Von dem Mistwetter kriegen die Leute schlechte Laune.

Und wenn die Leute schlechte Laune bekommen, sind sie für die fortschrittliche, liberale, volksnahe Politik der Regierung nicht mehr empfänglich:

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärt das Stimmungstief der Bundesregierung mit dem derzeitigen extremen Winterwetter. „Klar schlägt dieses Wetter vielen auf das Gemüt“, sagte Ramsauer der „Bild am Sonntag“. „Das könnte auch erklären, warum die Regierung nach Umfragen bei den Bürgern im Moment schlechter dasteht als sie tatsächlich ist.“

Nur die Liebe und das Wetter hören nimmer, nimmer auf.
- Einstürzende Neubauten: “Was ist Ist”


Grinsend rollte ich eben beinahe auf dem Teppich herum, als ich versehentlich die Pro-Sieben-Nachrichten konsumierte:

Frhr. v. u. z. Guttenberg findet es mal so gar nicht gut, dass der Iran sich ebenfalls gern Uran anreichernd betätigen würde, weil angereichertes Uran in den Händen der Falschen eine Gefahr darstellen könnte. Und so kritisierte er lt. den Pro-Sieben-Nachrichten (7.2.), dass “die herausgestreckte Hand der internationalen Gemeinschaft nicht nur nicht ergriffen, sondern weggeschlagen wird”; weil Internationales offenbar eben auch Grenzen hat und ihm bei dem Bild von der “herausgestreckten Hand” nicht aufgefallen ist, wie überaus passend es doch gleich mehrfach erscheinen mag.

Meinjanur.

Humorkritik: Kai Magnus Sting

Kürzlich schaute ich versehentlich bei der anfangs überdurchschnittlichen, inzwischen leider nur noch zum Brechen schlechten so genannten Unterhaltungssendung TV Total hinein; nun, nicht ganz versehentlich, da an diesem Abend die Sängerin von Jennifer Rostock zu Gast sein sollte (deren Dialog dann, forciert durch die gegenüber seinen Studiogästen leider längst üblich verkrampft wirkende Albernheit des Gastgebers, doch eher unspannend und infantil blieb) und ich gerade ausreichend gute Laune hatte. Zuvor allerdings trat ein Kabarettist auf, dessen Hektik, Stimme und Witz mich an Hennes Bender (“Scheiße, ich muss pissen!”) erinnerten und mir überaus zusagten. Dargeboten wurde ein Teil seines “dialogischen Epiloges”, des letzten Titels seines anschließend von Gastgeber Stefan Raab angepriesenen und auch käuflich zu erwerbenden Programms “Weil Sie es sind” von immerhin auch schon 2004.

Nach dem nunmehr aus Interessensgründen erfolgten Konsum des vollständigen Werkes habe ich das Bedürfnis nach einer selbst verfassten Rezension nebst Empfehlung desselben. Beides folgt:

Kai Magnus Sting ist wahrlich kein Freund der leisen Töne, er ist im Gegenteil laut und provokant. Witze über Johannes Heesters (“Schöner runder Geburtstag”, was selbst schon viel aussagt), die Zeugen Jehovas und natürlich die unvermeidlichen Frauen mit ihrem oft gedankenlosen Geschwätz ziehen sich, einem roten Faden nicht unähnlich, durch sein Programm. Dabei wirkt er niemals wie ein unartiger kleiner Junge (cf. Ingo Appelt) und vermeidet es trotz des roten Fadens, ständig die gleichen Witze zu erzählen (cf. Mario Barth). Brachial wird es nie, nur bisweilen ein wenig zotig, was durchaus willkommen ist; von völlig unspaßigen Zeitgenossen wie Oliver Pocher oder eben Stefan Raab (vom Wirken der Dame “Cindy aus Marzahn” habe ich bislang noch keinen Eindruck gewinnen müssen, kann sie mir aber durchaus ebenfalls in dieser Aufzählung vorstellen) einmal abgesehen sind Komiker ja heutzutage eher auf den hintergründigen Witz bedacht.

Damit ist eigentlich schon alles Notwendige gesagt bzw. geschrieben. Noch ein Ausschnitt gefällig?
Auf YouTube (Achtung: Cookies abschalten, Google usw.) gibt es einen Auftritt im WDR (“NightWash”) zu sehen, in dem Kai Magnus Sting auch aus diesem Programm zitiert und – falls ein dies lesender Schreiberling des Feuilletons gerade auf der Suche nach einer passenden Umschreibung ist – die Aufregung zum Stilmittel erhebt.

