Archiv für Dezember 2011

Nerdkrams
DropIt: Dateien sortieren leicht gemacht

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift c‘t wird kurz auf das quelloffene Windowsprogramm DropIt hingewiesen, das ausreichend gut ist und daher hier Erwähnung findet.

Dabei handelt es sich um ein widget mit einem Pfeilsymbol, das auf Wunsch stets im Vordergrund bleibt und auf das man beliebige Dateien und Verzeichnisse ziehen kann. Diese Dateien und Verzeichnisse werden dann anhand von Dateinamenregeln verarbeitet, zum Beispiel entpackt, gelöscht oder verschoben.

Dabei können die Dateien beim Verschieben auch umbenannt werden. Zum Beispiel können so Fotos von der Digitalkamera in nach Datum sortierte Unterordner aufgeteilt und heruntergeladene Dateien, etwa von DownThemAll! immer in demselben Ordner gespeichert, je nach ihrer Art (OnlineTVRecorder-Aufnahmen, zu testende Programme, Musikdateien, …) in einem Rutsch in die korrekten Verzeichnisse verschoben werden.

Was mir persönlich noch fehlt: Reguläre Ausdrücke für Dateinamen (zum Beispiel die Möglichkeit, dass nur Dateien, die mindestens 2 Ziffern am Ende ihres Namens tragen, berücksichtigt werden sollen) und eine deutsche Sprachdatei, die alltagstauglich ist. Hierfür gibt es allerdings einen (englischsprachigen) Diskussionsstrang, in dem Fehlermeldungen und Funktionsideen erwünscht sind.

Is‘ ganz nett, ja.


Kurze Ansage für meine politisch interessierten Leser: Deutschland soll einen eigenen „Cloud“-Dienst bekommen, damit die US-amerikanischen Geheimdienste nicht mehr in den Daten der Bürger schnüffeln können. Stattdessen können‘s dann eben die deutschen. Für die Sicherheit soll unter anderem das BSI sorgen. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Sonstiges
Medienkritik LX: Sag‘s mit RTL

Seit einigen Tagen wirbt der blöde Fernsehsender RTL mit der RTL-Kampagne („RTL Kampagne“) „Sag‘s auf Deutsch“ gemeinsam mit prominenten, ausländischstämmigen „Paten“ dafür, dass Migranten hierzulande mehr Deutsch sprechen. Hierfür wurden mehrere Kurzfilme („Spots“) gedreht, deren Kern der folgende ist:

So wenig ich auch an dieser Kampagne auszusetzen habe, bin ich doch recht überrascht von dem Umstand, dass sie aus dem Hause RTL stammt. Ja, natürlich sollte man die Sprache des Landes, in dem man lebt, irgendwann einmal zumindest zu verstehen lernen. Aber ist RTL dabei eine große Hilfe?

Denn wie selbstverständlich heißt der Streaming-Anbieter von RTL nicht etwa „RTL jetzt“, was kurz, prägnant und verständlich wäre, sondern RTLNOW, konsequent in Brüllbuchstaben geschrieben. Nachrichten präsentiert die Sparte „News“, auch in Videoform („Video-News“), lobenswert ist aber immerhin, dass man bei RTL den Bindestrich noch aus der „Schule“ kennt, nur die Abteilung für Klatsch und Tratsch („Star News“) hat davon nicht viel mitbekommen. Natürlich unterhält man bei RTL auch eine „RTL Community“.

Als Vorläufer der Aktion „Sag‘s auf Deutsch“ hat RTL übrigens vor drei Jahren einen Integrationspreis erfunden, der nicht etwa „Integrationspreis“, sondern com.mit Award heißt. Einer der hierfür Verantwortlichen, Chefredakteur Peter Kloeppel, hat sich im Jahr 2011 zum Thema „Sag‘s auf Deutsch“ folgendermaßen geäußert:

Es geht dabei gar nicht unbedingt um steile Karrieren, sondern vielmehr darum, dass die gemeinsame Sprache Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben hier ist. (…)
Das konkrete Ziel der Kampagne ist, Menschen jeden Alters davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, dass man in Deutschland die deutsche Sprache spricht und versteht.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist es, dass Peter Kloeppel kein erfülltes Leben in Deutschland führt und so implizit seinem Unmut hierüber Luft machte. Das wäre bedauerlich. Die zweite, wahrscheinlichere ist es, dass Peter Kloeppel ernsthaft der Meinung ist, der Prekariatssender RTL mit all seinen news und awards und spots und communitys sei ein gutes Vorbild. Das wäre ebenfalls bedauerlich.

