KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2008 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 2 von 12 der Serie Jahresrückblick

Hallo, liebe Diesleser,
schon wieder ist ein halbes Jahr vergangen, 2008 neigt sich dem Ende zu. Ein guter Zeitpunkt ist’s also, rechtzeitig zu den letzten Weihnachtseinkäufen eine abschließende Rückschau auf die Alben des Jahres sowie der letzten Jahrzehnte zu halten.

Wie immer kann ich natürlich nur jene Alben in die Rückschau aufnehmen, die mir vorliegen und die mir ausreichend vertraut sind. Dennoch ist zu hoffen, dass der eine oder andere von euch sich mit der Retrospektive auseinandersetzt und womöglich etwas entdeckt, was ihm gefällt. Ergänzungen, sofern auf solider Kenntnis des Ergänzten beruhend, sind natürlich jederzeit willkommen.

Der Vollständigkeit wegen:
Einige Alben, die mir beim Anspielen zwar spontan gefielen, über die ich jedoch noch kein ausreichendes Urteil fällen konnte, fehlen aus ebendiesem Grund. Lieber einen Qualitätskauf zu wenig als einen Reinfall zu viel in der Liste.

Da sich auch mein Musikgeschmack indes hin und wieder wandelt, sei diesmal vorweg erwähnt, dass die Nummerierung zwar durchaus eine „Topliste”, jedoch keine geordnete darstellt. Das Kapitel „Deutschrock” möchte ich aus Gründen der Übersicht diesmal auch gesondert anfügen.
Für alles, was im Folgenden aufgeführt wird, kann ich jedenfalls gleichermaßen den Kauf empfehlen.

Frohes Hören daher bei diesen Tonträgern:

Teil 1: Diverse Genres

  1. Tindersticks – The Hungry Saw
    „And still we try to reach for what is gone tonight, and they’re here” (Yesterday’s Tomorrow)

    Die britische Band Tindersticks um Sänger Stuart A. Staples ist mit ihren Werken kaum bekannt, wird für bekanntere Gruppen wie Nick Cave & The Bad Seeds allerdings gern als Vorbild zitiert.

    Dabei haben sie musikalisch kaum gemeinsam:
    Das Album The Hungry Saw ist alles andere als lärmig, das Genre Rockmusik lässt sich keinesfalls auf es anwenden. Die ursprüngliche Besetzung wurde mit diesem Album zur Hälfte aufgelöst, so dass Perkussion und Streicher, die das Album weitgehend bestimmen, eine noch melancholischere Stimmung als noch auf seinen vergleichsweise fröhlichen Vorgängern verbreiten. Der tiefe, gebrochene Gesang, der Gegner dieser Musikrichtung (spontan kommt mir das Wort „Kammerfolk” in den Sinn) mitunter an eine nicht allzu kindliche Version von Kermit dem Frosch denken lassen mag, lässt den Hörer am Ende des Albums merkwürdig leer, aber auch befreit zurück.

    Auf jeden Fall ist eine Hörprobe zu empfehlen, zum Beispiel Yesterday’s Tomorrow auf YouTube.

  2. The Hold Steady – Stay Positive
    „I know you’re pretty pissed, I hope you’ll still let me kiss you.” (Magazines)

    Um die Stimmung, in der The Hungry Saw den Hörer hinterlässt, wieder zu erwärmen, hilft wie so oft ein wenig Indie-Rock.
    The Hold Steady aus New York werden bisweilen mit Bruce Springsteen verglichen, machen aber weitaus mehr Spaß.

    Vergleiche sind schwierig zu ziehen; The Hold Steady haben einen durchweg eigenen Stil, der sie von den übrigen Vertretern der in der Regel recht eintönigen „Indie-Welle” (Kaiser Chiefs und wie sie alle heißen) erfreulich unterscheidet.

    Der Name des Albums ist Programm, so abgeschmackt dies auch klingen mag. Optimistische Texte über verschiedene Aspekte des Lebens, gepaart mit abwechslungsreichen Melodien, verbreiten ein Feeling, das sich gewaschen hat, aber hallo.
    (Ich hoffe, die Parodie auf moderne Medien ist mir halbwegs gelungen.)

