Archiv für Januar 2012

MusikalischesNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXX: Edison und die abscheuliche Musik

Forscher haben zwischen anderen alten, verrauschten Aufnahmen eine alte, verrauschte Aufnahme von Otto von Bismarck entdeckt, der dem von Thomas Alva Edison erfundenen Phonographen etwas vorgesungen hatte. Für Historiker sicher recht interessant, musikalisch auch besser als das, was die Hirne der Radiohörer heutzutage so weichkocht. „Paraaaa, Paraaaa, Paradise!“, entschuldigt mich, ich werde kurz kotzen gehen.

Folgt ihr so lange dem Verweis zur Aufnahme, so landet ihr auf der Internetpräsenz des National Park Service, der noch mehr solcher Aufnahmen – zum Teil ebenfalls musikalischer Natur – bereithält. Darunter befindet sich auch eine Aufnahme des Komponisten Arthur Sullivan, der nach einer Präsentation des Phonographen etwas gestelzt zu Protokoll gab:

(…) I am astonished and somewhat terrified at the results of this evening‘s experiment — astonished at the wonderful power you have developed, and terrified at the thought that so much hideous and bad music may be put on record forever.

Frei übersetzt:

(…) Ich bin überrascht und etwas erschreckt über die Ergebnisse des Experiments dieses Nachmittags — überrascht über die wundervolle Kraft, die Sie entwickelt haben, und erschreckt ob des Gedankens, dass so viel abscheuliche und schlechte Musik auf ewig auf eine Aufnahme gelangen könnte.

Kassandra? Rasputin? Nostradamus? Alles kalter Kaffee. Die düstere Prophezeiung des Arthur Sullivan wurde schreckliche Wirklichkeit und hat den Propheten bis in die Gegenwart überdauert.
Wo bleibt eigentlich dieser verdammte Weltuntergang?

(Indirekt: Danke an L.!)

Nerdkrams
Siris Erben

Das iPhone 4S („for ass“) hat als nennenswerten Kaufgrund „Siri“ spendiert bekommen, eine nervige Version der Google-Sprachsuche von Android-Mobiltelefonen. Ob man iPhone-Nutzer nun darum beneiden sollte, dass sie für den lachhaften Preis von ein paar hundert Kröten die technische Grundlage für etwas kaufen dürfen, was in der Regel eher mäßig funktioniert und die Benutzer in der Öffentlichkeit wie Geistesgestörte wirken lässt, wenn sie Selbstgespräche zu führen scheinen, weiß ich nicht – sie um Siri zu beneiden ist jedenfalls schon längst nicht mehr nötig.

Wer nämlich ein Android-Gerät – Android „2″ genügt völlig – sein eigen nennt und wem bei der mitgelieferten Sprachsuche die von Apple beworbene Semantikerkennung fehlt, der muss nicht viel Geld in ein iPhone 4S stecken, sondern kann sich mit Alicoid (99 ct. im Android Market) oder Alice (preisfrei ebendort) behelfen.

Der Name kommt early adoptern wahrscheinlich bekannt vor, gab es doch schon seit 1995 verschiedene Entwicklungen dieses Namens, am Bekanntesten wahrscheinlich ist die „Alice“-Version für ICQ. Diese diente sozusagen als Anrufbeantworter für den Sofortnachrichtendienst und konnte eingehende Nachrichten mehr oder weniger sinnvoll beantworten.

Die wirkliche Neuerung von Siri ist der Server, über den die Kommunikation, vom Benutzer unbemerkt, stattfindet. Siri selbst ist anscheinend ziemlich blöd, die Routinen auf dem Server ziemlich mächtig. Komponenten, um Siri nachzubauen, sind also eine einfache Spracheingabe mit der Möglichkeit, Datenaustausch mit einem Server zu betreiben, der sie dann nach Belieben auswertet, und eben dieser Server.

Google hat Server, genauer gesagt: Google hat zurzeit acht Rechenzentren. Was Google dank seiner Suchmaschine außerdem hat, ist das Wissen, wie man Texteingaben so lange umformuliert, bis irgendetwas ganz anderes dabei herauskommt, was ein Algorithmus verstehen kann – semantische Suche ist also kein Problem. Seit dem 9. Juni 2010 ist es in deutscher Sprache möglich, Google-Suchanfragen per Mikrofon durchzuführen. Was noch zur Siri fehlte, war die Anbindung an nahezu beliebige apps.

