Archiv für die Kategorie ‘In den Nachrichten’.

Wenn ich Nachrichten sehe, höre oder lese, muss ich darüber schreiben, sonst werde ich sauer.

In den NachrichtenMusikalisches
Medienkritik in Kürze: Einer der „größten Stars der Welt“, Ausrufezeichen.

Eh, „SPIEGEL Online“!

Mit eurem unterirdischen „In-Ear-Kopfhörertest“ neulich, wo von dem eyecatcher-Bild oben – einen (etwa den abgebildeten) Shure habt ihr nicht mal getestet – bis zum Inhalt („Bässe [...] müssen eher als Tiefmitten bezeichnet werden“, hä?) so ziemlich alles Grütze war, hättet ihr es ja fast geschafft, euch für alles außer Fußball und Politik nachhaltig zu disqualifizieren (letzteres selbst, obwohl ihr keine Prozentrechnung könnt).

Das hier hat mich aber wieder versöhnlich gestimmt:

Sie kann nicht singen, wirkt verbraucht und hat die besten Jahre hinter sich: Endlich erfüllt Britney Spears die Anforderungen an eine Castingshow-Jurorin. (…) Produzent Cowell teilte dem Blatt mit, er sei „hoch erfreut“. Spears sei immer noch einer der „größten Stars der Welt“.

Weiter so!

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt IC: „Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um.“

Glück gehabt, sagt die Financial Times Deutschland:

Das bisschen Inflation können wir uns leisten

Denn trotz all der Rettungsschirme und der Managergehälter für Sesselfurzer in irgendwelchen Aufsichtsräten haben die Deutschen immer noch so viel Geld, dass wir uns eigentlich schämen sollten, bislang so tolle Werte vorzeigen gekonnt zu haben:

Zweitens kann sich die deutsche Volkswirtschaft eine gemäßigte Teuerung derzeit leisten. (…) [T]otale Stabilität der Preise ist nun mal kein Wert an sich.

Stabile Preise schaden sogar, nämlich dem Wachstum, und wo nichts wächst, kann man nichts ernten; und im Dienst des Wachstums sollten wir uns geehrt fühlen, mehr bezahlen zu dürfen, damit bald etwas wächst in den Kassen, wenn auch nicht in unseren.

Solange die Gesamtentwicklung in der Euro-Zone also noch unter Kontrolle ist, solange die Lohnforderungen und Preise nicht explodieren und solange Unternehmen wie Verbraucher nicht in Teuerungspanik verfallen – so lange muss Deutschland das Inflationsgerede nicht fürchten.

So lange sich keiner fürchtet, muss sich keiner fürchten. Dass der „FTD“-Artikel eine Reaktion auf die Furcht ist, lässt erkennen, wo hier das Problem liegt.

„Wir haben alles unter Kontrolle, Situation normal.“
– Han Solo

In den NachrichtenSonstiges
Medienkritik LXVII: SPIEGEL-Splitter / Facebook und keine Huren

Ei, was bin ich gerade amüsiert!

Anlass ist ausnahmsweise mal der dieswöchige SPIEGEL, den ich gleichfalls ausnahmsweise wieder einmal zu kaufen wagte. Die Titelgeschichte ist für einen datenschutzfreundlichen techie wie mich natürlich ein prima Argument:

Der SPIEGEL ist eines der Magazine, die auf ihrer Internetseite mehrfach für das eigene Facebook-Profil werben; allein auf der Startseite befinden sich gegenwärtig zwei voneinander unabhängige Verweise auf selbiges, außerdem ist jeder Artikel natürlich mit einem „Empfehlen“-Knopf ausgestattet – übrigens in der heftig umstrittenen Version. (Dass facebook.com gar nicht Facebook gehört, ist auch noch so eine Sache, über die sich gefälligst andere Gedanken machen sollten, zum Beispiel die zukünftigen Aktionäre Facebooks.)