Ich erlaube mir, den Werbetext für „Sag‘s auf Deutsch“ zu zitieren:

‚Sag‘s auf Deutsch‘ – so lautet der Titel einer Social-Kampagne, die ab Montag, 24. Oktober, breit gefächert im RTL-Programm eingesetzt wird. Zehn Prominente aus den Bereichen TV, Sport, Mode und Politik, alle mit Migrationshintergrund, geben in den 60- bzw. 90-sekündigen Spots klare Statements dazu ab, wie wichtig gute Deutschkenntnisse für eine gelungene Integration in die Gesellschaft hierzulande sind.

Hervorhebungen habe ich diesmal nicht gesondert vorgenommen, der Text spricht für sich. Wer integriert eigentlich die RTL-Mitarbeiter in die Gesellschaft? Peter Kloeppel jedenfalls nicht.

J’accuse …!

Fotografie
Merry ixmas.

Trotz allem ist es ja immer noch erstaunlich, was für eine Seelenkälte die weihnachtliche Schaufensterdekoration ausstrahlt:

Genau, merry xmas, denn die geweihte Nacht ist diesen Jesusverkäufern schon lange ebenso egal wie dschieses kreist, den sie immerhin konsequent aus-x-en, auf dass jeder verbliebene Zweifel an ihren Motiven verfliege. Nordamerikanische Kultur ist eben echt prima, nur dieser Glaubenskäse stört, gell?

In den NachrichtenPolitik
Liberale Unfallflucht

Jetzt mal ganz langsam zum Mitschreiben für Langsame wie mich:

Die F.D.P. ist seit der unsanften Entfernung der einzigen mit so etwas wie Charisma ausgestatteten Führungspersönlichkeit in ihren Reihen, Guido Westerwelle, quasi bedeutungslos geworden. Im Rahmen einer Forsa-Umfrage wurde zuletzt veröffentlicht, dass das deutsche Volk das Vertrauen in diese so genannte Partei gänzlich verloren hat, für mehr als null Prozent hat es nicht einmal in den Reihen der Ökonome und Hotelbesitzer genügt, was insofern erstaunlich ist, als diese ja seit einigen Jahren die primäre Klientel (und Lobby) der F.D.P. darstellten.

Die wenigen verbliebenen F.D.P.-Repräsentanten zeigen nicht nur, dass sie politisch ahnungslos durch das Leben tapsen, sondern auch, dass sie privat andererseits ganz gut in die F.D.P. passen:

Silvana Koch-Mehrin kämpft weiterhin um ihren Doktorgrad. Am Mittwoch reichte die FDP-Europapolitikerin Klage gegen die Universität Heidelberg ein, die ihr den Titel im Juni aberkannt hatte. (…) Sie erklärte, ihre Arbeit sei zwar „nicht frei von Schwächen, nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft“, die wissenschaftlichen Ergebnisse ihrer Arbeit beruhten jedoch auf ihrer eigenen Leistung.

Glückwunsch zu dieser Leistung, Frau Koch-Mehrin, und eigentlich war damit zum Thema „Flachköpfe in der F.D.P.“ alles gesagt; dann traten Christian Lindner als Generalsekretär der F.D.P. und Christian Schmitt als saarländischer F.D.P.-Fraktionsvorsitzender zurück. Letzterer ist inzwischen bei der CDU, es wächst manchmal eben zusammen, was zusammen gehört. Ersterer hat einen Nachfolger bekommen, einen gewissen Herrn Göring Döring.

Gegen diesen Herrn Döring nun wird bereits vor Amtsantritt wegen Fahrerflucht ermittelt. Fahrerflucht ist es, wenn man sich vor der Verantwortung für einen Unfall zu drücken versucht. Und an dieser Stelle hätte ich mal eine Frage: Wie nennt man das eigentlich, wenn man statt eines Kraftfahrzeugs eine Partei gegen den Baum fährt und sich dann vor der Verantwortung drückt?

Falls es noch kein Verb dafür gibt, schlage ich „liberalen“ vor, einen Inhalt hatte das Wort „liberal“ ja schon lange nicht mehr. Gibt es Gegenvorschläge?


Nachtrag, denn irgendwie passt diese Meldung zum Niedergang der F.D.P.: Die Deutschen, heißt es, hätten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt; die Zeit des Massenwohlstands (sic!) sei jetzt aber vorbei. Schade, jetzt hatte ich gar nichts davon.

