Archiv für die Kategorie ‘In den Nachrichten’.

Wenn ich Nachrichten sehe, höre oder lese, muss ich darüber schreiben, sonst werde ich sauer.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt XCII: Die F.D.P. wird gebraucht, die Grünen sind grün.

Ach, heute ist ja wieder der Tag der Scherzbolde, an dem jedes alberne Portal versucht, krampfhaft lustig zu sein. Auf dem Blog „Pinguinzubehör“ etwa wird wieder mal die alte „Ubuntu wird kostenpflichtig“-Schiene befahren, und dass der dort genannte „Trick“, das Hintergrundbild fest einzukompilieren, dafür gar nicht nötig wäre, weil die GPL, unter der Linuxdistributionen gezwungenermaßen stehen, das Erheben von Lizenzgebühren ausdrücklich erlaubt, versteht sich von selbst. Wenn Aprilscherze nur nicht immer so offensichtlich wären…!

Trotzdem schreibe ich mal etwas, und weil es heute allzu offensichtlich wäre, gezielt ach-so-lustige Unwahrheiten zu verbreiten (reimt sich!), verlinke ich dafür nur mal kurz ein wenig Politik.

Obwohl das hier natürlich einen guten Aprilscherz abgäbe. Renate Künast – zum Leidwesen der Grünen weniger nervig als Claudia Roth – hat nämlich gesagt:

Wir Grünen haben ein inhaltliches Profil, da scheue ich die Debatte nicht.

Dieses inhaltliche Profil konkretisiert sie eindrucksvoll:

Welt am Sonntag: Erinnern Sie die Piraten an die Anfänge der Grünen?

Künast: Es gibt Parallelen, aber in einigen Punkten unterscheiden wir uns deutlich. Die Piraten sind nun die Neuen. Wir sind die Grünen.

Aber nicht nur die Grünen sind ein wichtiger Bestandteil des deutschen Parteiensystems, auch die F.D.P. ist relevant:

FDP-Landeschef Daniel Bahr sagte, die FDP müsse bei der Landtagswahl am 13. Mai dafür sorgen, dass die Liberalen in Deutschland eine starke Stimme bleiben. „Die FDP wird gebraucht.“

Eine „starke Stimme“ also; Hauptsache, laut krakeelen, wenn man schon mit leisen Worten niemanden mehr beeindruckt. Beeindruckend ist es aber, dass man in Nordrhein-Westfalen tatsächlich noch 395 stimmberechtigte F.D.P.-Mitglieder auftreiben konnte:

Lindner, der keinen Gegenkandidaten hatte, erhielt fast 100 Prozent der Stimmen – nämlich 394 von 395 gültigen Stimmen.

„Fast 100 Prozent“ ohne einen Gegenkandidaten ist natürlich auch eher ein „leck mich“ als ein „ich stehe voll hinter dir“ seitens der Basis; aber sei‘s drum.

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Kurz verlinkt XC: Freiheitsdiebe!

Hihi:

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat die Piratenpartei angegriffen. Die Piraten seien nur „Trittbrettfahrer des Engagements für die Freiheit und gegen einen überbordenden Sicherheitsstaat“ der FDP.

Ach so.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist, dies zur Erinnerung, die Frau, die gegen die Vorratsdatenspeicherung nichts hat, so lange sie „maßvoll“ angewendet wird. Das bürgernahe Engagement ihrer freiheitsliebenden F.D.P. ist auch sonst ziemlich beeindruckend:

Die FDP hat ihren Anfang des Jahres noch publikgemachten Widerstand gegen die Einführung des elektronischen Personalausweises aufgegeben.

Wegen des Kapitals halt:

Staat und Unternehmen hätten schon „erhebliche Summen“ dafür aufgewendet. Hätten die Liberalen die Reißleine gezogen, wäre ein „gigantisches Millionengrab“ entstanden.

Und so ein Sicherheitsstaat ist nicht im Interesse der F.D.P., weshalb Frau Leutheusser-Schnarrenberger es lieber unsicher mag:

Bei ACTA handele es sich um kein Einfallstor für Netzsperren, erklärte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Damit weist sie die Kritik von Gegnern des Handelsabkommen, das nach deren Auffassung die Einschränkung von Freiheitsrechten zufolge hat, zurück.

