De Staat – Ah, I See
Guten Morgen, es ist Montag und die Rockmusik ist tot.
In den Niederlanden hat man davon zum Glück noch nicht viel bemerkt.
Die Musiker nennen sich „De Staat“, das Album heißt „Machinery“ und ist wirklich großartig.
Weiter so!
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Guten Morgen, es ist Montag und die Rockmusik ist tot.
In den Niederlanden hat man davon zum Glück noch nicht viel bemerkt.
Die Musiker nennen sich „De Staat“, das Album heißt „Machinery“ und ist wirklich großartig.
Weiter so!
Wer übrigens, wie so viele andere Menschen, am Sonntag noch nichts besseres vorhat, dem sei der diesjährige sampler der Plattenfirma Discorporate Records ans Herz gelegt, bei der unter anderem exzellente Musiker wie etwa The Season Standard unter Vertrag stehen. Wie viele andere Indielabels – wie auch immer man dieses „Indie“ zu definieren beliebt – gibt es sozusagen zum kostenlosen Anfixen (denn tatsächlich ist diese Art von Musik eher Droge als Konsumprodukt) gelegentliche Auszüge aus ihrem Katalog zum kostenlosen Runterholen.
Auf dem „Sampler 2011″, den übrigens ein wirklich hübsches Titelbild ziert, sind The Season Standard zwar nicht zu hören, wohl aber der ebenfalls großartige Ableger SchnAAk und Auszüge aus dem Debütalbum der Österreicher broken.heart.collector, das, nebenbei, gute Chancen hat, die diesjährige Jahresrückschau zu zieren.
Der ganze Spaß kostet nichts, jedes Lied ist auf bandcamp.com (scheint das neue MySpace zu werden) für lau anzuhören, herunterladen kann man das Gesamtarchiv ebenfalls ohne nötigen Obulus als MP3, FLAC, AAC oder wonach einem gerade der Sinn steht. Wer seine E-Mail-Adresse lieber nicht irgendwelchen obskuren Musikanbietern zur Verfügung stellt, der findet die MP3-Version auch bei eMule.
Wärmstens empfohlen!
Während ich heute mein freitägliches Lauschpensum absolvierte, erreichte außer einer Menge belanglosen Zeugs auch dieses eine Album meine Ohren und ließ mich interessiert aufhorchen.
The Book of Knots ist ein Musikerkollektiv aus New York, das sich für (vorerst) drei Alben mit einigen Gastmusikern zusammengefunden hatte, mit „Garden of Fainting Stars“ in diesem Jahr den Abschluss der Trilogie veröffentlichte und nun vielleicht weiter existiert, vielleicht aber auch nicht. „Traineater“, „Zugesser“, ist das zweite Album und erschien 2007.
Die beteiligten Musiker stammen überwiegend aus dem Avantgarde-Metal-Sektor um die mittlerweile aufgelösten Sleepytime Gorilla Museum. Als Gastmusiker sind unter anderem Tom Waits und Trey Spruance zu hören, woraus man bei entsprechendem Hintergrundwissen schon erahnen kann, wie das Album so klingt. Besitzt man dieses Hintergrundwissen nicht, so fällt die Beschreibung etwas ausführlicher aus:
Im Kern besteht The Book of Knots aus Matthias Bossi (unter anderem Schlagzeug und Gesang), Joel Hamilton (unter anderem Gitarren und Gesang), Tony Maimone (diverse Bässe und Gesang) und seit „Traineater“ auch Carla Kihlstedt (unter anderem Geigen und Gesang), nicht zu verwechseln mit Carla Bozulich, die, wenn ich nicht irre, hier lediglich als Gastmusikerin den Gesang in „View From The Watertower“ übernimmt.