Und dieser facebookfreudige SPIEGEL (Profilwerbung: „Täglich posten wir Texte zur Debatte und teilen Ihnen Neuerungen mit. Klicken Sie jetzt auf „Gefällt mir“ rechts oben, um unser Fan zu werden und mitzumachen!“, wobei das „Mitmachen“ wohl eine eher passive Tätigkeit umschreibt) feuert auf dem Papier aus allen Rohren und beschreibt Facebook – bedauerlicherweise nicht wörtlich – als ein neues Knuddels.de ohne Belang für geistig fortgeschrittene Menschen:

Sogar die kleine Melisa, 13 Jahre alt, (…) hat schon ihre Prinzipien. (…) [S]ie weiß auswendig, dass sie 367 Freunde (sic!) hat, und muss auch keine Sekunde überlegen, was sie morgens als Erstes macht: „Isch geh sofort Facebook.“

(…) Erwachsenen erschließt sich der Reiz des Online-Geplauders nur schwer: „Na, was machst du gerade?“ – „Ich sitze am PC und chatte mit dir!“ Was kann daran so unwiderstehlich sein?

(…) Das Liebgetue unter Mädchen ist epidemisch: Lang und länger werden die Ketten der Kommentare, immer noch eine „Hüpschee!“ und zwölf Herzchen dazu. (…) Jungs filmen einander auch nicht beim Shoppen; da sind die Stereotype noch ziemlich intakt. (…) Immer ist das Publikum im Blick: Wird es applaudieren? Bekomme ich auch genügend „Gefällt mir“-Klicks? 30 dieser „Likes“ sollten es schon sein, ab 100 kann man sich was einbilden.

(…) Sie haben ja sonst nichts: Heranwachsende ohne echte Aufgaben, an denen sie sich bewähren könnten. Da ist es kein Wunder, wenn sie sich in inhaltslosen Statuswettbewerben aufreiben.

Dabei hat man im Hause SPIEGEL eine ganz eigene Vorstellung davon, was „nötig“ ist im Leben:

Er macht dort (auf Facebook, A.d.V.) nicht mehr als nötig: Er plaudert mit den Freunden, verabredet sich über die Chat-Funktion.

„Nötig“ habe ich anders in Erinnerung.

Und aber jedenfalls: „Isch geh sofort Facebook“ – treffender hätte ich die Zielgruppe von SPIEGEL Online nicht darstellen können.


Bonuspointe: Der SPIEGEL berichtete ebenfalls über die ukrainischen Radikalfemanzen „Femen“ und findet Sätze wie diese nicht irgendwie befremdlich:

Das erste Mal zogen sie so im Sommer 2008 los. In Hurenkleidern gingen sie auf die Straße. „Die Ukraine ist kein Bordell“, schrien sie und hielten ihre Plakate in die Luft.

Die vom SPIEGEL als aufrechte Kämpferinnen für die Rechte der Frau dargestellten „Femen“ sind also Frauen, die sich wie Prostituierte kleiden oder gar (mittlerweile) nur noch in Unter- oder wenigstens Jeanshose auf die Straße gehen, um gegen das Klischee von der „Frau als Sexualobjekt“ zu demonstrieren. Demzufolge sollte man Vegetarier dazu ermuntern, mehr Fleisch zu essen, um gegen die Tötung von Tieren zu demonstrieren.

In Hurenklamotten gegen Prostitution, mit Bier gegen Alkoholkonsum. Prost Mahlzeit.

In den NachrichtenPolitik
Strahlende Sieger

Schleswig-Holstein hat gewählt, aber die vorab veröffentlichten Ergebnisse lagen doch daneben.

Eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse auf Grundlage der ZDF-Hochrechnung von 19 Uhr:

  • Einen „unglaublichen Erfolg“ (F.D.P.-Kandidat Kubicki) verbucht die F.D.P. mit 8,1 Prozent, was einem Zugewinn von minus 6,8 Prozent entspricht.
  • „Gewonnen“ (Sigmar Gabriel, SPD) haben SPD und Grüne (gemeinsam 43,5 Prozent), „vorne liegt“ aber (Jost de Jager, CDU) die CDU (30,8 Prozent). Tatsächliche Sieger sind also alle, denn zusammen haben sie 100 Prozent der Stimmen bekommen, was die klare Mehrheit ist.
  • Erstaunlicherweise hat SPD-Kandidat Albig erklärt, regieren zu wollen: „Im ARD-Interview machte Albig dann wenig später deutlich, regieren zu wollen.“
  • Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) wurde zum Wunschpartner von SPD und Grünen erklärt, ob er allerdings damit einverstanden ist, wird nicht erwähnt.
  • Die Piratenpartei liegt gleichzeitig vor (ZDF) und hinter (ARD) der F.D.P. und dürfte es somit als erste Partei in schulische Physikbücher, Thema „Schrödingers Katze“, schaffen.
  • Die Nichtwähler – etwa 44,4 Prozent – sollten darüber nachdenken, eine Partei zu gründen.