Lauft und kauft!

Kurz verlinkt VI: Wer Extrem-Wind sät, wird Sturm ernten.

Es scheint tatsächlich nicht viel zu passieren auf der Welt, und so beschloss man bei SPIEGEL Online gestern, über Wind zu berichten, der vor 14 Jahren besonders stark blies. Und weil man immerhin erkannt hat, dass das nun keine die Welt bewegende Meldung ist, griff man auf Boulevardmethoden zurück und gab dem Artikel folgende Überschrift:

Extrem-Wind

Ist das nicht hübsch? :)

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Die digitale Offenheit spießiger Behörden

Auf allgemeinen Wunsch trage ich, statt ständig nur einem Greise würdiges Gezeter auf die Leserschaft dieser ansonsten doch recht amüsanten Netzpräsenz loszulassen, dann auch mal wieder etwas zur Erheiterung bei:

Die GEZ hat jetzt nicht nur ein total neues und viel moderneres Logo, sondern, aufgemerkt!, zudem einen neuen Internetauftritt, irgendwas mit Bürgernähe oder so etwas, richtig mit “Blog” und moderiertem “Forum“, wie es SPIEGEL Online zum Beispiel auch hat. Und damit nicht während der Abwesenheit der Moderatoren das Chaos ausbricht, haben sie sich etwas tolles ausgedacht: Statt die Beiträge nur in die Moderationswarteschlange einzureihen, wie es eben bei SPIEGEL Online zum Beispiel der Fall ist, machen sie nach Dienstschluss das ganze Ding zu. Nicht nur zum Schreiben, sondern richtig konsequent.

Anonymus frischE folgerte im heise-Forum:

Lol, Öffnungszeiten für ein Forum… was kommt als nächstes?
Eintrittskarten für deren Webseite?

Bislang hatte ich noch keine Gelegenheit, in der neuen digitalen Demokratie mal auf Zitatsuche zu gehen, aber offenbar wird dort eh fast nur gepöbelt.

Immerhin: Da macht sich die GEZ jahrelang mit fragwürdigen Methoden unbeliebt und errichtet dann eine Diskussionsplattform, in der sie die Zahlpflichtigen ernsthaft nach ihrer Meinung fragt. Mutig sind sie ja, die Verantwortlichen. Die Teilnehmer des Web of Trust honorieren es entsprechend:

(Ursprünglich gefunden hier; Quelle: heise-Forennutzer Akurei.)

Es ist nett von der GEZ, den Bürgern endlich eine Möglichkeit zu geben, sich Luft zu verschaffen, und wenigstens den Anschein zu erwecken, sich überhaupt dafür zu interessieren, was es an ihr zu kritisieren gibt. Ich bezweifle aber, dass sie trotz all der neuen Modernität bereit ist, sich tatsächlich zu öffnen. Das Forum dürfte in dieser Form nicht mehr lange existieren.

Und so werden wohl noch viele Plüschtiere an die Gebührenpflicht erinnert werden, bevor sich etwas ändert.

Medienkritik XXI½: Schreckliche Tragödien und das alles.

Und weil ich gerade so schön in Fahrt bin und die Schreiberlinge auf SPIEGEL Online offensichtlich auch gerade wieder ihren Thesaurus verlegt haben:

Schreckliche Tragödie im Saarland: Ein 16 Jahre altes Mädchen soll sein Baby nach der Geburt im Schnee ausgesetzt und dessen Tod in Kauf genommen haben.

Merke: Wenn ein Kind (oder eine Frau) eines nicht natürlichen Todes stirbt, ist das immer eine Tragödie – also, man beachte die Definition, ein unausweichliches Schicksal -; eine schreckliche zumal, sofern das Kind ausreichend jung ist, und sonst eben nur eine ganz normale. All diese Adjektivisierung, weil Totschlag eben noch nicht genügt, um die durch Kriminalfilme, “Psychothriller”, KriegsFriedenseinsatzberichterstattungen et al. längst emotional abgeflachten Leser zu Gemütsregungen zu bewegen. Man will ja auch noch was verdienen als Journalist.

Widerlich ist das.

