Archiv für November 2011

In den NachrichtenPolitik
Das rechte Ende der Demokratie

Der Reflex hatte, wie immer, funktioniert: Kaum war bekannt geworden, dass einige Morde auf das Konto einer terroristischen Vereinigung gingen, nur eben diesmal von Rechts statt von Links wie damals in den 70-ern, brüllte einem von allen Seiten die übliche Forderung nach einem Verbot der NPD, wie es auch der entgegengesetzten (und inzwischen wieder existenten) KPD vor Jahrzehnten widerfahren war, entgegen. Denn, so lautet die einhellige Meinung, rechtsgesinnte Untergrundkämpfer würden ihr Tun künftig unterlassen, wenn man ihnen die Partei wegnimmt.

Dabei stellt offenbar niemand die Frage, ob die NPD und die drei „Terroristen“ (dieses Wort ist längst abgenutzt, wer kennt ein besseres? Vorschläge sind erbeten) wirklich allzu viel miteinander zu tun haben. Rechts = NPD, NPD verbieten = rechts weg. So kann man sich die Welt auch einfachreden.

Die NPD ist aber ein bestenfalls zahnloser Tiger. Sie ist zum Beispiel im sächsischen Landtag vertreten und fällt dort vor allem dadurch auf, dass man sich über ihre Anträge lustig macht, nicht aber dadurch, dass sie die Integrität der demokratischen Strukturen Sachsens nachhaltig zu schwächen versuchte. Engagement gegen Gewalt seitens politischer Extremisten lässt sich für Rufe nach einem Verbot einer Partei nicht bescheinigen, denn dieses hätte keinerlei Einfluss auf extremistische Gewalttaten.

Es gibt in Sachsen anscheinend genug wahlberechtigte Bürger, die sich mit den Forderungen der NPD identifizieren können. Die „deutsche Verfassung“ – das Grundgesetz – lässt dies ausdrücklich zu, und ob ein Verbot der NPD, von eigenen politischen Idealen abgesehen, mit demokratischen Idealen vereinbar wäre, möge ein Rechtskundigerer als ich abschließend beantworten. Die anhaltenden Wahlerfolge der NPD in manchen Bundesländern sind aber ein Symptom, dessen Bekämpfung die Ursache nicht beseitigt. Wenn man erkältet ist, verschwindet die Erkältung ja auch nicht durch‘s Naseputzen.

Lassen wir die NPD als konkretes Objekt einmal beiseite und konzentrieren wir uns auf den Kern: Ein politisch radikales Trio ermordet einige Personen, darunter eine Polizistin (somit handelt es sich – ein schwacher Trost – nicht ausschließlich um konkret rechtsradikale Taten), und die Öffentlichkeit fordert, man möge etwas gegen solche Taten unternehmen, indem man etwas verbietet. Mord, Totschlag, Tötung, Brandstiftung sowie jeweils der bloße Versuch sind aber bereits verboten. Schade, sagt die Öffentlichkeit, dann verbieten wir eben etwas anderes, denn das wird politisch motivierte Gewalttäter mit Sicherheit davon abhalten, ihren Trieben nachzugehen.

Man verstehe mich nicht miss: Gewalt gegen Lebewesen und/oder Dinge ist keinesfalls zu befürworten, und es sollte viel weniger davon geben. Dieses Ziel lässt sich aber nicht erreichen, indem man vergleichsweise gemäßigt agierende Politiker per Dekret in den Untergrund drängt, denn die Terroristen, Massenmörder und sonstwie unfreundlichen Personen sind längst dort. Die scheren sich nicht mehr darum, ob sie die NPD wählen dürfen oder nicht. „Wehret den Anfängen“ oder wem auch immer? Die Anfänge sind, wie nun erwiesen ist, längst Geschichte – ganz ohne die NPD.

Politischen Extremismus hat es zu allen Zeiten gegeben, völlig egal, ob er genehmigt oder verboten war. Das macht solchen Extremismus aus: Bestehende Gesellschaftsordnungen und Gesetze lassen ihn vollkommen kalt. Er liegt offensichtlich im Wesen des Menschen begründet. Wer die NPD verbietet, beraubt die Demokratie um ihren äußeren rechten Rand, Gesinnungen aber wird er so nicht bekämpfen. Wer den „Kampf“ „gegen Rechts“ oder „gegen Links“ oder meinetwegen „gegen den Scheißkapitalismus“ aufnimmt und dabei nicht willens ist, jeden Vertreter seines jeweiligen Feindbildes im Zweifelsfall einfach zu meucheln, der wird verlieren.