Nur, falls sich noch wer fragt, wieso es mit der F.D.P. so rapide bergab gehen konnte.

In den NachrichtenMusikalisches
“Rock and Roll can never die.“

Lustig: Sven Regener, der in seiner Freizeit zusammen mit der „Musik“gruppe „Element of Crime“ – dass ihm der Name nicht merkwürdig vorkommt, ist anzunehmen – so genannte „Musik“ am Computer zusammenklickt und damit anscheinend immer noch zu viel Geld „verdient“, hat was zum Thema Urheberrechte dummgesülzt. Mein Lieblingszitat:

Das einzig Coole am Rock‘n'Roll ist es, dass wir jede Mark (sic!), die wir bekommen, selber verdienen.

Noch ein paar lächerliche Zitate gibt es auf netzpolitik.org, und warum Sven Regener die Zusammenhänge in „seiner“ Industrie noch nicht verstanden hat, erklärt Fritz Effenberger. Zu meinem Lieblingszitat konnte ich aber nichts finden, was mich erschüttert, weshalb ich zu all den Beiträgen, die erläutern, warum Sven Regener ein langweiliger Typ ist, der scheußliche Musik macht, noch einen hinzufüge, in dem ich einfach mal was frage:

Ist das noch Rock‘n'Roll?

Dass das, was Element of Crime so fabrizieren, keiner ist, ist, meine ich, unstrittig. Aber stand Rock‘n'Roll nicht mal für Lebensfreude und Freiheitsdrang statt für den Stolz auf ein leidlich geregeltes Einkommen?

Herr Regener macht also (vermeintlich) Musik, die er eigentlich gar nicht mag, weil er damit Geld verdienen kann; und sagt dann weiter:

Die (Mark, A.d.V.) bekommen wir von Leuten, die sagen “Ja, das ist mir das wert. Ich geb’ 99 Cent aus für dieses Lied”. Das ist die Idee dabei. Das macht den Rock’n‘Roll groß.

Richtig, denn der Rock‘n'Roll basierte schon immer auf der Geldgier seiner Protagonisten und nicht etwa auf höheren, eher geistigen Idealen. Rockmusik entstand als Einnahmequelle und nicht als Akt der Rebellion, und erfunden wurde sie vom Fliewatüüt. Und deswegen macht Sven Regener nämlich „Musik“:

Aber es wird so getan, als wenn wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby oder so.

Ja – warum denn dann? Aus Leidenschaft wohl nicht, immerhin finden Sie Rockmusik ja auch eher doof. Auch sonst geht Ihnen das Verständnis von Musikentwicklung völlig ab:

Für die Leute zwischen 15 und 30 gibt es keine endemische Musik mehr. Die haben keine eigene Musik mehr.

Ich schon. Und Element of Crime zählt nicht dazu. Und wissen Sie, woran das liegt? Dieser radiokompatible Unfug ist zu beliebig, zu austauschbar. Da bleibt nichts hängen, womit man sich identifizieren kann – und sogar der Frontmann ist ein Unsympath.

Den Rock‘n'Roll aber, Herr Regener, kriegen nicht einmal Sie kaputt.

Aber keine Sorge: Kunst würde Ihnen niemand unterstellen.

In den NachrichtenPolitik
Ein Sieg über die Demokratie

Wenn‘s mit der Politik mal nicht mehr klappt, kann die Bundeskanzlerin immer noch im Kabarett reüssieren. Als die Bundesversammlung nämlich gestern überraschenderweise unter Ausschluss des Volkes den von CDU, CSU, den Grünen, der SPD und der F.D.P., die mal wieder an allem schuld ist, gemeinsam gestützten – ja, das Alter – Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt hatte, nannte sie das nicht etwa eine Farce, eine Unverschämtheit, oder einen Kompromiss, für den sich alle Beteiligten fortan schämen sollten, sondern quasi einen Sieg der Demokratie beziehungsweise:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach der Wahl von Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten vom einem guten Tag für die Demokratie gesprochen.

