Netzfundstücke
Strukturwandel: Christoph Kappes hat sich im semantischen Web verlaufen

Und dann ist da noch Christoph Kappes, Geschäftsführer der mir völlig unbekannten Gesellschaft „Fructus”, die wahrscheinlich irgendwas mit Obst macht, der aber trotzdem in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft” des Deutschen Bundestages herumsitzt und also bestrebt ist, der Bundesregierung das Internet mal so richtig durchzuerklären. Was ihn zu einem Sachverständigen macht, wüsste ich nur allzu gern, aber Dieter Gorny, Gründer von Viva, gehört der Kommission ja ebenfalls an, was die Messlatte schon recht niedrig legt.

Dieser Christoph Kappes nun hat gestern was gebloggt, nämlich eine ausführliche Stellungnahme als Antwort auf Fragen zum Thema „Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation”, also inwiefern das Internet politische Schwerpunkte und Interessen in und aus der Gesellschaft beeinflusst und/oder andersherum, und ich möchte die Pointe schon mal vorwegnehmen:

Ich bin sehr gespannt, ob man mich für einen Spinner hält.

Ja.

Denn seine Prämisse ist schon falsch: Keinesfalls geht er auf den momentanen Stand der Gesellschaft ein, sondern denkt sich ein „Szenario 2020+” aus. Die Begründung dafür lässt mich darüber sinnieren, ob Christoph Kappes so ein Internet überhaupt schon mal selbst gesehen hat:

Da ich wissenschaftliches Material auf heutigem Stand nicht für aussagekräftig halte (das Internet ist ein Embryo, die Beteiligung noch schwach, was sollten wir da messen?), habe ich auf ein Szenario 2020+ spekuliert.

Lassen wir das mal eine Weile auf uns wirken: Das Internet sei ein Embryo und die Beteiligung schwach, behauptet hier ein so genannter „Sachverständiger”. Der Dunning-Kruger-Effekt ist immer wieder faszinierend. Die Beteiligung im Internet ist so schwach, dass diverse – erfolgreiche – Revolutionen der vergangenen Jahre vor allem wegen dort möglicher Koordination regen Zulauf fanden; sie ist so schwach, dass sogar Christoph Kappes als Durchschnittsbürger ein eigenes Weblog hat, sogar mit schicker .de-Adresse. Das Internet ist obendrein derart embryonal, dass sogar der CDU-geführte deutsche Bundestag es sich nicht nehmen lässt, eine Kommission einzurichten, die jahrelang über das Internet diskutiert. Dieses Internet wird sich wohl nie durchsetzen.

„Das Internet? Gibt’s den Blödsinn immer noch?”
– Homer J. Simpson, c/o „Die Simpsons”

Das gesamte „Szenario 2020+”, das ich mir einmal hier zu spiegeln erlaubt habe, falls es in den nächsten Tagen zufällig verschwinden sollte, enthält noch mehr solcher illustrer Scherze. Kleine Ungenauigkeiten, etwa die Behauptung, das „Social Web” gebe es erst seit fünf Jahren (MySpace wurde 2003 gegründet, Friendster schon 2002), will ich hier ausnahmsweise einmal weitgehend unbeachtet lassen, es sind einfach zu viele.

Große Ungenauigkeiten sind da schon interessanter; so schreibt Herr Kappes etwa:

Das Semantic Web, Internet of Things, Social TV, Social Commerce, Automatisierung und Agenten werden neue Nutzungsmöglichkeiten bieten, die grundlegend anders als die heutigen Möglichkeiten sind.

Weitgehend leere buzzwords wie Automatisierung und das „semantische Web” werden hier als Gegensatz zu den „heutigen Möglichkeiten” dargestellt, dabei nehme ich an, von beiden Nutzungsmöglichkeiten wird in acht Jahren schon keiner mehr sprechen, denn Automatisierung (etwa ifttt) ist bereits jetzt etabliert und somit langweilig geworden, das „semantische Web” kränkelt noch daran, dass es verschiedene konkurrierende Standards für seine Implementierung gibt, und somit ist sein „Nachfolger” wahrscheinlich zementiert, bevor man sich endlich auf einen Standard einigen konnte. Dass sich bis dahin irgendetwas grundlegend ändert, bezweifle ich währenddessen.