Ein tritt die Familie Alice.

Diese apps nutzen eine Kombination aus Sprachausgabe und Google-Sprachsuche, um wie das einer Offenbarung nicht unähnlich angepriesene Siri auf Sätze in, mehr oder weniger, natürlicher Sprache brauchbare Antworten zu geben. („Mehr oder weniger“: Die Frage „Wer isn des?“ wird wohl kein befriedigendes Ergebnis nach sich ziehen.)

Voraussetzung: Android. Dass Alicoid mehr kann als Alice, ist noch nicht unbedingt ein Grund, zu der Bezahlapp zu greifen, wenn einfache Terminplanung oder ähnliche Aufgaben genügen, bedenkt man, dass Alicoid zurzeit (legal) nur per Android Market und somit nur von Kreditkartenbesitzern zu erwerben ist, was in Deutschland ja durchaus nicht auf die überwiegende Mehrheit der Android-Nutzer zutreffen dürfte. Zu empfehlen ist sowieso, zuerst einmal zu überprüfen, ob die eigene Aussprache mit der Google-Sprachsuche harmoniert, denn auch Alicoid kann da keine Wunder wirken.

Es wäre sicherlich vermessen, technikverliebte Zeitgenossen auszulachen, wenn sie in einer Menschenmenge wieder einmal mit ihrem Telefon reden. Hin und wieder jedoch ist ein mitleidiger Blick in Richtung derer, die für diese Funktion 600 oder mehr Euro ausgeben, die richtige Entscheidung.

Musikalisches
Bröselmaschine – Gedanken

Helge Schneider? Das war doch der „Katzeklo“-Komiker?

Ja. Auch.

… look up to the sky, heads are flying by …

Guten Morgen.

In den Nachrichten
“… wie Journalismus heute funktioniert“

Wer die „Huffington Post“ nicht kennt, für den zitiere ich gern zeit.de:

Jetzt(…) gilt die Web-Zeitung als eine aufstrebende Macht im amerikanischen Journalismus. (…) In der Huffington Post behielt Huffington zwar ihre liberale Ausrichtung, vor allem gelang es ihr aber, das Portal zu einer Art „digitaler Speakers‘ Corner“ für politische Diskussionen zu machen. (…) Obwohl ein großer Teil der Inhalte seichte Ratgeber-Artikel sind, habe Huffington verstanden, wie Journalismus heute funktioniert, lobte sie der Onlinemedien-Guru Jeff Jarvis.

Wie Journalismus heute funktioniert:

Wird Katy Perry Russell Brand auch auf Facebook entfreunden? Bleiben Sie dran für weitere erschütternde Nachrichten!

(Eigentlich könnten wir uns ja glücklich schätzen, denn wenn das das Vorzeigemedium des US-amerikanischen Journalismus‘ ist, sind wir immer noch gut bedient. Na ja: Eigentlich.)

PiratenparteiSonstiges
Medienkritik LXIII: c’t: Vor Piraten den Nerz nicht sehen

In der neuen Ausgabe 4/2012 des Magazins c’t verweist Autorin Ragni Zlotos auf die Initiative „Kinder wollen singen“ und bringt dabei beinahe alles durcheinander, was nur irgendwie möglich war.

“Kinder wollen singen“ ist ein Projekt von Sebastian Nerz, auch bekannt als „tirsales“ und gegenwärtiger Bundesvorsitzender der Piratenpartei Deutschland. Im Umfeld der Piratenpartei wurde vor etwas längerer Zeit von (unter anderem) Christian Hufgard auch der Verein „Musikpiraten e.V.“ gegründet, der sich für die Verbreitung freier Musik einsetzt. Personelle Überschneidungen sind quasi ausgeschlossen, inhaltliche – mit Ausnahme des Schwerpunktes auf gemeinfreier Musik – eigentlich auch. Während aber „Kinder wollen singen“ keinerlei Hinweise auf die „Musikpiraten“ enthält, machten letztere gleich mehrfach Werbung für erstere, was offenbar ein Fehler war, denn Ragni Zlotos ist sichtlich überfordert und schrieb deshalb dies:

(…) Ein ähnliches Angebot [wie Kitalieder, A.d.V.] gibt es auch auf der Seite Kinder wollen singen. Die Gruppe aus dem Umfeld der Piratenpartei nennt sich Musikpiraten. (…)

Es ist lobenswert, dass die Musikpiraten für ihre Mühen auch einmal mit einer Erwähnung in einer relevanten Fachzeitschrift belohnt werden; schade nur, wenn es die falschen Mühen sind.

