In den Nachrichten
Kurz verlinkt LXXXII: Was wirklich zählt

Dass die Begeisterung junger Mädchen für Filmberühmtheiten seit Jahrzehnten ungehindert bleibt, ist andererseits ganz gut, denn so können diese, sich ihrer Vorbildfunktion meist bewusst, ihnen Werte vorleben, die sie zu vollwertigen Mitgliedern einer zivilisierten Gesellschaft machen.

Sie können, müssen aber nicht:

Hollywood-Schauspielerin Drew Barrymore freut sich sehr über den Antrag ihres Freundes Will Kopelman. Vor allem, weil er bei der Auswahl des vierkarätigen Verlobungsrings so guten Geschmack bewiesen hatte.

Klar, die inneren Werte zählen, zum Beispiel die des Rings:

“Er (der Ring, A.d.V.) ist einfach wunderschön. Er hat ihn (den Ring, A.d.V.) ausgesucht und er hat einen großartigen Geschmack. Er (der Ring, A.d.V.) ist wirklich extravagant. Ich bin eher ein flippiges Mädchen, das verschiedene Dinge gerne zusammenmischt, deshalb habe ich das Gefühl, er (der Ring, A.d.V.) ist wirklich extravagant und ich versuche noch, mich damit (mit dem Ring, A.d.V.) wohlzufühlen“, so die 36-jährige Barrymore, die bereits zwei Mal verheiratet war, in einem US-Fernsehinterview.

Sich mit einem Verlobungsring wohlzufühlen scheint anstrengend zu sein; das mit der ewigen Treue allerdings auch.
Ein neues hobby reicher Schauspielerinnen: Extravagante Ringe sammeln.

“The boy with the cold hard cash is always Mister Right.“
– Madonna: Material Girl

Nerdkrams
EncFS und Dropbox unter Windows: Sicher „clouden“ leicht gemacht

Aus dem Hause Dropbox gibt es momentan gute Neuigkeiten zu vermelden: Bereits nach der kostenlosen Anmeldung ist es, zumindest unter Windows, zurzeit möglich, bis zu 4,5 GiB zusätzlichen Speicherplatz für lau zu bekommen. Voraussetzung sind einzig die Installation der neuen Testversion 1.3.12 und eine aktivierte „Autostart“-Funktion für externe Datenträger. Anschließend sollte ein solcher, etwa eine externe Festplatte oder eine SD-Karte, mit Bild- und/oder Videodateien angeschlossen und der Menüpunkt zum Importieren dieser Dateien in Dropbox ausgewählt werden. Für jedes halbe GiB wird der Dropbox-Speicherplatz einmalig, aber dauerhaft um diese Menge erhöht.

Nun ist Dropbox wegen verschiedener Sicherheitsbedenken erst im vergangenen Jahr in die Kritik geraten, und statt jetzt Alternativen wie etwa Wuala (furchtbarer Name) zu bewerben, rate ich dazu, so etwas wie sensible Daten von fremden Servern fernzuhalten: Wer zum Beispiel interne Unternehmensdaten freiwillig auf US-amerikanischen Servern ablegt, der ist zumindest naiv.

Alternativ kann man sich auch mit Kryptografie behelfen. Containerverschlüsselung wie etwa per TrueCrypt ist für die Verwendung mit Dropbox nicht empfehlenswert, „echte“ Verschlüsselung muss also her. Benutzer von Linux- oder BSD-basierten Systemen wie Mac OS X können auf EncFS zurückgreifen, das das lokale Dropbox-Verzeichnis (und somit auch seine Inhalte in der cloud) verschlüsselt. Das können Windowsnutzer aber auch.

Zunächst benötigen sie hierfür die Dokan-Bibliothek, eine Art FUSE, also die Basis für installierbare Dateisysteme, für Windows. Sollte bereits eine ältere Version vorhanden sein, wird das Installationsprogramm darauf hinweisen, eine manuelle Deinstallation mit anschließendem Neustart, um den Treiber vollständig zu entladen, wird empfohlen.

Wenn Dokan läuft, ist der Boden für EncFS bereitet. Eine Windowsportierung gibt es etwa hier. Es handelt sich um eine wahlweise portable Anwendung, das .zip-Archiv kann also an einen beliebigen Ort entpackt werden. Das Programm encfsw.exe dient der Steuerung von EncFS. Startet man es, taucht im Benachrichtigungsfeld ein Schlüsselsymbol auf.

Nehmen wir an, wir haben noch kein verschlüsseltes Verzeichnis in der Dropbox angelegt. Das können wir jetzt nachholen:

(Natürlich sollte man die üblichen Regeln für möglichst kompatible Datei- und Verzeichnisnamen beachten; Umlaute zum Beispiel sind tabu.)

Per Doppelklick auf das Schlüsselsymbol können wir diesen Ordner mit EncFS bekannt machen:

Anschließend denken wir uns ein sicheres Passwort aus und bekommen obendrein einen Laufwerksbuchstaben für das „entschlüsselte“ Verzeichnis zugewiesen:

Jetzt haben wir ein verschlüsseltes Verzeichnis in der Dropbox. Um Dateien dort abzulegen, müssen wir es, wie aus der *ix-Welt bekannt, mounten. Dazu bedarf es eines Rechtsklicks auf das Schlüsselsymbol und die Auswahl unseres verschlüsselten Verzeichnisses. Nach Eingabe des festgelegten Passworts ist das virtuelle Laufwerk, hier F:, benutzbar. Alle Dateien, die wir dort ablegen, werden automatisch via EncFS-Treiber verschlüsselt:

Datenschutz in der cloud funktioniert eben doch. Trotzdem sollte man ihn nicht der Bequemlichkeit opfern und immer zweimal darüber nachdenken, ob Datei x wirklich in die Dropbox muss.