Nerdkrams
Nachschlag: Linux, Freiheit und Gratiskultur

(Wegen allgemeinen Interesses noch mal ein Beitrag zum Thema Linux und Windows. Das muss aber auch reichen für dieses Jahr.)

Auf meinen neuerlichen linuxkritischen Beitrag erhielt ich vielfach Kritik, jemand, der Windows in Schutz nehme, habe ohnehin keine Ahnung, und den entscheidenden Vorteil von Linux hätte ich bewusst verschwiegen. Es sei nämlich, anders als Micro$uck Wind000f, kostenlos und frei. Und kostenlos. Und frei. Übrigens ist es auch kostenlos.

Na und?

Wer ernsthaft glaubt, kommerziell orientierte Unternehmen wie Red Hat und Canonical, die das mit dem „Open Source“ je nach Tageslaune mal gut finden, mal ablehnen, würden aus reiner Menschlichkeit an einem freien Betriebssystem arbeiten, hat offenbar nur wenig Erfahrung in ökonomischen Zusammenhängen. Auch jemand, der wie Mark Shuttleworth Geld anscheinend scheißen kann, hätte natürlich auch gern ein wenig Einkommen für sein Auskommen. In diesem Punkt unterscheiden sich die Linuxkonzerne nur wenig von dem verhassten Microsoft.

„Aber Linux ist kostenlos herunterladbar und offen und frei und, äh, kann fliegen!“, versuchen sich nun die Verteidiger der wahren Religion Linux herauszureden. Ja. Aber:

Windowslizenzen, zumal in der OEM-Fassung (die im Wesentlichen nur den Lizenzaufkleber und einen mit Herstellerwerbung gefüllten Datenträger umfasst), kosten auch kaum noch etwas. Der Umstieg auf ein neues Windows geht meist mit einem Wechsel des Rechners einher, und dass der enorme Aufpreis überhaupt bemerkbar ist, bezweifle ich nach Durchsicht von Preislisten für Rechner mit vorinstalliertem Linux stark.

In einem Punkt gebe ich den Meckernden Recht: Dass Linux frei ist und jeder in den Quellcode gucken kann, ist ein Argument, dem ich bedauerlicherweise etwas entgegenzusetzen vergessen hatte. Das lasse ich gern folgen: Wer bitte macht das? Welcher Endbenutzer wählt sein Betriebssystem danach aus, dass er den Quellcode der glibc auf Wunsch mitinstallieren kann?

Die meisten Jugendlichen bekommen von ihren Eltern ein Fahrrad geschenkt, dessen Größe auch für spätere Verwendung noch ausreicht. Trotzdem geben sie oft irgendwann viel Geld dafür aus, stattdessen einen Motorroller benutzen zu können, obwohl sie, anders als beim Fahrrad, das Zusammenspiel zwischen seinen Komponenten nicht sofort und vielleicht nie wirklich durchschauen werden. Sind sie nun dumm und unmündig, dass sie lieber den Motorroller als das offene Fahrrad verwenden möchten?

Ich gebe zu, das Beispiel war jetzt vielleicht etwas zu abwegig. Nehmen wir ein besseres: Seit 2004 gibt es „Open-Source-Bier“, also solches, das unter einer freien Lizenz steht und dessen Inhaltsstoffe jeder selbst überprüfen und bei Bedarf modifizieren kann. Es ist sozusagen die Linuxvariante von Staropramen, Wicküler und wie Bier eben heute so heißt. Ich persönlich kenne trotzdem niemanden, der das Zeug selbst herstellt oder auch nur trinkt, der Gang in den nächsten Supermarkt – oder zur Tankstelle – wird stets bevorzugt. Vielleicht ist das Bequemlichkeit, vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass offene Quellen und Qualität nicht unbedingt in direktem Zusammenhang zueinander stehen.

Und genau so ist das auch mit Linux und Windows.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt LXXII: Wecker für Frauen, Links für Rechte, Kultur für Einwohner der USA

Es ist schon Mitte Dezember, und ihr wisst immer noch nicht, was ihr einer Frau eurer Wahl schenken könntet? Wie wäre es mit einem Vaginalwecker?