Das zentrale Thema von The Book of Knots lautet „Niedergang“. Handelten die Texte auf dem Debüt von dem Niedergang der US-amerikanischen Fischerdörfe, so ist es auf „Traineater“ der „Rostgürtel“, der nordamerikanische „Ruhrpott“ also, dessen langsames Siechen hier besungen wird. (Einige Leser kennen dieses Prinzip vielleicht von der Band Big Big Train, die auch gern ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückgreift, allerdings in die britische.) Anders (etwas esoterischer) ausgedrückt:
The Book Of Knots erzählen auch auf ihrem zweiten Album nicht etwa die pathetische Science Fiction einer Revolution der Maschinen, sondern inszenieren die stoische Zerstörungskraft einer riesigen, außer Kontrolle geratenen Hurrikan-Apparatur, der es herzlich egal ist, ob sie Rosenfelder niedermäht oder irgendeinen Cyborg zum nächstbesten Bauernopfer zermatscht.
Das klingt geschrieben so radikal wie gehört, besticht aber gerade auch durch seine melodiösen, beinahe ruhigen Momente, die dem Hörer zwischendurch auch mal ein wenig Verschnaufpause gewähren. Es muss ja nicht immer hoch hergehen. Belege gefällig?
Auf YouTube gibt es zum Beispiel das großartige „Pray“ mit dem bereits erwähnten Tom Waits zu hören und das eröffnende „View From The Watertower“ ohne Tom Waits in einer nicht üblen Liveversion zu sehen. Wer es mag, der möge es kaufen. Der Rest möge die Augen verdrehen, „was für ein schrecklicher Lärm!“ skandieren und sich wieder seiner Easy-Listening-Radiobeschallung zuwenden. Aber zumindest ist er dann um eine Erfahrung reicher.
Eine Begebenheit erinnerte mich jüngst daran, dass „The Downward Spiral“ der großartigen Nine Inch Nails auch schon wieder 17 Jahre her ist:
The me that you know, he used to have feelings,
but the blood has stopped pumping and he is left to decay.
The me that you know, he is now made up of wires,
and even when I‘m right with you I‘m so far away.
Zeitlose Psychose.
(Reimt sich.)
Das montägliche Kopfnicken garantiert in dieser Woche die Band Suchtmaschine. Aber brecht euch nichts!
Obwohl der alljährliche Weltpinguintag – traditionell am 22. Februar – von mir dieses Jahr traditionell verschlafen wurde und der nächste – laut Walter Moers am 11. November – noch in quasi weiter Ferne liegt, halte ich es für angemessen, das Debütalbum der Jazz-Metal-Formation Weltpinguintag, deren Keyboarder Jörg Sandner mittlerweile „solo“ (in einer sehr freien Auslegung des Begriffs „Soloalbum“ ) musiziert und nebenbei den Vertrieb von Tonträgern der inzwischen leider aufgelösten Band mit dem sympathischen Namen übernimmt, hier zu würdigen.
Und ich würdige munter drauflos:
Bereits 1996, acht Jahre vor der Gründung der ungleich bekannteren Musikgruppe „Panzerballett“, kombinierte die Berliner Band „Weltpinguintag“ Jazz und Metal mit einer gehörigen Portion Humor. Das erste Stück vom zweiten und letzten Album „Pinguine in der Bronx“ heißt zum Beispiel „Die Rückkehr der Stiefschwester des Arbeitskollegen von King Kong“. Noch Fragen?
Fast ist es da schade, dass die fünf Weltpinguintagenden keine Texte zu ihren Liedern ersonnen. Aber auch ohne sie ist es ziemlich erfrischend, was auf dem Debütalbum aus den Lautsprechern erklingt.
21 Stücke zeigt mir der CD-Spieler an, verteilt auf ungefähr 52 Minuten, das sind nicht mal drei Minuten im Durchschnitt, obwohl zwei der Stücke die Vier-Minuten-Marke überschreiten. Man fasst sich kurz. Das ist gut. Kurz und prägnant statt ausufernd episch werden die Kompositionen auf den Punkt gebracht. Saxophon trifft auf Metalgitarre, und kaum glaubt man das Prinzip verstanden zu haben, ist der jeweilige Abschnitt auch schon wieder so schnell vorbei, wie er angefangen hat. Vergleiche? Panzerballett, hin und wieder auch die finnische RIO-Band Höyry-Kone, die allerdings auch mal wieder keiner kennt. Weltpinguintag sind (nun, waren) alles andere als langweilig.