Korrekturen, Anmerkungen und Ergänzungen sind gern gesehen. :)

Sonstiges
Medienkritik LXIV: Im Focus der Säufer

Nett auch, „Focus“, ist deine dieswöchige Kampagne gegen den Alkohol sicher gemeint, aber sie wirkt doch ein wenig altmodisch; wie du, „Focus“, selbst allerdings auch. Das Titelblatt ist bereits vielsagend:

Feiernde Jugendliche – das ideale Symbolbild für ein Titelbild zum Thema „Die Gefahren des Alkoholkonsums“. Wurden die abgebildeten Jugendlichen eigentlich vorher darüber informiert, dass sie nun an beinahe jedem Zeitschriftenstand weithin sichtbar als potenziell komasaufende Menschen gekennzeichnet werden? Falls noch irgendwer dachte, beim „Focus“ würde man vielleicht wenigstens ein bisschen sachlich an das Thema herangehen, bist du, „Focus“, wenigstens so freundlich, diese Hoffnung mit dem Untertitel „Was tolerieren?“ zunichte zu machen. Man weiß schon vor dem Lesen des Artikels: Ah, konservative „Experten“ werden zu Wort kommen, die wortreich zu erklären versuchen, wieso Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen abnehmen sollte, wenn man nur kräftig genug mit dem rechten Zeigefinger wedelt.

Und so ist es auch.

Der Tenor des Artikels lautet im Wesentlichen: Alkoholmissbrauch sei typisch jugendlich, wobei der „Focus“ das „jugendliche“ Alter zwischen 10 und 25 Jahren ansiedelt (und dabei mal eben Menschen Mitte 20 mit Grundschulkindern vergleicht), und ihm komme man nur mit Autorität bei. Das erinnert mich ein wenig an die Simpsons-Episode „Allgemeine Ausgangssperre“. Dass mir regelmäßig stark alkoholisierte Prekarier über 30 begegnen, ist sicher nur die berühmte Ausnahme von der Regel.

Und der Wortlaut des Artikels ist noch bescheuerter. Darin steht zum Beispiel gleich zu Anfang dies:

Alkohol gilt – trotz aller Gefahren – als der Rohstoff für gute Stimmung, gerade unter Jugendlichen.

“Gerade unter Jugendlichen“: Ältere nehmen stattdessen richtige Drogen – oder wie ist das zu verstehen? Eigentlich ist es doch aber genau andersherum: Als Jugendlicher experimentiert man mit allerlei Substanzen, erst später fixiert man sich auf den Alkohol. Welche Jugendlichen wurden da gefragt – die drei vom Titelfoto?

Das ist noch nicht Besorgnis erregend genug, also legt der „Focus“ noch ein wenig Betroffenheit nach und schildert zwei Fälle: Ein Jugendlicher hat im Alkoholrausch beinahe jemanden zu Tode getreten, ohne zu wissen, warum. Böse Jugendliche, böser Alkohol. Für Fall Nummer 2 musste man ein wenig nachhelfen:

Auch der Tod eines 44-jährigen Familienvaters nach einer Schlägerei am Vatertag in Rostock im vergangenen Jahr lässt sich als furchtbares Ende eines Besäufnisses auffassen. Zwar war der Täter 24 Jahre alt, aber er hatte schon in Teen-Jahren gezeigt, dass er mit Alkohol nicht umzugehen vermochte.

Beinahe wäre die schöne These vom brutalen Alki-Teen gekippt, aber zum Glück war der Täter schon als Kind versoffen. Gerade noch gerettet!

Um das Bild der verkommenen Schnapsleichenjugend zu komplettieren, versucht man sich im Hause „Focus“ auch mal an den anderen Drogen, lässt es aber zum Glück nach einem kurzen Absatz bleiben; vielleicht hat das Autorentrio „Ellen Daniel / Kurt-Martin Mayer / Herbert Weber“ noch rechtzeitig bemerkt, dass es von dem ganzen modernen Zeug eigentlich so gar keine Ahnung hat, weil die eigene Jugend schon ein paar Jahrzehnte her ist:

Der Wirkstoffgehalt von Haschisch, Marihuana und Cannabisblüten schwankt um bis zu 40 Prozent, wurde kürzlich auf einer Bundestagsanhörung bekannt.

Dass man so etwas im Bundestag erfährt, ist interessant zu wissen. Dass es in der Jugend der Autoren anscheinend nur Cannabis mit konstantem THC-Gehalt gab, übrigens auch. Aber wir waren ja noch beim Alkohol und schwanken schwenken da auch gleich wieder hin. Die Autoren haben nämlich nicht nur keine Ahnung vom Kiffen, sondern auch keine Ahnung vom Miteinander unter Jugendlichen:

Doch Bollern bleibt cool, oder welche Jugendworte für die geplante Promilleaufnahme (wie alken, bingen, saufen) auch immer gerade angesagt sind (durstig sein zum Beispiel heißt „unterhopft sein“).