(via @IndigoDeLucca)


Von der klassenkämpferisch linken „taz“ kann man halten, was man möchte; über diese Bildunterschrift musste ich dann doch ein wenig schmunzeln:

(via @Weltregierung)


Dass sich US-Amerikaner mitunter ziemlich unbritisch benehmen, dass sie mit Waffen nicht umgehen können, die englische Sprache verhunzen und überwiegend von Geografie keinen blassen Schimmer haben, ist bekannt. Die Lösung ist ganz einfach: Man gliedere die USA wieder in den Herrschaftsbereich Großbritanniens ein, und schon sind diese Probleme beseitigt.

The letter U will be reinstated in words such as ‘favour’ and ‘neighbour’; skipping the letter U is nothing more than laziness on your part. Likewise, you will learn to spell ‘doughnut’ without skipping half the letters.

(…)

The 2.15% of you who are aware that there is a world outside your borders may have noticed that no one else plays ‘American football’. You will no longer be allowed to play it, and should instead play proper football.

Großartige Lektüre!

Fotografie
Ladies Night

Nein, Weltgeist, wie subtil du heute wieder bist:

Eigenartigerweise haben wir heute, zwei Tage nach dem 10. Dezember, sowohl den Weltuntergang als auch die Ladies Night überlebt. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was davon mich mehr überraschen sollte.

Sonstiges
Skandal: Justin Bieber nackt!

Wahrscheinlich jedenfalls, wenn er duscht. Da ich aber nun eure Aufmerksamkeit habe, ihr perversen Schweinchen von der Boulevardpresse, hoffe ich, ihr verzeiht mir diese List, denn ich hätte da mal ein paar Fragen an euch:

  1. Was ist eigentlich mit EHEC passiert? Sind die Erreger in den warmen Süden geflogen oder an eurer Nichtbeachtung zugrunde gegangen?
  2. Wurden die für den Staatstrojaner Verantwortlichen inzwischen zur Rechenschaft gezogen oder hat dieses Verbrechen am deutschen Volke mit der vorübergehenden Aussetzung seines Einsatzes seinen Nachrichtenwert für euch verloren?
  3. Die Diktatur in Weißrussland interessiert euch nur, wenn einer der Euren darunter leiden muss, richtig?
  4. Werden in der Ukraine nach euren zaghaften Protesten immer noch massenhaft Hunde zu Tode gequält? Falls ja, warum endete eure Berichterstattung darüber schon nach wenigen Tagen?
  5. Apropos Verbrecher: Sind die überführten Kinderschänder in den Diensten der katholischen Kirche mittlerweile allesamt gestorben, oder genügt eine Strafversetzung für augenblickliche mediale Rehabilitierung?
  6. Habe ich die Rücktrittsforderungen an den Verfassungsfeind Hans-Peter Uhl bisher nur übersehen, oder arbeitet ihr noch daran?
  7. Worin, glaubt ihr, liegt der Unterschied zwischen Journalismus und Populismus?

Ich bin schon sehr gespannt!

Musikalisches
Die sechs von der Müllabfuhr

Ah, es ist wieder Montag. Eine neue Woche beginnt. Mit ihr kommt die allwöchentliche, hochqualitative Musikschau meinerseits.

Diese Woche: Warum nicht einfach mal wieder YouTube gucken?

Gestern wurd‘ sich drum gerissen,
heut‘ wird‘s auf den Müll geschmissen.

(Wo wir gerade bei Weihnachten waren.)

(Mit dem üblichen Dank für die Empfehlung.)

Netzfundstücke
Tochter Zion

Frohes Fest:

Wenn Christen trotz mindestens eines Jahrtausends der Pogrome und der Entrechtung von Juden zum feierlichen Hohn in der Weihnachtszeit „Tochter Zion, freue dich“ absingen, zeigt sich darin die ganze eiskalte Hirn- und Heillosigkeit der christlichen Religion.

Denn eigentlich ist es den Schäfchen – den treudoofen Schafen ja auch egal, was sie da eigentlich schief in den Raum krakeelen. Alle singen mit, also singe ich mit. Alle jubeln mit, also jubele ich mit. Wie damals bei Goebbels. Die „stille Nacht, heilige Nacht“ interessiert die Interpreten normalerweise ebenso wenig wie sie Interesse daran haben, dass Kinderlein zur Krippe kommen.

Warum sollte man sich anlässlich des Festes der Liebe auch nur über irgendetwas Gedanken machen wollen?

In den Nachrichten
Klackerdiklack.