Schade nur, dass Amazon diese prima Band nur im MP3-Format verschleudern will. Wer hingegen die CD kauft, bekommt ein handschriftliches Danke obendrauf:
Reinhören kann man unter anderem auf Last.fm. Man drehe hierfür die Lautstärke etwas höher und genieße die mannigfaltigen Höreindrücke.
Ich wünsche hierbei viel Vergnügen.
Wenn ich nicht gerade auf seltsame festivals gehe und dort fotografiere, gehe ich manchmal auch auf seltsame festivals und fotografiere dort.
Nicht jedes festival verläuft so wie anlässlich des letzten ebensolchen geschildert, denn tatsächlich haben andere festivals, seien es nun die Hildesheimer Wallungen, sei es nun die hier auch weiterhin nicht näher benannte Veranstaltung, noch weitaus obskurere Zielgruppen, und damit einher geht das kollektive feeling des vollends Geisteskranken, yo!
Will sagen: Wenn der überregional bejubelte headliner eines der Veranstaltungstage wegen alkoholinduzierten Deliriums und daraus folgernden Desinteresses am eigenen Schaffen mitten im Auftritt die eigene Bühne zu verlassen beabsichtigt, Menschen in Was-zum-Teufel?-esquen Kostümen unter quasi tosendem Beifall rein instrumentales Gekloppe und Getröte zum Besten geben und das Niveau stetig singt sinkt, dann ist das schon so‘n bisschen meine Welt.
Wenn dann noch in strömendem Regen Hunderte, gewandet in Kostüme zwischen leger und so was von retro, bis in die Nacht hinein zwei (allerdings sehr guten) Blasinstrumentalisten, einer Harfistin, einer Paukistin und einem Akustikgitarristen zujubelt, die in guter, alter Jethro-Tull-Manier (allerdings weniger subtil) Flüche gegen Regierungen ausstoßen, wenn obendrein das Zelt infolge zweier Tage Dauerregens den Dienst quittiert, man also feucht und erkältet und mit einem Schädel von hier bis (mindestens) Honolulu aufwacht und trotzdem die beste Laune des ganzen verdammten Sommers mit sich herumträgt, dann fühlt man sich doch schon ein bisschen lebendig.
Jedenfalls meistens.
Sollte einer der hier Lesenden ebenfalls zugegen gewesen sein, so empfehle ich eine entsprechende Äußerung zwecks Austausches.
P.S.: Entdeckung des Wochenendes ist Omnia. Konsum empfohlen. (Also Konzertkarten und Tonträger, nicht die schnuckelige Harfistin, latürnich.)
P.P.S.: „Apple: Die Arroganz der Macht“; warum muss man für so grandiose Schlagzeilen einklich das „manager-magazin“ lesen?
Huch, schon wieder ist Juni, das geht ja immer schnell! Und traditionell bringt so ein Juni nicht nur zu dicke Mädchen in zu dünner Kleidung mit sich, sondern außerdem meine Halbjahresrückschau der gefälligsten und ungefälligsten Musikalben, erstmals komplett mit Alben des Jahres 2011 befüllt.
Und in so einem halben Jahr kann sich viel ändern. Im Februar etwa rühmte ich das Album „I‘m Your Saviour“ von Toxic Smile, für diese Liste aber hat es dennoch keine Berücksichtigung mehr gefunden, da die schiere Masse an guter Musik ansonsten den Rahmen dieser Internetseite gesprengt hätte und ich somit wieder einiges aussieben musste. Auch habe ich es leider nicht immer geschafft, mich jedem Musikalbum, das mich interessiert hätte, rechtzeitig ausreichend ausführlich zu widmen; die beim Probehören recht vorzüglichen Alben „Flanders Fields“ von Humble Grumble und „Blown Realms and Stalled Explosions“ von den Enablers bitte ich das geneigte Publikum also selbst zu rezensieren. (Gern als Kommentar hier unten drunter.
)
Aber es ist auch ohne diese Alben eine recht abwechslungsreiche Liste geworden, von der ich hoffe, dass sie nicht jedem von euch bloßes Missfallen bereitet. Weiterlesen ‚Musik 06/2011 – Favoriten und Analyse‘ »
Kindergärtler interessieren sich für die Unterschiede zwischen Mann und Frau.
Ich habe da erst „Kindergärtner“ gelesen.