Christoph Kappes des Weiteren so:

Tagesnachrichten werden von Google und anderen Aggregatoren direkt von Nachrichtenagenturen lizensiert und in ihren Produkten vollständig angezeigt; die Bedeutung nationaler Publikationen von deutschen Verlagen sinkt.

Ganz schön gewagt, diese These. (Google News hat seit mehreren Jahren Lizenzverträge mit großen Nachrichtenagenturen, und seit mindestens 2006 bemühen nationale Zeitungsverlage, zunächst in Belgien, bereits Gerichte, weil sie um ihre Haupteinnahmequelle bangen.) – Dabei schreibt er:

Dies alles sind keine Utopien, sondern realistische Einsatzmöglichkeiten. Die Technik dafür ist längst da – und sie wird genutzt werden, weil dies aus der Ziel-Logik der jeweiligen Akteure folgt.

Utopisch ist bereits Gegenwärtiges natürlich nicht; utopisch ist allenfalls die Vorstellung, im Jahr 2020 hätten nationale Zeitungsverlage überhaupt noch eine nennenswerte Bedeutung. Na ja, in Bundestagskommissionen ist man eben manchmal ein wenig langsamer. Aber weiter im Text:

Ein Spezifikum des Internets ist, dass seine Inhalte im Unterschied zu herkömmlichen Massenmedien jederzeit abgerufen werden können und über verschiedene Mechanismen (Suchmaschinen, Links, Tagging) stark miteinander verwoben sind.

Ein Spezifikum von Regierungen ist es, dieses Spezifikum des Internets zum eigenen Machterhalt zu untergraben. Die deutsche etwa versucht regelmäßig politische „Reformen” wie die Novellierung des JMStVs (mit „Sendeschluss” für deutschsprachige Internetseiten) durchzusetzen und sorgt dafür, dass große deutschsprachige Suchmaschinen wie Google gezwungen sind, bestimmte Inhalte eben nicht abzurufen und zu verweben, denn nationale Gesetze kennen keine nationsbefreiten Zonen; die Chinesen können ein Lied davon singen (und dazu Kontrabass spielen). Internationalisierung und Globalisierung schön und gut, aber deutsch muss eben deutsch bleiben.

„Heil, Heil, Heil!”
– Die Ärzte

(Und das mit dem „jederzeit abrufen” haben die Befürworter von Internetsperren wohl bis heute nicht verstanden.)

„Möglich” und „bekannt” sind übrigens, Herr Kappes, zwei völlig unterschiedliche Dinge:

Schon bei Einzelangeboten wie Faz.net oder Spiegel Online ergibt sich kein gutes Bild, welche Themen diskutiert werden; eine Gesamtsicht über alle Angebote ist erst recht noch nicht möglich.

Wer wissen will, worüber das Internet gerade so spricht, der kann zum Beispiel die derzeitigen Twitter-Trends – sogar nach Land und zum Teil Region filterbar – ansehen; dass nicht jeder Bürger Twitter nutzt, ist unabhängig von dem Umstand, dass Twitter so repräsentativ ist wie sonst nur wenige Webdienste, aus jeder möglichen sozialen Gruppe, von Twitternichtnutzern abgesehen, setzt sich seine Benutzerschaft zusammen. Aber woher sollte das ein Sachverständiger auch wissen?

Wahrscheinlich liegt das daran, dass er nicht mal einen eigenen Internetanschluss besitzt, denn dass die Internetnutzung selbst kostenlos ist, lese ich gerade zum ersten Mal:

Mit dem Internet ist es sehr leicht und kostenlos geworden, sich zu organisieren.

„Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht.”
– Elias Schwerdtfeger

Fremdwörter kann Christoph Kappes aber auch nicht:

Im Ergebnis nimmt der Bürger nicht mehr „teil an etwas“ als einem von ihm getrennten Gefüge, sondern er ist selbst Teil dessen, an dem er partizipiert.