Heda, Bahn,

in einem vorweihnachtlichen Anflug von Kundennähe habt ihr beschlossen, euch zur Abwechslung mal um das Wohlbefinden statt nur um die Vergrätzung eurer jede eurer unverschämten Preiserhöhungen nolens volens akzeptierenden und befolgenden Klientel zu kümmern. Beginnen wollt ihr erst einmal im Kleinen, nämlich damit, etwaige Störungen der Passagiere nach endlich vollzogenem Fahrtantritt zu verhindern.

Dabei versucht ihr natürlich, gewohnt familienfreundlich vorzugehen, und schnappt euch erst einmal die wenigen Übeltäter, die sich überhaupt eine BahnCard 100 leisten können und also zum Teil absichtlich mehr Geld zahlen, um gewisse Vorteile zu genießen. (Bonzen, elende.) Denn was stört eure Kunden wohl am meisten? Richtig: Das Geräusch von Tastenanschlägen.

„Mit Rücksicht auf andere Reisende wurde die Nutzung von Laptops in der Bordgastronomie verboten.“ Auch eine Begründung liefert die Bahn mit: „Viele Kunden fühlen sich durch das Tippgeräusch belästigt.“

Richtig?

Ach, Bahner, nun fahre ich ja ziemlich regelmäßig mit euren komfortablen (weiß) und weniger komfortablen (rot) Zügen durch die Gegend, wenn gerade kein Metronom oder ähnlich lobenswerte Alternativen bereitstehen, und habe dann zwar selten eine Tastatur, wohl aber stets einen Notizblock in der Nähe meiner vor Geräuschbelästigung (und Kaffee) schon ganz zittrigen Finger bereitliegen. Als ein solcher störungsarmer Teilnehmer am Passivverkehr möchte ich euch zur geneigten Verwendung noch einige Dinge nennen, die mich an Bahnfahrten stören: Stundenlang plärrende Kleinkinder mit überforderten Müttern, alkoholisierte Prekarier, sich trotz räumlicher Nähe nur brüllend miteinander unterhaltende Jugendliche, ebenfalls recht geräuschvolle Seniorengruppen, mobil telefonierende Modebarbies mit ihrem unterbrechungsfreien Geplapper, der widerliche Kaffee an Bord eurer Züge und vor allem eure offenkundige Unfähigkeit (oder Unlust), abzusehenden Verspätungen oder ganzen Zugausfällen mit zeitnaher Bereitstellung von Ersatzzügen oder wenigstens einer Zeitung und meinetwegen auch weiterhin widerlichem Kaffee zu begegnen; von der Diskrepanz zwischen dem Titel „Servicemitarbeiter“ und der Verfügbarkeit derer, die ihn tragen, mal ganz zu schweigen.

Ihr habt es gut, ihr seid nur selten auf eure Züge angewiesen, und wenn ihr dann doch mal mit ihnen durch die Gegend fahrt, dann immer in eurem eigenen Abteil, abgeschottet vom tatsächlichen Geschehen. Den Tag, an dem mich das Geräusch von tippenden Menschen auf Bahnfahrten ernsthaft echauffiert, werde ich hingegen wahrscheinlich nicht mehr erleben. Es ist mir ja beinahe unangenehm, aber ich muss euch da etwas gestehen. Und wisst ihr, was?

Ich beneide euch ein bisschen darum.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt LXXI: Gutes Mobbing, schlechtes Mobbing

Es war ja eigentlich gut gemeint. SchülerVZ, der an jüngere Menschen gerichtete Ableger des „sozialen Netzwerks“ StudiVZ, hat jetzt eine Bewertungsfunktion bekommen, auf der man andere Teilnehmer der Plattform in „top“ oder „flop“ kategorisieren kann.

Selbstverständlich gehen Eltern da auf die Barrikaden:

Damit überschreitet SchülerVZ eine Grenze, die sie niemals hätten überschreiten dürfen. Hat von denen eigentlich irgendjemand Kontakt zu Jugendlichen? Also im richtigen Leben jetzt? Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Mobbing ist eine der schlimmsten Formen von Gewalt, die im Alltag deutscher Schulen vorkommt.

Heute abend, wenn sie zu Hause sind, werde ich mich mit meinen (jugendlichen) Söhnen hinsetzen und sie werden ihre (selbstverständlich ohnehin inaktiven) Accounts bei SchülerVZ löschen. So einen Dreck wie dieses Pausenhofmobbing mache ich nicht mit, nicht mal passiv. Und ich rufe hier und via Twitter und Facebook alle Eltern auf, es ebenso zu machen.

