In den NachrichtenPolitik
Medienkritik LXXXIX: Sigmars Verwandlung

Ich bin ja nicht nachtragend; egal, wie wenig ich vom Tun eines Menschen halte, so weiß ich es doch oft zu würdigen, wenn er unerwartet Wahres äußert.

Annett Meiritz („twittert freiwillig”) etwa, beruflich SPD-freundliche Lästertante beim SPIEGEL, hat heute nicht nur herausgefunden, dass Deutschland regiert wird, sondern sogar, von wem:

Seit einigen Tagen ist Angela Merkel nun schon fort. Ihre Abwesenheit fällt aber nicht sonderlich auf. (…) Dass man von Merkels Pause kaum etwas mitbekommt, mag an Sigmar Gabriel (SPD) liegen.

Kein „Angela Merkel (CDU)” oder wenigstens ein „Angela Merkel (59)”; das kann SPIEGEL ONLINE doch eigentlich besser. (Dabei wäre die politische Karriere von Angela Merkel, deren linksliberale Partei „Demokratischer Aufbruch” sich 1990 vor allem aufgrund miserablen Abschneidens – 0,9 Prozent – bei der Volkskammerwahl der CDU anschloss, vielleicht tatsächlich einen genaueren Blick wert, aber die Zielgruppe von SPIEGEL ONLINE interessiert sich wahrscheinlich einfach nicht so für Politik.) Das ist Annett Meiritz zumindest bei Sigmar Gabriel (SPD; „wird seiner Chefin immer ähnlicher”, wie auch immer das nun verstanden werden soll) wieder eingefallen.

Dass augenscheinlich niemand mitbekommt, dass Angela Merkel nicht da ist, könnte man jetzt entweder als Steilvorlage nutzen oder versuchen, dies als Leistung Sigmar Gabriels zu werten. (Würde es eigentlich auffallen, wäre auch Annett Meiritz fort?) Wenn der nun aber seiner „Chefin” „immer ähnlicher” wird, heißt das nicht auch, dass auch seine Abwesenheit immer weniger Konsequenzen hat? – Schön wär’s ja.

Aber was will man von SPIEGEL ONLINE schon erwarten? Sprachliche Qualitätskontrolle jedenfalls nicht. Am Montag etwa ließ ein mir bis dahin zu Recht unbekannter Felix Knoke dort sein Konterfei neben einen Artikel mit dieser Überschrift setzen:

Angriff in San Francisco: Frau reißt Journalist Google Glass aus dem Gesicht

Ausformuliert lautet diese Überschrift: Ein Journalist – Nominativ – riss einer Frau – vermutlich Dativ – eine mysteriös mit diesem verschmolzene „Google Glass” nicht etwa von der Nase, sondern aus dem Gesicht. Warum der Journalist das tat, steht leider nicht im Artikel, auch auf splatter-Bilder wurde leider verzichtet. Schade!

(mit Dank an L.!)

Netzfundstücke
Sendeschluss in Neuland

Der Zustand des „öffentlich-rechtlichen Internets” kurz zusammengefasst:

Ausgewählte Beiträge der „Ortszeit” gibt es montags bis freitags zwischen 9 und 23 Uhr, samstags zwischen 9 und 17 Uhr sowie sonntags zwischen 13 und 23 Uhr zum Herunterladen[.]

Außerhalb der genannten Zeiten hat die Downloadabteilung, die die Daten auf den Rechner der Besucher schiebt, Feierabend. :irre:

Montagsmusik
Extrabreit und Hildegard Knef – Für mich soll’s rote Rosen regnen

Ich habe vor einigen Tagen erschüttert festgestellt, dass auf den Fernsehsendern, auf denen sich einst Rockbands tummelten, mittlerweile Schlager von Helene Fischer gespielt werden. Helene Fischer, das partygirl; damit man nicht immer Rolf Zuckowski hören muss, nehme ich an.

Dem Trend zu mehr Schlagermusik gerade auch in der Jugend kann und will ich mich nicht verschließen. Aber dann doch bitte wenigstens gute:

Extrabreit (+ Hilde Knef)-Für mich solls rote Rosen regnen

Guten Morgen!

In den NachrichtenNerdkrams
Medienkritik LXXXVIII: N24 fühlt sich beobachtet

Es ist neu, es ist böse:

Am Dienstag kann man in den USA erstmals Google Glass kaufen. Was erwartet die Technik-Freaks: Ist es Spielzeug oder nützliches Gerät? Wir verraten, was man über die Datenbrille wissen muss.