Kinder ab vier Jahren sollen ihren eigenen Körper spielerisch wahrnehmen, …
Und wenn das ein Erwachsener zu ihnen sagt, ist er in der Gesellschaft nicht mehr willkommen.
… Körperteile benennen oder angenehme von unangenehmen Berührungen unterscheiden können.
„Penis! Hihihi!„
(Und die Kinder sollen keinesfalls lernen, angenehm und unangenehm voneinander zu unterscheiden, sondern sie sollen lernen, was sie gefälligst angenehm und was unangenehm zu finden haben; sie sollen quasi Unmündigkeit erlernen.
Ich als Kind habe es zum Beispiel aus hygienischen Gründen verabscheut, meine Mitkinder an der Hand zu nehmen, das war für mich somit eine äußerst unangenehme Berührung, dennoch ist kein Erzieher dagegen vorgegangen, und ich leide heute noch schmerzlich unter der erlittenen Seelenqual, schnüff; während ich das, was Kinder heutzutage als unangenehme Berührungen oktroyiert bekommen, damals schon ein wenig vermisste. Zeiten ändern sich.)
Traditionell zeigten sich die Besucherinnen des berühmten britischen Pferderennens am „Ladies Day“ mit besonders gewagten Hüten.
Beinahe kam es zum Eklat, als sich eine Besucherin „oben ohne“, also ohne Hut, Einlass verschaffen wollte. Sicherheitskräfte konnten die Frau überwältigen und unauffällig durch den Hintereingang hinausbegleiten.
Chrome 14 soll sichere Inhalte sicher machen
Stellt die marketing-Abteilung von Apple jetzt auch Arbeitskräfte für andere Unternehmen zur Verfügung?
EIn abschließender Tipp für meine Musik schätzenden Leser: Auf RollingStone.com ist ein Teil des kommenden Yes-Albums „We Can Fly From Here“ bereits als „Vorschau“ verfügbar. Gutfinden empfohlen.
Heute wird Bob Dylan 70 Jahre alt, und zwar den ganzen Tag lang. Tröt, Tusch, hurra! Einmal abgesehen davon, dass er seit dem Ende der „Rolling Thunder Revue“ (u.a. beim SPIEGEL berichtete man) nur mehr schnulzige Liebeslieder in öder Countryform zu schreiben scheint, erachte ich es als unnötig, ihn hier noch einmal gesondert vorzustellen, obschon die Einführung seiner seit 1988 laufenden „Never Ending Tour“ sein bisheriges Schaffen jedes Mal ausführlich zusammenfasst, aber wir sind hier ja nicht als Veranstalter tätig, sondern schnöde Schreiberlinge, und bei dem annehmbaren Wetter draußen fassen wir uns mit Vorliebe kurz.
Bob Dylan also, dessen in rascher Folge aufgenommene Alben Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde eine beinahe schon radikale Abkehr von den zwar oft gehörten, aber letztlich musikalisch doch eher anspruchslosen Volksweisen der Vorjahre bedeuteten und heute im Allgemeinen zu den Alben gezählt werden, die man zumindest mal gehört haben sollte, bevor man dereinst ins Gras beißt, kann auf eine abwechslungsreiche Karriere zurückblicken, sofern ihm denn danach ist.
Diese Karriere ist immerhin vorbildlich, hat er sich doch zumindest jahrzehntelang nicht nur auf seinem Erfolg ausgeruht, sondern immer dann eine völlig neue Richtung eingeschlagen, wenn seine Popularität ihn zum Idol der Massen zu machen drohte. Wir lernen: Um Druck von außen zu verhindern, muss man versuchen, den Leuten so wenig zu gefallen wie es möglich ist. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Album „Self Portrait“ von 1970, das aus Neuaufnahmen eigener Stücke und einigen Coverversionen, etwa „The Boxer“, ursprünglich von Simon & Garfunkel (genauer: von Paul Simon), besteht und von der Kritik seinerzeit verwundert aufgenommen wurde; Greil Marcus etwa, Autor und Musikjournalist, fragte, was dieser Scheiß denn solle. Tatsächlich scheint sich Bob Dylan hier größte Mühe zu geben, möglichst schief zu klingen, aber wer dieses Album ernst nimmt und deshalb einen Verriss schreibt, der hat bestimmt auch CDs von Muse und Radiohead im Schrank und hält Lady Gaga für den Inbegriff der Innovation.