Demokratie – man weiß es – bedeutet ungefähr „Volksherrschaft“ und ist nicht deckungsgleich mit der Oligarchie („Herrschaft der Wenigen“). Andererseits war der erste Wahlsieg der NSDAP damals ja auch nach rechtlichen Maßstäben demokratisch.

Wo es Sieger gibt, gibt es immer auch Verlierer. Wenn also in diesem Fall die Demokratie gewonnen hat, so ist der Verlierer zweifelsohne das Volk, dessen Wille es nachweislich nicht ist, dass die Null-Prozent-Partei F.D.P. ihm einen der sonst doch eher wenig beliebten Neuen Rechten als Staatsoberhaupt beschert. – „Wahlen“ wie diese haben indes Tradition, im Heimatland von Angela Merkel und Joachim Gauck waren die Wahlergebnisse ja oft ähnlich vorhersehbar.

Die Demokratie jedenfalls hat „gewonnen“, sie bekommt eine angemessene Abfindung und darf in Rente gehen. Jetzt gelten hier andere Regeln – wie damals, als der 1940 geborene Joachim Gauck noch jung war.

Apropos Rente: 2010 sagte er im Alter von 70 Jahren gegenüber der „BILD am Sonntag“, es gebe „viele gute Gründe“ für eine Rente mit 67 Jahren. So recht überzeugt hat ihn das wohl selbst nicht.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXXVII: Rechtsfreier Raum. (Die unendliche Geschichte.)

Twitter machte mich soeben darauf aufmerksam, dass wieder mal der „rechtsfreie Raum Internet“ „wirksam“ „bekämpft“ werden soll:

Für Deutschland schlägt die Studie dennoch ein “vorgerichtliches Mitwirkungsmodell” vor, das aus einem zweistufigen Warnhinweissystem besteht. Der Provider soll einen Internetnutzer warnen, wenn er mutmaßlich illegales Material verwendet hat.

Ich mag die deutsche Sprache auch, weil ihre Pronomina so flexibel sind.
“Lieber Internetnutzer, wir haben mutmaßlich illegales Material verwendet. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Provider.“

Dass sogar der – leider immer noch an Facebook gebundene und somit nicht empfehlenswerte – Streamingdienst Spotify hierzulande in Zusammenarbeit mit der Musikindustrie betrieben werden kann, ohne, dass sie sich über die deshalb ausbleibenden CD-Verkäufe beschweren würde, wertete ich als Zeichen der Einsicht. Schade.

In den NachrichtenPolitik
Medienkritik extern: Hannes Stein, Joachim Gauck und der bösere Massenmord

Joachim Gauck hat in einer Rede die gute, alte Totalitarismusdebatte mal wieder angestoßen: Haben links und rechte Genozide eine andere moralische Grundlage, der eine vielleicht eine bessere?

Hannes Stein, Schreiberling auf Welt.de, bejaht das und führt dafür ziemlich eigenartige Belege an:

Die Liste der Künstler und Schriftsteller, die dem Kommunismus anhingen und Oden auf Stalin verfassten, ist lang. (…) Die Liste der erstklassigen Intellektuellen, die Anhänger der Nazis waren, ist kurz.

Und Intellektuelle irren sich eben nicht; wie auch Hannes Stein in all seiner Objektivität, wenn er weiter schreibt, dass zwar Sowjetunion und Deutsches Reich sich im Massenmord nicht viel nahmen, aber der sowjetische doch irgendwie humaner war, weil:

Aber es hat in der Sowjetunion nie eine so radikale Maßnahme wie die deutsche „Endlösung“ gegeben. Nicht einmal der „Holodomor“ hatte zum Ziel, sämtliche Ukrainer umzubringen. Außerdem bin ich nicht sicher, ob das Wort „Genozid“ hier ganz angebracht ist: Der Hungermord war nicht nur etwas, was Russen Ukrainern angetan haben.