Heute ist Weltlachtag, und ich persönlich danke den schleswig-holsteinischen Wählern für ihren großzügigen Beitrag. Lachen ist gesünder als Politik.

In den NachrichtenMusikalisches
The Magnetic Fields – Andrew in Drag

Europäische Staaten tun endlich mal was gegen diese verdammten Ausländer:

Spanien setzt wegen des Treffens der Europäischen Zentralbank (EZB) in Barcelona das Schengen-Abkommen zur Reisefreiheit in Europa vorübergehend aus. Die Maßnahme gilt von Samstag bis zum kommenden Freitag. (…) Bereits in der vergangenen Woche hatten Frankreich und Deutschland erklärt, zumindest zeitweise das Schengen-Abkommen außer Kraft und Grenzkontrollen einführen zu wollen.

Demonstranten kommen also nur mit Reisepass nach Spanien: Kein Reisepass, kein Auspfeifen, so einfach ist das. Wer reisebefugt ist, der kann kein schlechter Mensch sein!

Und weil wir jetzt, statt wie geplant schwer bewaffnet – daher die Grenzkontrollen – zum Demonstrieren nach Spanien fahren zu können, zur Untätigkeit verurteilt sind, haben wir viel Zeit, das Album „Love at the Bottom of the Sea“ von The Magnetic Fields zu hören:

Schräg? Ja, ein wenig. Aber sympathisch schräg.
Und das passt ja dann auch ganz gut zu der Sache mit den Grenzkontrollen.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt XCVIII: Die falschen Gründe.

Über die kommende Grölball-EM, die in Polen und der Ukraine stattfinden soll, wird viel diskutiert, gerade auch deshalb, weil die Ukraine es mit Menschenrechten nicht so genau nimmt. Sogar der Bundespräsident, selbst aus einem Land stammend, in dem man Menschenrechte zwiespältig aufnahm, bleibt der Ukraine fern.

Dass ich die Spiele weder direkt noch indirekt verfolgen und daher auch nicht kommentieren werde, erwähnte ich bereits. STERN.DE (nur echt in Brüllbuchstaben) macht es sich aber zu einfach:

Soll die Politik wegen der Mísshandlung von Julia Timoschenko die EM-Spiele in der Ukraine boykottieren?

Nein.

„Die Politik“ soll die EM-Spiele in der Ukraine boykottieren, weil

Normalerweise halten sich deutsche Politiker von repressiven Staaten fern und verbietet sich selbst auch den Ölkauf bei vermeintlichen Bösewichten, um ein Zeichen zu setzen, im Fall der Ukraine dauert der Entscheidungsprozess etwas länger, ist halt Fußball.

Doof für den Iran, dass er keine Fußball-EM austragen kann (weil falscher Kontinent).

In den Nachrichten
Die radikale Verjüngungskur des ZDF

Das ZDF reagiert auf die bestürzenden Meldungen vom Rückgang der Zuschauerzahlen jeglicher internetferner Medien nicht etwa mit Flüchen und Schuldzuweisungen an die Piratenpartei, wie es zurzeit Usus ist, sondern mit tiefsinnigem Humor. Man wolle sich dort nämlich nunmehr verstärkt mit Jugendarbeit befassen, schrieb Susanne Klingner von der ansonsten unsäglichen „taz“ heute.

Wie diese Jugendarbeit im Detail aussehen soll? Nun, Intendant Thomas Bellut hat große, fast schon wahnwitzige Pläne:

Bis 2014 will der neue ZDF-Intendant Thomas Bellut das Durchschnittsalter der Zuschauer von 61 auf 60 Jahre senken.

Ui!