Ich kenne nun keine konkrete Aussage seitens Bob Dylans zur Bedeutung von „Self Portrait“, aber würde es, fragte man mich, schon aufgrund des Titels als Parodie ansehen. Und in der Tat dürfte es schwer sein, Bob Dylan besser zu parodieren als Bob Dylan selbst, unter anderem The Velvet Underground („Prominent Men“) sind daran gescheitert; wenn man nicht gerade „Weird Al“ Yankovic heißt, denn der kann das.
Natürlich muss die Stimme nicht jedem gefallen, und sie ist für Leute, die noch nie Bob Dylan gehört haben, wohl auch das Ungewöhnlichste an seiner Musik, die, fehlte der Gesang, zwar ausdruckslos wäre, aber wohl niemandem deutlich missfiele, aber sie ist doch ein prägendes Element gerade der genannten drei Alben. Während immerhin „All Along the Watchtower“ sich in Jimi Hendrix’ Coverversion bis heute größerer Beliebtheit erfreut als die vergleichsweise spartanische Urversion Bob Dylans und konsequenterweise die Inspiration für spätere Liveversionen darstellte, sind etwa der „Subterrenean Homesick Blues“ – für die VIVA-Klientel: das ist das Lied mit dem bekannten Video – oder „One Of Us Must Know (Sooner Or Later)“ nur schwerlich von Dritten interpretiert vorstellbar, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Den Charakter seiner, Bob Dylans, Musik macht aber nicht nur seine Stimme aus, gerade auch die Texte verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung, nicht umsonst hat ihn die Presse stellvertretend zum poeta laureatus, zum lorbeerbekränzten Dichter, ernannt, und das sicher nicht nur aus Versehen, sondern für die kryptische Bildsprache von Liedern wie „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues again“ (übrigens ebenfalls von „Blonde on Blonde“):
Grandpa died last week and now he‘s buried in the rocks
But everybody still talks about how badly they were shocked
But me, I expected it to happen, I knew he‘d lost control
When he built a fire on Main Street and shot it full of holes
20 Jahre nach Loudon Wainwright III nun und somit, wie üblich, als einer der Letzten erhebe ich meine Tasse Kaffee und sage, schreibe und wünsche:
Alles Gute, Bob Dylan!
Auf weitere 70 Jahre. Mindestens.
Eigentlich auch ganz schön:
Die Abende draußen mit Cocktail der Wahl und Eatliz‘ „Teasing Nature“ verbringen.
(Und dieses eine Mal ist mir der belanglose Text dann auch mal egal.)
Es gehört zum Wesen neuer Bahn brechender Erfindungen, erst verlacht, dann von den Vertretern etablierter Techniken für grundböse Hexerei erklärt zu werden und schließlich, oft erst Jahrzehnte später, auch diese Skeptiker zu überzeugen.
In welchem dieser Zustände sich gegenwärtig das Internet befindet, ist unklar. Die Meinungen schwanken zwar, aber auch diejenigen, die nicht auf der Seite der Gegner stehen, wissen: Das Internet ist böse. Es tummeln sich dort Großkonzerne neben Casinobetrügern, deren gemeinsames Ziel das schnelle Geld ist, Rücksicht gibt‘s nicht vor Ladenschluss. Die Möglichkeit, dass sich jeder frei äußert, liefert Zündstoff für Bürgerkriege. Plattformen wie Wikileaks gefährden das Bestehen der westlichen Welt. Nicht zu vergessen sind all die Kinderschänder, Raubmordkopierer und Terroristen. Hab ich schon Kinderschänder gesagt? Eins immerhin wissen wir: Osama bin Laden war nicht im Internet.