Rechtsradikalismus ist kein Verein, den man verbieten könnte, er ist eine Idee; wenn auch sicher nicht unbedingt die beste, die man haben kann. Natürlich kann (und, bisweilen, sollte) man es verbieten, jede Idee ungefiltert in den öffentlichen Raum zu krakeelen, aber die Ideen derer, die schweigen, sterben nicht von allein.

Politisch Aktive, die sich für die Stärkung der Demokratie und des Gemeinwohls nebst Bekämpfung terroristischer Aktivitäten einsetzen, sollten keine Energie darauf verschwenden, Verbote zu fordern. Was die Demokratie nachhaltig schädigt, ist hierzulande bereits seit 1949 verboten, und das ist gut und richtig so. Die freie Energie sollten sie stattdessen dafür nutzen, Unterstützer dieser Aktivitäten davon zu überzeugen, dass sie es besser können. Und so einfach könnte man auch das Thema NPD aus der Welt schaffen: Man muss nur ihren Wählern einen zum Beispiel programmatischen Anlass geben, sich für eine andere Partei zu entscheiden.

Aber anscheinend besteht hieran kein Interesse, oder man hat längst akzeptiert, dass man in Sachsen anscheinend nicht in der Lage ist, den Wahlberechtigten eine attraktive Politik anzubieten. Und so dreht sich die Erde seit Jahrzehnten im Oval. Jeder fragt „warum?“ und niemand will es eigentlich wissen.

Und die Erkältung wird auch weiterhin mit Taschentüchern bekämpft.

In den NachrichtenPolitik
Gefahren des Rauchens (EU-Version)

Zunächst ein wenig Statistik:

2010 gab es EU-weit etwa 33.000 Unfalltote, etwa 650.000 Menschen starben an den Folgen des Tabakkonsums, „mindestens 1.000„ EU-Bürger daran, dass sie aufgrund temporärer (oder langfristiger, sonst würden sie womöglich nicht rauchen) geistiger Umnachtung glimmende Zigaretten zu löschen vergessen hatten, einschliefen und die Konsequenzen tragen mussten.

Was macht man als verantwortungsvoller Staatenverbund, wie es die EU bekanntermaßen ist, aus diesen erschreckenden Zahlen?

Ab Donnerstag dürfen in den 27 EU-Mitgliedstaaten nur noch solche „Zigaretten mit vermindertem Zündpotenzial“ verkauft werden.

(Die Tabakindustrie will ja ebenfalls irgendwie überleben.)

Ver|hält|nis|mä|ßig|keit, die (-, -en) f.: Herausragendes Kriterium beim Treffen von Entscheidungen in politischen Gremien. Siehe auch: ➔ Irakkrieg, ➔ Glühbirnen, ➔ plemplem.

Netzfundstücke
Playboy? logo!

Man müsse ja mit der Zeit gehen, argumentierten die Macher der Kindersendung logo! und staffierten ihre Moderatoren neu aus:

(via chriszim)

Musikalisches
Nirvana – Milk It

2011 markiert unter anderem auch 20 Jahre „Nevermind“, zu Deutsch „Egal“.

Ich habe dazu aus einem bestimmten Grund noch nichts geschrieben: „Nevermind“ ist das wohl belangloseste Album von Nirvana. Dass es mit „Smells Like Teen Spirit“ einen veritablen „Hit“ beinhaltet, bedeutet nicht viel; allenfalls, dass viel Geld in Werbung gesteckt wurde.

Dabei ist „In Utero“ aus meiner ganz persönlichen, subjektiven und ein wenig arroganten Sicht das überlegene Album – sei es nun wegen „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“ oder des grandiosen „Milk It“:

1993 war ein verdammt gutes Jahr für Nirvana. Schade, dass es das letzte blieb.

KaufbefehleMusikalischesSonstiges
Kurze Notiz zu Domian.

Der Zufall und das Album des Jahres – mehr dazu am Jahresende -, anlässlich dessen die Musikheroen Metallica und Lou Reed gemeinsam auftraten und dabei Zuschauer und Zuhörer verwirrten (wer Metallica erwartet, kann mit Lou Reed meist nichts anfangen, und umgekehrt), ließen mich am gestrigen Abend dem merkwürdigen Radiosender „1LIVE“ lauschen.