    Hörproben:
    Amazon.de hat 30-sekündige Hörproben im Archiv.

    Leider bringt auch Stay Positive die unangenehme Eigenart vieler „Indie”-Alben mit, dass sich beim dritten oder vierten Hördurchlauf der „Aha-” bzw. „Oho-Effekt” weitgehend abgenutzt hat. Damit keine Langeweile aufkommt, geht’s direkt weiter mit dem nächsten Album:

  3. Sigur Rós – Með suð í­ eyrum við spilum endalaust
    „Allt gleymist í smásmá stund og rætist samt, opna augun, ó nei!” (Inní­ Mér Syngur Vitleysingur)

    Die Isländer mit dem eigenartigen Falsettgesang sind zurück, ohne jemals weg gewesen zu sein, und sie legen nach ihrem inzwischen drei Jahre altem Werk Takk… („Danke…”), das mit seiner geradezu sprühenden Fröhlichkeit – wie immer dies aussehen mag – nach dem elegischen, nachdenklichen Doppelalbum () einen Bruch im Stil des Quartetts darstellte, einen Nachfolger vor, der dies konsequent weiterführt.

    „Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos weiter”, in der Tat, dies scheinen sie zu tun:
    Wäre nicht der erste Teil des Albums mit den eingängigen Mitsumm-Melodien der seltsam heiteren Single Gobbledigook und des oben bereits zitierten Inní­ Mér Syngur Vitleysingur, so könnte man dieses Album in der Endlosschleife hören, ohne es direkt zu bemerken; bereits wenig später nämlich breiten Sigur Rós wieder ihre Klangwelten aus.

    Und da bei Sigur Rós, anders als bei vielen dieser ekligen Chartsmusiker, kein Album das gleiche ist wie sein Vorgänger, gibt es auch auf Með suð í­ eyrum við spilum endalaust viele Details zu entdecken. So wird zum Beispiel All Alright erstmals auf (immerhin schlecht verständlichem) Englisch intoniert; in Stück 7 (Ára Bátur) wirkt gar das Londoner Sinfonieorchester mit.

    Das (passende) Titelfoto – einige fröhliche Nackte in freier Natur – wurde übrigens konsequent in das Video zu Gobbledigook überführt. So ist auch für’s Auge was dabei.

    Hörproben:
    Auf YouTube.com gibt es die Videos zu Gobbledigook und Inní­ Mér Syngur Vitleysingur zu beäugen. Viel Spaß!

  4. Cog – Sharing Space
    „I don’t listen at all to the government, I just say: No, why do you hate?” (Swamp)

    Von schwebender Esoterik nunmehr wieder zurück zu erdigem Rock.
    Bezüglich der australischen Gruppe Cog ist den meisten Lesern dieser Zeilen vermutlich nur bekannt, dass ihr aktuelles Album, obwohl nicht mehr „brandneu”, bei Amazon.de lächerlich wenige Kundenrezensionen (zum Zeitpunkt des Verfassens exakt 1) hat und folglich keinen allzu hohen Verbreitungsgrad zu haben scheint.

    Das ist durchaus schade, denn Cog machen wirklich gute Musik. Das Gitarrengeschrammel findet nicht im Vordergrund, sondern als Liedbegleitung statt, stattdessen haut der Schlagzeuger drauf, dass es kracht.
    (Das ist ausnahmsweise nicht bildlich gemeint.)

    Warum die englische Wikipedia Cog als progressive rock einstuft, wundert mich ein wenig; sich selbst nennt die Band schlicht eine Rockband. Ich würde zudem noch das Adjektiv „Independent” dazupacken, denn trotz aller Gefälligkeit: Im Radio laufen sie meines Wissens nie.
    (Gegenbelege bitte jederzeit zukommen lassen!)

    Textlich haben Cog ein paar sehr gute Ideen parat – ein Beispiel habe ich oben zitiert -, und wer jetzt noch herausfindet, an wen mich der Sänger erinnert, tut mir einen großen Gefallen. Ich komme nicht darauf.