Soso, via Facebook. Facebook, wir erinnern uns, war die Plattform, die ebenfalls als „Hot or Not?“ angefangen hat.

Ein wenig Geschichte:

22. September 2009: Ein 15-jähriges Mädchen ist von einer Brücke in den Tod gesprungen, nachdem sie monatelang bei Facebook und MySpace gehänselt worden war.

28. April 2010: Ein besonders schlimmer Fall von Facebook-Mobbing landete bei der Beratungsstelle Safer Internet: Drei Jahre lang war Carina den Attacken ihrer Mitschüler ausgesetzt. Mit 13 Jahren musste die Gymnasiastin die Schule wechseln.

14. Februar 2011: Junge begeht nach Facebook-Mobbing Selbstmord.

17. September 2011: Sie gaben ihrer 12-jährigen Tocher fiese Spitznamen und posteten Gemeinheiten bei Facebook – also organisierte eine Mutter aus New York ein Treffen der Streithähne. (…) Doch zur Versöhnung kam es nicht, stattdessen gab es eine wilde Prügelei.

6. November 2011: „(…) meine Schwester hat mir eben gesagt, dass auf Facebook so ein paar Jungs mein Bild verunstaltet haben & nun Cybermobbing machen.“

Böses, böses SchülerVZ.

NerdkramsNetzfundstücke
“Warum Linux besser ist“ oder: PEBKAC!

(Vorbemerkung: Ich setze neben Windows auch diverse Linuxdistributionen ein, entsprechende verbale Entgleisungen werden ihr Ziel also verfehlen.)

Gewünscht wurde, dass ich mal wieder über Technik und/oder Schnackseln berichte. Wie es der Zufall so will, konfrontierte man mich heute mit der Internetseite „Warum Linux besser ist“, die gar nicht erst versucht, den Anschein zu erwecken, objektiv die Vor- und Nachteile von Linux abzuwägen – vielleicht wäre „Warum ich Windows nicht mag“ ein besserer Titel. Vorsicht: Ohne parat liegende Brechtüte sollte kein Klick erfolgen.

Anstelle harter Fakten findet man dort nämlich zuvörderst viele schöne bunte Bildchen, die wohl von ihrer Inhaltsleere ablenken sollen. Insgesamt hat der Autor 27 Thesen zusammengetragen, warum Linux „besser“ – als Windows – sein soll, wahrscheinlich, weil ihm partout keine 27 Unterschiede zwischen Äpfeln und Birnen einfallen wollten, aber auch eine Sammlung von „FAQ für den Linux-Geek“ zusammengestellt, in der er unter anderem bekundet, er selbst habe nicht viel Ahnung von Linux. So viel sei schon einmal verraten: Von Windows anscheinend auch nicht. Weiterlesen ‚“Warum Linux besser ist“ oder: PEBKAC!‘ »

Spaß mit Spam
Herzlichen Gl�ckwunsch Gewinner

Oh, was will denn die „Loteria Nacional“ mit der täuschend echt aussehenden E-Mail-Adresse HilegESp23@wyf62j7a5.homepage.t-online.de von mir?

Sie haben gewonnen, fьr weitere Informationen rufen Sie

Ja, das ist der ganze Text. So sehr ich aber auch rufe, nichts geschieht.

Ah, jetzt sehe ich es, die Mail geht ja noch weiter.
Angehängt ist eine .zip-Datei. Enthalten ist eine .doc-Datei, in der steht:

Wir sind erfreut, Sie zu informieren, das Sie ein glucklicher Gewinner vom internationalem Euro Million Spielprogramms sind, das am 09/11/2011, abgehalten wurde.

Ich habe eine Million Spielprogramme gewonnen?

Wir Sind sehr glucklich Sie ALS einen der Gewinner zu benachrichtigen das Ihr Name mit der Kartenseriennummer ubereinstimmte: 134-03650116-211 und die Stempfelzahl: 51225-0 gekauft durch Ihren Bearbeitungsagenten von den Kosten von zwei Euro, hat folglich den Preis in der 2. Kategorie mit den Gewinnzahlen: 04-18-32-40-46+06:07.gewonnen Wir Entschuldigungen für die späte benachrichtigung, da es zu Verwechslungen von Namen und Adressen kam..

Dass ich einen Bearbeitungsagenten habe, wusste ich noch nicht. Das klingt auch ein bisschen nach Stasi. Hoffentlich will er seine zwei Euro nicht von mir eintreiben, das wird erfahrungsgemäß teuer.