Dem Konzert und der anschließenden Fragerunde folgte die Sendung „Domian“. Den Anfang habe ich verpasst, aber offenbar ging es um das Thema Tod.

„Domian“ ist, dies konnte ich bislang in Erfahrung bringen, eine von einem Herrn Domian moderierte Ratgebersendung, bei der Leute anrufen können, denen sonst niemand zuhört, um über Dinge zu sprechen, die ihnen gerade so einfallen. Die voyeuristische Ader des Menschen bedankt sich, seine ratio wendet sich angewidert ab.

Allein den schwarzen Humor wird‘s freuen: Um kurz vor 2 Uhr morgens rief ein – seinem Idiom nach zu urteilen – junger Mann an, dem ein dementer Greis vor das Auto gelaufen und jüngst verstorben war und den darob ein schlechtes Gewissen plagte. Herr Domian nun schlug vor, er solle sein Beileid schriftlich bekunden; so überrolle er die Angehörigen nicht. Immerhin!
Dass danach eine beschwingte Frau anrief, die nur einmal öffentlich ihre Freude über ihre gerade erfolgte Scheidung bekunden wollte, gab der Sendung einen surrealen Anstrich.

Anscheinend sollte ich das Schaffen von Herrn Domian künftig etwas aufmerksamer verfolgen.

In den NachrichtenPiratenparteiPolitik
Kurz verlinkt LXV: Piraten stinken und Europa ist kopflos.

Andreas Baum, Berliner Pirat, wurde von der „ZEIT“, nur echt in Brüllbuchstaben, mit 99 Fragen konfrontiert, die über die „ZEIT“ sicher mehr aussagen als über Andreas Baum; zum Beispiel:

Warum tragen Sie, obwohl ranghohes Mitglied der Piraten, keinen Pferdeschwanz?

Oder:

Gehört das zum Look eines Piraten, dass man ein bisschen arm rüberkommt?

Oder:

Ist das wichtig, dass man als Pirat immer ein bisschen ungewaschen aussieht?

Als hundertste Frage stelle ich nur eine einzige an die „ZEIT“: Wird es eigentlich zwingend vorausgesetzt, mindestens ein bisschen bescheuert zu sein, um für die „ZEIT“ schreiben zu dürfen?

(via netzpolitik.org)


Sonst so: Europa hat kein Parlament, also kein valides; wie Deutschland eben auch kein valides Wahlrecht hat. Die Fünfprozenthürde verstoße nämlich gegen die Grundsätze der Wahlrechtsgleichheit, befand das Bundesverfassungsgericht, allerdings nur auf Europa-, nicht auf Bundesebene. Dazu passt vielleicht die Meldung, dass die Deutschen im europäischen Durchschnitt bezüglich ihres Antisemitismus‘ noch harmlos seien, behauptet die (trotzdem linke) „taz“.

Dass Europa also bald wie einst die Weimarer Republik von einzeln nur bedeutungslosen, politisch radikalen Splitterparteien wie der F.D.P. regiert werden könnte, soll uns in Deutschland dann nicht weiter stören.

Obwohl „Die PARTEI“ im Bundestag sicherlich nicht ganz uninteressant wäre.

Sonstiges
Vorsicht: Koffein macht wach!

Ich wüsste ja schon gern, welche Umstände dazu geführt haben, dass die Hersteller von koffeinhaltigen Getränken, Zigarettenherstellern nicht unähnlich, explizit darauf hinweisen, dass das enthaltene Koffein nicht nur die Wachheit erhöht, sondern obendrein, völlig unerwarteterweise, auch die Müdigkeit senkt:

(Andererseits: Nein, lieber nicht.)

In den NachrichtenPiratenpartei
Wenn Journalisten ihre Prinzipien vergessen

Wäre ich Journalist, ich hätte gerade wirklich schlimmes Sodbrennen.

Jahrelang wurde die Piratenpartei als Einthemenpartei dargestellt und belächelt; mit der bloßen Forderung nach einem zeitgemäßen Urheberrecht sei kein Staat zu machen, und würde jemals jemand die Piratenpartei in ein Parlament wählen, so müsse sie sich bis dahin schon mehr überlegen, sofern sie dauerhaften Erfolg haben wolle. Dass es der Piratenpartei nicht um Macht, sondern um eine Änderung politischen Konsenses ging und geht, hat schon damals niemand von der schreibenden Zunft so recht verstanden.