Ach so: Der Bürger nimmt nicht mehr teil, sondern er partizipiert, nimmt also teil und ist somit ein Teil eines Gefüges, und so schwindet der Mehrwert des Ergebnisses auf eine Masse, die kleiner ist als der Balken der F.D.P. in Hochrechnungen für anstehende Wahlen, aber es genügt anscheinend, viel schwafeln zu können, um in Kommissionen berufen zu werden – mit so etwas wie Ergebnissen war ohnehin nicht zu rechnen. Immerhin ist Christoph Kappes im Grunde ein ehrlicher Mensch:

Zu diesem Thema (Vorteile, Trends und Perspektiven der Informationsfreiheit, A.d.V.) bin ich kein Experte.

Wenn er doch nur die Finger von allem lassen würde, worin er kein Experte ist! – Andererseits empfinde ich gerade Freude dabei, mich mit seinem Dilettantismus zu befassen, und werfe ihn ihm daher nur bedingt vor. Zumal er manchmal lichte Momente hat:

Das Internet der Blogs wird vor allem dazu genutzt, sozialadäquates Verhalten unter Gleichrangigen auf Augenhöhe auszuhandeln.

In anderen Worten: In Blogs kommunizieren Blogger mit Bloggern über Blogger. Stimmt, und deswegen ist dies hier kein Blog; aber worauf will Christoph Kappes hinaus?

Offenbar darauf, dass er immer noch Ist und Soll verwechselt:

Die heutige „Netzgemeinde“ wird vor allem beeinflusst von einer überschaubaren Gruppe gebildeter und diskursfähiger Berufskommunikatoren. (…) Wie aufgeklärt der Aktivismus aus dem Netz sein wird, ist heute ungeklärt. Es spricht vieles dafür, dass sich im Internet mehr und mehr alle gesellschaftlichen Gruppen wiederfinden und diese es für ihre politische Tätigkeit nutzen.

Eine inhomogene Gruppe, die hier einfach mal als „Netzgemeinde” (immerhin in Anführungszeichen) pauschalisiert wird, wird beeinflusst von „Berufskommunikatoren”, ohne, dass ersichtlich würde, was ein „Berufskommunikator” sein soll. Ich bin aber davon überzeugt, dass zum Beispiel Anonymous nicht deshalb existiert, weil die Mitglieder von „Berufskommunikatoren” dazu verleitet wurden. (Ist ein Supermarktangestellter nicht auch bereits ein „Berufskommunikator”?)

Mit dem „Aktivismus aus dem Netz” hätte man sich ja im Vorfeld befassen können, der Ruf „Occupy!” ist noch nicht allzu lange verhallt, und Anonymous ist nach wie vor rege aktiv, aber so bleibt er eben ungeklärt; das erspart Herrn Kappes vielleicht ein wenig Recherchearbeit (oder wenigstens den Blick in ein relevantes Nachrichtenmagazin seiner Wahl). – Insofern ist es bemerkenswert, dass ihm zumindest aufgefallen ist, dass im Internet nicht nur Blogger und „Berufskommunikatoren” ihr Unwesen treiben, sondern durchaus auch normale und leider auch weniger gebildete Menschen.

Und die sitzen anscheinend überwiegend in irgendwelchen Ausschüssen für den Bundestag und schreiben viel zu lange Texte über Dinge, von denen sie Ahnung zu haben glauben. Wenn Sachverständige heute kein Sachverständnis mehr benötigen, ist vielleicht auch das ein Zeichen von sich wandelnden gesellschaftlichen Umständen. Jeder kann heute politisch aktiv werden, jeder kann heute ungestraft Blödsinn in das Internet schreiben, jeder kann heute teilnehmen, ohne teilzunehmen.

Ich denke mir meinen Teil.

Willkommen im Internet, Herr Kappes!

Senfecke

Bisher gibt es 10 Senfe:

  1. pah, das ist aber doch alles ziemlicher Kappes…

  2. Das Kap der guten Hoffnung ist dann wohl verloren.

  3. Klarmachen zum Kapern!

  4. ich glaube deine Kaper-taste hängt.

  5. Ich mag Kapern, die sind sehr gesund.

  6. das ist doch alles ein abgekapertes Spiel!

  7. Karpfen sind auch toll. Christoph Karpfen.

  8. Joschka Karpenfänger?

  9. Bauernfänger höchstens.

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