahren stand für ihn endlich fest, wofür er lebte. Hätte er, in irgendeinem Dialog nach seinem Leben gefragt, einen Zeitpunkt angeben sollen, an dem er glücklich war, er hätte ohne Zweifel jede Minute herausnehmen können, die er mit ihr verbrachte, und er hätte seine Wahl nicht bereut. Die Aussicht auf ein Leben mit ihr gab ihm wieder neuen Lebensmut. In jeder freie Minute, in der sie nicht miteinander sprachen, setzte er alles daran, sie bald wiedersehen zu können. Würde jemals ein Lexikonhersteller einen Artikel über „Paar, glückliches“ bebildern wollen, so dachte er im Stillen, so würde ihrer beider Konterfei bald dort zu sehen sein.

Doch über all dem Glück prangten noch immer die Ereignisse aus der Zeit, bevor sie sich getroffen hatten. So fest er sie auch zu halten versuchte, so nahe sie sich auch waren, so unheilbar klafften doch die alten Wunden, die er einst aufriss, in ihrem Herzen.

Er hatte ihr versprochen, sich nicht nur wegen längst vergangener und vergebener Fehler an ihr rächen zu wollen. Er wollte sie nicht verletzen; das hatte er zu lange getan. Für ihn war sie kein Spiel, sie war längst sein Leben. Nun aber hatte sie den Spieß umgedreht. Sachte, doch bestimmt zog sie die Mauer zwischen ihnen wieder hoch, ließ ihn verzweifelt, doch letztlich erfolglos versuchen, eine Tür hineinzustemmen. Wähnte er sich soeben noch im Glücksrausch, so fiel er nun in ein nicht enden wollendes Loch. Sieben Worte allein ließen seine Träume zerplatzen; das Luftschloss, in dem er mit ihr leben wollte, stürzte über ihm zusammen. All the homes that we were building, we never lived in, could be better, should be better lessons in love.

Das hatte er, dessen war er sich bewusst, allein sich selbst zuzuschreiben. Diese eine, womöglich letzte Chance hatte er sich schon Jahre zuvor zerstört; und selbst, wenn es noch eine geben sollte, würde auch sie an den Worten zerschellen, die er noch in seinem alten Leben – in dem ohne sie – unbedacht ausgesprochen hatte. Es war sinnlos. Mit dem Stift auf seinem Schreibtisch krakelte er, ohne zu wissen, was er tat, einige Zeilen in sein Notizbuch:

Zerbrochene Träume
Ein Leben aus Glas
Jahre aus Rauch
Vertan, verpasst

Zukunftsglück
Aus und vorbei
Die große Liebe
Verpufft im Nichts

Er legte den Stift zur Seite. Vor ihm stand ihr Bild; sollte es nur noch ein Relikt bleiben? Er fühlte sich wieder leer und sonderbar allein. Diese Schrammen würden ihm für den Rest seines Lebens bleiben. „Den Rest meines Lebens“ dachte er und lächelte gequält. So konnte es nicht weitergehen. Etwas musste geschehen. …

LyrikMusikalischesPersönlichesSonstiges
Aus dem Postfach gefischt: Bildungssorgen ade!

Wenn solche Mails in meinem Studentenpostfach aufschlagen, verstehe ich die Sorgen um das deutsche Bildungssystem nicht mehr:

(…) im Flurbereich vor dem Raum 180, neben dem AStA-Büro im Hauptgebäude, lade ich für Donnerstag, den 03.06.2010, von 11.00 Uhr bis 14.00 Uhr, auf diversen Musterstühlen zu einer Sitzprobe ein. Bitte geben Sie ein Votum für „Ihren Favoriten“ ab.
Ich beabsichtige, den Stuhl mit den meisten Stimmen zu beschaffen.

Apropos „unerwünschte Infopost“: Ich weiß nicht, liebe Spammer, was ich von einer Mail halten soll, deren Betreff „Hast du denn keine Zeit mehr für mich?“ lautet und deren Inhalt aus einer Liste offenbar erotischer Videotitel besteht, darunter „OMAS KAFFEE-FAHRT“ (nur echt in Großbuchstaben); und ob ihr das wirklich ernst meint mit der Erotik. Ich jedenfalls kann der Vorstellung von einem Bus voller Senioren in Rheumadecken nur wenig abgewinnen, was anregend wirkt. Das könnte aber auch an mir liegen.

Und bevor ich es vergesse: Am heutigen 2. Juni findet zum 35. Mal der internationale Hurentag statt. Meinen herzlichen Glückwunsch!


In eigener Sache:

Ich hab die Welt um dich gedreht,
stehl dir die Zeit, bin dein Tagedieb,
war oft genug dein Alibi,
was auch passiert, ich verlass dich nie.

– Die Toten Hosen: Ich bin die Sehnsucht in dir

LyrikPersönliches
Von dir, hicks. (Frei interpretierbar.)

Das trübe Wetter vermag nicht zu verbergen, dass im Herzen die Sonne scheint. Hätte ich je gelernt zu pfeifen, meine Lippen wären längst vertrocknet. „Weil wir oben auf sind und trocken hinter den Ohren“ (The Hirsch Effekt) bzw. eben der sehnliche Wunsch, baldmöglichst zurückzukehren (lies: gar nicht erst aufzubrechen; „to leave“ heißt es im Englischen vermutlich auch nicht zufällig).

Von dir bin ich betrunken,
weil du die Seele wärmst;
aus dir entspringen Funken,
als malte dich Max Ernst.

Von dir bin ich bedröhnt,
weil du die Droge bist,
nach der sich jeder sehnt,
die man nicht mehr vergisst.

Von dir bin ich benebelt,
weil du mein Sein umgibst,
und ob es stürmt, ob Schnee fällt,
mir geht es gut; du liebst.

Von dir bin ich benommen,
weil du wie Prozac wirkst;
das Weltende kann kommen,
so lange du mich birgst.

(Von dir werd ich bekloppt,
weil ich nicht weiter weiß,
und wenn mich keiner stoppt,
entführ ich dich ins Paradeis.
Echt jetzt und so. Ohne Scheiß.)

Bezeichnendes Ereignis des heutigen Tages im ÖPNV: Ein Mann unterhält sich mit dem Fahrzeugführer über die gestrigen Fußballspiele, die er im Sportstudio verfolgte. In der Gegenwart begeisterter Sofasportler fühlt man sich geradezu weltmeisterlich.