“Piraten sind alle gleich.“
– unbekannter Autor in ganz anderem Zusammenhang

Spaß mit Spam
Ihre 1.250 Euro warten auf Sie

Oh, meinGeld („IhrGeld“) lässt von sich hören. Ich hatte schon befürchtet, es sei verschollen – ich habe es schon sehr vermisst.

Heute aber beglückt es mich mit diesem Lebenszeichen:

Warum anderswo schauen? 1250€ ist eine der höchsten Online Casino Anmeldepromos
im Internet; diese erhalten Sie zusammen mit einzigartigem Support und einer
durchschnittliche Auszahlungsrate von über 97%. Laden Sie unsere kostenlose
Software jetzt herunter und finden Sie heraus warum die schlauen Spieler
CasinoAction wählen.

Merkwürdig, normalerweise ruft mein Geld eher „gib mich aus“ als „guck dir ma das krasse Casino an, Lan“, aber die Zeiten ändern sich.

Was genau wollte mir mein Geld eigentlich jetzt sagen? Ach, ja, dass ich bei Anmeldung eines Online Casinos (sic!) mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit bis zu 1.250 Euro, einzigartige Unterstützung sowie eine durchschnittliche Auszahlungsrate bekomme. Mit 100 Prozent Wahrscheinlichkeit bekomme ich sogar bis zu 250.000 Euro, immerhin liegt auch ein Betrag von 0 im Bereich „bis zu 250.000 Euro“. Aber man übt sich in Bescheidenheit, das ist sympathisch. Was mache ich aber, wenn ich gar kein Casino anmelden möchte? Wahrscheinlich gar nicht weiterlesen.

Alle anderen fragen sich vielleicht: CasinoAction, was ist das eigentlich?

CasinoAction ist das neuste prestigeträchtige europäische Online Casino welches
zur etablierten Casino Rewards Gruppe hinzugefügt wurde.

Ach, dieses Casino. Und diese Gruppe. Klar, wer kennt sie nicht?!
Das ist diese hier, und das mit der Welteinheitswährung hat man verstanden; so heißt es zum Beispiel bei „Casino Action“:

Anmeldebonus: $€£1250 und 1 Stunde gratis ODER
$€£40 gratis für die erste Einzahlung von $€£40
Mindesteinzahlung: $€£40

Zahlt man also erstmals 40 Dollareuropfund ein, bekommt man 40 Dollareuropfund ausgezahlt; ab dem zweiten Mal wird es einbehalten. Wer würde da nicht sofort mitmachen wollen? (Dass das mit der Mindesteinzahlung in der werbenden E-Mail nicht so recht erwähnt wurde, soll dieser Freude ja keinen Abbruch tun.)

Und Geld ist ja auch nicht alles im Leben:

Unser Ziel ist es,
Spielern die unterhaltsamste und sicherste Spielerfahrung zu ermöglichen, die
das Internet derzeit bieten kann.

“Sicherheit“ zieht immer, das hat das Auswärtige Amt auch erkannt; denn:

Bei uns können Sie sicher und geschützt um
unsere Jackpots spielen und sich rundum unterhalten lassen, ohne auch nur einen
Fuß vor die Tür setzen zu müssen.

Dafür wurde das Internet einst erdacht: Damit die Leute sich bescheißen lassen können, ohne aufstehen zu müssen. Für nur 40 Dollareuropfund.
Ein wahres Schnäppchen.

In den NachrichtenMusikkritik
AbACAB

Interessant ist übrigens auch diese Meldung:

ACAB (…) steht für „All Cops are Bastards“. Das ist mittlerweile weithin bekannt.

Und dem 36jährigen Ronny K., der am Mittwoch wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht Regensburg stand, mochte man es nicht so recht abnehmen, als er sagte: „Das sind Buchstaben aus dem deutschen Alphabet. Die können viel bedeuten.“

Die Regensburger Staatsanwaltschaft hatte dem arbeitslosen Bürokaufmann einen Strafbefehl wegen zweifacher Beleidigung zukommen lassen, weil er sich im vergangenen Jahr mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Copacabana“ am Hauptbahnhof aufgehalten hatte.