Nachdem Thomas Gottschalk (61, bald 62) das ZDF-Programm in absehbarer Zeit „vorerst“ verlässt, ist die halbe Strecke schon geschafft. Zwei Fragen drängen sich mir aber auf:

  1. Wie?
    Spekuliert Thomas Bellut darauf, dass Zuschauer über 60 Jahren nach und nach wegsterben? Da könnte er Glück haben. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass das ZDF-Programm in der Regel sterbenslangweilig ist. Oder will man künftig einen neuen Werbespruch führen – „mit den Zweiten kaut man besser“? („Sie sind zu alt für das ZDF!“ ist übrigens auch einer dieser Sätze, von denen ich nie vermutet hätte, dass sie jemals fallen würden. Worüber soll man sich denn jetzt noch lustig machen?)
  2. Warum?
    Ist man mit 60 Jahren ein besserer Zuschauer als ein Jahr später? Und: Braucht Deutschland einen weiteren Jugendsender?

Ich wünsche Thomas Bellut unabhängig davon, ob ich auf diese Fragen jemals eine Antwort erhalten werde, viel schnellen Erfolg: In vier Jahren ist er zu alt für seinen Sender, er sollte sich also ein bisschen beeilen.

(via @chriszim)

In den Nachrichten
“Natürlich hat das nichts damit zu tun.“

Ach, „WELT ONLINE“, etwas mehr Sorgfalt würde euch manchmal gut tun:

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik hat zu Beginn des vierten Prozesstages zum ersten Mal auf seinen rechtsextremen Gruß mit ausgestrecktem rechtem Arm und geballter Faust verzichtet.

Merkwürdig; so weit ich mich entsinne, bedeutet die geballte Faust am ausgestreckten Arm nicht etwa „Scheißjuden“, sondern ist ein Zeichen der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den USA, aber auf ausgestreckte Arme reagiert man in der Journaille eben immer ein wenig allergisch. Aber darum soll es gerade mal nicht gehen. Der Protagonist bleibt jedoch derselbe.

Anders Behring Breivik, seines Zeichens offenbar fanatischer Mörder diverser Personen in Norwegen, sollte man eigentlich wegsperren, heißt es. Nun stellte sich heraus, dass er gar nichts dafür kann:

Er gab an, sich vor den Anschlägen ein ganzes Jahr freigenommen zu haben, um das Computerspiel „World of Warcraft“ zu spielen. Er habe im Schnitt 16 Stunden am Tag vor dem Computer gesessen.

Wir folgern: Verbietet Computer! Da kann er sich herausreden, wie er will:

„Das war aber reine Unterhaltung, ein Hobby, und hatte nichts mit dem 22. Juli zu tun“, betonte er. Für seinen Anschlag habe er mit echten Waffen trainiert. Er sei mehrmals beim Schießtraining eines Vereins gewesen.

Denn wenn man einmal abwägt, ob ein Third-Person-MMORPG, in dem es im Wesentlichen darum geht, Fantasiefiguren plattzuzaubern, oder ein Schützenverein, in dem man professionell mit Dingen hantiert, die „bumm“ und bei Bedarf auch tot machen, nun den schädlicheren Einfluss auf eine offenbar nicht unbedingt gesellschaftsfreundliche Person ausübt, fällt die Entscheidung nicht schwer.

Denn wenn man vorhat, ein paar Leute über den Haufen zu schießen, sollte man stets berücksichtigen, dass man einen Ruf zu verlieren hat:

Auf das Computerspiel-Hobby habe seine Umgebung mit Entsetzen und Schock reagiert. „Ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich ein freies Jahr nehme, weil ich mich fünf Jahre später in die Luft sprengen wollte.“

„Also das mit dem Leutemetzeln ist ja in Ordnung, aber World of Warcraft? Der Junge braucht dringend einen Psychiater!“

Nein, natürlich hat das nichts damit zu tun.
Ausreden, alles Ausreden!

(Mit Dank an L.!)

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt XCVII: Wirtschaftsmächte mit Erfahrung

Also damit konnte wirklich – im Wortsinne – niemand rechnen:

Das krisengeplagte Italien bekommt seine Schulden nicht in den Griff.

Zum Glück hat Italien inzwischen einen erfahrenen Ministerpräsidenten, der weiß, wie man mit Finanzkrisen umgeht, immerhin ist das nicht seine erste:

Er ist internationaler Berater bei Goldman Sachs und Coca-Cola.

Und als Berater von Goldman Sachs „weiß“ man: Will man die reichen Bürger vor der Pleite bewahren, muss man zunächst die Banken fördern.