Technik-Freaks wissen’s, dem Rest erklärt’s N24 (Motto unten auf der Website: „aktueller Qualitätsjournalismus rund um die Uhr”), bekannt für seine Panzerberichterstattung im hauseigenen Fernsehsender. Das ist sehr nett, sicherlich macht sich die jahrelange Erfahrung in „Journalismus” irgendwie bemerkbar.

Oder doch nicht?

Mit Google Glass ist es nun möglich, ohne zusätzliche Geräte und lediglich durch Sprachsteuerung in sekundenbruchteilen (sic!) Filme und Fotos zu produzieren.

„Ohne zusätzliche Geräte” außer der Google-Brille mit Sprachsteuerung; was ein Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustand ist, als man Fotos noch umständlich „ohne zusätzliche Geräte” (außer dem Smartphone mit Sprachsteuerung) machen musste.

N24 interessiert an Google Glass jedenfalls zu Beginn beinahe nur die Foto- und Videofunktion. Die sei zwar irre innovativ, aber gefährlich:

Durch Wi-Fi und über UMTS/LTE können die gemachten Aufnahmen auch sofort ins Internet gestellt und mit den Freunden geteilt werden. Gerade diese Funktion lässt Datenschützer hellhörig werden. Es besteht die Gefahr, dass Menschen ohne Zustimmung und Wissen fotografiert oder gefilmt werden. Ob die Kamera von Google Glass aktiv ist, ist für Außenstehende kaum ersichtlich.

So ist’s halt mit „Smartphones” auch; wenn draußen die Jugend herumsteht und sich einander die neuesten Katzenvideos und/oder Sexchats zeigt, weiß ich als Passant nicht, ob nicht einige der vermeintlich nur Zeigenden stattdessen ihre Umgebung filmen und/oder fotografieren. Aber so ein „Smartphone” hält man in der Hand und trägt es nicht auf der Nase, weshalb es über den Verdacht, mittels seiner Kamera und/oder seines Mikrofons als „Wanze” benutzt zu werden, natürlich erhaben ist. Würde ja niemand tun.

Zudem ist es weiterhin fraglich, was Google mit den gespeicherten Daten unternimmt. Sollte sich Google Glass wirklich so verbreiten, wie sich das Unternehmen es erwünscht, wird Google Zugriff auf Millionen von Informationen erhalten.

Weiter unten im Artikel schreibt der Autor, Google Glass biete derzeit „kaum Vorteile gegenüber einem Smart-Phone” (sic!), aber Nachteile scheint es auch kaum zu geben. Android-Smartphones sammeln ja auch „Millionen von Informationen” (wenngleich mich ja schon interessieren würde, in welcher Einheit das gemessen wird; sei’s drum).

Vielleicht ist das auch beim Verfassen des Artikels aufgefallen, so dass man Gefahr lief, nicht überzeugend genug vor dem Teufelszeug zu warnen. Na, ein Argument zieht immer:

Probleme solle es bereits mit illegalen Aufnahmen von Kinofilmen gegeben haben. Für Kinobetreiber ist es nicht mehr zu erkennen, ob Raubkopien erstellt werden.

Google Glass ist nur gut für Raubkopien, weil man damit Dinge filmen kann! Verbieten!

Wenn der Autor hier nur etwas konsequenter gewesen, hätte er den Gedanken weitergesponnen: Wer mit „aktivem” Google Glass sein Kind badet, fertigt damit außerdem Kinderpornografie an – und wer weiß, was Google dann damit macht!!1!elf

Zum Glück gibt es wackere Ritter, die etwas dagegen unternehmen:

Dagegen besteht bereits eine große Gegenbewegung, die befürchtet, dass ihre Privatsphäre gefährdet sei.

Und N24 mittendrin.

In den NachrichtenPolitik
„… dort aber soll er liegen bis zum Tage des jüngsten Gerichts.”

Die Bundesregierung tut endlich was:

Nach wochenlangen Diskussionen hat der Bundestag am Donnerstag ohne Debatte die Mitglieder der Kommission gewählt, die in den nächsten zwei Jahren die Grundlagen für die Suche nach einem Atommüll-Endlager festlegen sollen.