Dann kam die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011. Die Piratenpartei hat inzwischen ein umfassendes, weitgehend sozialliberales Programm, das die Forderung nach mehr digitalen Bürgerrechten, wie gewünscht, beinahe zum Randthema werden zu lassen scheint – und was schreibt man nun als so genannter „Journalist“ in zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung hinein?

[Die Partei] will die Zuschreibung des Daten- oder Musikpiraten umdeuten und von seiner kriminellen Konnotation befreien.

Jetzt, da sie erstmals in einem deutschen Parlament sitzen, scheinen sie genau das vergessen zu haben. Sie sprechen über fahrscheinlosen Nahverkehr, aber nicht über das Urheberrecht. Das ist erstaunlich, weil eine Pauschalabgabe fürs S-Bahnfahren genau auf dem urheberrechtlichen Modell basiert, das Juristen unter dem Begriff „Kulturflatrate“ für die Netznutzung beschreiben.

Doch die Debatte über eine dafür notwendige Reform des Urheberrechts ist derzeit nicht opportun, sie setzt die Kraft voraus, auch gegen Widerstände zu agieren. Diese Kraft können oder wollen die Piraten nicht aufbringen.

Ja, wie denn nun – eine Piratenpartei als Urheberrechtspartei ist lächerlich, eine Piratenpartei als Pauschalpartei soll sich gefälligst mehr um das Urheberrecht kümmern? Leider lässt Autor Dirk von Gehlen offen, an welcher Ausrichtung er nichts auszusetzen hätte – wahrscheinlich fiele ihm die Antwort selbst schwer.

Nun könnte man natürlich fragen, wieso die bekannt inkonsequente Haltung der Süddeutschen Zeitung zur Piratenpartei irgendjemanden interessieren sollte, gilt doch für die dortigen Artikel das gleiche wie für Einträge im Forum der Piratenpartei: Privatmeinungen sind jedem unbenommen, und seien sie noch so albern. Allerdings hat die Süddeutsche Zeitung eine Auflage, die womöglich allzu vielen Leuten, die politisch ebenso umfassend gebildet sind wie die dortigen Beschäftigten, ein völlig falsches Bild der Umstände vermitteln könnte, daher schreibe ich mal etwas dazu:

Die längst notwendige Reform des Urheberrechts ist ein Kernthema der Piratenpartei und wird ein solches auch bis zu ebendieser Reform bleiben. Die AG Urheberrecht ist unverändert aktiv und arbeitet ständig an der Erweiterung des Parteiprogramms. Dass diese Aktivitäten eingeschlafen seien, hätte Dirk von Gehlen leicht als Irrtum erkennen können, hätte er nur einmal einen Blick in die öffentlich zugängliche Mailingliste der AG geworfen; aber für Recherchen wird man bei der Süddeutschen Zeitung anscheinend zu schlecht bezahlt.

Mit ein wenig Recherche hätte Dirk von Gehlen auch erkennen können, wieso sein ganzer schöner zweiseitiger Artikel in Gänze Mumpitz ist: Das Urheberrecht ist ein Bundesgesetz.

Die Berliner Fraktion der Piratenpartei ist zwar durchaus politisch in der Lage, den öffentlichen Personennahverkehr in dem Bundesland, in dessen Regierung sie gewählt wurde, mitzugestalten, sie kann aber keine rechtsgültigen Entscheidungen über den Bahnverkehr in Bayern treffen; wie wir in Niedersachsen ja zum Beispiel auch froh sind, dass die CSU hier nichts zu melden hat. Dirk von Gehlen wirft einer Partei in einer Landesregierung nun vor, dass sie keine Änderung der Bundesgesetze anstrebt, und liegt damit selbstverständlich vollkommen daneben.

Die Piratenpartei selbst setzt sich unverändert für eine Reform des Urheberrechts ein. Wenn Dirk von Gehlen etwas daran liegt, dass diese Reform umgesetzt wird, dann sollte er bei der nächsten Bundestagswahl seine Stimme der Piratenpartei geben. Von einer Landesfraktion aber zu erwarten, Bundespolitik zu machen, zeugt von einer bemerkenswerten Bereitschaft, sich von vermutlich unnötig verwirrenden Fakten zu Themen, mit deren Beschreibung man sein Geld verdient, nicht beeinflussen zu lassen.