Vielleicht sollte das beruhigend wirken, Axel B.C. Kauss sieht das anders:

Will Stein angesichts solcher Leichenberge auf den zwei Seiten ein- und desselben Irrationalismus (…) allen Ernstes nach mehr oder minder radikalem Massenmord unterscheiden, eine qualitative Bewertung aufgrund „gradueller“ Unterschiede in „Radikalität“ und „Systematik“ millionenfachen (!) Mordens vornehmen? (…)

Ich schaue auf zwei Massengräber, randvoll mit Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter. Da kommt ein Journalist des Weges und möchte mir erklären, die Millionen menschlichen Leben im lechten Massengrab seien radikaler vernichtet worden als die Millionen im rinken. Der lechte Genickschuss tötete grausamer als der rinke. Das systematische Verhungernlassen und Erschießen von Millionen rinks ist weniger radikal oder systematisch als Gas und Ofen lechts. Da bleibt mir nicht nur als historisch Interessiertem und Kundigem sowie als studiertem Philosophen, sondern zuvorderst als Mensch ganz einfach die Spucke weg.

Weil Massenmord halt besser ist, wenn wir nicht schuld sind; oder es halt wahllos und nicht systematisch passiert.
Typisch Springer-Verlag.

In den Nachrichten
Fackelzüge gegen Atombeleuchtung

Apropos Fukushima: Im Verlauf des heutigen Abends fanden vielerorts Lichterketten gegen Atomstrom statt, und ich hätte dann nach Begutachtung der eingehenden Erfolgsmitteilungen doch noch mal drei Fragen dazu, die ich, da ich die Drahtzieher gerade nicht ausmachen (nicht „ausmachen“ wie Atomkraftwerke) kann, einfach mal hier reinschreibe.

Frage 1:
Welche konkreten politischen Konsequenzen hat es jetzt, dass Fackeln tragendes Volk die Innenstädte blockiert hat, oder war der ganze Aufwand bloßer Populismus und wird folgenlos bleiben?

Frage 2:
Worin besteht der konkrete Zusammenhang zwischen

  1. dem Reaktorunglück im Atomkraftwerk Fukushima und dem „Schacht Konrad“ im ehemaligen Bergwerk Asse sowie
  2. Fackelzügen und Atomstrom?

Sollen die Fackeln signalisieren, dass die beteiligten Demonstranten auch ohne Atomstrom leben könnten, was ich bezweifle? Stehen sie metaphorisch für einen aufgebrachten Pöbel, der sich mit Gewalt Gehör verschaffen will? Sind sie bloßes Bild ohne tatsächliche politische Aussage dahinter?

Frage 3:
Ich erhielt über Umwege unter anderem folgende Ankündigung:

Wir melden uns dann wieder mit dem Termin zum „Treffen und Feiern danach“ und freuen uns, dann mal bei entspannterer „Tagesordnung“, auf euch.

Was genau soll da gefeiert werden – der Erfolg der Lichterkette? Wenn ja: Worin besteht er?

Ich brenne vor Vorfreude auf eure Antworten.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Medienkritik in Kürze: Three Eleven

Seit dem 11. September (2001, A.d.V.) ist die Welt nicht mehr dieselbe. Sogar Datumsangaben werden seitdem solidarisch US-amerikanisiert, selbst dann, wenn sie mit den USA nichts zu tun haben, sondern an besagtem Tag nur irgendein Ärgernis geschah.

Etwa anlässlich des Jahrestages – feiert man das eigentlich? – der Havarie des Kernkraftwerkes Fukushima am 11. März 2011, der das so genannte „Nachrichtenmagazin“ N24 heute dazu verleitete, folgende bescheuerte Überschrift zu wählen:

Japan gedenkt „3/11″

Dass Japan (valider, aber unnötig dramatisierender pars pro toto) „3/11″ gedenkt, halte ich für unwahrscheinlich, denn Datumsangaben werden in der japanischen Sprache nicht in US-amerikanischer Schreibweise getätigt; soll heißen, dass es gut sein kann, dass in den Vereinigten Staaten lebende Japaner „3/11″ gedenken, die in Japan lebenden Japaner aber vermutlich eher so etwas wie „3月11日“ – und weil keiner weiß, wie um alles in der Welt man das aussprechen soll, fasst man es im Deutschen einfach ganz anders zusammen: „Japan gedenkt dem Atomreaktorunglück von Fukushima“, notfalls (gemäß genannter Regel) „Japan gedenkt Fukushima“.