    Hörproben:
    In ihrem MySpace-Profil kann man einige Lieder von Cog gratis anhören und mit der richtigen Technik auch herunterladen.

    :)

    Eine Melange aus dem Gesang und der Fröhlichkeit von Sigur Rós und der Independent-Attitüde von Cog und The Hold Steady hat das folgende Album zu bieten:

  5. Portugal. The Man – Censored Colors
    „Lay me back down in the holes and the warmth that we’ve warmed up.” (Lay Me Back Down)

    Ich ertappe mich selbst nur selten dabei, Lieder im ÖPNV, in Mathematikvorlesungen und/oder während der Körperreinigung mitzusummen, aber Lay Me Back Down ist ein verdammter Ohrwurm, seit Monaten schon. Das vom Feuilleton gepriesene Vorgängerwerk Church Mouth war durchaus auch recht nett, aber Censored Colors ist schlicht grandios.

    Das Eröffnungsstück (das nun schon mehrfach erwähnte Lay Me Back Down) führt, was heutzutage nicht mehr (?) allzu selbstverständlich ist, tatsächlich in die Stimmung des Albums ein; es mag durchaus sein, dass da der Überschwang aus mir spricht (und im Kopf den Refrain von Lay Me Back Down mitsummt), jedoch ist die sprichwörtliche Sonne, die beim Hören aus dem Gesäß des Konsumenten strahlt, noch eine fast zu blasse Metapher.

    Der hohe Gesang wird vermutlich an sich nicht jedermanns Geschmack entsprechen, aber er passt zur Musik. Mal im Ernst: Metal-Gegrunze zu Sommermelodien?

    Ein Amazon.de-Rezensent hat das Album übrigens wie folgt bewertet:

    Wer in die Platte reinhört, bemerkt schnell, dass es sich hier um eine Band mit einem unverwechselbaren Sound handelt. Egal, ob sie leisere Töne anschlägt, die an Cake, Deus, At-the-Drive-In erinnert. Oder ob die Band 40 Jahre Rockmusik wie durch ein Kaleidoskop in völlig eigenständige, extrem tanzbare Songstrukturen integriert. Dabei schafft es die Band immer wieder, Tempo- und Stilwechsel innerhalb eines Stücks ohne jede Bruchstelle harmonisch einzufangen. Viele der Songs wirken so wie Hymnen, die bei jedem Hören wachsen und wachsen.

    „Tanzbar” ist, wenn auch ein recht metaphorischer Kunstbegriff, eins der beiden Wörter, mit dem sich dieses Album am besten zusammenfassen lässt. Das andere ist „fröhlich”, aber das habe ich oben schon verbraucht.

    ;)

    Hörprobe:
    Es erscheint voraussichtlich nur wenig überraschend; als Hörprobe zu diesem Album empfehle ich das Video zu Lay Me Back Down auf YouTube.com. Mitsummen oder entrüstet schließen; ihr habt die Wahl!

  6. The Ascent Of Everest – How lonely sits the city !

    Auch die Abschlussliste 2008 muss nicht auf ein wenig instrumentalen Postrock verzichten. Das Leerzeichen vor dem Ausrufezeichen gehört, soweit mir bekannt ist, zum Titel des Albums und ist daher kein Schreibfehler.
    Wobei es doch schwer genug ist, beim Rezensieren dieses Albums keine Schreibfehler zu machen: Titel wie As the City Burned We Trembled for We Saw the Making of Their Undoing in Our Own Hearts und Mountains: c) Sing Out as Hope Rises With the First Breath of Dawn zeigen, wo The Ascent Of Everest anzusiedeln sind. Auch die Genregrößen Mogwai, deren Musik The Ascent Of Everest sich oft nähern, sind dafür bekannt, ihren Stücken gern überlange Titel (ein Beispiel: I Love You, I’m Going To Blow Up Your School) zu geben.

    Da The Ascent Of Everest, von den Sprachfetzen in A Threnody For the Victims of November Second abgesehen, auf Gesang verzichten, kann man nur spekulieren, was die Titel zu bedeuten haben; aber entscheidend ist, was drin ist.
    Und das ist eine ganze Menge.