Zum Glück bin ich kein Journalist.

In den NachrichtenNerdkrams
Thilo Weichert und die Facebookaffäre

Thilo Weichert hat es nicht leicht. Als Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein ist es seine Aufgabe, darauf zu achten, dass auch in Zeiten totaler Vernetzung der Datenschutz der Bürger gewahrt bleibt. Als größte Bedrohung für diesen – von den eigenen Behörden natürlich abgesehen – hat er, durchaus zu Recht, Facebook erkannt.

Das Blöde ist: Schleswig-Holsteins Facebookseitenbetreiber haben keine Lust, den Betrieb ihrer praktischen Werbeflächen einzustellen.

Obwohl mit Bußgeldern gedroht wird, habe von 15 Angeschriebenen bislang nur eine öffentliche Stelle reagiert und ihre Facebook-Seite deaktiviert. (…) Anlass des Ungehorsams gegenüber dem Datenschutzrecht seien keine hochwertigen Motive, sondern allein der Wunsch, über einen Internetdiensteanbieter, der meint, nicht durch deutsches Datenschutzrecht gebunden zu sein, für sich Werbung machen zu können.

Nun könnte man Thilo Weichert, der auch der Schufa schon Unverträglichkeit mit Datenschutzbestimmungen bescheinigte, für allzu konservativ und rückständig halten, und sei es nur für einen billigen, aber herzlichen Lacher:

Ja, ich bin befangen, ich habe Thilo Weichert mal auf einer Podiumsdiskussion in Berlin gesehen, und ich hatte den Eindruck, er trinkt Lack.

Aber danach sollte man sich doch einmal damit befassen, worum es eigentlich geht:

Die offensichtliche Frage, warum ausgerechnet Behörden eine Facebook-Fanseite unterhalten sollten, wird anscheinend von den betroffenen Behörden selbst gar nicht gestellt. Natürlich nicht, man möchte ja modern sein und sich diesem… diesem Dings… Internet da ausreichend anbiedern, weil irgendjemand von irgendjemandem ein Memo bekommen hat, dass heutzutage eh alle Facebook nutzen oder so. Im Prinzip wäre daran nichts auszusetzen, wäre es nicht Facebook.

Facebook spaltet die Gesellschaft dabei auf ähnlichem Niveau wie Google: Während gegen Google Street View in Massen protestiert wurde, hat eine Wiederholung der gleichen Prozedur (Städte mit entsprechend ausgestatteten Automobilen filmen) durch Microsoft für das eigene Produkt Bing nur wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Klar, denn Microsoft versucht nicht, den Lebensmittelpunkt seiner Kunden darzustellen; anders etwa als Google und Facebook, die seit Jahren darum konkurrieren, wer seine Benutzer wohl am besten „kennt“.

Dabei treibt diese Spaltung bisweilen skurrile Blüten: Im Blog Netzpolitik.org etwa, aus dem unter anderem die fragwürdige „Digitale Gesellschaft“ hervorging, wird in kurzen Abständen immer wieder davon berichtet, dass Facebook als Gefahr angesehen wird, das obligatorische „Gefällt mir“ aber lassen sich die Warner nicht nehmen, und es prangt weiterhin bunt unter jedem Artikel.

Das Problem von Facebook wird oft auf die allgegenwärtigen „Tracking-Buttons“, also die von facebook.com eingebundenen Javascripts, die jeden Besucher, ob Facebook-Nutzer oder nicht, zu identifizieren versuchen und auch über einen längeren Zeitraum „wiedererkennen“, so dass Facebook in Prinzip weiß, wann er welche Internetseite wie lange besucht hat, reduziert. (Facebook hat dies verneint, jedoch war das schlicht gelogen. Vertrauen zu schaffen sieht anders aus.) Insofern könnte man – und Thilo Weichert – zufrieden sein, dass mehr und mehr Seitenbetreiber auf eine Zweiklicklösung wie etwa die von heise.de setzen, die die Javascripts nur lädt, wenn der Benutzer dem ausdrücklich zustimmt. Dies aber ist nur die halbe Wahrheit, all diese Datensicherheit ist nämlich beim Aufruf von Facebook, ob bewusst oder unbewusst, wieder dahin.