Dass es „angesagte“ Begriffe für‘s Saufen gibt, wusste ich noch nicht, aber „bollern“, „unterhopft sein“ und „bingen“, von der Ortschaft und dem Verb für die Benutzung der Suchmaschine „Bing“ einmal abgesehen, las ich heute zum ersten Mal und hörte ich noch nie. Zu meiner Zeit gab es keine homogene „Jugendsprache“. Ich werd‘ alt.

Und was wäre so ein Artikel ohne ein ausführliches Gespräch mit einem „Experten“? Er wäre wertlos. Also holt sich das trio infernale den konservativsten „Experten“, der gerade greifbar war, nämlich den Jugendpsychiater Michael Günter, und überschreibt das Gespräch so plakativ, dass man sofort sieht, was darin steht, ohne es lesen zu müssen:

Dieser „Experte“ hat dann auch gleich die Lösung für alle Alkoholprobleme parat: Einfach verbieten!

Das Trinken einfach verbieten – raten Sie auch das den Eltern, ist so etwas überhaupt durchsetzbar?
Je jünger die Kinder sind, desto mehr Sinn sehe ich darin, klare Verbote auszusprechen.

Weil nämlich:

Ich halte Restriktionen und deren Überwachung für geeignete flankierende Maßnahmen.

So einfach ist die Welt: Wenn man Kindern den Alkohol verbietet, trinken sie keinen mehr. Vielleicht sollte man ihnen auch das Rauchen und das Stehlen verbieten. – Ach so, das ist es schon? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Wissen, wovon man spricht, ist ja auch eher so Mittelalter.


Für meine regelmäßigen Leser abschließend noch ein ebenfalls prozenthaltiger Hinweis bezüglich der F.D.P.: Null Prozent.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt LXXXI: Eiskalt erwischt: Passagiere auf der Rodelbahn

Na endlich:

Auf den Gleisen der Deutschen Bahn kommt es offenbar durch die Kälte wieder zu Problemen mit festgefroren (sic!) Weichen. Am Donnerstagmorgen blieb ein Regionalexpress in Richtung Düsseldorf aufgrund einer Weichenstörung am Duisburger Hauptbahnhof stehen. Es kam zu weiteren Verspätungen.

Das wurde auch Zeit – fast hätten wir seit Jahren den ersten Winter ohne Zugausfälle ertragen müssen. Ein undenkbarer Zustand. Die Infrastruktur der Deutschen Bahn ist auf ungewöhnlich normale Temperaturen nicht vorbereitet; oder eben auch:

Früher hätt‘s das nicht gegeben!

NetzfundstückePolitik
Schmalhans des Tages: Erika Steinbach, CDU.

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Serie Schmalhans des Tages

Schade: Die Junge Union Köln hat sich von Luca Leitterstorfs, der merkwürdigerweise laut eigener Aussage bislang erst einmal als Fanatiker bezeichnet wurde, geistigem Brei distanziert – wahrscheinlich ist er ihr noch zu gemäßigt. „Rechts von uns darf es nichts geben“, so oder so ähnlich drückte es doch F. J. Strauß aus (reimt sich). Jetzt ist er (der F. J., nicht der Luca) tot, tja.

Schützenhilfe bekommt er (der Luca, nicht der F. J.) von Erika Steinbach, der langjährigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, die gestern per Twitter verlauten ließ:

Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…..

Kurz hinsetzen, sacken lassen, nachdenken, eventuell empören. Die spontane Reaktion der meisten Leser dieses Tweets schien die ersten drei Schritte zu überspringen: Wenn jemand sein Leben lang „links“ sein wollte, nur um „gegen Hitler“ zu sein, wäre es natürlich ärgerlich, wenn er dafür stattdessen rechts sein müsste, würde das doch klar zeigen, dass seine einzige politische Überzeugung ein stumpfes „dagegen!“ ist. Hitler, der linke Lümmel.

“Alles ist so, wie es ist, weil es so ist.“
– Die Goldenen Zitronen: Fin de millénaire

Sacken lassen und nachdenken: Der Erfolg der NSDAP war eine unmittelbare Folge der Wirtschaftskrise gegen Ende der 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dass die NSDAP auch politisch linke Ideen als Kernpunkte führte, ist sicher nicht verkehrt, aber ein wenig Differenzierung ist schon vonnöten.

Erstens: Nationalsozialismus.

Der nationale Sozialismus bezeichnet zunächst einmal den Kompromiss aus Nationalismus und Sozialismus, zwei konkurrierenden politischen Strömungen im deutschen Kaiserreich. Vorrangiges Ziel war eine starke Gemeinwirtschaft zum Zwecke des Wohlergehens des deutschen Volkes und seiner Stärkung gegenüber den herrschenden Klassen. Dass Mitglieder des Nationalsozialen Vereins, aufgelöst nach einer Wahlniederlage im Jahr 1903, später die Vorläuferparteien der F.D.P., ursprünglich Teil einer linksliberalen Strömung, gründeten und die nun nicht gerade als faschistisch bekannte SPD sich mit dem Kriegssozialismus zur ersten nationalsozialistischen Partei Deutschlands machte, sollte klar machen, dass die politischen Schubladen „links“ und „rechts“ schon vor hundert Jahren inhaltlich völlig überholt waren.