So weit, so blöde; aber, Regensburger Staatsanwaltschaft, macht doch gleich Nägel mit Köpfen. Vor 31 Jahren veröffentlichte die Musikgruppe „Genesis“, nur wenige Jahre zuvor noch eine Größe des Progressive Rocks, das wirre, unausgegorene Musikalbum „Abacab“; ja, richtig: Abacab. Nachdem bis heute niemand so recht weiß, was Stücke wie das merkwürdige (aber immer noch vergleichsweise erträgliche) „Who Dunnit?“ (verdächtiger Titel auch: „Wer war‘s?“) eigentlich bedeuten sollen, schlage ich vor, das Album sicherheitshalber beschlagnahmen zu lassen. Phil Collins nervt.

Übrigens:

Das T-Shirt bleibt in Gewahrsam der Justiz.

Hoffentlich in einer Einzelzelle ohne Freigang!

In den NachrichtenPolitik
Der Kampf geht weiter

Oh, was lässt das Auswärtige Amt („AA“, hihi) denn da in der Kategorie „Friedenspolitik“ verlauten? Deutsche Panzer rollen weiter, dem Wachstum der Rüstungsindustrie zuliebe:

Am 26. Januar hat der Bundestag beschlossen, dass das ISAF-Mandat der Bundeswehr in Afghanistan bis zum 31. Januar 2013 verlängert wird.

Nachdem sie alles kurz und klein geschossen und massenhaft Zivilisten gemeuchelt haben, ja, nicht einmal mehr der Auslöser für den Einsatz noch existiert, ist das natürlich eine gute und richtige Entscheidung; sozusagen als Belohnung für die hervorragende Arbeit:

(…) Die deutschen Soldaten hätten – wie auch die Entwicklungshelfer und Diplomaten – in Afghanistan unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit geleistet(…).

Die bisher mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Einsatz der ISAF war Folge einer Bombardierung durch US-Flugzeuge am 4. September 2009, die von Deutschen angefordert worden war. Nach NATO-Einschätzung wurden dabei bis zu 142 Menschen, darunter auch Kinder, getötet oder verletzt. Gute Arbeit, meine Herren! (Apropos: „Unter schwierigen Bedingungen“ hatte doch auch Frhr. v.u.z. Guttenberg „seine“ „Doktorarbeit“ „angefertigt“, oder?)

Natürlich weiß das Auswärtige Amt, dass die deutschen Bürger teilweise nicht doof sind, und versucht es mit einer Erklärung, die die Konservativen unter den Wählern zufriedenstellen sollte:

So gebe es Fortschritte bei der Sicherheitslage, dem Wiederaufbau und beim Kampf gegen den Terrorismus.

Mehr Sicherheit! Weniger Terrorismus! Mal was anderes als immer nur „das böse Internet“, immerhin. Hierzu nur zwei Anmerkungen:

  1. Die Bundeswehr hat „in internationalem Auftrag“ ein Land zu zerstören geholfen, das diese Hilfe gar nicht wollte. Ausländer, die ungebeten Anschläge verüben, bei denen bislang einige Tausend Menschen gestorben sind – wenn Afghanen das in den USA machen, ist es Terrorismus, wenn die USA das in Afghanistan machen, ist es ein Hilfseinsatz. Schön, dass wir mal darüber geredet haben.
  2. Der „Wiederaufbau“ wäre nicht notwendig, wenn man nicht vorher alles kaputtgeschossen hätte. So schafft man sich also die Grundlagen, die das eigene Handeln rechtfertigen: „Wenn es nach uns ginge, wären wir gar nicht in Afghanistan, aber wir haben alles zerstört, so können die doch nicht leben!“ – Natürlich auch weiterhin: Hilfe nur mit Panzern und Gewehren. Für die Sicherheitslage, wissenschon.

Denn eigentlich will man gar nicht in Afghanistan sein:

(…) Deutschland handle entsprechend der international vereinbarten Strategie, die auf die schrittweise Übergabe der Verantwortung und schrittweise Reduzierung der internationalen Truppen in Afghanistan setzt.

Manche schreiten eben etwas langsamer voran als andere. Auch geistig:

“Wir dürfen weder das bisher Erreichte noch die Sicherheit unserer Truppen aufs Spiel setzen“, betonte der Bundesaußenminister. Sehr wichtig seien Fortschritte bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte und beim politischen Prozess.