Diese schon oft gehörte Aufzählung ist natürlich ziemlich einseitig und somit fragwürdig. Auf der anderen Seite aber, dort, wo die netizens wohnen, sieht es auch nicht besser aus:
Die Zukunft läge in der Vernetzung, sagen sie, und es wäre gleichsam ein revolutionärer Akt, zu twittern und zu googeln und zu flättern und zu facebooken, hinweg über alle Grenzen und an der ungeliebten Regierung vorbei. „Wir gegen die“, die da draußen und wir hier drin oder auch andersherum. Wir haben alle Informationen in unseren Händen, offline war gestern, heute ist das neue übermorgen. Da muss man halt auch schon mal ein paar Kompromisse eingehen, aber es wird ja niemand gezwungen, sich Freunde zu suchen, die Unternehmen, deren Geschäftsgrundlage der Verkauf von Daten ist, nur allzu gern Auskunft über die eigene Person geben. Kollateralschäden im Vergleich zu all den neuen Möglichkeiten. Wir sind das Internet ist wir sind die Digitale Gesellschaft sind die anderen. Irgendwer nannte das mal Informationskrieg. Blöderweise bin ich Pazifist.
Machine, machine messiah;
the mindless search for a higher controller…“
- Yes: Machine Messiah
Eins aber möchte ich dann doch noch loswerden, bevor die Jahrzehnte vorüber sind:
Ein Staat, der ständig die Konfrontation den Dialog mit der „digitalen Elite“ zu suchen vorgibt, dessen Regierung podcastet und twittert, was das Zeug hält, und der somit das Internet beginnt als Mittel zur Selbstvermarktung zu entdecken, mag sich noch so progressiv vorkommen; so lange aber eine E-Mail nicht für rechtskräftige Dokumente taugt, ist die Schaumschlägerei vertane Zeit.
Da lese ich doch gerade bei Klopfer, dass tatsächlich eine Spieleschmiede einen Bauernhofsimulator – „mit Schäfer Heinrich“ – an den Mann bringen will. Absurde Vorstellung!
Immerhin sind die Ansprüche von Computerspielen in den letzten zwei Jahrzehnten sprunghaft gestiegen, von vereinzelten „Hä?“-Ausfällen wie etwa Minecraft einmal ganz abgesehen. Es genügt eben als Spielziel nicht mehr, einen Bauernhof zum Sieg zu führen. Man betrachte nur einmal andere aktuelle Spieletitel wie zum Beispiel Portal 2 oder, äh …
…, ich hab nichts gesagt, entschuldigt die Störung.
(Mit spätem Dank auch an V.!)
Auf den Babyblauen Seiten fand ich heute Nacht das Lucien Dubuis Trio, ein instrumentales Trio (ach was?) aus der Schweiz. Die drei Musizisten spielen einen Jazzrock, der dem Hörer die Gehörgänge freipustet. Im Falle des Zweitlings „Tovorak“ liest sich das zum Beispiel so:
Lucien Dubuis entlockt seinem Instrument die mannigfaltigsten Töne, die zu beschreiben keine Sprache der Welt genügend Wörter bereithält. In allen Variationen von Knurren, Brummen, Tröten, Quietschen und Zwitschern (tatsächlich!) wird das Saxofon malträtiert, und es würde mich nicht wundern, wenn es während der Aufnahmen geschmolzen wäre.
Gelegentlich greift Lucien Dubuis auch zur Kontra-Bassklarinette, ein Instrument, dessen Aussehen eher an ein Abflussrohr gemahnt – und das auch genau so klingt! Geradezu unterirdisch sind die brummenden, knurrenden, knarzenden Töne, die er damit hervorbringt, und die durchaus mal mit locker swingenden oder gar Reggea-artigen Rhythmen kombiniert werden. Eine originelle Mixtur!
Nun ist hier keineswegs ein Musiker auf Egotrip unterwegs, Dubuis‘ Mitstreiter sind alles andere als bloße Rhythmusgeber. Roman Nowka lässt den Bass rumpeln, pumpen, hüpfen und poltern, Lionel Friedli wuselt beständig über die Felle. Dabei haben es die drei nicht permanent auf halsbrecherisches Tempo oder ohrenbetäubenden Lärm abgesehen; zwar gibt es brachiale Attacken wie das punkig-aggressive Insomnie (dabei schläft man garantiert nicht ein!), das Trio hat aber auch leisere und langsamere Töne im Programm – nur dass diese genau so kantig, schroff und vertrackt aus den Boxen purzeln und die Trommelfelle des Hörers verknoten.