Sozialistische Kriegswirtschaft hatte Deutschlands Bündnispartner Josef Stalin, der das mit dem völkischen Denken auch ganz gut konnte, ebenfalls im Angebot, so unterschiedlich waren die beiden Staaten anscheinend keinesfalls; wer ist „links“, wer ist „rechts“? Was der sozialistischen Sowjetunion zum Rechtssein also noch fehlte, war der offensive Rassenhass. Wird eine linke Partei zu einer rechten Partei, wenn sie derlei propagiert?

“Begriffe wie links und rechts basieren auf einer klassischen Definition von Arbeit, die mit der Informationsgesellschaft nicht mehr viel zu tun haben.“
– Marina Weisband

Die Betonung beim Nationalsozialismus sollte wahrscheinlich eher auf dem ersten Bestandteil – Nationalsozialismus – liegen, um klarzumachen, was die NSDAP eigentlich oberflächlich von der SED unterschied. Und apropos SED:

Zweitens: Arbeiterpartei.

Gegründet wurde die DAP (später NSDAP) von Arbeitern, ihr Wesen wie auch das Wesen des Nationalsozialismus‘ war es, wie beschrieben, die Arbeiterklasse zu stärken. Auch das galt jedoch explizit für die deutschen, arischen Arbeiter, deren gesellschaftlicher Aufstieg zu Kämpfern für das Vaterland an den real existierenden Sozialismus im Arbeiter- und Bauernstaat – arbeite hart für dein Volk, wie es dein Volk auch für dich tut – erinnern mag, der mit dem, was die Ewiggestrigen unter „rechts“ verstehen, kaum Gemeinsamkeiten aufweist, aber anscheinend gibt es guten und schlechten Nationalismus. Der Nationalismus von DDR, China und Sowjetunion war prima, weil er halt nicht auf (west-)deutschem Boden stattfand. Weit weg, interessiert uns nicht. Andere nationalistische und sozialistische Staaten haben ihre Völkermorde eben weniger werbewirksam aufgezogen. Die DDR, immerhin, hat auf einen solchen verzichtet. Ist sie damit der einzige „linke“ von den genannten Staaten gewesen?

Wer im Übrigen den Fehler macht, Nationalismus und Patriotismus miteinander zu verwechseln, dem erscheint diese ganze Diskussion wahrscheinlich vollkommen deplatziert. Zur groben Orientierung dies: Die USA sind patriotisch, Frankreich ist nationalistisch. Man sollte Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Faschismus nicht unbedingt immer gleichsetzen, auch, wenn das eigene Weltbild dadurch schön einfach wird. Links ist sozial und sozial ist gut, liebe Grüße auch an Fidel Castro; rechts ist (blöd und) national und die Nation ist böse, wenn sie halt nicht gerade den eigenen Lebensunterhalt finanziert. JU: Neukonservativ, rechts! Natürlich mit Ausrufezeichen, bitte gebrüllt mit rollendem „r“ vorstellen.

Und überhaupt, Frau Steinbach, da wir gerade beim Differenzieren sind: „Die NAZIS“ waren gar keine Partei, sie waren Mitglieder einer solchen – und nicht einmal immer derselben.

Aber das passt halt nicht in 140 Zeichen.

Netzfundstücke
Sibirische Fernwärme / The heat is on (on the street)

Von der Klimaerwärmung hört man dieser Tage ja nur wenig. Manche Menschen nehmen wahrscheinlich an, sie halte selbst Winterschlaf. Zum Glück klärt Wolfgang W. Merkel von Welt.de diese Fehleinschätzung nun auf, indem er erklärt:

Der Golfstrom dreht Europas Fernheizung auf

…, und wahrscheinlich wird‘s Heizen deshalb immer teurer. Ob man deswegen nun den Betrieb von Automobilen verbieten oder lieber alle Kühe schlachten sollte, möge eine höhere Instanz entscheiden, zum Beispiel die EU, die ja für ihre patenten Lösungen bekannt ist.

Ich würde derweil gern wissen, wie lange das eigentlich dauert, bis die Fernwärme hier ist, denn:

Bis zum Freitag werde es täglich kälter, berichtete der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Sonntag. „Von Donnerstag bis Samstag sollten kälteempfindliche Menschen eher keine Außentermine planen, denn der bockige Ostwind wird auch tagsüber die gefühlten Temperaturen immer im zweistelligen Minusbereich halten.“

“Aus den Simulationen gehen klare Klimatrends hervor. Danach wird es vor allem in den Wintermonaten in ganz Deutschland wärmer.“
– focus.de, 7. Dezember 2009

Vielleicht sollten diejenigen, die sich im Winter über die klirrende Kälte beschweren, im Sommer ganz einfach mal einen kühlen Kopf bewahren.

(Danke an L.!)

KaufbefehleMusikkritik
Tetrafusion – Horizons EP

Ich wurde heute via E-Mail auf die CD „Horizons“ der US-Amerikaner Tetrafusion hingewiesen, die mir ganz gut gefällt. Tetrafusion ist eine ehemalige Instrumentalband, die nunmehr auch Gesang in die eigene Musik einbaut. Ich zitiere:

Tetrafusion begannen als Instrumentalband und nahmen so ein Album auf („Absolute Zero“). (…) Ihre neue CD ist eine EP namens „Horizons“ und wurde im Vorfeld komplett von Fans finanziert. Daher hat die Band beschlossen, die Musik als Gratis-Download anzubieten. Wer will, darf aber auch einen selbst gewählten Preis zahlen oder für $7 einfach die CD-Version bestellen.