Die Banken in Spanien und Italien müssen sich immer mehr Geld bei den europäischen Notenbanken leihen, um ihre angeschlagenen Volkswirtschaften mit Krediten zu versorgen. (…) Laut Ifo stiegen die Schulden der italienischen Notenbank von Januar bis März demnach um 79 Milliarden Euro, allein 76 Milliarden Euro davon entfielen auf den März.

Wir sind gerettet!

Und damit wir nicht den Glauben daran verlieren, hielt die Deutsche Botschaft in Wurstschinken Washington es für relevant, ausgewählte US-Amerikaner danach zu fragen, wie sie Deutschlands Rolle in Europa einschätzen. Das Urteil fällt positiv aus:

Sowohl international als auch in der Euro-Krise spielen die Deutschen in den Augen der US-Bürger eine wichtigere Rolle als noch vor wenigen Jahren.

Denn das ist zurzeit natürlich das, was uns die größte Sorge bereitet: Was halten die Amerikaner von uns?
Und selbstverständlich hat das nichts damit zu tun, dass es um die Wirtschaft der USA nicht zum Besten bestellt ist. Die wollen nur unser Bestes.

Unser Geld.

In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Experten: „Erde keine Scheibe“

Ich weiß nicht, was mich als einen Internetexperten (ich besitze mehrere E-Mail-Adressen und bin somit vermutlich sogar deutlich überqualifiziert) daran eigentlich am meisten erschüttert:

Expertin: Internet ist nicht Auslöser für junge Amokläufer

Wahrscheinlich die Überschrift.

(Bonuspointe: Die benannte „Expertin“ ist laut heise.de übrigens Medienwissenschaftlerin Sabine Jörk. Klarer Fall: Niemand ist besser dafür geeignet, die Beweggründe jugendlicher Amokläufer zu ergründen, als eine Medienwissenschaftlerin.)

In den Nachrichten
Nazigurken

Der totale Krieg gegen Rechts geht weiter: Während sich Mitglieder der Piratenpartei Niedersachsen, angefeuert von sensationslüsternen Bloggern, inzwischen wochenlang gegenseitig vorwerfen, aus den jeweils falschen Gründen („Kampf gegen Rechts“ bzw. eben „Propaganda für Rechts“) in der Piratenpartei zu sein, ist man auf dem Land schon einen Schritt weiter. Die nächste Entnazifizierung muss nicht mehr in der Politik stattfinden, sie wird als Essensschlacht ausgetragen – du bist, was du isst. (Vegetarier sind also, vermutlich, überwiegend Kohlköpfe.)

Denn in einen deutschen Magen darf nie mehr politisch inkorrekte Nahrung gelangen, und damit sind ausnahmsweise nicht „Gürkinnen und Gurken“ gemeint. Reinen Gewissens darf nicht schlemmen, wer Massentierhaltung, genetische Experimente oder die falsche Gesinnung damit unterstützt. Moment, was?

Offenbar dräut uns in Zeiten steigender Beliebtheit von Biogemüse beinahe unabänderlich ein neues Deutsches Reich, wenn wir nicht endlich mit harter Hand durchgreifen gegen heimatverbundene Bauern, denn ein Gemüsekäufer trägt mit seinem Tun, ob gewollt oder nicht, seinen Teil dazu bei, dass der Gemüsebauer mit seinen womöglich, je nach persönlichem Standpunkt, fragwürdigen Ansichten (sei er nun F.D.P.-Mitglied, sei er Radiohead-Anhänger) ein zufriedenes Leben führen kann.

So kann es zum Beispiel auch mal passieren, dass man mit dem Kauf von Biogemüse auch die Kasse eines ehemaligen Funktionärs der NPD, der Partei von Holger Apfel (womit wir auch weiterhin beim Gemüse wären), zu füllen hilft, warnt die „Süddeutsche Zeitung“:

Im politisch unverdächtigen Biolandbau tummeln sich zunehmend Rechtsextreme. Und so landet neonazistisches Gedankengut, unschuldig grün verpackt, in der Mitte der Gesellschaft.