Die ersten beiden Alben, „Sumo“ und eben „Tovorak“, sind mittlerweile ausverkauft, dafür kann man sie gratis und legal von der Website der Band oder via eMule herunterladen. Wärmstens empfohlen!
Und da wir gerade bei Musik waren: Kürzlich hatte ich über das bis dato letzte Studioalbum von Yes berichtet, jetzt, zehn Jahre nach dessen Veröffentlichung, rattern die Nachrichtenticker quasi im Stundentakt und liefern Berichte über Neuigkeiten im Yes-Universum.
Die Geschichte von Yes war schon immer, King Crimson nicht unähnlich, von Besetzungswechseln geprägt. Einzig Bassist Chris Squire ist seit der Gründung 1968 ohne Ausstieg dabei und drückt der Musik der Band seinen charakteristischen Stempel auf. Rick Wakeman und Jon Anderson, beide Teil der „klassischen Besetzung“, sind bereits seit einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei, ersetzt wurden sie von Oliver Wakeman, Sohn des „großen Blonden“, und Benoît David, einst – ironischerweise – Sänger einer Yes-Coverband.
Nun dreht sich das Besetzungskarussell wieder. Wir erinnern uns an die Zeit nach „Tormato“, das 1978 veröffentlicht wurde: Wegen anhaltender schlechter Stimmung verließen Rick Wakeman und Jon Anderson Yes, während die übrigen Musiker an neuen Stücken arbeiteten. (Ähnliches passierte etwa zehn Jahre später, als „Anderson, Bruford, Wakeman & Howe“ sich von Yes trennten und ein vorzügliches Album aufnahmen.) Im gleichen Studio wie Yes musizierten auch die Buggles (Trevor Horn und Geoff Downes), die gerade mit „Video Killed The Radio Star“ einiges Aufsehen erregt hatten, und freundeten sich mit ihnen an. Als offensichtlich wurde, dass eine Reunion in absehbarer Zeit nicht stattfinden würde, übernahmen sie die vakanten Posten des Sängers und des Keyboarders. In dieser Besetzung nahmen sie das Album „Drama“ auf, das 1980 erschien. Die Buggles gingen wenige Monate später wieder eigene Wege, Yes fanden wieder zusammen, damit schien das Kapitel abgeschlossen; jedenfalls für drei Jahrzehnte.
Während der Aufnahmen zu „Drama“ war unter anderem ein Stück namens „We Can Fly From Here“ übrig geblieben, das zwar auf einigen Konzerten gespielt, aber nie für ein Studioalbum aufgenommen wurde. Das hat Chris Squire einige Zeit später auch bemerkt, und so rief er Trevor Horn, mittlerweile ein gefragter Musikproduzent, an und bat ihn, als Produzent an einer nun endlich geplanten Aufnahme des Stückes teilzunehmen. Zusammen mit einigen anderen Stücken, die laut Chris Squire allesamt um die sechs Minuten lang sind, entstand so ein ganzes neues Album namens „Fly From Here“, in dessen Zentrum nun das genannte Titelstück stehen soll. Der andere Buggle, Geoff Downes, hat inzwischen ohne dessen Wissen Oliver Wakeman am Keyboard abgelöst, während Jon Anderson und Rick Wakeman sich mit Trevor Rabin, ebenfalls ein Yes-Mitstreiter früherer Tage, anderweitig betätigen. („ABWH“ lässt grüßen.)
Eine von Yes‘ Stärken ist das Zusammenspiel von Steve Howe und Chris Squire. Rick Wakeman hat nach „Tormato“ sinngemäß gesagt, die Stimme von Jon Anderson sei das, was Yes ausmacht, und seinen Hut genommen. Das Ergebnis, „Drama“, ist das wohl meistgelobte Album der „späten“ Yes geworden. Nun also sind die Instrumentalisten von damals wieder vereint, ergänzt von einem wiederum neuen Sänger, den man auf Gruppenbildern sofort als Neuzugang erkennt. Wie das Ergebnis klingt? „Ein bisschen wie ‚Drama‘“, sagt Steve Howe, und spätestens im Juli wissen wir es genauer.