Dass man bei N24 lieber Englisch schwätzt, ist vor dem Hintergrund von Pearl Harbor besonders amüsant. Aber Solidarität geht vor – mit wem, ist ja dann auch egal.

(Mit Dank an L.!)

In den Nachrichten
Kurz verlinkt LXXXVI: Die Sucht nach Sozialem

Es ist schon merkwürdig: Fragt man ansonsten eigentlich weitgehend integre Mitmenschen, warum sie trotz all der Datenschutzbedenken bei Facebook angemeldet sind, so lautet die Antwort meist entweder, weil dort auch die eigenen, weit entfernt wohnenden Freunde angemeldet seien, oder, weil alle dort seien und man sich doch der Gesellschaft nicht verweigern könne. Aus diesen Gründen wird auch ein Wechsel zu Google+, Diaspora oder anderen Netzen stets abgelehnt.

Nun begab es sich, dass Facebook mancherorts für einige Stunden ausfiel, und nun ging alles ganz schnell:

Viele nahmen das Blackout mit Humor oder wechselten zur Konkurrenz Google+.

Denn lieber verzichtet man auf seine Freunde als auf die täglichen Katzenbilder und Frühstücksmemoiren, wenn man ein Mensch 2.0 und vollvernetzt ist.

Man will ja nichts verpassen im Leben.

In den NachrichtenPolitik
Bomben, wem Bomben gebühren

Im Jahr 2010 sorgte „Aaron“ König, damals Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei, für einen mittelschweren Eklat, als er die Bombardierung des Irans befürwortete – in der Folge nahm er seinen Hut und schloss sich der obskuren Kleinstpartei „Die Freiheit“ an (und sich wenig später wieder aus), was die deutschsprachige Bloggeria sehr begrüßte.

Andere gehen da etwas dezenter vor, immerhin haben sie nicht ohne Grund den Friedensnobelpreis erhalten, und postulieren ähnliches:

Obama verkündete nicht nur, wie sonst üblich, dass selbstverständlich „alle Optionen“ auf dem Tisch bleiben würden, also auch die militärische. Diesmal versprach er zugleich, dass seine Politik nicht auf „Eindämmung“ des Iran ausgerichtet sei, also nicht nur auf die Einhegung einer möglichen Atommacht Iran. (…) Ebenso deutlich aber teilte Amerikas Präsident seinen Zuhörern mit, dass die Zeit für einen Präventivschlag noch nicht gekommen sei.

Denn wenn hier einer Atombomben werfen darf, dann ja wohl die USA, und lieber auf den Iran als auf Israel, weil die US-amerikanischen Juden traditionell zu den Stammwählern der Demokraten gehören und man doch nicht seine Wähler verschrecken kann, obwohl man eigentlich gar keinen Wert auf sie legt: You can‘t be Pro-Obama and Pro-Israel.

Damit bleibt der Demokrat indes seiner Linie treu, immerhin hatte er bereits 2009 mit einer militärischen Lösung gedroht. Die Guten schießen immer zuerst.

Warum nun diejenigen, die seinerzeit „Aaron“s Fehlgriff zum Anlass nahmen, wochenlang auf den Piraten herumzureiten, nicht mit ähnlicher Vehemenz den Rücktritt Barack Obamas fordern, erschließt sich mir nicht. Aber in den USA hat man wohl nur die Wahl zwischen hardlinern und hardlinern, die sich eigentlich nur darin unterscheiden, ob sie ihre Kriegslust offen zugeben (Republikaner) oder nicht (die anderen).

Ein scheußlicher Präsident ist Barack Obama allemal.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt LXXXV: Religion macht Frauenfußball wieder interessant

Denn:

Der Fußball-Weltverband FIFA hat auf die Forderung der Vereinten Nationen reagiert und erlaubt islamischen Spielerinnen künftig das Tragen von Kopftüchern auf dem Platz.

Sollte diese vorläufige Entscheidung von Dauer sein, sind außer der längst umgesetzten Migrantenquote in der Nationalmannschaft noch weitere Szenarien denkbar, in Konsequenz auch die Erlaubnis, beim Spiel eine Burka zu tragen.