Aufgrund der Anforderungen, die das Thema der „dauerhaften” Lagerung radioaktiven Materials stellt, gehören diesem „Expertengremium” (taz), gar dieser „Expertenkommission” (Tagesspiegel) nicht irgendwelche Laien an, sondern Leute, die sich auskennen:

Ulrich Kleemann (…)
• Hält den Salzstock Gorleben für geologisch ungeeignet, um dort Atommüll zu lagern

Das tut zwar die Kassiererin bei Lidl womöglich auch, aber die ist eben keine Expertin und wurde daher nicht gefragt. Nein, nein, wenn schon Endlagersuche, dann nur mit Leuten, die wissen, wie man jahrhundertelang brisantes Material unter sicherem Verschluss hält:

Als Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen stehen zur Wahl: (…) Ralf Meister (Evangelische Kirche in Deutschland), Professor Georg Milbradt (Kommissariat der Deutschen Bischöfe), (…).

So weit, so logisch: Wer eignet sich als Experte für Giftmüll mehr als ein Vertreter einer dieser „christlichen” Sekten?

Und für das Material findet sich sicher in irgendeinem vatikanischen Giftschrank auch noch ein Plätzchen. :aufsmaul:

In den NachrichtenNerdkramsPolitik
Medienkritik in Kürze: Alles Nazis außer Mutti!

Endlich erklärt uns mal jemand, warum die AfD eine rechtspopulistische Neonazipartei ist:

Es sei “Kern rechtspopulistischer Agitation”, die unterdrückten Bedürfnisse der einfachen Menschen anzusprechen, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke auf “tagesschau.de”.

Und ein ernst zu nehmendes Presseerzeugnis wie die „Huffington Post” fragt natürlich auch nicht nach, wenn ein Experte was erzählt; dass nämlich ein Einsatz für die einfachen Menschen, deren Bedürfnisse im Wirtschaftsliberalismus kaum Gehör finden, schon nahe an der Grenze zur Volksverhetzung entlangschramme.

Die Piratenpartei fordert ein reformiertes Urheberrecht? Rechtspopulistische Agitation! Die Linke fordert Reichensteuer und bezahlbare Wohnungen? Rechtspopulistische Agitation! Von den Nazi-Steuersenkungen (F.D.P.) und den erneuerbaren Nazi-Energien (Die Grünen) reden wir lieber gar nicht erst. Frei vom Verdacht, rechtspopulistische Agitation zu betreiben, ist vermutlich allein eine Partei, die die „Bedürfnisse der einfachen Menschen” gar nicht weiter zur Kenntnis nimmt.

Wenn es so eine Partei doch nur gäbe! Das wäre ein Traum, nicht wahr?


Ach, falls ihr euch noch immer nicht sicher seid, ob euch der Heartbleed-Fehler, der ein Auslesen eurer Passwörter im Klartext – mit OpenBSD wär’s nicht passiert – ermöglicht, betrifft, und „ja” euch nicht eindeutig genug ist: Hier könnt ihr das überprüfen.

Nerdkrams
${Pointierte Überschrift}

Ach, Firma „HP”, ihr Vorreiter der Digitalisierung mit all euren klugen Bedienoberflächen, eurem zweifelsfrei lobenswerten support, eurer jahrzehntelangen Expertise in EDV-Belangen und so,

eine Frage hätte ich dann doch mal:

HP

Hä?


In weiteren Nachrichten: Nach jahrelangem Werbetrommeln seitens der Medien ist das scheußliche Betriebssystem Linux auf Heimanwendersystemen jetzt bei unglaublichen 1,49 Prozent Marktanteil angelangt. Das ist wohl dieser „Durchbruch auf dem Desktop”, von dem seit Jahren schwadroniert wird.

Piratenpartei
Soziallaberale Piraten

Bevorzugter Konsens im Zwist zwischen Hooligans und Nichthooligans in der Piratenpartei scheint momentan, dass „die Piraten” sozialliberal sind; um so größer war die übliche Empörung, als der Bundesvorsitzende Thorsten Wirth sich ausdrücklich nicht „Sozial-Liberal” nannte und das zu Recht mit der fehlenden Definition begründete. Was genau soll sozialliberal denn sein? Eine Distanzierung von Linksradikalismus zumindest, genau definiert ist’s halt nicht (und was genau also zum Beispiel die AfD oder die Tierschutzpartei in dieser Hinsicht von der Piratenpartei unterscheidet, ist mir unklar).