Bereits das Bewerben von Facebook mittels wie auch immer geartetem Verweis dorthin, sei es als „Gefällt mir“, sei es als Lesetipp, gefährdet den Datenschutz derer, die diesen Verweis betätigen. Welcher normale Internetnutzer weiß schon, was „Tracking“, also Verfolgung, bedeutet? Wer weiß so genau, was Facebook über ihn weiß? Sicher ist das kein Weltuntergang, vermutlich niemand wird daran sterben, dass Facebook 2013 noch weiß, welche Internetseiten er am 2. September 2011 besucht hat, aber das fällt auch nicht in den Zuständigkeitsbereich eines Datenschützers.

Die Maxime eines Datenschützers sollte es nicht sein, Bürger zu bevormunden, sondern eben solche Bevormundungen zu unterbinden. Die Hoheit über die eigenen Daten ist ein wertvolles Gut, das ist nicht erst seit der Piratenpartei bekannt. Niemand kann es Bürgern verbieten, ihre Daten freiwillig jedem anzuvertrauen, der sie gern einsehen würde; niemand aber darf sie auch dazu zwingen, dies zu tun, indem er ungefragt solche Verfolgungsmechanismen Dritter installiert. (Anders gesagt: Es möge Facebook nutzen, wer es denn unbedingt will, aber das zu entscheiden obliegt ihm selbst und nicht den Werbetreibenden.)

Thilo Weicherts Kampf gegen den sorglosen Umgang mit Facebook ist berechtigt. Es ist seine Aufgabe als Datenschützer, diesem Einhalt zu gebieten. Die meisten seiner Kritiker scheinen nur „Kampf gegen … Facebook“ zu verstehen, und das wäre in der Tat ein nicht nur alberner, sondern die Informationsfreiheit gefährdender Vorstoß. Davon hat aber auch niemand geredet.

Mit etwas Glück wird Facebook eher früher als später das Schicksal von Wer-kennt-wen und den anderen Netzwerken, die keiner mehr haben will, ereilen; dann wird die Karawane weiterziehen, vielleicht zu Diaspora (oder Despora oder Geraspora, völlig egal), vielleicht zu irgendetwas ganz anderem, und keiner wird sich mehr ereifern, wenn jemand die Integrität von Facebook in Frage stellt. Bis dahin gilt es, wachsam zu bleiben: Wer öffentlich lügt, dem sollte man nicht vertrauen.

(Und trotzdem wählen immer noch irgendwelche Leute die CDU.)

In den NachrichtenMusikalischesPolitik
Colosseum – Valentyne Suite

Mit der Eurorettung sieht es düster aus, der deutschen Wirtschaft wird der Export von Meuchelgütern schmackhaft gemacht, Israel und der Iran lassen es brodeln, und die meisten Menschen scheint aber doch nur eines zu interessieren: Wer soll „Wetten, dass..?“ übernehmen?

Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung, dichtete einst Friedrich von Schiller; und wäre er noch am Leben, er wäre vermutlich ein hervorragender Kabarettist.

Hervorragend und immer noch am Leben sind derweil die Musiker von Colosseum:

Mal wieder: Zeitlos schön.


Apropos „Suite“: Die F.D.P. wurde gestern feierlich an den Tropf gehängt. Merkwürdig – ich war bisher der Meinung, lebenserhaltende Maßnahmen trotz offensichtlicher Todessehnsucht des Patienten wären verboten.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Medienkritik in Kurzform: Kaufen Sie nicht verkäufliche Waren hier!

Ganz großes Tennis auch, CHIP.de:

All der Hickhack um die aktuellen Entwicklungen um Apple und ein Verkaufsverbot oder Nichtverkaufsverbot von iPhones in Deutschland aufgrund verfahrenstechnischer Gegebenheiten kann euch nicht davon abhalten, noch ein wenig Kohle in Form von Provision zu scheffeln, der automatisierten Einblendung von irgendwelchem Werbeunfug sei „Dank“.

Das Landgericht Mannheim verbietet Apple für Deutschland mit sofortiger Wirkung den Verkauf von Geräten, die ein Mobilfunk-Patent von Motorola verletzten (sic!).

Allerdings verweist Patent-Experte Müller zu Recht darauf, dass es Apple Inc. hierzulande nicht nur verboten ist „mobile Geräte zu liefern“, sondern auch sie „anzubieten“.

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Sonstiges
Nachtrag zum gestrigen Weltmännertag

Wie jetzt …

… nicht mal Titten?