Aber Sie sind für einen Pauschalbetrag von €915.810, 00 NEUN HUNDERT FÜNFZEHN TAUSEND ACHTHUNDERT ZEHN EURO in bar ausgesucht worden die, Sicherheitszahl lautet: EIK-547-K6-75. Dies IST von einem gesamt Geldpreis von 15.568.770, 00(FÜNFZEHN MILLIONEN FÜNFHUNDERT ACHTUNDSECHZIG TAUSEND, SIEBENHUNDERT SIEBZIG EURO) warden geteilt unter den 14 Internationalen Gewinnern in dieser Kategorie.

15.568.770 geteilt durch 14 sind 1.112.055. Wenn jeder der 14 Gewinner einen Pauschalbeitrag von 915.810 Euro bekommt, würde mich die genaue Gewinntabelle ja schon mal interessieren. Wobei: Da steht, ich sei für einen Pauschalbeitrag „ausgesucht worden“. Muss ich den jetzt zahlen? Wenn ja: An wen?

Fur Ihren Anspruch bitte Kontakt zu nehmen mit, DON JUAN PEREZ, Ausländischer Betriebemanager der CLICK SEGUROS S.A. SPAIN Tel: +34645511480, Fax: +34 911 881 363 Email:clickseguros@aol.com für die Verarbeitung und die Geldüberweisung von Ihrem siegreichem Gewinn.

Mein Gewinn war siegreich? Da muss ich ihm gleich morgen eine Glückwunschkarte schreiben. Hoffentlich erreicht sie ihn noch rechtzeitig!

(…) Und die von Ihnen zu bezahlenden 10 % Ihres Gewinnes an den Fond Ihres Bearbeitungsagenten, nachdem Sie Ihren Gewinn erhalten haben.

An den Fond? Dort, wo seine Rückbank steht? Ah, ich verstehe: Mein Agent möchte sich von meinem Gewinn ein neues Heck für sein Auto kaufen. Na, dem werde ich was erzählen.

Weiter gibt es irgendeine Änderung Ihrer Adresse, informieren Sie Ihren Bearbeitungsagenten sobald wie möglich.

Das klingt jetzt sehr nach Telekom: „Irgendwas hat sich geändert, danke fürs Lesen.“
Aber wie informiere ich den Herrn nun?

Bitte ausgefüllt an Ihren Bearbeitungsagenten faxen: +34 911 881 363. Viele Glückwünsche noch einmal von allen Mitarbeitern unserer Abteilung und wir freuen uns Sie als einen ,Teil von unserem INTERNATIONALEN BEFÖRDERUNGS PROGRAMMS zu begrussen.

Ah, da ist der Haken. Ich besitze kein Faxgerät.

Dann bleibt mir wohl nur das Beförderungsprogramm:
Geradewegs in den digitalen Lokus. Schade eigentlich.

Aber dieser Agent soll mir mal zwischen die FInger kommen!

In den Nachrichten
Heiteres Länderraten

Das ist ja furchtbar:

Die US-Ratingagentur Standard & Poor‘s droht nun mit einer Herabstufung des Euro-Rettungsschirms EFSF um zwei Stufen von „AAA“ auf „AA“. Zuvor hat man Deutschland und 14 weitere Euro-Staaten gewarnt.

Oi-oi-oi, das ist wirklich schlimm: US-amerikanische Ratingagenturen verbringen die letzten paar Monate anscheinend damit, Schulnoten für europäische Länder und sonstige Institutionen zu vergeben, die eine ungefähre Aussage darüber darstellen sollen, ob das Bewertete nun liquide ist oder nicht. Dass Griechenland aufgrund seiner enormen Kaufkraft gerade nicht gerade ein Fass aufmachen kann, hätten wir ohne solche Agenturen sicherlich nie verstanden, denn das andauernde Herumhacken der „BILD“ auf den „Pleite-Griechen“ wäre ohne die Herabstufung durch die Agentur Moody‘s wahrscheinlich niemandem überhaupt aufgefallen.

Eine andere Lesart lautet so: Da sitzen also ein paar überbezahlte Quarknasen in großen, vollverglasten Büros in irgendeiner teuren Gegend der seit dem Kalten Krieg quasi exponenziell weniger finanzstarken USA herum, tippen die üblichen Berichte der Finanzministerien in ihren Computer ein und bewerten das Gelesene von „supigut“ bis „kannste abhaken“. Das kann ich auch, aber ich würde nicht dafür bezahlt.