    Die genretypischen Gitarrenwände, wie sie zum Beispiel Oceansize oder die von mir in der Halbjahresrückschau hoch bewerteten Dear John Letter aufbauen, lassen The Ascent Of Everest weitgehend unaufgebaut, dennoch gibt es hier durchschnittlich 10-minütige Instrumentalorgien mit Crescendi und Decrescendi auf die Ohren.

    Damit man mich nicht falsch versteht:
    The Ascent Of Everest sind solider Postrock, wie man ihn kennt und toll findet. Nicht überragend gut, aber auch nicht überragend schlecht.
    Dieses Album ist vielmehr repräsentativ für die anderen Werke dieser musikalischen Schublade zu betrachten, die in diesem Jahr erschienen, darunter auch The Hawk Is Howling von Mogwai, das in der Presse bereits ausreichend, so meine ich, gewürdigt wurde.

    Hörproben:
    Teile des Albums stellt die Band in ihrem MySpace-Profil zum kostenlosen Hören bereit.

    Zusatztipp:
    Wer auch am Ende dieses Jahres von dieser Musikrichtung noch nicht genug hat, dem sei der Sampler 2008 der beiden Labels Cavity Records und The Mylene Sheath ans Herz gelegt, auf dem unter anderem die grandiose Band If These Trees Could Talk sich austoben darf.
    Mehr dazu unten.

Womit wir auch schon bei einer zentralen Frage wären:
Am Jahresende ist oft kein Geld mehr für Tonträger übrig – was tun?

Kein Problem:

Teil 2: Kostenlos muss nicht schlecht sein

Radiohead haben es vorgemacht (In Rainbows), Marillion (ihr wisst schon, die mit Kayleigh) haben in diesem Jahr mit dem Doppelalbum Happiness Is The Road nachgelegt:
Auch Musik, die man kaufen kann, muss nicht teuer sein.

Einer der für alle Beteiligten positiven Effekte des Internets ist die Möglichkeit, die eigenen Werke einem großen Publikum in kurzer Zeit zugänglich zu machen.
Auch auf die Gefahr hin, dass diese Vorgehensweise auch auf lange Sicht wenig einträglich bleibt – Radius System, auf deren Album Escape / Restart ich zum ersten Halbjahr 2008 an dieser Stelle hingewiesen hatte, haben sich mittlerweile aufgelöst -, so bieten im Internet doch auch weiterhin gute, jedoch weithin unbekannte Bands ihr geistiges Eigentum frei an.

In diesem Halbjahr sind mir (bzw. Peter) neben den unvermeidlichen Marillion vor allem diese Gruppen aufgefallen:

  1. Hermelin – Hermelin

    Hermelin kommen aus Hannover und machen – was auch sonst? – Post-/Alternative Rock. Dabei gehen sie reichlich bissig zu Werke, was ich hier bereits vor einer Weile anmerkte; sowohl die Postrockheroen Isis und Mogwai als auch die Noiserocker Sonic Youth sind erkennbare Inspirationen.

    Bezugsmöglichkeiten:
    Das Album kann man wahlweise bei 12rec.net, der Plattenfirma der Band, oder bei eMule herunterladen.

    Wer meine Begeisterung für Gitarrentürme resp. -stürme nicht teilt, für den ist vielleicht eher dies interessant:

  2. The Woodlouses – Life … And Simple Pleasures

    The Woodlouses („die Kellerasseln”) kommen aus Frankreich, aber das merkt man nicht.
    Ihre Musik beschrieb Peter folgendermaßen:

    Musikalisch wird ordentlich ausgeteilt. Zwischen knackigen Alternative und noisigen Gitarrensounds, catchy Melodien und ruppige Ausbrüche ist alles vorhanden, was das Herz begehrt.

    Es wird erfreulich wenig gebratzt, stattdessen musizieren The Woodlouses irgendwo zwischen The Velvet Underground, Oasis und Oceansize, zwischen Noise und Pop/Rock.
    Gefällt!

    Bezugsmöglichkeiten:
    Das Album gibt es auf der Webseite der Band als Gesamtpaket oder einzeln zum Herunterladen; bei eMule steht’s aber auch herum.