Die Sicherheit von Truppen ist am ehesten gewährleistet, wenn man sie noch ein paar Monate länger in ihren Panzern durch ein vermintes Land gurken lässt, statt sie nach Hause zu schicken. Guckt doch mal in die Zeitung, wie viele Leute pro Tag in Deutschland sterben! Das wäre unverantwortlich!

Das „bisher Erreichte“ – ein weitgehend zerstörtes Land ohne eigene Innen- und Außenpolitik und mit totem oder traumatisiertem Zivilvolk – kann der Bundeswehr aber niemand nehmen. Keine Sorge. Vielleicht gibt es ja dafür noch ein paar Orden – in „Grand Theft Auto“ gibt es ja auch Bonuspunkte, wenn man einen Kinderwagen zusammen mit der Mutter über den Haufen fährt. Das ganze Leben ist ein Spiel…

Ach, jetzt sind schon wieder so viele Sätze ohne „Terrorismus“ gefallen, das kann nicht so bleiben:

(…) „Wir tun alles dafür, damit Afghanistan nicht erneut in Chaos und Bürgerkrieg versinkt und Rückzugsort für internationale Terroristen wird“, unterstrich Westerwelle. Das liege auch in unserem eigenen Sicherheitsinteresse.

Die internationalen Terroristen kommen dann halt lieber hierher, sagen die Innenpolitiker. Vielleicht sollten die Ministerien sich besser absprechen. (Mein Sicherheitsinteresse hätte mit einer Ansammlung internationaler Terroristen in Afghanistan übrigens ein geringeres Problem als mit der Stationierung deutscher Auftragsmörder „in meinem Namen“ ebendort.)

Man habe auf diesem Weg Fortschritte gemacht – bei allen Problemen und bei allen Rückschlägen, mit denen leider auch weiter zu rechnen sei.

“Rückschläge“. Aber immerhin: Fortschritte!

Krieg reicht aber nicht, hat selbst Herr Westerwelle erkannt:

(…) Am Ende werde es in Afghanistan nur eine politische Lösung geben.

So sieht es aus: Die Endlösung kann nur politisch erfolgen. Vielleicht sollte man, so lange man eh‘ noch in dem Land ist, gleich Nägel mit Köpfen machen und alles, was mindestens halbafghanisch ist, in Arbeitslager stecken – dann kommen die gar nicht erst auf die Idee, Dummheiten zu machen. Problem gelöst, nicht wahr?

“Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
– George Santayana

In den Nachrichten
Medienkritik LXII: Gebrannte Kinder

Die deutsche Sprache hat manchen anderen Sprachen voraus, dass man sich in ihr beliebig präzise ausdrücken kann. Eine Eigenschaft, die damit einhergeht, ist eine gewisse Notwendigkeit, Betonung und Interpunktion nicht nach Belieben zu verwenden, sondern sinnvoll einzusetzen. (Das beliebte Beispiel „komm wir essen Opa“ sollte jedem meiner Leser ebenso bekannt sein wie zumindest der Titel des Buches „Jetzt koch ich, Mama!“ und was mitunter daraus wird.)

Dass nicht nur die blöde Kommasetzung aus manchem Satz eine ulkige Anekdote werden lässt, sondern das Schriftdeutsch mangels Betonungszeichen auch gelegentlich auftretende Homonyme, die in der Umgangssprache längst eine Selbstverständlichkeit sind, zu Verständnisfallen macht, ist seltsamerweise nicht oft Gegenstand sprachtheoretischer Blog- oder Zeitungsartikel. Dabei sind die Beispiele zahlreich. Erwähntes „komm wir essen Opa“ ließe sich statt mit zwei Kommata auch mit einer einfachen Betonung unmissverständlich präzisieren. Die (mitunter ewig-)gestrige „Braunschweiger Zeitung“ hat ein weiteres Beispiel gefunden:

Sprecher anderer Sprachen haben da nichts zu lachen; das altgriechische „sie wollen erhalten/beibehalten“ (σώζοιεν) etwa ist mit „sie wollen bekommen“ (λαμβάνοιεν) nicht identisch, wobei die alten Griechen für „ein Brandzeichen bekommen“ wahrscheinlich wiederum ein eigenes Wort benutzt hätten, somit ist die Analogie lediglich als Erklärung zu verstehen.