Der bayrische Pirat Michael Renner begegnete meinem Unverständnis mit dieser Erklärung:

@tux0r @insideX dass „sozialliberal” keinen Wikipediaeintrag hat zeigt wie wichtig es ist de.wikipedia.org/wiki/Soziallib… auf eigene Füsse zu stellen

Die „sozialliberale Koalition” – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – war eine Koalition aus F.D.P. und SPD, also aus heutiger Sicht aus Hartz IV und Wirtschaftsförderung, aus Kosovokrieg und „Gesundheitskarte”. Aber nein, es sei ja nicht alles schlecht gewesen:

@tux0r @insideX die Jahre der sozialliberalen Koalition gehören mithin zu den besten. Kennst du bessere? Komm mir jetzt nicht mit der SED!

„Sozialliberal ist gut, und wer das nicht so sieht, der ist halt Sozialist”. Mutti, die Russen sind da!

Nein, wenigstens ein Teil der „sozialliberalen Koalition” habe etwas bewerkstelligt, nämlich Phrasendreschen und Niederknien:

@tux0r Brandt: Kniefall, 2. Bildungsweg, „mehr Demokratie wagen”, Strafrechts- und Strafvollzugsreform uvm bpb.de/izpb/10109/soz…

Brandt also, der deutsche Konsenskanzler. Soll er Vorbild für die Piratenpartei sein? Aber nein:

Piraten, die sich „sozialliberal” nennen wollen weder Brandt noch Scheel ausgraben. Sie wollen sowohl sozial als auch liberal sein. #iLike

Der noch lebende Walter Scheel freut sich wahrscheinlich darüber, dass Herr Renner ihn nicht ausgraben möchte; Willy Brandts Handeln erst als Beispiel für gelungenen „Sozialliberalismus” anzuführen und nur wenige Stunden später darauf zu verweisen, dass er gar nichts mit der „piratigen” Definition von „sozialliberal” zu tun habe, ist aber zumindest rhetorisch ungeschickt. Sozialliberal? Irgendwie sozial, irgendwie liberal; wie eben auch beinahe jede andere Partei. „Sozialliberale Piraten”: Wissen nicht, wo sie stehen, finden aber wenigstens komplizierte Worte dafür.

Ich bin übrigens piratiger Pirat.

In den NachrichtenPolitikWirtschaft
Weltelite ohne Zukunft

Es war verdächtig still in der Regierung. Kein Streit, kein Pofalla, nicht mal ein anständiger Doktortitelentzug (ganz im Gegenteil). Unsicherheit drohte: Sollte die Legislaturperiode dieser Regierung, deren Opposition jedenfalls vor allem mit Getöse auffällt und schon aus mathematischen Gründen sonst nicht viel zu opponieren vermag, wider Erwarten von Stillstand und Langeweile geprägt sein?

Aber nicht doch!

Im Koalitionsstreit um die Rente mit 63 droht die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner der SPD mit einem Scheitern des Vorhabens.

Warum Julia Klöckner aussieht wie eine gemeinsame Tochter von Martin Rütter und Erika Steinbach, weiß ich nicht, und es wäre sicherlich unangemessen und unfair, darüber an dieser Stelle zu referieren; aber angemerkt möcht’s schon sein. Die Rente mit 63, die Andrea Nahles momentan dufte zu finden vorgibt, habe jedenfalls Mängel, beklagt die CDU:

Die Kritik der Union entzündet sich vor allem daran, dass bei dem geplanten früheren Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren auch Zeiträume berücksichtigt werden sollen, in denen der Betroffene arbeitslos gemeldet waren.

Ein Bundestagsabgeordneter bekommt übrigens für vier Jahre Parlamentszugehörigkeit bereits fast einen vierstelligen Betrag an „Pension”, ehemalige Minister deutlich mehr. Der Vorstoß der CDU, in die Pensionsberechnung nur tatsächliche Arbeitszeit einfließen zu lassen, ist aus Steuerzahlersicht also durchaus zu begrüßen.

Wo’s doch mit der Volkswirtschaft sowieso nicht zum Besten steht:

„Der Konkurrenz aus den USA müssen wir etwas entgegensetzen”, sagte Beppe Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, zur Hannover Messe. (…) „Deutschland verliert den Anschluss an die Weltelite.”

„Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen” (E. Geibel); bzw. eben: Deutschland als Weltelite, weil wir gar nicht wissen, wohin mit unserer Elite (außer halt ins Ausland, weil’s dort weniger kostet), und die Eliteuniversitäten bereits zum Bersten mit künftiger Elite (und Gender-Studies-Studierxsen) angefüllt sind bzw. eben mit sowas:

Baden-Württemberg [will] Biologie und andere naturwissenschaftliche Fächer als Schulfächer abschaffen und durch ein Fach „Naturphänomene und Technik” ersetzen. Themen wie Klonen und Pränataldiagnostik sollen aus dem Lehrplan verschwinden. (…) Ungefähr so, wie in den USA die Religiösen die Naturwissenschaften aus dem Unterricht drückt (sic!).

Zum Glück stirbt Europa sowieso aus. Wegen Gemüses, versteht sich. Krieg und Klima wären zu wenig dramatisch.


Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es falsch ist, Sonyprodukte zu kaufen.

Montagsmusik
Caravan – Golf Girl

Ihr habt doch nicht ernsthaft gedacht, ich entlasse euch ohne Musik in den Montag? Ich könnte es doch selbst nicht ertragen.

Caravan – Golf Girl (music video 1971)

Guten Morgen!

In den NachrichtenMir wird geschlechtPolitik
Dreimal kurz verlinkt: Facebook, Feminismus, Verbraucherschutz

Ich mag ja kein Facebook, aber Thomas Knüwers Facebook-Verteidigung (gegen Werbehanseln) ist tatsächlich applauswürdig, schon weil ich aufdringliche Werbung fast noch ein bisschen weniger mag als Facebook:

Das durch Hybris anabolisierte Selbstmitleid mit dem Ihr derzeit in Sachen Facebook durch die Branchenmedien propagandiert, ist nicht mehr zu ertragen. Es zeugt vom tiefen Glauben, die ganze Welt wolle nichts sehnlicher, als Eure immer platter und unmutiger werdenden Botschaften und Eure ebenso immer gleichen Waren. (…) Nicht “social” weil die Interessen der Nutzer über die der Wirtschaft gestellt werden. So denken Werber.

Wenn die Kunden sich freiwillig keine Bannerwerbung mehr angucken wollen, kleistern die Unternehmen den virtuellen Lebensraum der Kunden halt zwangsweise mit Werbung zu. Viel hilft viel. (Ein Idiotenblockierprogramm – das wär’s.)


Überraschung:

Die rot-grüne Landesregierung (von Rheinland-Pfalz, A.d.V.) hatte mit den Aufdrucken mehr Frauen für die Kommunalparlamente gewinnen wollen. (…) Die Verfassungsrichter stoppten das Vorhaben zunächst in einem Eilverfahren, eine Entscheidung in der Hauptsache steht noch aus. Sie machten allerdings bereits jetzt „erhebliche Gründe” dafür aus, dass die Vorschriften verfassungswidrig sind. Das Gericht sah durch die geplanten Stimmzettel die Gefahr, dass der Grundsatz der Freiheit der Wahl verletzt wird. (…) Mit Blick auf die mit der Neureglung eigentlich angestrebte Frauenförderung erklärte [der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz], die Landesregierung werde nun andere Instrumente entwickeln, um den Anteil der Frauen in den kommunalen Parlamenten und Gremien zu erhöhen.

Eigentlich ja skandalös, dass der Vorsitzende der SPD ein Mann ist; und der letzte Kanzlerkandidat auch. Diese patriarchalische Partei hält den Fortschritt auf! (Ich bin ja sowieso dafür, Wahlen ganz abzuschaffen und Parlamente einfach nach Reihenfolge der Bewerber zu besetzen. Das wäre sicher eine lustige Zusammensetzung.)

(via Schwerdtfegr)


Apropos SPD: Der gegenwärtige Bundesjustizminister – nicht mehr die großartige Sabine Leutheusser-Schnarrenberger aus der langweiligen F.D.P., sondern Heiko Maas aus der SPD – hatte kürzlich eine Eingebung:

Dass jetzt zum wiederholten Mal innerhalb weniger Monate millionenfach Nutzerdaten abgefischt werden, zeigt, wie wichtig das Thema der Datensicherheit ist (…) Ein Anbieter, bei dem die Kundendaten unsicher sind, wird auch bei den Verbrauchern kein Vertrauen finden.

Wenn es doch nur ein Ministerium gäbe, das sich für die Belange von Verbrauchern einsetzen würde, so dass Heiko Maas’ Vermutung auch politisch bestärkt wird, indem zum Beispiel Unternehmen zu besserem Datenschutz verpflichtet würden! Man könnte es „Verbraucherschutzministerium” (oder so ähnlich) nennen und sollte jemanden als Minister einsetzen, der auch zu seinem Wort steht. Wie wäre es mit Heiko Maas?