Klar; Natur- und Heimatschutz, ein beliebtes Thema von rechts außen, später zum Teil adaptiert von den „linken“ Grünen, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, aber Ernährung ist ein Grundbedürfnis des Menschen, und da hat Politik nicht viel verloren:

„Ich kann ja keine politische Grundhaltung zertifizieren, ich kann nur ökologische Anbaumethoden zertifizieren“, sagt [Biopark-Geschäftsführerin Delia] Micklich. „Nur wenn man die Partei verbietet, dann haben wir eine Handhabe gegen solche Leute.“

Frech von den Nazis – erst verderben sie einem den Stolz auf das Heimatland und jetzt kann man nicht mal mehr Gemüse kaufen, ohne sich rechtsradikaler Hetzpropaganda auszusetzen. Was sollen die Nachbarn nur denken, wenn man nichts ahnend an ihnen vorbeigeht und plötzlich schreit der Eisbergsalat „Heil Hitler!“ aus der Einkaufstasche? Jemand sollte etwas dagegen tun, bevor es zu spät ist und unsere gesunde Ernährung das Land ein weiteres Mal in den Abgrund stürzen wird. Immerhin hätten wir dann aber jemanden, auf den wir zeigen können.

Denn wer trägt an all dem die volle Schuld? Natürlich die „Süddeutsche Zeitung“ selbst, die in ihren Lesern jahrelang dermaßen Angst vor Genmais und dergleichen geschürt hat, dass ihnen letzten Endes nichts anderes übrig blieb als in den, nun, sauren Apfel zu beißen und fortan zu Braunkohl zu greifen. Lieber Nazigurken als Killermais.

Olles Naziblatt.

(Mit Dank an L.!)

In den Nachrichten
Kurz verlinkt XCVI: Religiöse Eiferer

Derzeit gibt es ein Riesenbohei, weil millionenfach kostenlose Ausgaben des Koran, übersetzt auf Deutsch (und somit nach streng muslimischer Auslegung keine Korane), unter das Volk gebracht werden. Das sollte an sich kein Problem sein, denn auf dem Papier besteht in Deutschland keine Staatsreligion, der Islam ist also hierzulande gleichwertig neben dem Christentum, Scientology und dem Pastafarismus einzuordnen, beachtet man einmal nicht die staatlichen Subventionen an die christlichen Kirchen sowie die christlich-kirchlichen Feiertage in den geltenden deutschen Kalendern.

Problematisch wird‘s eben, wenn sich zum Glauben und/oder Aberglauben eine große Portion Fundamentalismus gesellt, denn dann wird es kompliziert:

Jede Menge Kritik lässt sich indes gegen jene Gruppe anführen, die den Koran gerade so freimütig unters Volk bringt. Der Prediger Ibrahim Abu Nagie ist nach Überzeugung der Sicherheitsbehörden längst nicht jener harmlose Geschäftsmann, zu dem er sich gerne selbst stilisiert.

Sondern ein religiöser Eiferer, der jener wachsenden Zahl von Salafisten zuzurechnen ist, die einer strikten, brutalen und rückständigen Interpretation des Islam folgen. Einer Denkrichtung, die aggressiv auf Kritiker reagiert und grundlegende Menschenrechte in Frage stellt.

Daran sollten wir alle denken, wenn wir das nächste Mal mit dem Gedanken spielen, unseren Tag, unsere Gedanken und unser Radioprogramm lenken zu lassen von denen, die mit einer Denkrichtung sympathisieren, zu deren Schutz vor Kritikern es sogar ein eigenes Gesetz gibt (§ 166 StGB) und deren Vordenker grundlegende Menschenrechte in Frage stellen.

Zur nächsten Weihnacht dann.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt XCV: Liter/arisch anerkannt

Zum Thema Günter Grass‘ Israelkritik sei nunmehr alles gesagt, sollte man meinen; nur eben noch nicht von jedem, und es wird fleißig nachgelegt. Das ist natürlich auch irgendwie amüsant:

Die israelische Regierung legt nach: Günter Grass sei ein „antisemitischer Mensch“, schimpfte Innenminister Jischai, man müsste ihm den Literaturnobelpreis aberkennen.

Wir lernen zweierlei:

Erstens: Kritisiert man die Außenpolitik eines Landes, ist das ein Zeichen von Verachtung für die Staatsreligion. Kabarettisten wie Volker Pispers etwa sind folglich Antichristen, und man sollte ihnen jedwelche Auszeichnung nach ihrer Enttarnung wieder wegnehmen, um schlimmeres zu vermeiden.