Dass da schon mal Fehler passieren, etwa die versehentliche Herabstufung der Bonität Frankreichs, ist nicht etwa ein Anlass, keinen Pfifferling mehr auf die Bewertungen jener Quarknasen zu geben, sondern ein „schwerwiegender Vorfall“, der umfangreiche Ermittlungen und viel Verzweiflung nach sich zieht. Wenn man eben sonst keine Sorgen hat.

Überhaupt bin ich willens, die Relevanz der Ratingagenturen mit dem ebenfalls ziemlich blödsinnigen „ifo-Geschäftsklimaindex“ zu vergleichen: Jeden Monat fragt das ifo-Institut Unternehmen nach ihren Erwartungen für kommende Geschäfte und tippt das in Computer ein, die das dann in Zahlen umwandeln, die aus irgendeinem Grund anscheinend irgendjemanden interessieren. Nun bin ich in Sachen Finanzwirtschaft ungefähr so beflissen wie Helmut Schmidt im Nichtraucherschutz und könnte mich also gewaltig irren, aber wenn ich jetzt zum Beispiel bei Volkswagen anrufe und frage, ob man bis Ende des Jahres eher mit Gewinn oder mit Verlust rechnet, dann ist die eventuelle Antwort genau so aussagekräftig wie der Wetterbericht: Kann stimmen, muss aber nicht.

Es muss kein Zufall sein, dass die Ratingagenturen aus den USA jetzt gerade den Euro auf dem Kieker haben, behauptet Dr. Paul Craig Roberts:

Aus seiner Sicht handelte es sich um eine fein abgestimmte Aktion seitens des US-Finanzministeriums, der Europäischen Zentralbank (EZB), EU-Behörden und der privaten Banken, die faule Staatsschulden in ihren Büchern führen. Sie wollen Deutschland in die Knie zwingen und dazu bringen, den Widerstand gegen das Anwerfen der Geld-Druckmaschine seitens der EZB aufzugeben. Damit soll das Übergreifen der europäischen Staatsschuldenkrise auf die USA verhindert werden, was ansonsten wohl die Chancen von Präsident Barack Obama auf Wiederwahl bei den Wahlen im nächsten Jahr vermindern würde.

In den USA hat man ja auch derzeit keinen Grund zur Sorge, alles läuft bestens, die Bankiers bekommen wieder großzügige Bonuszahlungen für ihr „Engagement“ und auch sonst hat man keine große Lust darauf, sich von so etwas wie einer Finanzkrise, an der man, wie schon 1929, nicht ganz unschuldig war, irgendwie beeinflussen zu lassen:

Amerikanische Investoren zeigen sich unbeeindruckt von der Drohung der Ratingagentur Standard and Poor‘s (S&P), Länder der Euro-Zone herabzustufen.

„Die USA werden wohl kaum vorerst größer auf die Drohung der US-Ratingagentur reagieren,“ sagte Händler Markus Huber von ETX Capital der FTD. „Die Amerikaner konzentrieren sich derzeit auf das Weihnachtsgeschäft. Der Wirtschaft geht es besser als erwartet.“

Käpt‘n Offensichtlich ist anscheinend aus dem Urlaub zurück.

Putzig finde ich übrigens den Hinweis, man habe Euro-Staaten zuvor vor der Herabstufung „gewarnt“. Wäre ich ein Euro-Staat, ich krümmte mich angesichts der Aussicht darauf, mein „supigut“ von irgendeiner Horde Privatleute ohne besondere Privilegien in ein „fast supigut“ umgewandelt zu bekommen, vermutlich vor Lachen am Boden, aber ich bin kein Euro-Staat. Die Euro-Staaten, die Euro-Staaten sind, krümmen sich aber nicht vor Lachen am Boden, sondern laufen wie aufgeschreckte Hühner durch die Gegend und finden es nicht etwa voll dolle schlimm, dass ihre finanzielle Lage nicht rosig ist, sondern, dass eine fiese, gemeine Ratingagentur dafür auch noch eine schlechte Note vergibt.

Ein Gutes haben diese Agenturen jedenfalls an sich: Je mehr sie mit ihrem Quatsch beschäftigt sind, desto weniger Leute, die dort angestellt sind, sitzen arbeitslos auf der Straße herum und saufen sich ins Koma. Dafür kann man sie gar nicht genug loben.

(Danke an L.!)