Netzfundstücke
Kopfwehtexte: Julia Schramm und das Schwurbelproblem

(Vorab: Dies ist die Wenigerkurzfassung eines Beitrags, den ich bereits anderswo veröffentlicht hatte. Wer ihn schon kennt, der möge anderswo weiterlesen.)

Im August 2011 habe ich zum ersten Mal etwas ausführlicher von der so genannten „Spackeria“, einer Ansammlung von Menschen mit der immerhin recht eigenwilligen Ansicht, Datenschutz sei nicht mehr zeitgemäß oder so, gehört, als Spackeria-Mitglied (oder heißt das „Spackerin“?) und Pirat Julia Schramm sich in ihrer Partei aufgrund der Ansicht besagter Ansammlung von Menschen einigermaßen unbeliebt machte. Das Thema ebbte allerdings wenig später ebenso ab wie das Thema „Staatstrojaner“; manches lässt sich eben ganz gut aussitzen. Abgesehen von Michael Seemann, besser bekannt als mspr0, dessen eines Blog ich manchmal lese, aber selten verstehe, verschwanden Julia Schramm und die Spackeria wieder aus meinem Wahrnehmungsfeld.

Ich weiß nun immer noch nicht so genau, wer Julia Schramm eigentlich ist, von obigen Eigenschaften einmal abgesehen, weil mich Klatsch und Tratsch nicht sonderlich interessieren; aber immer, wenn sie etwas schreibt, verstehe ich zumindest, wieso die Spackeristen beim einfachen Volk so unbeliebt sind: Sie verlieren sich in endlosem Geschwurbel ohne Hand und Fuß.

Die Spackeria hat ein Schwurbelproblem.

Der Michael Seemann hat manchmal interessante Ideen (die ich zum großen Teil allerdings nicht so toll finde und nicht verwirklicht sehen will – aber man darf ja durchaus auch andere Anschauungen interessant finden), nur hat er das Problem, dass er diese Ideen unter seitenweise Geschwurbel versteckt. Da schlägt dann fast immer TL;DR zu.

Heute nun hat sich Julia Schramm wieder zu Wort gemeldet; nicht allerdings als Vertreter der post-privacy, sondern als Mitglied der Piratenpartei. Für den „Freitag“ referierte sie über das vermeintliche „Geschlechterproblem“ der Piratenpartei.

Gegen die Einleitung habe ich, von der Interpunktion abgesehen, nicht einmal etwas einzuwenden:

Bei den Piraten kämpfen die männlichen gegen die weiblichen Nerds. Der gegenseitige Vorwurf: Frauen- bzw. Männerfeindlichkeit. Dass es um Teilhabe geht, vergessen alle

So weit, so richtig, und so wenig werden die Grünen das jemals verstehen. Und dann aber:

Vor allem Frauen, aber natürlich in erster Linie Männer, sträuben sich innerhalb der Partei mit erstaunlicher Heftigkeit gegen den Begriff Feminismus.

„Vor allem Frauen, aber natürlich in erster Linie Männer“, also insbesondere Mitglieder beider Geschlechter, nicht aber Hermaphroditen (?!), sträuben sich als Piraten gegen den Begriff Feminismus? Nein, gegen den Begriff hat niemand etwas, nur gegen Geschlechter- statt Kompetenzquoten, aber das kann man ja mal verwechseln, wenn man sich schon „Spackeria“ nennt. Wobei, nur wenige Sätze später, es heißt:

Für einige ist Feminismus synonym mit Quote.

Unter anderem anscheinend für einen Teil der Autorin, der andere Teil der Autorin hat es verstanden, behauptet er; oder behauptet es der andere? (Ihr merkt, liebe Leser: Texte von Julia Schramm zu verstehen ist nicht leicht.)

Während nun der Piraten-Nerd zum so verhassten Internetausdrucker beim Thema Feminismus wird, mutieren die durchschnittlichen FeministInnen zum Nerd und beschimpfen den Piraten-Nerd für den eklatant uninformierten Umgang mit feministischen Begriffen und dem dazugehörigen Denken.

Diesen Satz musste ich dreimal lesen. Wer schafft weniger? – Der Nerd also wird zum Antinerd und der/die/das Feminist/in/num zum Nerd, wenn es um Feminismus geht; bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Nichtpiratennerds von allem außer Feminismus keinen Schimmer haben? Bedeutet das überhaupt irgendetwas?