Zweitens: Ein Literaturnobelpreis steht in unmittelbarem Zusammenhang zu jeglichen späteren politischen Äußerungen des Preisträgers, denn es ist undenkbar, dass jemand, der sich kritisch über die Außenpolitik anderer Länder äußert, gleichzeitig ein anerkannter Schriftsteller sein kann.

Eine mögliche Konsequenz lautet: Verkehrsdelikte sollten künftig mit lebenslangem Hausverbot bei ALDI geahndet werden, denn jemand, der sich nicht an die Verkehrsregeln halten kann oder will, sollte keinen Einkaufswagen mehr benutzen dürfen.

(Mit Dank an L.!)

In den NachrichtenPiratenpartei
Medienkritik LXVI: Diebe und Piraten

Ach, das ist ja allerliebst: 100 „Prominente“ haben sich zusammengetan, um gegen die Piratenpartei zu demonstrieren. Unter ihnen sind auch Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die wohl ihre F.D.P. gegen vermeintliche Fressfeinde zu verteidigen beabsichtigt, und, was mich ganz besonders amüsiert, Hans-Hermann Tiedje, ehemals Chefredakteur des Schmierblattes „Bild“.

Dieser Hans-Hermann Tiedje kam sich, wohl erfahrungsbedingt, offenbar nicht zu blöd vor, als er dieses Bonmot beisteuerte:

Wer im Internet klaut, der stiehlt! So einfach ist das. Die Piraten könnten ihr bisher ziemlich nutzloses Dasein sinnvoll entwickeln, wenn sie ihren Anhängern einen belastbaren Eigentumsbegriff vermitteln würden. Andernfalls werden sie sehr schnell einen neuen Namen bekommen: Partei der Diebe.

Wer klaut, der klaut – so eine brillante Hirnwichse hätte ich Herrn Tiedje beinahe nicht zugetraut. Blöd nur, dass man im Internet nicht klauen kann.

Wenn ich etwas stehle bzw. „klaue“, wechselt es den Besitzer. (Den Unterschied zwischen „Besitz“ und „Eigentum“ ist, hoffe ich, allgemein bekannt.) Wenn ich aber im Internet zum Beispiel ein Lied unerlaubt herunterlade, das vorher jemand hochgeladen hat, dann bemerkt der Initiator das nicht, er ist auch weiterhin im Besitz des hochgeladenen Stückes und kann sich sogar weiterhin Kopien davon anfertigen.

Das „Stehlen“ von Ergebnissen kreativer Tätigkeit mittels digitaler Reproduktion ist also kein „Stehlen“, sondern „Kopieren“. Wenn alle Diebe dieser Welt aber kopierten statt klauten, wäre ich als Pirat sogar ziemlich stolz auf diesen neuen Untertitel. Na ja; „Bild“ eben.

Von einem ehemaligen „Bild“-Chefredakteur – die „Bild“ ist das Medium, das gern mal Bilder von Tätern und/oder Opfern im Internet findet und vervielfältigt – einmal die Forderung nach einem „belastbaren Eigentumsbegriff“ – Zitat H.-H. Tiedje – zu lesen ist übrigens ein ziemlich surreales Gefühl. Wie aber muss ein Eigentumsbegriff aussehen, damit er dem Anspruch auf „Belastbarkeit“ genügt? Viel scheint nicht dazuzugehören, über den Terminus des „geistigen Eigentums“ echauffieren sich die 100 „Prominenten“ nämlich anscheinend nicht. (Warum anstelle wirklich Kreativer zahlreiche Schauspieler, Politiker und dergleichen zu Wort kommen, frage ich mich schon nicht mehr; ich vermute jedoch, es hat damit zu tun, dass viele von ihnen mit der Piratenpartei sympathisieren und das nicht den gewünschten Tenor hervorgebracht hätte.)

Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten dürfte: Wie wäre es mit geistigen Monopolrechten? Dass dies etwas anderes bedeutet als „geistiges Eigentum“, ist gut und richtig, denn eine bloße Umetikettierung wäre nicht zielführend:

Aber es ist ein Fehler, „geistiges Eigentum“ durch irgendeinen anderen Begriff zu ersetzen. Ein anderer Name könnte die Voreingenommenheit beseitigen, würde aber nicht das tiefer[gehende] Problem des Begriffes beseitigen: Überverallgemeinerung. Ein derart einheitliches Ding wie „geistiges Eigentum“ existiert nicht. Es ist eine Illusion, die nur deswegen eine kohärente Existenz zu haben scheint, weil der Begriff selbst dies nahelegt.