Und das würde ich mir dann wahrscheinlich sogar ansehen.

In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Was der so alles treibt!

Ach, „SPIEGEL Online“, da habt ihr so einen schönen Einleitungstext hinbekommen:

Gauck macht sich stark gegen die „braune Brut“: Der künftige Bundespräsident hat am Donnerstag mit Angehörigen der NSU-Terror-Opfer gesprochen. Bei der Begegnung telefonierte er auch mit dem türkischen Staatspräsidenten Gül. Den Rechtsextremismus verurteilte Gauck scharf.

Selbst mir als Nichtjournalisten fallen da auf Anhieb mindestens drei gute Überschriften ein; auf diese hier wäre ich aber nie gekommen:

Gauck telefoniert mit türkischem Staatschef Gül

Eine gute Überschrift sei das Salz in der Suppe des Journalisten, heißt es. Aber mit dem Salz sollte man es auch nicht übertreiben.

(Danke an L.!)

In den NachrichtenPiratenpartei
#Gruppe42, Piraten und Konzepte

Eines der Probleme, die das Konzept einer Partei mit sich bringt, ist es, dass früher oder später irgendjemand auf die Idee kommt, dass man auf alles zumindest eine Antwort haben müsste. Die momentane Entwicklung der Piratenpartei Deutschland hat einer der Gründer in einer E-Mail gestern auf den Punkt gebracht:

Im September 2006 entschlossen wir uns wohlüberlegt, eine Themenpartei zu gründen – in bewusster Abgrenzung von den Profischwätzern anderer Parteien, die von wenig eine Ahnung haben, aber zu allem einen kernigen Satz raushauen. Genau auf dem Kurs sind wir inzwischen.

Wir wollten eine Partei sein, die eigentlich nicht Partei sein wollte. Es ging bloß darum, dass die Parteistruktur Möglichkeiten eröffnet, die z.B. der CCC nicht hat. Dafür hat der CCC wiederum Möglichkeiten, die wir nicht haben. Der CCC kann von außen kompetent und sachlich einwirken, die Piratenpartei von innen verändern.

(…)

Die Piratenpartei hat sich schleichend zu etwas entwickelt, was mich nicht interessiert. Dumm sein kann ich allein, da brauche ich keine Partei.

(…)

Der aktuelle Höhenflug der Piratenpartei – über den ich mich prinzipiell freue! -, hat nicht zuletzt einen Grund: Wir sind oft genaus so hohlpopulistisch wie die anderen Parteien. Plötzlich erleben wir unsere Funktioniere im Smalltalk mit Günther Jauch über den Holocaust, ohne dass dabei piratige Positionen vermittelt würden. Mit Marina und Sebastian haben wir erstmals eine kamerataugliche Spitze, wohlgefallend am Bildschirm wie im Radio. Super eigentlich. Wir dürfen nur nicht vergessen, worauf es uns ankommt. Sympathisch sein und Volk einlullen?

Das sind klare Worte, aber sie sind sicher nicht zu hart gewählt. Der Spagat, den die Piratenpartei vollführen „muss“, ist ein weiter: Zum Einen besitzt ein Großteil ihrer Mitglieder nur ein eingeschränktes Interesse ebenso wie lediglich vollumfängliche Kenntnisse an beziehungsweise in wenigen Kernthemen, zum Anderen erwartet das Wahlvieh, an das sich ein Teil der Parteibasis mittlerweile anzubiedern versucht, eine Antwort auf alle Fragen, immerhin bieten diese alle anderen Parteien auch, und sei sie noch so wenig fundiert. Der Zwist zwischen Kernpiraten („Kernis“), deren Fokus auf den Gründungsthesen der Partei liegt, und Vollpiraten („Vollis“), die eine massentaugliche Allthemenpartei anstreben, ist mit Kompromissen nur unzureichend zu schlichten. (Warum jemand, der mit der Zielsetzung einer Partei nicht einverstanden ist, überhaupt zahlendes Mitglied wird, ist auch noch so eine Frage; wer sich um eine zukunftsfähige Gesellschaft bemüht, der tritt ja zum Beispiel auch nicht der CDU bei, nehme ich an.)