  3. Cavity Records / The Mylene Sheath – Sampler 2008

    Unter dem Stichwort The Ascent Of Everest erwähnte ich diese Kompilation bereits kurz.
    In Kürze: Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Stücken, deren Interpreten bei den Labels Cavity Records oder The Mylene Sheath unter Vertrag stehen, darunter auch bekannte Gruppen wie Caspian und If These Trees Could Talk. Genre(s): Postrock und/oder Shoegazing. Kurz genug?

    Bezugsmöglichkeiten:
    Herunterladen kann man sich das Archiv von der Internetpräsenz von The Mylene Sheath oder bei eMule.

„Halt”, höre ich da die Stimmen auf den preiswerten Plätzen einwenden, “was ist mit der deutschen Musik?”

Die Frage ist schnell beantwortet, denn, wie ich eingangs anmerkte, es folgt ein weiterer Teil dieses Beitrags:

Teil 3: Deutschrock

Im Jahr 2008 gab es natürlich nicht nur viel Indie- und Postrock, sondern auch soliden Rock mit deutschen Texten. Vier nicht üble Vertreter dieser Gattung folgen:

  1. Sport – Unter den Wolken
    „Ohne Worte fällt das Sprechen schwer.” (Der Schmerz)

    Die Hamburger Gruppe Sport, der auch Kante-Gitarrist Felix Müller angehört, habe ich, Asche auf mein ergrautes Haupt, in der Zeitschrift VISIONS zum ersten Mal zur Kenntnis genommen.
    Und das offenbar durchaus nicht zu früh: Schon das erste Lied Gehirnerschütterung übertrifft das offenbar als melodische Inspiration dienende Tag mit Schutzumschlag von Bela B. an Schlagkraft. Die Gehirnerschütterung ist indes keine Folge übertriebener Leibesertüchtigung; vielmehr drehen sich die Texte um Interhumanes wie das leidige Thema Liebe oder Zweifel. Und obwohl diese Texte auch Ekelpopgruppen wie den Killerpilzen zuzutrauen wären, möchte ich doch betonen: Hier wird sozusagen gerockt, ohne Luft zu holen.

    Auf Amazon.de heißt es in Originalorthografie:

    Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, nervte einst Reinhard Mey. Das Hamburger Trio Sport beschäftigt sich natürlich trotzdem lieber mit dem Elend „Unter den Wolken” und bohrt mit intelligenten und kitschfreien Texten in mancher Wunde. Es geht um gescheiterte Sinsuche, Verlust, Depresssion.

    Hörproben:
    Reinhören kann man natürlich ebenfalls auf Amazon.de. Es ist eine gute Idee.

    Aber auch die schon länger etablierten Musiker waren 2008 recht produktiv:

  2. Farin Urlaub Racing Team – Die Wahrheit übers Lügen
    „Ich bin nur ein Mann, aber auch ich hab Gefühle; ich gebe gern zu, es sind nicht so viele.” (Krieg)

    Nicht schlecht:
    Kaum ist die aktuelle Tour seiner Stammband Die Ärzte vorüber, geht Farin Urlaub wieder ins Aufnahmestudio und spielt mit seiner persönlichen Begleitband, dem Racing Team, dessen Name nun erstmals auf dem Titelbild eines Studioalbums zu lesen lst, anderthalb neue Alben ein.

    Warum anderthalb?

    Nun, tatsächlich besteht das Album aus beinahe zwei Alben; das erste, größere („Büffelherde”) besteht aus elf Rocksongs, unter anderem aus der Vorabsingle Nichimgriff, auf dem zweiten („Ponyhof”) gibt es vier Ska-Stücke zu hören.

    Der deutlichste Unterschied zum vorigen Studioalbum Am Ende der Sonne liegt, wie so oft, in den Texten:
    Von wenigen Ausnahmen (u. a. Die Leiche) abgesehen kann man sich über die meisten von ihnen wieder herrlich amüsieren.
    „Der Papst sagt: In der Nase bohrn ist noch kein In-sich-gehn!” (I.f.d.g.) – jawohl!

    (Alle Texte des Albums gibt es hier zum Lesen.)