Sich selbst bezeichnen sie als Progressive-Metal-Band, und das progressive Element hat tatsächlich einen hohen Stellenwert. Jazzig-verspielte Soli, vielerlei Takt- und Rhythmuswechsel und die Dominanz des Keyboards klingen den Ohren des Dream-Theater-Freundes vertraut, da sei auch die kurze Spielzeit von durchschnittlich ungefähr vier Minuten (mal mehr, mal weniger) verziehen.

Ein wenig schade ist es, dass die Stücke immer etwas abrupt enden, aber womöglich legt sich das noch auf späteren Aufnahmen. Der (neue) Gesang nämlich scheint seinen Teil zu diesem Eindruck beizutragen, indem er selten mehr ist als bloße Begleitung der Melodie. An wen mich der Sänger stimmlich erinnert, weiß ich gerade nicht. Ich glaube, an die Smiths.

Ansonsten gibt es an „Horizons“ nichts zu meckern. Einem geschenkten Gaul schaut man als Musikfreund zwar ins Maul, aber man schläfert ihn nicht ein, wenn das Maul intakt erscheint, sondern behält ihn und gewinnt ein paar Rennen mit ihm.

Was fehlt? Ach so, der Verweis. Der führt zu Bandcamp.com, und wer genannte Beschreibung für positiv interessant befindet, dem lege ich nahe, ihm zu folgen. Gern geschehen.

MusikalischesNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXX: Edison und die abscheuliche Musik

Forscher haben zwischen anderen alten, verrauschten Aufnahmen eine alte, verrauschte Aufnahme von Otto von Bismarck entdeckt, der dem von Thomas Alva Edison erfundenen Phonographen etwas vorgesungen hatte. Für Historiker sicher recht interessant, musikalisch auch besser als das, was die Hirne der Radiohörer heutzutage so weichkocht. „Paraaaa, Paraaaa, Paradise!“, entschuldigt mich, ich werde kurz kotzen gehen.

Folgt ihr so lange dem Verweis zur Aufnahme, so landet ihr auf der Internetpräsenz des National Park Service, der noch mehr solcher Aufnahmen – zum Teil ebenfalls musikalischer Natur – bereithält. Darunter befindet sich auch eine Aufnahme des Komponisten Arthur Sullivan, der nach einer Präsentation des Phonographen etwas gestelzt zu Protokoll gab:

(…) I am astonished and somewhat terrified at the results of this evening‘s experiment — astonished at the wonderful power you have developed, and terrified at the thought that so much hideous and bad music may be put on record forever.

Frei übersetzt:

(…) Ich bin überrascht und etwas erschreckt über die Ergebnisse des Experiments dieses Nachmittags — überrascht über die wundervolle Kraft, die Sie entwickelt haben, und erschreckt ob des Gedankens, dass so viel abscheuliche und schlechte Musik auf ewig auf eine Aufnahme gelangen könnte.

Kassandra? Rasputin? Nostradamus? Alles kalter Kaffee. Die düstere Prophezeiung des Arthur Sullivan wurde schreckliche Wirklichkeit und hat den Propheten bis in die Gegenwart überdauert.
Wo bleibt eigentlich dieser verdammte Weltuntergang?

(Indirekt: Danke an L.!)

Nerdkrams
Siris Erben

Das iPhone 4S („for ass“) hat als nennenswerten Kaufgrund „Siri“ spendiert bekommen, eine nervige Version der Google-Sprachsuche von Android-Mobiltelefonen. Ob man iPhone-Nutzer nun darum beneiden sollte, dass sie für den lachhaften Preis von ein paar hundert Kröten die technische Grundlage für etwas kaufen dürfen, was in der Regel eher mäßig funktioniert und die Benutzer in der Öffentlichkeit wie Geistesgestörte wirken lässt, wenn sie Selbstgespräche zu führen scheinen, weiß ich nicht – sie um Siri zu beneiden ist jedenfalls schon längst nicht mehr nötig.

Wer nämlich ein Android-Gerät – Android „2″ genügt völlig – sein eigen nennt und wem bei der mitgelieferten Sprachsuche die von Apple beworbene Semantikerkennung fehlt, der muss nicht viel Geld in ein iPhone 4S stecken, sondern kann sich mit Alicoid (99 ct. im Android Market) oder Alice (preisfrei ebendort) behelfen.

Der Name kommt early adoptern wahrscheinlich bekannt vor, gab es doch schon seit 1995 verschiedene Entwicklungen dieses Namens, am Bekanntesten wahrscheinlich ist die „Alice“-Version für ICQ. Diese diente sozusagen als Anrufbeantworter für den Sofortnachrichtendienst und konnte eingehende Nachrichten mehr oder weniger sinnvoll beantworten.

Die wirkliche Neuerung von Siri ist der Server, über den die Kommunikation, vom Benutzer unbemerkt, stattfindet. Siri selbst ist anscheinend ziemlich blöd, die Routinen auf dem Server ziemlich mächtig. Komponenten, um Siri nachzubauen, sind also eine einfache Spracheingabe mit der Möglichkeit, Datenaustausch mit einem Server zu betreiben, der sie dann nach Belieben auswertet, und eben dieser Server.