Auch überzeugte Vim-Nutzer wie ich beschränken sich ungern auf einen einzigen Editor, denn es gibt immer wieder Anwendungsfälle, in denen ein zweiter Editor gute Dienste leisten kann; sei es, um eine defekte Vim-Konfigurationsdatei zu korrigieren, sei es, weil man gerade an einer schrottigen Tastatur sitzt und somit ein GUI für zum Herumklicken hilfreicher ist als Vims Tastenkürzel, sei es aus Freude am Herumspielen mit neuer Software.
Diesen Platz nahm bei mir bisher Notepad++ ein, das weithin als bester kostenloser Texteditor für Windows-Systeme gilt, aber abgesehen von seinem umfassenden Funktionsumfang ein eher unauffälliges Programm ist, ohne Ecken und Kanten zwar, aber auch ohne visuellen Reiz. Auch bei uns Spartanern Puristen isst das Auge manchmal mit, selbst dann, wenn es nicht ums Essen geht.
Dann stieß ich bei Nils auf die ersten Testversionen des portablen Editors Sublime Text 2 und bin inzwischen so begeistert, dass Notepad++, jahrelang treues Arbeitstier, das Feld räumen musste.
Dass einige meiner Leser zwar mit Gängelsystemen wie Mac OS X oder Ubuntu Linux arbeiten (müssen), meiner Vorliebe für Vim aber bislang nichts abgewinnen konnten, ist mir bekannt. Erfreulicherweise ist Sublime Text außer unter Windows auch unter diesen Systemen verfügbar. Im Folgenden beschränke ich mich dennoch der Einfachheit halber auf die Bedienung unter Windows.
Als erstes fällt dem Benutzer vermutlich die Bedienoberfläche auf, die komplett anpassbar ist. Ich bevorzuge minimalistisches Aussehen ohne viel Schnickschnack, da passt es gut, dass Sublime Text mit einem Druck auf F11 wie viele aktuelle Webbrowser in den Vollbildmodus umgeschaltet werden kann. Aber auch im Fensterbetrieb ist Sublime Text vielseitig anpassbar, ob es nur um das Ausblenden der Menüleiste (mit Alt holt man sie wieder zurück) oder um ein völlig anderes Farbschema geht.
Auf diesem Bild zu sehen sind unter anderem die Möglichkeit, mehrere Dateien gleichzeitig (in Zeilen, Spalten oder als Gitter) anzuzeigen, und die „Minimap“, eine Art schnelle Übersicht darüber, wo in der Datei man sich gerade befindet, am rechten Fensterrand. Was optisch „fehlt“, ist die aus anderen Editoren bekannte Möglichkeit, Codeblöcke einzuklappen, aber da dies ohnehin normalerweise nicht automatisch geschieht, fällt dieser Verlust nicht ins Gewicht, zumal man ihn mit einem Plugin kompensieren kann. (Es existiert auch eine Möglichkeit, für die Einführung dieser Funktion zu stimmen.)
Apropos Plugins: Sublime Text 2 ist in der Sprache Python skriptbar, was den Editor theoretisch beinahe so mächtig und flexibel macht wie Vim. Einige Plugins, darunter auch eine Vim-Emulation, sind im Sublime-Text-Wiki beschrieben und herunterladbar. Dass Sublime Text 2 nebenbei noch von Haus aus mit Compilern wie javac „reden“ kann, ist beinahe schon selbstverständlich, aber bei all dem Funktionsumfang fühlt sich das Programm obendrein noch flink und flüssig an.
Ein Wermutstropfen bleibt: Sublime Text ist Shareware, eine Lizenz kostet derzeit stolze 59 US-Dollar, also ungefähr 40,75 Euro; Mengenrabatt gibt es im Zehnerpaket. Entwickler Jon Skinner betreibt jedoch eine kundenfreundliche Lizenzpolitik, die nicht lizenzierte Version ist momentan („currently“) weder zeitlich noch funktional eingeschränkt.
(Apropos hübsche Programme: Unter Windows spiele ich derzeit twitternd mit MetroTwit herum. Ein wenig träge, aber ein Augenschmaus und obendrein funktionsreich.)