Ich habe es immer noch nicht geschafft, besagten Text zu Ende zu lesen, ohne vollends den Faden zu verlieren. Hat es jemand geschafft und kann mir kurz die Vermutung bestätigen, dass der Text keinerlei weitere Informationen enthält?

Weiter unten – das fiel mir beim Überfliegen auf – schrieb Julia Schramm dies:

Denn nur über Exklusivwissen und gemeinsames Handeln wird die so lang ersehnte Inklusion vollzogen, die so viel gutes Gefühl, ja Anerkennung vermittelt.

Vielleicht schreibt man als Mitglied der Spackeria seine Veröffentlichungen ja deshalb immer so, dass keiner, der nicht aus dem gleichen Wissensfundus schöpft, noch versteht, worum es eigentlich geht: Dies gewährleistet eine Exklusivität der eigenen Interessensgemeinschaft, denn die Einstiegshürde, nämlich das nötige Abstraktionsvermögen, um den Sinn zu erkennen, erscheint für Außenstehende unüberwindbar.

Mein Kopf tut weh, ich mach‘ die Augen zu… (Nena)

NetzfundstückePiratenparteiPolitik
Katrin (CDU): Vogel.

Der Preis für größtmöglichen Realitätsabstand geht in diesem Monat traditionell wieder an die CDU, diesmal an das dortige Mitglied Katrin Vogel, die irgendjemand blöd genug war zu wählen und die deshalb folgenden Unsinn unredigiert in irgendein – zum Glück nur lokales – Quatschblatt drucken lassen durfte:

Wahr ist, dass die Piratenpartei sich für eine Lockerung des Betäubungsmittelgesetzes einsetzt, um so etwa der Drogenmafia das Geschäft zu ruinieren und sie so letztendlich überflüssig zu machen. Komplett daneben liegt sie aber mit der Behauptung, die Piratenpartei unterstütze den freien Zugang zu Kinderpornografie im Internet. Inzwischen habe sie das eingesehen, schreibt Frau Vogel:

Im Programm der Piraten habe ich viele Punkte zur Ablehnung der Zensur im Internet gefunden aber keine Äußerung zur Verurteilung von Kinderpornographie im Internet oder Vorschläge zur deren Bekämpfung.
Durch hunderte von emails, als Reaktion auf meinen Artikel, ist mir deutlich geworden, dass es offensichtlich Ziel vieler Mitglieder oder Anhänger der Piraten ist, kinderpornographische Seiten komplett zu löschen.

Sie wirkt ehrlich überrascht. Wie, die Piratenpartei steht gar nicht für kostenlose Kinderporno-Flatrates?!

Fünf Jahre Piratenpartei kann man eben schon mal verschlafen, wenn man in der CDU ist, und mit dem langweiligen Geschwätz, das Parteien von sich geben, die nicht mal im Bundestag sitzen, muss man sich ja ohnehin nicht beschäftigen. Da steht die Union drüber, gelle? – Ich frage mich, ob die Entschuldigung es ebenfalls in dasselbe Quatschblatt schafft. Ich bin kein Jurist, aber ich bezweifle, dass dieses halbherzige „hoppla!“ die bereits geschehene üble Nachrede nebst negativen Folgen für das Ansehen der Piratenpartei bei Lesern des Quatschblattes im Nachhinein aufhebt. Um es mit Katrin Vogel zu sagen:

Demokratie hat auch Grenzen.

Aber nur so ein Denkanstoß, Frau Vogel: Wofür genau steht eigentlich Ihre CDU, die Kinder für ihren Wahlkampf missbraucht und nicht davor zurückschreckt, entsprechendes Material auch öffentlich vorzuführen? Für angewandtes Arschlochtum?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen in diesem Land.


Nachtrag vom 30. November 2011: In den Kommentaren zu diesem Beitrag hat Katrin Vogel meine Vermutung, eine Korrektur würde ausbleiben, widerlegt. Danke hierfür.

Fotografie
Überraschung!

Ihr kennt das sicher: Ihr wollt noch unterwegs ein Geschenk für liebe Wegbegleiter kaufen, aber findet einfach nicht das richtige Mitbringsel.

Zum Glück gibt es Geschäfte, die sich darauf spezialisiert haben, diesem Missstand ein Ende zu bereiten; zum Beispiel den „Überraschungs-Basar“ in einer nicht näher erwähnenswerten deutschen Kleinstadt, dessen Angebot bereits von Weitem zu bestechen weiß:

Da werden die lieben Weggefährten sicher überrascht sein!