Google hat Server, genauer gesagt: Google hat zurzeit acht Rechenzentren. Was Google dank seiner Suchmaschine außerdem hat, ist das Wissen, wie man Texteingaben so lange umformuliert, bis irgendetwas ganz anderes dabei herauskommt, was ein Algorithmus verstehen kann – semantische Suche ist also kein Problem. Seit dem 9. Juni 2010 ist es in deutscher Sprache möglich, Google-Suchanfragen per Mikrofon durchzuführen. Was noch zur Siri fehlte, war die Anbindung an nahezu beliebige apps.

Ein tritt die Familie Alice.

Diese apps nutzen eine Kombination aus Sprachausgabe und Google-Sprachsuche, um wie das einer Offenbarung nicht unähnlich angepriesene Siri auf Sätze in, mehr oder weniger, natürlicher Sprache brauchbare Antworten zu geben. („Mehr oder weniger“: Die Frage „Wer isn des?“ wird wohl kein befriedigendes Ergebnis nach sich ziehen.)

Voraussetzung: Android. Dass Alicoid mehr kann als Alice, ist noch nicht unbedingt ein Grund, zu der Bezahlapp zu greifen, wenn einfache Terminplanung oder ähnliche Aufgaben genügen, bedenkt man, dass Alicoid zurzeit (legal) nur per Android Market und somit nur von Kreditkartenbesitzern zu erwerben ist, was in Deutschland ja durchaus nicht auf die überwiegende Mehrheit der Android-Nutzer zutreffen dürfte. Zu empfehlen ist sowieso, zuerst einmal zu überprüfen, ob die eigene Aussprache mit der Google-Sprachsuche harmoniert, denn auch Alicoid kann da keine Wunder wirken.

Es wäre sicherlich vermessen, technikverliebte Zeitgenossen auszulachen, wenn sie in einer Menschenmenge wieder einmal mit ihrem Telefon reden. Hin und wieder jedoch ist ein mitleidiger Blick in Richtung derer, die für diese Funktion 600 oder mehr Euro ausgeben, die richtige Entscheidung.

Musikalisches
Bröselmaschine – Gedanken

Helge Schneider? Das war doch der „Katzeklo“-Komiker?

Ja. Auch.

… look up to the sky, heads are flying by …

Guten Morgen.

In den Nachrichten
“… wie Journalismus heute funktioniert“

Wer die „Huffington Post“ nicht kennt, für den zitiere ich gern zeit.de:

Jetzt(…) gilt die Web-Zeitung als eine aufstrebende Macht im amerikanischen Journalismus. (…) In der Huffington Post behielt Huffington zwar ihre liberale Ausrichtung, vor allem gelang es ihr aber, das Portal zu einer Art „digitaler Speakers‘ Corner“ für politische Diskussionen zu machen. (…) Obwohl ein großer Teil der Inhalte seichte Ratgeber-Artikel sind, habe Huffington verstanden, wie Journalismus heute funktioniert, lobte sie der Onlinemedien-Guru Jeff Jarvis.

Wie Journalismus heute funktioniert:

Wird Katy Perry Russell Brand auch auf Facebook entfreunden? Bleiben Sie dran für weitere erschütternde Nachrichten!

(Eigentlich könnten wir uns ja glücklich schätzen, denn wenn das das Vorzeigemedium des US-amerikanischen Journalismus‘ ist, sind wir immer noch gut bedient. Na ja: Eigentlich.)

PiratenparteiSonstiges
Medienkritik LXIII: c’t: Vor Piraten den Nerz nicht sehen

In der neuen Ausgabe 4/2012 des Magazins c’t verweist Autorin Ragni Zlotos auf die Initiative „Kinder wollen singen“ und bringt dabei beinahe alles durcheinander, was nur irgendwie möglich war.

“Kinder wollen singen“ ist ein Projekt von Sebastian Nerz, auch bekannt als „tirsales“ und gegenwärtiger Bundesvorsitzender der Piratenpartei Deutschland. Im Umfeld der Piratenpartei wurde vor etwas längerer Zeit von (unter anderem) Christian Hufgard auch der Verein „Musikpiraten e.V.“ gegründet, der sich für die Verbreitung freier Musik einsetzt. Personelle Überschneidungen sind quasi ausgeschlossen, inhaltliche – mit Ausnahme des Schwerpunktes auf gemeinfreier Musik – eigentlich auch. Während aber „Kinder wollen singen“ keinerlei Hinweise auf die „Musikpiraten“ enthält, machten letztere gleich mehrfach Werbung für erstere, was offenbar ein Fehler war, denn Ragni Zlotos ist sichtlich überfordert und schrieb deshalb dies:

(…) Ein ähnliches Angebot [wie Kitalieder, A.d.V.] gibt es auch auf der Seite Kinder wollen singen. Die Gruppe aus dem Umfeld der Piratenpartei nennt sich Musikpiraten. (…)

Es ist lobenswert, dass die Musikpiraten für ihre Mühen auch einmal mit einer Erwähnung in einer relevanten Fachzeitschrift belohnt werden; schade nur, wenn es die falschen Mühen sind.

“Piraten sind alle gleich.“
– unbekannter Autor in ganz anderem Zusammenhang

Spaß mit Spam
Ihre 1.250 Euro warten auf Sie

Oh, meinGeld („IhrGeld“) lässt von sich hören. Ich hatte schon befürchtet, es sei verschollen – ich habe es schon sehr vermisst.