Davon einmal abgesehen: Dieser Wunsch ließe sich sicherlich erfüllen. Hat jemand Vorschläge für ein Motiv?
Eine Piratenflagge böte sich an.

Sonstiges
Etikettenschwindel

Aus der beliebten Serie „Hätt‘ ich das gewusst!“ folgt eine brandneue Episode nach einem allerdings bereits bekannten Drehbuch:

Ach so!

Manchmal frage ich mich, was das für Menschen sein müssen, um deretwillen Inhaltsinformationen wie die gezeigte eigentlich nötig sind. Treffen möchte ich diese Menschen aber auch nicht unbedingt, ich hätte Angst um meinen Verstand.

Apropos Verstand: Der Zufall wollte es, dass ich heute meinen Blick über das DVD-Regal eines nahen Supermarktes schweifen ließ. Zu meiner Belustigung und eurer Unterhaltung folgt eine Premiere hier auf dieser kleinen Internetpräsenz, nämlich ein Suchspiel. Es geht um den Titel dieser DVD über die „Sängerin“ LaFee. (Das reimt sich.) Welcher meiner bevorzugt zynischen Leser findet die Pointe? (Tipp: Ein Klick an der richtigen Stelle offenbart die Lösung.)

Viel Vergnügen und: Hihi!

Sonstiges
Kakapo statt Schlecker!

(Vorbemerkung: Ich habe, so weit ich mich erinnere, noch niemals etwas bei Schlecker gekauft und finde gesonderte Drogeriemärkte, die mindestens Mondpreise als gemeinsame Eigenschaft teilen, auch grundsätzlich immer ein wenig einfältig, gar überflüssig.)

Ach, ihr Gutmenschen, die ihr jetzt alle, den Zeigefinger schwingend, beeindruckt von den total überraschenden Erkenntnissen zu den Interna von Schlecker zum Boykott von Lohndumping betreibenden Ladenketten aufruft (und somit vermutlich binnen weniger Tage mangels Alternativen verhungern und verdursten werdet, denn einkaufen könnt ihr ja nun nirgends mehr), um wenigstens einen geringen Teil zu einer besseren Welt beizutragen:

Bevor ihr also sterbt, lasst euch sagen, dass es auf der Welt noch größeres Unglück gibt als die soziale Marktwirtschaft mit ihren neoliberalen Idealen, die den Leuten das Leben schwer macht. Der Kakapo ist vom Aussterben bedroht. Es leben – ausschließlich auf Neuseeland, in Hannover könnte ich das Aussterben ja noch verstehen – noch etwa 130 Exemplare, Tendenz sinkend.

Der Kakapo ist ein flugunfähiger Papageienvogel und wahrscheinlich die älteste noch lebende Vogelart, obendrein die einzige, deren bloße Nennung das Kind in mir ständig albern kichern lässt („Kackapo, hihihi!“). Blöderweise riecht er angeblich zwar „angenehm“, aber ziemlich streng nach allerlei Natürlichem, was ein Grund dafür ist, dass seine Fressfeinde nicht lange suchen müssen. (Amüsante Vorstellung: Menschen, die an Kakapos riechen, um das dann zu dokumentieren.)

Wenn ihr also etwas für eine bessere Welt tun wollt, hört auf, gegen die soziale Marktwirtschaft zu demonstrieren, denn die lässt es in der Regel kalt. Vergesst all die großkapitalistischen Albrecht-Brüder und ihre Gesinnungsgenossen. Wenn euch danach ist, solche Läden zu boykottieren, dann tut das, aber erwartet nicht, dass es in anderen Läden anders ist. So lange Regierungen das tolerieren, wird es sich nicht ändern. Demonstriert also nicht gegen die Herren Schlecker, demonstriert gegen die Regierung.

Und wenn ihr zwischendurch noch etwas Freizeit habt, rettet den Kakapo. Dem Wort zuliebe.

Musikalisches
417.3: Saublöder Name, saugute Musik.

Aus Russland stammen außer Pornofilmen anrüchigen Inhalts auch die Musiker von 417.3, einer instrumentalen Postrock-Gruppe mit viel Melancholie und ein bisschen Streicherunterstützung.