Oh.

Nerdkrams
Android-Apps absichern mit AFWall+ und AOSP

Panik!:

Verbraucherschützer haben getestet, welche Zugriffsrechte 50 Apps verlangten, die sowohl im Google Play Store als auch im Apple iTunes Store zu kaufen sind. (…) Zugriffsberechtigungen sollten nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich angefordert werden.

Nicht ungewöhnlich seien Zugriffe der Apps zum Beispiel auf Adress- und Standortdaten der Nutzer, den Browserverlauf oder die Identifikationsnummer des Gerätes. (…) Außerdem haben die meisten Verbraucher eine Vielzahl an unterschiedlichen Apps auf Ihren Endgeräten installiert: Mitgeteilt wird einmal der Standort, ein anderes Mal das Alter und das Gewicht des Verbrauchers, wieder andere Apps wollen Einblick in die Kontaktliste und die Seriennummer des Endgeräts. (…) „Der App-Check hat gezeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht, um die Nutzung von Apps künftig transparenter und sicherer zu machen”, sagte Elbrecht.

Dieser Handlungsbedarf kann jedenfalls unter Android bereits von Nutzerseite erfüllt werden – freie „AOSP”-basierte (also nicht geräteherstellerseitig mit Eigenwerbung versehene) Distributionen wie CyanogenMod, SlimKat und ParanoidAndroid machen’s möglich. (Im Folgenden wird SlimKat auf einem Samsung Galaxy S4 verwendet, gegebenenfalls weichen Menüs und Aussehen etwas von den Abbildungen ab.)

‘Android-Apps absichern mit AFWall+ und AOSP’ weiterlesen »

KaufbefehleMusikkritik
The Rolling Stones – Their Satanic Majesties Request

The Rolling Stones - Their Satanic Majesties RequestNennt mal ein paar Lieder der Beatles! – Das ist nicht so schwer, ein Teil von ihnen (es gibt ja genug) wird sowieso von den Sendern tagein, tagaus einem beinahe wehrlosen Publikum vorgespielt. Ein besonders bedrückendes Beispiel war der Sender Radio 21, der vor ein paar Jahren die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ein paar Beatles-Lieder zu spielen, inzwischen vermutlich aber damit aufgehört hat.

Und jetzt nennt mal ein paar Lieder der Rolling Stones!

„Satisfaction”, ja. „Start Me Up”, auch richtig. „Paint It, Black” und „Sympathy for the Devil”, vielleicht noch „Angie” und „Gimme Shelter”. War’s das? Meistens. Das ist eigentlich erstaunlich: Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft haben „die Stones” deutlich mehr hinterlassen, was man kennen könnte. Klar, es war auch viel Unfug dabei, zum Beispiel das überflüssige „Tattoo You”, aber auch einige wahre Albenperlen wie „Some Girls” und das deutlich unterbewertete „Their Satanic Majesties Request”.

Letzteres, ein halbes Jahr nach „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” der Beatles veröffentlicht, wird oft als Versuch missverstanden, jenes zu kopieren. Während aber von „Sgt. Pepper” entgegen dem ursprünglichen Konzept nicht viel mehr übrig blieb als eine unzusammenhängende Liedsammlung, deren „Rahmenhandlung” um eine Musikgruppe namens „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” auf ein Minimum gekürzt wurde und deren „psychedelische Elemente” im Gegensatz zu Pink Floyds wiederum 1967 erschienenen Debüt allenfalls den Geist der Hippies atmeten, machten die Rolling Stones es von Anfang an richtig.

Das wohl bekannteste Stück auf „Their Satanic Majesties Request” – „She’s a Rainbow” – ist trotz der beachtlichen Instrumentierung zugleich das untypischste:

Rolling Stones – She's A Rainbow 1966

Wie so oft in den Jahren um 1967 herum wurde auf „Their Satanic Majesties Request” nämlich daneben allerlei Unfug getrieben; sei’s ein schnarchender Bill Wyman in „In Another Land”, sei’s das beschauliche Lagerfeuerlied „Sing This All Together”, das die erste LP-Seite (mit John Lennon und Paul McCartney als Hintergrundsänger) eröffnet und in einer etwas längeren, aber völlig anderen, psychedelisch-durchgedrehten Version (nicht der folgenden) wieder schließt:

01. Sing This All Together.mp4

Das alles ist noch kein Grund, „Their Satanic Majesties Request” überragend zu finden; aber da ist auch noch „Citadel”.