Heute aber beglückt es mich mit diesem Lebenszeichen:

Warum anderswo schauen? 1250€ ist eine der höchsten Online Casino Anmeldepromos
im Internet; diese erhalten Sie zusammen mit einzigartigem Support und einer
durchschnittliche Auszahlungsrate von über 97%. Laden Sie unsere kostenlose
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CasinoAction wählen.

Merkwürdig, normalerweise ruft mein Geld eher „gib mich aus“ als „guck dir ma das krasse Casino an, Lan“, aber die Zeiten ändern sich.

Was genau wollte mir mein Geld eigentlich jetzt sagen? Ach, ja, dass ich bei Anmeldung eines Online Casinos (sic!) mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit bis zu 1.250 Euro, einzigartige Unterstützung sowie eine durchschnittliche Auszahlungsrate bekomme. Mit 100 Prozent Wahrscheinlichkeit bekomme ich sogar bis zu 250.000 Euro, immerhin liegt auch ein Betrag von 0 im Bereich „bis zu 250.000 Euro“. Aber man übt sich in Bescheidenheit, das ist sympathisch. Was mache ich aber, wenn ich gar kein Casino anmelden möchte? Wahrscheinlich gar nicht weiterlesen.

Alle anderen fragen sich vielleicht: CasinoAction, was ist das eigentlich?

CasinoAction ist das neuste prestigeträchtige europäische Online Casino welches
zur etablierten Casino Rewards Gruppe hinzugefügt wurde.

Ach, dieses Casino. Und diese Gruppe. Klar, wer kennt sie nicht?!
Das ist diese hier, und das mit der Welteinheitswährung hat man verstanden; so heißt es zum Beispiel bei „Casino Action“:

Anmeldebonus: $€£1250 und 1 Stunde gratis ODER
$€£40 gratis für die erste Einzahlung von $€£40
Mindesteinzahlung: $€£40

Zahlt man also erstmals 40 Dollareuropfund ein, bekommt man 40 Dollareuropfund ausgezahlt; ab dem zweiten Mal wird es einbehalten. Wer würde da nicht sofort mitmachen wollen? (Dass das mit der Mindesteinzahlung in der werbenden E-Mail nicht so recht erwähnt wurde, soll dieser Freude ja keinen Abbruch tun.)

Und Geld ist ja auch nicht alles im Leben:

Unser Ziel ist es,
Spielern die unterhaltsamste und sicherste Spielerfahrung zu ermöglichen, die
das Internet derzeit bieten kann.

“Sicherheit“ zieht immer, das hat das Auswärtige Amt auch erkannt; denn:

Bei uns können Sie sicher und geschützt um
unsere Jackpots spielen und sich rundum unterhalten lassen, ohne auch nur einen
Fuß vor die Tür setzen zu müssen.

Dafür wurde das Internet einst erdacht: Damit die Leute sich bescheißen lassen können, ohne aufstehen zu müssen. Für nur 40 Dollareuropfund.
Ein wahres Schnäppchen.

In den NachrichtenMusikkritik
AbACAB

Interessant ist übrigens auch diese Meldung:

ACAB (…) steht für „All Cops are Bastards“. Das ist mittlerweile weithin bekannt.

Und dem 36jährigen Ronny K., der am Mittwoch wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht Regensburg stand, mochte man es nicht so recht abnehmen, als er sagte: „Das sind Buchstaben aus dem deutschen Alphabet. Die können viel bedeuten.“

Die Regensburger Staatsanwaltschaft hatte dem arbeitslosen Bürokaufmann einen Strafbefehl wegen zweifacher Beleidigung zukommen lassen, weil er sich im vergangenen Jahr mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Copacabana“ am Hauptbahnhof aufgehalten hatte.

So weit, so blöde; aber, Regensburger Staatsanwaltschaft, macht doch gleich Nägel mit Köpfen. Vor 31 Jahren veröffentlichte die Musikgruppe „Genesis“, nur wenige Jahre zuvor noch eine Größe des Progressive Rocks, das wirre, unausgegorene Musikalbum „Abacab“; ja, richtig: Abacab. Nachdem bis heute niemand so recht weiß, was Stücke wie das merkwürdige (aber immer noch vergleichsweise erträgliche) „Who Dunnit?“ (verdächtiger Titel auch: „Wer war‘s?“) eigentlich bedeuten sollen, schlage ich vor, das Album sicherheitshalber beschlagnahmen zu lassen. Phil Collins nervt.

Übrigens:

Das T-Shirt bleibt in Gewahrsam der Justiz.

Hoffentlich in einer Einzelzelle ohne Freigang!

In den NachrichtenPolitik
Der Kampf geht weiter

Oh, was lässt das Auswärtige Amt („AA“, hihi) denn da in der Kategorie „Friedenspolitik“ verlauten? Deutsche Panzer rollen weiter, dem Wachstum der Rüstungsindustrie zuliebe:

Am 26. Januar hat der Bundestag beschlossen, dass das ISAF-Mandat der Bundeswehr in Afghanistan bis zum 31. Januar 2013 verlängert wird.