2008 erschien der/die/das EP „-‌-“, 2011 schob man das Vollzeitdebüt „_(-_-)_“ hinterher. Wie wohl der Nachfolger heißen wird? Die Stücke tragen jedenfalls Namen wie „+3″, „~“ und „27″ und sind trotzdem spitze. Vergleichspunkte: „Godspeed You! Black Emperor“ und „A Silver Mt. Zion“. Ohne Gesang mit wohligen Schauern. Großartig.

Das Album kann der geneigte Musikfreund für lau per myspace.com (von wegen tot) und via eMule herunterladen.

Er möge davon reichlich Gebrauch machen!

Nerdkrams
Digitale Verflachung

(Vorbemerkung: Weil ich mich im IRC gerade so schön darüber aufgeregt habe, rotze ich hier noch kurz eine Langfassung eines weiteren öden Computerthemas rein. Keine Sorge, morgen gibt es wieder Musik.)

Seit Windows 95 nehme ich eine eigenartige Entwicklung wahr: Mit jeder größeren Änderung an den Bedienkonzepten der Arbeitsumgebung wird alles, reziprok zu den Zukunftsvisionen aus frühen science-fiction-Filmen und -Romanen, nicht komplexer und bunter, sondern, im Gegenteil, schlichter und abstrakter. Weiterlesen ‚Digitale Verflachung‘ »

In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: FOCUS, Magazin der Selbstironie

Apropos FOCUS: Was ist eigentlich ein (Computer-)Nerd? Jemand mit umfangreichen Kenntnissen von Funktionsweise und Möglichkeiten der Digitaltechnik, der, bepickelt und bebrillt, im dunklen Keller von kalter Pizza lebt? Jemand, der typischerweise den Unterschied zwischen „Hacken“ und „Dinge kaputtmachen“ verstanden hat, der sich im CCC engagiert und dessen Lieblingsspielzeug als Kind der Lötkolben (nicht „Lötkolben“, ihr Ferkel) war?

Weit gefehlt, behauptet man beim FOCUS, wo man den täglichen Umgang mit dem Internet für so wunderlich hält, dass man es sich nicht nehmen lässt, dem dämlichen Artikel über die Piratenpartei, trotz sogar wörtlichen Zitats von Wilm Schumacher („Wir sind schon längst nicht mehr die sogenannte Internet-Partei“) in der Überschrift „Internet-Partei“ genannt, einen weiteren über Rainer Langhans nachzuschieben, der der Internet-Partei nicht nur 20.000 Euro überreichte, sondern obendrein auch einer von denen ist, und man liest die unverhohlene Bewunderung des Autors aus jeder Silbe heraus, wenn er schreibt:

„Ich könnte sicher noch mehr machen, aber ich bin so fünf, sechs Stunden am Tag im Netz“. Was er da mache? „Twitter, Facebook, das übliche“. Rainer Langhans, der Nerd, und das mit 71 Jahren.

Twitter, Facebook. Was für ein Nerd! Womöglich hat er gar eine E-Mail-Adresse?

FOCUS, du olles Investigativblatt, das ist doch eine gute Idee für einen Folgeartikel. Ich „freue“ mich darauf!

NerdkramsProjekte
WP-PasteExtender: Kopierschutz mal anders

Ich kopiere manchmal Textausschnitte auf FOCUS.de und ähnlichen Seiten. FOCUS.de verwendet nun allerlei JavaScript-Spielereien, unter anderem eine, die automatisch einen Verweis auf die Seite, von der man den Text kopiert hat, mitkopiert.

Das hat mich so sehr beeindruckt, dass ich das mal für WordPress nachgebaut habe. Werte Damundherrn, ich präsentiere:

WP-PasteExtender, „Version“ 20120102.

Der Text, der an den zu kopierenden Text angehängt werden soll, ist frei konfigurierbar. Der Verwaltungsbereich sieht so aus:

Momentan habe ich nur wenig Zeit, ernsthaft an dem Plugin zu arbeiten, weshalb kleinere Probleme nicht ausgeschlossen sind. Vollständig funktionstüchtig ist das Plugin derzeit nur mit WebKit-basierten Browsern. Unter Firefox funktioniert die blockquote-Funktion noch nicht, der Internet Explorer verweigert gänzlich den Dienst. Ich hoffe, das irgendwann beheben zu können.

Wenn jemand von euch Lust und Ahnung hat, um mir hierbei zur Hand zu gehen, so wäre mir dies sehr willkommen. Weitere Funktionen sind jedoch vorerst nicht geplant.