„Citadel” – one of the most underrated Stones songs ever – ist das psychedelische Lied der Rolling Stones, klingt natürlich nach John Lennon, Jefferson Airplane, The United States of America und …And You Will Know Us by the Trail of Dead (und zwar gleichzeitig) und kann gar nicht genug gewürdigt werden:

Citadel – Rolling Stones

Dass „Citadel” wie auch die meisten anderen Stücke auf diesem Album nie live gespielt wurde, ist ebenso bedauerlich wie die Rückkehr der Rolling Stones zum gewohnten Bluesrock mit dem Nachfolgealbum „Beggars Banquet” 1968. Mitgründer Brian Jones blieb nicht mehr lange in der Band – vermutlich wegen übertriebenen Drogenkonsums zog er sich wie Syd Barrett immer mehr zurück, 1969 wurde er vor die Tür gesetzt und starb noch im selben Jahr. „Their Satanic Majesties Request” verschwand im Folgenden weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, was etwas schade ist.

Ich empfehle jenen, die (wie ich) an den Rolling Stones vor allem ihre gelegentlichen Experimente (Disco und Punk auf „Some Girls” sowie eben dieses hier) schätzen, diese Wahrnehmung zurückzugewinnen, stilecht auf Vinyl (weil’s schöner ist) oder eben auf einem Tonträger eurer Wahl. Der Rest kann’s natürlich ignorieren, aber dann verpasst er was.

Open our heads, let the pictures come!
The Rolling Stones: Sing This All Together

In den NachrichtenNetzfundstücke
Medienkritik in Kürze: Autismus, Sascha Lobo, Lächelvermeidung

Missverständnisse über Autismus in den Medien zu suchen ist müßig; der Autismusvergleich für jeden Menschen, der irgendwie anders ist, hat sich schon vor Jahren abgenutzt. Trotzdem finde ich diese Frage – ausnahmsweise mal in einem ausländischen Medium – überaus entlarvend:

Wenn Autismus keine Krankheit ist, wie kann man ihn dann behandeln?

„Wenn ein Holzelefant kein Auto ist, wo kommt dann das Benzin rein?”

(Und wie kann man eigentlich solche „Journalisten” behandeln?)


Sicher auch nur ein Missverständnis war es, dass ich ernsthaft davon ausgegangen war, Sascha Lobos im Januar in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” veröffentlichter Text mit dem Fazit, „das Internet” sei kaputt und „der Netzoptimismus” führe in seiner gegenwärtigen Form vollkommen am Ziel vorbei, habe zur Folge, dass er, Lobo, künftig nicht mehr als „Internet-Experte” dummes Zeug in Medien, die das Leistungsschmutzrecht fördern, hineinschreiben würde. Er schrieb damals, der „Rechtbehaltewunsch” sei bei „der Netzgemeinde” so stark wie nirgends sonst.

Und er, Lobo (SPD), der „Sprecher”, gar Erlöser der „Netzgemeinde”, habe es ja damals schon gewusst, schrieb er also gestern in einem weiteren „FAZ”-Text: Man brauche – Gedankenstrich – „einen neuen Internetoptimismus”. Diesmal einen ohne Dummheiten, meinte er damit; und ich bin optimistisch, dass die kollektive Dummheit, die „uns” alle paar Wochen einen neuen Text unseres „Vordenkers” Sascha Lobo zu fressen gibt, „im Internet” dann demnächst auch mal aufhört.


Noch so ein Phänomen im „Journalismus” sind im Übrigen gestellte Fotos zur Bebilderung langweiliger Textwüsten. Gezeigt werden meist betont fröhliche, betont traurige oder sonstwie betonte Menschen, mit denen vorher geübt wurde, wie sie möglichst unnatürlich aussehen, damit es besser in die Zeitung passt.

Oder halt zum SWR, wo es ein Foto namens „Kinder halten Brief in die Höhe und gucken traurig.jpg” gibt:

Kinder halten Brief in die Höhe und gucken traurig

Na ja, zwei von vier.

Ach, ihr.
Die Ärzte: Ein Lächeln (für jeden Tag deines Lebens)

In den NachrichtenNetzfundstückePiratenpartei
PISA beweist: Deutscher Nahverkehr macht Schüler blöd!