Um zu verhindern, dass in der Flut an neuen „Piratenthemen“ die Werte, für die der Name „Piratenpartei“ steht, nicht ertrinken, wurde in den vergangenen Wochen von ehemaligen Mitgliedern des Bundesvorstandes der Piratenpartei Deutschland und einigen weiteren Kernpiraten – insgesamt 42 von ihnen – die „Gruppe 42″ (wissenschon, die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest) ersonnen und gegründet, die sich dafür einsetzt, …

(…) dass der Gründungsgedanke der Piratenpartei — sowohl vom Umfang der Themen, als auch von ihrer Intention — in einer breiteren Piratenpolitik und im politischen Tagesgeschäft nicht nur erhalten bleibt, sondern weiter vertieft und in konkrete politischen Forderungen ausformuliert und umgesetzt wird.

In den Medien ist von einer „losen Vereinigung außerhalb der Partei“, einer Abspaltung also, die Rede; dabei spaltet sich niemand ab, sondern integriert sich bewusst. Die „Gruppe 42″ ist sozusagen eine innerparteiliche Opposition, analog zur „kommunistischen Plattform“ der Linkspartei vielleicht so etwas wie die „kernthematische Plattform“ der Piratenpartei Deutschland, die keinesfalls einen Graben schaffen, sondern vielmehr ein Forum für die Kernpiraten bieten soll, das in einer Phase wild wuchernder Programmerweiterung dringend vonnöten scheint, will man nicht diejenigen Piraten sich enttäuscht abwenden lassen, die einst Mitglied oder auch nur Sympathisanten wurden, weil jene Themen einmalig vertreten wurden und noch werden.

Damit steht die „Gruppe 42″ im Einklang mit der internationalen, von Skandinavien aus expandierten Piratenbewegung:

Wir sehen in der Piratenbewegung die einzigartige Möglichkeit eine neue Ära der Demokratie einzuleiten. Durch das Internet können alle Grenzen überwunden werden und die bereits begonnene Internetrevolution kann international fast uneingeschränkt vorangetrieben werden. Die Piratenpartei Deutschland ist einer der wichtigsten Antreiber dieser Zukunftsvision und sollte sich ihrer Bedeutung in der internationalen Piratenbewegung bewusst sein.

Von der Beliebigkeit, der politischen Normalität bleibt die Piratenpartei also weit entfernt. Die Presse allerdings sollte sich einmal entscheiden, was sie nun eigentlich propagieren will: Dass die Piratenpartei eine blöde Einthemenpartei und somit politisch irrelevant sei oder dass sie (wie seit Jahren) „kurz vor der Spaltung“ stehe, weil sie zu viele Themen vertrete – beides gleichzeitig geht halt nicht. Aber vielleicht sind meine Ansprüche an die Presse auch einfach nur zu hoch.

Ihre eigenen an sich selbst leider nicht.

In den Nachrichten
Medienkritik LXV: Die Netzgemeinde und wir

Eines dieser Ärgernisse, die den gesellschaftlichen Fortschritt in ein digitales Miteinander erschweren, ist ja dieses merkwürdige Selbstverständnis von Totholzjournalisten, die „das Internet“ für Google, Wikipedia, Facebook und Sascha Lobo halten und ansonsten stets eine Front herbeihalluzinieren, die nicht existiert: „Die im Internet“ und „die Gesellschaft“. Jüngster Spross dieser Wurzel ist dieser merkwürdige Artikel aus dem Hause Handelsblatt, der schon zu Beginn erfrischend daneben liegt:

Prominente Köpfe der Netzgemeinde behaupten, die Netzgemeinde gäbe es gar nicht. Weil die Mehrheit der Bevölkerung das Internet nutze, sei der Begriff überflüssig. Das ist falsch.

Das ist falsch.

Warum? Weil Autor Stephan Dörner das Internet nicht verstanden hat:

Auch meine Mutter nutzt das Internet – schon seit 1999. Sie schreibt E-Mails, kauft auf Ebay Reisen und liest Nachrichten auch online. Sie ist dennoch kein Teil der Netzgemeinde. (…) Weil der Begriff Netzgemeinde in der Regel eben nicht 74,7 Prozent der Bevölkerung meint, sondern diejenigen, die das Netz aktiv mittels Blogs und Twitter nutzen, um Ideen zu verbreiten und Kampagnen zu organisieren.