    Über die Identität von Gobi Todic, des Titelhelden eines der Stücke, wird im Internet derzeit auch vielfach diskutiert. Ob er ein kommunistischer Kämpfer war oder eine fiktive Figur ist, ist meines Wissens noch immer ungeklärt, das ist aber auch nicht Gegenstand dieser Rezension. Das Lied indes gefällt mir.

    Dass das Stück Insel von der zweiten CD Seeed mindestens kopiert, wenn nicht gar prima parodiert, und der Refrain von Monster unfertig klingt, tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch.
    (Zum Glück muss ich hier keine Punkte vergeben!)

    Hörprobe:
    Das offizielle Video zu Nichimgriff gibt es natürlich auf YouTube.com, wo man mit ein wenig Geduld vermutlich auch den einen oder anderen Mitschnitt anderer Lieder des Albums finden kann.

    ;)

    Und wer lieber Krach als Rock mag, dem kann natürlich auch in diesem Jahr geholfen werden:

  3. Die Toten Hosen – In aller Stille
    „Schau dich an, willst du unsterblich sein? Gott sei Dank: Leben ist tödlich.” (Leben ist tödlich)

    Das aktuelle Album der Punkrockgruppe Die Toten Hosen heißt In aller Stille und ist das neueste Album dieser Rückschau, damit auch das, mit dem ich noch am wenigsten vertraut bin.
    Somit ist folgender Text ein relativ unbedarfter erster Höreindruck und beleuchtet vermutlich viele Bestandteile des Albums nur unzureichend.

    Ähnlich dem oben beschriebenen Die Wahrheit übers Lügen des Herrn Farin Urlaub ist auch auf In aller Stille ein Stilwechsel zu hören.
    Obwohl das derweil bereits vier Jahre alte Vorgänger-Studioalbum Zurück zum Glück einige durchweg gute Lieder bot (mein Favorit: Ich bin die Sehnsucht in dir), aber für das weitgehende Fehlen der bekannten „Mitgrölhymnen” vielfach kritisiert wurde, bleiben Die Toten Hosen, dies sei ihnen zugestanden, auf dem eingeschlagenen Kurs.

    In der ersten Single Strom steckt viel Kraft, die mit wenigen Ausnahmen auch dem Rest des Albums innewohnt. Von den eher ruhigen Nummern sticht Auflösen, ein Duett (mit einer Frau! Was ist passiert?), textlich hervor; bei den Ärzten würde solch ein Lied wieder zu wochenlangen Diskussionen darüber führen, ob das ein Zeichen für eine bevor stehende Trennung der Gruppe ist, herrje. „Wenn wir uns jetzt auflösen…”

    Zudem aufgefallen sind mir Disco, ungewohnt mit Discoklängen unterlegt, und Leben ist tödlich, das textlich auf Unsterblich vom gleichnamigen Album Bezug nimmt.

    Hörproben:
    Auf der Website der Toten Hosen gibt es derzeit eine Sonderseite zum Album, auf der man auch Hörproben findet.

    Das ist noch zu wenig experimentell?

    Es folgt eine letzte kurze Kaufempfehlung:

  4. 1000 Robota – Du nicht er nicht sie nicht
    „Du fragst dich sicher: Warum verschwendest du deine Zeit?” (Mein Traum)

    Auf diese knuffigen Jungmusiker aus Hamburg (ich hoffe, hier stimmen meine Informationen) bin ich, wie so oft, bei den Schallgrenzen gestoßen.
    Und noch am 31. Oktober schrieb ich dort:

    ich weiß nicht.. werd mit denen nicht grün :)
    irgendwo zwischen, hm, fehlfarben und tocotronic, nur monotoner…

    Inzwischen muss ich diese Kritik ein wenig abschwächen.
    Bei den von mir erlauschten Inspiratoren Fehlfarben und Tocotronic bleibe ich, hinzu kommt allerdings noch eine Prise Die Goldenen Zitronen (Mein Traum), und schon sieht das ganz anders aus und klingt auch im Unterbewussten viel angenehmer.