Nachdem sie alles kurz und klein geschossen und massenhaft Zivilisten gemeuchelt haben, ja, nicht einmal mehr der Auslöser für den Einsatz noch existiert, ist das natürlich eine gute und richtige Entscheidung; sozusagen als Belohnung für die hervorragende Arbeit:

(…) Die deutschen Soldaten hätten – wie auch die Entwicklungshelfer und Diplomaten – in Afghanistan unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit geleistet(…).

Die bisher mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Einsatz der ISAF war Folge einer Bombardierung durch US-Flugzeuge am 4. September 2009, die von Deutschen angefordert worden war. Nach NATO-Einschätzung wurden dabei bis zu 142 Menschen, darunter auch Kinder, getötet oder verletzt. Gute Arbeit, meine Herren! (Apropos: „Unter schwierigen Bedingungen“ hatte doch auch Frhr. v.u.z. Guttenberg „seine“ „Doktorarbeit“ „angefertigt“, oder?)

Natürlich weiß das Auswärtige Amt, dass die deutschen Bürger teilweise nicht doof sind, und versucht es mit einer Erklärung, die die Konservativen unter den Wählern zufriedenstellen sollte:

So gebe es Fortschritte bei der Sicherheitslage, dem Wiederaufbau und beim Kampf gegen den Terrorismus.

Mehr Sicherheit! Weniger Terrorismus! Mal was anderes als immer nur „das böse Internet“, immerhin. Hierzu nur zwei Anmerkungen:

  1. Die Bundeswehr hat „in internationalem Auftrag“ ein Land zu zerstören geholfen, das diese Hilfe gar nicht wollte. Ausländer, die ungebeten Anschläge verüben, bei denen bislang einige Tausend Menschen gestorben sind – wenn Afghanen das in den USA machen, ist es Terrorismus, wenn die USA das in Afghanistan machen, ist es ein Hilfseinsatz. Schön, dass wir mal darüber geredet haben.
  2. Der „Wiederaufbau“ wäre nicht notwendig, wenn man nicht vorher alles kaputtgeschossen hätte. So schafft man sich also die Grundlagen, die das eigene Handeln rechtfertigen: „Wenn es nach uns ginge, wären wir gar nicht in Afghanistan, aber wir haben alles zerstört, so können die doch nicht leben!“ – Natürlich auch weiterhin: Hilfe nur mit Panzern und Gewehren. Für die Sicherheitslage, wissenschon.

Denn eigentlich will man gar nicht in Afghanistan sein:

(…) Deutschland handle entsprechend der international vereinbarten Strategie, die auf die schrittweise Übergabe der Verantwortung und schrittweise Reduzierung der internationalen Truppen in Afghanistan setzt.

Manche schreiten eben etwas langsamer voran als andere. Auch geistig:

“Wir dürfen weder das bisher Erreichte noch die Sicherheit unserer Truppen aufs Spiel setzen“, betonte der Bundesaußenminister. Sehr wichtig seien Fortschritte bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte und beim politischen Prozess.

Die Sicherheit von Truppen ist am ehesten gewährleistet, wenn man sie noch ein paar Monate länger in ihren Panzern durch ein vermintes Land gurken lässt, statt sie nach Hause zu schicken. Guckt doch mal in die Zeitung, wie viele Leute pro Tag in Deutschland sterben! Das wäre unverantwortlich!

Das „bisher Erreichte“ – ein weitgehend zerstörtes Land ohne eigene Innen- und Außenpolitik und mit totem oder traumatisiertem Zivilvolk – kann der Bundeswehr aber niemand nehmen. Keine Sorge. Vielleicht gibt es ja dafür noch ein paar Orden – in „Grand Theft Auto“ gibt es ja auch Bonuspunkte, wenn man einen Kinderwagen zusammen mit der Mutter über den Haufen fährt. Das ganze Leben ist ein Spiel…

Ach, jetzt sind schon wieder so viele Sätze ohne „Terrorismus“ gefallen, das kann nicht so bleiben:

(…) „Wir tun alles dafür, damit Afghanistan nicht erneut in Chaos und Bürgerkrieg versinkt und Rückzugsort für internationale Terroristen wird“, unterstrich Westerwelle. Das liege auch in unserem eigenen Sicherheitsinteresse.

Die internationalen Terroristen kommen dann halt lieber hierher, sagen die Innenpolitiker. Vielleicht sollten die Ministerien sich besser absprechen. (Mein Sicherheitsinteresse hätte mit einer Ansammlung internationaler Terroristen in Afghanistan übrigens ein geringeres Problem als mit der Stationierung deutscher Auftragsmörder „in meinem Namen“ ebendort.)

Man habe auf diesem Weg Fortschritte gemacht – bei allen Problemen und bei allen Rückschlägen, mit denen leider auch weiter zu rechnen sei.

“Rückschläge“. Aber immerhin: Fortschritte!

Krieg reicht aber nicht, hat selbst Herr Westerwelle erkannt:

(…) Am Ende werde es in Afghanistan nur eine politische Lösung geben.

So sieht es aus: Die Endlösung kann nur politisch erfolgen. Vielleicht sollte man, so lange man eh‘ noch in dem Land ist, gleich Nägel mit Köpfen machen und alles, was mindestens halbafghanisch ist, in Arbeitslager stecken – dann kommen die gar nicht erst auf die Idee, Dummheiten zu machen. Problem gelöst, nicht wahr?

“Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
– George Santayana