Es gibt auch noch gute Nachrichten: Nur ein Fünftel der deutschen Schüler ist zu doof für Alltagsaufgaben, was Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern seinem ehemaligen Status als Land der Dichter und Denker wieder ein wenig näher bringt.

Wie gut können Deutschlands Schüler alltägliche Probleme lösen? Neue Daten aus der Pisa-Studie zeigen: Ein Fünftel der 15-Jährigen ist schnell überfordert. (…) Deutschlands Schüler liegen leicht über dem OECD-Durchschnitt[.]

„Alltägliche Probleme” – das klingt doch schon weniger nach Intelligenztests („sortieren Sie diese abstrakten Gebilde nach Richtigkeit”) als nach praxisnahem Bildungsvergleich. Was für Probleme waren das denn so?

Die U-Bahn fährt ein, schnell noch ein Ticket kaufen: Tageskarte? Kurzstrecke? Ein Ring? Ermäßigt – oder doch nicht? Eine kleine Entscheidung nur, aber sie lässt täglich Tausende rätseln. Für die Pisa-Studie mussten sich weltweit 15-Jährige mit solchen Aufgaben befassen. (…) Besonders gut schnitten bei diesem Test wieder einmal asiatische Länder ab: Singapur, Korea und die chinesischen Städte Macau, Hongkong und Shanghai stehen erneut an der Spitze. Auch Japan landete weit vorn.

Selbst die Asiaten verstehen das Preissystem von blöden Verkehrsunternehmen wie der üstra also besser als „wir”; bzw. haben sie die gar nicht erst. Daran könnte man natürlich arbeiten, aber man könnte auch einfach jeden, der es nicht versteht, für nicht alltagsfähig befinden. Könnte man. Wie’s halt auch bei anderen Aufgaben so ist:

Schon frühere Studien hatten vor einem „Sockel der Abgehängten” in Deutschland gewarnt, der Bundesbildungsbericht aus dem Jahr 2012 beispielsweise. Auch diese Pisa-Auswertung zeigt: Fast 20 Prozent der deutschen Schüler erreicht nicht das Basisniveau (Level 2 von 6), in etwa gleich viele Jungen wie Mädchen. Sie können also nur sehr einfache Aufgaben bewältigen, ohne vorauszudenken; beispielsweise schaffen sie es, das günstigste Möbelstück aus einem Katalog auszuwählen. Im Vergleich: In Japan und Korea erlangten weniger als 7 Prozent nur das Basisniveau.

Deutsche Kataloge: Viele Bilder, wenig Fakten. Japanische Kataloge kenne ich allerdings nicht.

Aber nicht nur ökonomisch relevante Aspekte waren in der Studie gefragt:

Wer im Alltag und in der Arbeitswelt bestehen will, so die Forscher, der müsse mehr können, als reines Schulwissen anzuwenden. (…) Der muss auch mal spontan ein fremdes Handy bedienen können, eine Klimaanlage oder einen MP3-Spieler.

Genau – in der Arbeitswelt findet keinen Platz, wer nicht schon in der Schule Fotos auf dem geklauten smartphone machen kann.

„Machen Sie mal die Klimaanlage an!”
„Ich kann das nicht, Chef.”
„Sie sind entlassen!”

Und wer senkt mal wieder den Schnitt? Richtig:

Spitzenwerte hingegen erzielten rund 13 Prozent der deutschen 15-Jährigen. Darunter sind deutlich mehr Jungen (60 Prozent) als Mädchen (40 Prozent), dieser Geschlechterunterschied entspricht dem OECD-Durchschnitt.

Vielleicht sollte die grundlegende Förderung von Mädchen also nicht in Einstellungsquoten bestehen, sondern darin, dass sie erst mal beigebracht bekommen, wie man lebt; also das volle Zugabteil richtig mit MP3s beschallt. Sonst wird ja nie was aus denen!


Was macht eigentlich die „Pirantifa” grade so? Nun, Oliver Höfinghoff („Geh’ mir aus der Sonne, sonst knallt’s hier”, hier nachzulesen), Pirat in Berlin, findet, Ali Utlu, schwuler, atheistischer, türkischer Pirat aus Köln, sei aufgrund seiner harschen Kritik an der Antifa klar ein Rassist und damit sowas von raus aus jedem politischen Diskurs. Politischer Diskurs muss heterosexuell bleiben! – Egal. Gegen das System. Fuck die Nuss! Auch, wenn’s schmerzt.