    Textlich und gesanglich ist die Inspiration durch die Fehlfarben meines Erachtens die deutlichste, der größte Unterschied liegt darin, dass die Texte der 1000 Robota – wie schon die der oben erwähnten Sport – sich primär um Interhumanes drehen.

    Freunde mindestens der Fehlfarben können einen Blindkauf wagen, für alle anderen gibt es eine Hörprobe:
    Das Lied 1234567 gibt es seitens der Plattenfirma Tapete Records gratis zum Herunterladen.

Teil 4: Rückschau

Auch diesmal möchte ich meine Analyse des diesjährigen Musikkonsummarktes mit einer Rückschau auf die letzten 40 Jahre der Musikgeschichte schließen, wie immer von hinten nach vorn und wie immer ohne Anspruch auf allgemein anerkannten Musikgeschmack.
Ergänzungen sind natürlich auch hier jederzeit gern gesehen.

  • Vor 40 Jahren:
    The Velvet Underground – White light / White heat

    1968 war ein überaus produktives Jahr für die Rockmusik.
    Benebelt vom Sommer der Liebe tanzten die Blumenkinder zu den psychedelischen Klängen von Listening und der bereits mit Klangcollagen arbeitenden West Coast Pop Art Experimental Band, die Beatles veröffentlichten das selbstbetitelte Doppelalbum, das heutzutage wegen seines Covers meist das Weiße Album genannt wird, und in New York machten sich The Velvet Underground, seit ihren ersten Auftritten im Rahmen der Schau Exploding Plastic Inevitable als Andy Warhols Todesschwadron bekannt, selbstständig.

    Das Album White light / White heat, erstmals unabhängig von ihrem ehemaligen Mentor produziert und somit auch ohne die von diesem geförderte Sängerin Nico, ist das experimentellste Album der Gruppe geblieben. Ein gefälliges, radiotaugliches Lied wie das weiche Sunday Morning vom Debütalbum ist hier nicht zu finden, der Einsatz von Rückkopplungen und Verzerrung ist sogar noch verstärkt worden. Einzig auf Here She Comes Now, das auch von Nirvana sein könnte, halten sich die vier Musiker ein wenig zurück, dennoch klingt auch dieses Stück, als würde jederzeit der Ausbruch erfolgen. Die Abblendung mag dann doch überraschend scheinen.

    The Gift, von mir im Zusammenhang mit Nick Cave schon einmal erwähnt, ist eine Kurzgeschichte über ein Liebespaar, an deren Ende – natürlich – Blut fließt. Das Titelstück White light / White heat hingegen ist Avantgarderock ähnlich European Son vom Erstalbum.

    Der Höhepunkt der sechs durchweg – für damalige Verhältnisse – brutalen kakophonischen Krachorgien ist das abschließende, über 17 Minuten lange Sister Ray, dessen surrealistischer Text von Drogen, Mord und Transvestitismus handelt.
    Kleiner Ausschnitt gefällig?

    Cecil’s got his new piece, he cocks and shoots between three and four,
    he aims it at the sailor, shoots him down dead on the floor.
    “Aw, you shouldn’t do that!
    Don’t you know you’ll stain the carpet?
    Don’t you know you’ll stain the carpet?
    And by the way man, have you got a dollar?”

    Durchaus harter Stoff im Jahr der Liebe, die gewollte Provokation hat ihr Ziel indes sicherlich nicht verfehlt.
    Leider warf Lou Reed den eher avantgardistischen John Cale noch im selben Jahr aus der Band, so dass die Nachfolgealben aus künstlerischer Sicht vergleichsweise belanglos blieben.
    Das Erbe der radikalen The Velvet Underground bleibt jedoch bis heute in Bands wie Joy Division, Sonic Youth und vielen anderen erhalten.

  • Vor 30 Jahren:
    The Rolling Stones – Some Girls

    1978 war, bedingt auch durch den Aufstieg des Punk, außer dem Progressive Rock erstmals auch eine weitere bis dahin populäre Musikrichtung im Abwind:
    Die Gegner der Disco-Kultur kritisierten die vergleichsweise banalen Texte und die einfallslosen Rhythmen. Bis die Initiative “Death to Disco” um den DJ Steve Dahl sich formieren sollte, dauerte es noch ein Jahr. Bis dahin blieb Bands wie den Rolling Stones wie auch zahllosen frühen Metalbands die Wahl, sich mit der neuen Jugendkultur zu arrangieren oder sie zu ignorieren.