Ach so, Teil der „Netzgemeinde“ ist man nur, indem man bloggt oder twittert. Aktive Nutzer des Usenets etwa werden gänzlich ignoriert; „da ist ja gar kein blaues e dran, also ist das auch kein Internet“. (Schön wäre es ja, würde die Mehrheit des Volkes das Internet nutzen, aber sie beschränken sich weitgehend auf Mail und WWW und nutzen beide bevorzugt passiv.)

Dabei konnte das World Wide Web als wohl erfolgreichster Dienst des Internets überhaupt nur so groß werden, weil in seinen Anfangstagen bis zur „.com-Blase“ um die Jahrtausendwende herum ein Großteil seiner Nutzer gleichzeitig Produzenten waren. Das „Web“ ist ein Kommunikations- und kein statisches Informationsmedium.

Sicherlich ist das Definitionssache, aber das Wort „Netzgemeinde“ ist es ja auch: Bin ich Netzgemeinde, sind‘s meine Leser? Stephan Dörners Behauptung ist aber sogar nach seinen eigenen Maßstäben gänzlich Hirnbrei, denn man kann von Facebook halten, was man will, aber ich stelle die steile These auf, dass wirklich alle, die dort nicht nur als Karteileiche angemeldet sind, den Dienst zur Informationsverbreitung nutzen – wahrscheinlich (statistisch gesehen) auch Stephan Dörners Mutter.

Und da wird das Problem deutlich: Wo niemand außer Sascha Lobo „Netzgemeinde“ sein will, dort wird es schwierig, sie zu definieren. Warum überhaupt wird versucht, einen Sammelbegriff für diejenigen Internetnutzer zu finden, die nicht nur passiv Internet gucken, sie sozusagen als Sonderlinge zu kennzeichnen? (Im Internet (!) einen Artikel zu veröffentlichen, der Leute, die sich allesamt primär als Individuen betrachten und eine Unterscheidung zwischen „schreibt ins Internet“ und „nutzt das Internet“ prinzipiell ablehnen, pauschal als „die Netzgemeinde“ bezeichnet, ist übrigens auch nicht ganz frei von Komik.)

Die einzige Gemeinsamkeit derer, die die Medien als „Netzgemeinde“ bezeichnen, ist ein Internetanschluss, ob mobil oder stationär. Wenn das als Aufnahmekriterium genügt, ist „die Netzgemeinde“ ungefähr so sinnvoll wie „die Mineralwassergemeinde“.

Wer „Netz“ sagt, meint auch das Nichtnetz; oder, kurz und prägnant, eben auch: Netzgemeinde, Zeitungsgemeinde, Fernsehgemeinde, Faxgemeinde, Telefongemeinde, Gesprächgemeinde, Briefgemeinde, Höhlenmalereigemeinde my ass.

In den NachrichtenMusikalischesPolitik
Tom Waits – Rain Dogs

Jene, die mit meinen musikalischen Empfehlungen konfrontiert werden, attestieren mir mitunter ein fehlendes Gespür für die schöne Kunst und einen Hang zu möglichst Abstraktem. Dabei ist dem gar nicht so. Ich schätze jedoch Texte mit Tiefgang, eine extrovertierte Darbietung und komplexe Melodien.

Zum Beispiel „Rain Dogs“ von Tom Waits, enthalten auf dem gleichnamigen Album.

Hübsch, nicht? :)

(Mit spätem Dank an T.!)


Warum die F.D.P. am Wochenende nicht Philipp Rösler nominiert hat, sondern Carsten Maschmeyers persönlichen Freund Joachim Gauck, bleibt mir übrigens ein Rätsel, hat ersterer doch seine ihm offenbar von einer Mehrheit der Parteimitglieder zugetrauten Führungsqualitäten bereits erfolgreich unter Beweis stellen dürfen, immerhin gibt‘s die F.D.P. noch; aber sei‘s drum.