„Geistiges Eigentum“ suggeriert eine Anwendbarkeit des materiellen Eigentumsbegriffs auf immaterielle Güter. (Kann man Eigentümer einer Idee sein?) Gegen geistige Monopolrechte aber hat niemand etwas, auch niemand aus dem bösen Internet, das voller Diebe steckt. Aber wenn man anfinge, darüber ernsthaft nachzudenken, statt alles zu tun, um mal wieder in einer Zeitung zu stehen, erkännte man womöglich, dass die mit dem nutzlosen Dasein in den vergangenen Jahren produktiver waren als man selbst in einem Jahrzehnt.

Natürlich stellt jede Partei Forderungen, die einer bestimmten Menschengruppe jeweils nicht passen; natürlich gibt es viele Gründe, die Piratenpartei zu kritisieren, wie es sicher auch viele Gründe gibt, zum Beispiel die CDU zu wählen (und sei es nur die große Wahrscheinlichkeit auf den Wahlerfolg). Es aber derart laienhaft zu tun erreicht das Gegenteil des Gewünschten. Es mag gerade en vogue sein, die Piratenpartei blöd zu finden, aber nicht jede Chance sollte man ergreifen.

Zöge Natalie Portman sich für den „Playboy“ aus, bekäme sie vermutlich viel Geld und Anerkennung, täte ich es, würde dies wohl eher ungern gesehen. Ihr versteht, worauf ich hinaus will?

Das wundert mich nicht.

(Auf den Rest des „Handelsblatt“-Kuriosums geht, etwas ausführlicher, auch Thomas Knüwer ein; ich empfehle, dort weiterzulesen.)

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Kurz verlinkt XCIII: Netzvereinsmeierei

Nach der „Digitalen Gesellschaft“ und dem SPD-nahen Verein „D64″ hat es jetzt auch die CDU geschafft, einen eigenen Internetverein zu gründen. Er heißt „CNetz“, aber was schert sich so ein CDU‘ler schon um etablierte Markennamen?

SPIEGEL Online so:

Die Netzpolitiker der Union organisieren sich. Unter dem Namen CNetz haben sich Abgeordnete und Sympathisanten zu einem Verein zusammengeschlossen, um „bürgerliche und verantwortungsvolle“ Netzpolitik zu machen. Es ist auch eine Reaktion auf den Erfolg der Piratenpartei.

Es ist merkwürdig, dass die NPD noch nicht die gleiche Idee hatte. Immerhin ist ein Ziel der Piratenpartei erfüllt: Netzpolitik für die Bürger ist in der Politik angekommen und kein Nischenthema mehr. Was aber unterscheidet das „CNetz“ nun von den anderen Netzvereinen?

Nun:

Das christliche Menschenbild, eine der Grundlagen der im Grundgesetz niedergelegten Werte, stellt den zur Freiheit berufen Menschen in den Mittelpunkt. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, die Menschen dazu zu befähigen, dieser Freiheit mit Verantwortung gerecht zu werden – gerade in der digitalen Gesellschaft.

Das christliche Menschenbild hat unter anderem einen Papst hervorgebracht, der jedem römisch-katholischen Christen sein Sexualleben vorzuschreiben pflegt; Freiheit, die ich meine.

„Verantwortungsvolle“ Netzpolitik bedeutet andererseits dann eben auch keine völlige Freiheit ohne großes Aber. Was „CNetz“ genau fordert? Das geht daraus nicht hervor. Mir schwant jedoch Böses.


Nachtrag von 22:33 Uhr:

Twitterer „Guenter Hack“ schrieb:

Eine wirklich konservative Netzpolitik müsste dafür sorgen, dass alles so bleibt, wie es in der guten alten Zeit gewesen ist. Also: Netzneutralität sicherstellen, Spitzel und Abmahner raus, Netzsperren verunmöglichen, Spammer eintüten. Schon bin ich konservativ.

So oder so: Die CDU kann sich hier nur verheben. Entweder gibt sie ihr Profil auf und wird progressiv und zerstört so das Internet, oder sie bleibt ihrer Linie treu, bleibt konservativ und zerstört trotzdem das Internet. Ich darf mich wiederholen: Mir schwant Böses.