    The Rolling Stones entschieden sich für ersteres; auf dem Album Some Girls finden sich neben dem bekannten Beast of Burden auch zwei eher untypische Stücke:

    Während Shattered durch Mick Jaggers Sprechgesang auffällt und sich somit musikalisch wie auch textlich zwischen Funk und frühem Rap bewegt, stellt Miss you mit seinem markanten Bass, den mehrstimmigen Chören und dem Saxofonsolo eine Verbeugung vor der Discomusik dar.

    Wieso dieses Album regelmäßig als einer der schlechtesten Stones-Tonträger bewertet wird, ist für mich unbegreiflich.
    Es ist mein persönlicher Favorit.

  • Vor 20 Jahren:
    The Fall – The Frenz Experiment

    1988: Das Jahrzehnt der Retortenmusik ist fast vorüber. Dass Video Killed The Radio Star des New-Wave-Duos The Buggles, das die Ära des Musikfernsehens einläutete, von einem Album des Titels The Age of Plastic stammt, war im Nachhinein ein Wink des Schicksals.

    Bereits zwölf Jahre zuvor wurde die Avantgarde-Rock-Band The Fall gegründet, die sich ähnlich wie ihre musikalischen Vorbilder The Velvet Underground durch experimentellen Noise Gehör verschafften.

    Im Jahr 1988 erschienen zwei Alben, deren erstes den Titel The Frenz Experiment trägt und sich gegenüber anderen Werken der Band dadurch unterscheidet, dass man die verzerrten Texte des Sängers Mark E. Smith verstehen kann.

    ;)

    Dass The Fall trotz allen Anspruchs bis heute weitgehend unbeachtet bleiben, konnte auch John Peel, der bekennender Anhänger der Band war, nur wenig beeinflussen. Schön ist’s jedenfalls zu wissen, dass der Avantgarde-Rock sich nicht von zeitweiligen neuen Musikströmungen verdrängen ließ und lässt.

  • Vor 10 Jahren:
    J.B.O. – Meister der Musik

    Das Ende der 90-er Jahre hatte außer ekligem Kindergeburtstags-Pop wie Aqua und Blümchen auch die Wiederentdeckung des Progressive Rock durch Bands wie Echolyn im Gepäck; dies allerdings verlief zunächst weitgehend unbemerkt.

    Und so ist es hoffentlich auch wenig erstaunlich, dass ich die musikalische Entwicklung der 90-er Jahre diesmal am Beispiel des Albums Meister der Musik der fränkischen Metalkomiker J.B.O. aufzeigen möchte.

    Mit Meister der Musik nahmen J.B.O. ihr vorerst letztes Album mit wenig anspruchsvollen, aber durchweg saukomischen Coverversionen bekannter Musikstücke auf; der Nachfolger Sex Sex Sex fiel eher durch seine grotesk erscheinende Death-Metal-Attitüde (Ein kleiner Vampir) als durch Fäkalhumor auf.

    Aber zurück zu Meister der Musik:
    Dieser Tonträger enthält tatsächlich alles, was man von J.B.O., deren Schlumpfozid im Stadtgebiet wie auch das Album Explizite Lyrik wenige Jahre zuvor auf Jugendpartys recht verbreitet schien, zu erwarten hatte. Metallica wurden auf dem Werk, das auch eine Art „Rahmenhandlung” beinhaltet, ebenso parodiert wie Mike Oldfield und andere Musikanten diverser Stile.

    So zotig Meister der Musik allerdings auch sein mag:
    Es ist vom musikalischen Aspekt überaus gelungen und, verglichen mit Gruppen der Art Knorkator oder Donald Dark, sicher nicht die schlechteste Trinkfeierbeschallung.

Mit dieser illustren Liste von Tonträgern endet nunmehr also meine Musikrückschau 2008.
Bei ausreichend Zuspruch gibt es 2009 eine neue.

Auf dann!

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