(Schönes Zitat von Roger Willemsen zur politischen Berichterstattung ohnehin: Die Berichterstattung simuliert, es sei wichtig zu wissen, wie die Wahl eines stellvertretenden DGB-Vorsitzenden ausfällt oder wie sich bestimmte Koalitionäre untereinander verstehen. Das ist Soap-Opera mit veränderten Mitteln. Wie wahr.)

Spenden für Haitianerinnen. Muss reichen.

Wer sich nach all den tieftraurigen Spendenaufrufen – weil es uns Deutschen ja bekanntlich noch viel zu gut geht und wir ruhig die halbe Welt an unserem schier unermesslichen Wohlstand teilhaben lassen sollen, wir Egoisten! – noch nicht dazu durchringen konnte, ein paar Währungseinheiten auf obskure Spendenkonten zu überweisen, dem geben die Zuständigen nun gern einen Grund, es sein zu lassen:

Nach Drängeleien bei der Verteilung von Hilfsgütern will die Uno Lebensmittel in erster Linie nur noch an Frauen abgeben.

Weil Frauen eben viel ärger als Männer darunter leiden, dass ihr Haus nicht mehr steht und es kaum Lebensmittel gibt; Männer sind stark und können auch mal ein paar Tage länger ohne Nahrung überleben. Sollen sich nicht so anstellen. Vielleicht wird so das Chaos eingedämmt, wenn man einem Teil des Volkes zu verstehen gibt, dass es nunmehr auf sich allein gestellt ist.

Laut CNN sichert das immerhin die Existenz von vollständigen Familien, und die anderen haben eben Pech gehabt:

“What about me? I didn’t get anything. I need food,” said Johnny Sanon Stevenson. “Many people could not participate.”

Spenden? So nicht.

Unser Hartz soll schöner werden.

Wohahahaha:

Arbeitsministerin von der Leyen hält nichts von “Hartz IV”.

So weit schon mal gut.
Aber wie wir Frau von der Leyen kennen, kann sie immer noch einen draufsetzen; das Gegenteil von “gut gemacht” ist, bekanntlich, gut gemeint:

Sie meint aber nur den Ausdruck[.]

Seht ihr? Und die Begründung ist noch wunderlicher:

Das Wort sei so negativ besetzt, dass es eine differenzierte Debatte über Langzeitarbeitslosigkeit behindere.

“Hartz IV” ist ein negativ besetzter Terminus, das ist richtig. Und das liegt keinesfalls an der Wortwahl.

Nehmen wir an, das ALG II hieße stattdessen “Leyengeld”. Würde das etwas daran ändern, dass dann eben statt Hartz IV das Leyengeld dafür verantwortlich zu machen ist, dass seit Jahren sämtliche Arbeitslosen- und Verarmungsstatistiken für dieses Land kompletter Käse sind?

Und dann aber immerhin:

Neue Begriffe könne man nicht von oben verordnen. “Das geht nur, indem sich das Bild in der Bevölkerung zum Positiven verändert.” (…) Am Beginn der Diskussion müsse nicht die Drohkulisse stehen, sondern die Perspektive. Arbeitsangebote müssten eine echte Brücke aus der Arbeitslosigkeit bieten, sagte die CDU-Politikerin.

Ich korrigiere: Nicht der Begriff ist “negativ besetzt”, sondern das, wofür er steht. Perspektiven will das verarmte Volk, ja, und die bekommt es nicht, indem man mit Phrasen jongliert. Ich kann einen Krieg alternativ auch als “Friedenseinsatz” oder “kriegsähnlichen Zustand” bezeichnen, beides verringert nicht die Zahl der Getöteten. Will ich etwas etablieren und vermeiden, dass man es verflucht, gebe ich ihm keinen lustigen Namen, sondern ändere es dem Willen meiner potenziellen Kunden (lies: Wähler) gemäß.

Konstruktive Vorschläge hat Frau von der Leyen nicht anzubieten. Der Regelsatz sei angemessen, und überhaupt, kann denn nicht endlich einmal einer an die Kinder denken? (Helen Lovejoy, “Die Simpsons”):

“Alleinerziehende brauchen keine Arbeitspflicht, sie brauchen Kinderbetreuung.”

Gut, aber zurück zum Thema Hartz IV, das ja nicht nur Alleinerziehende betrifft. Was macht man mit denen, abgesehen davon, dass sie zukünftig einen anderen Begriff verachten sollen?

Arbeitsangebote müssten eine echte Brücke aus der Arbeitslosigkeit bieten, sagte die CDU-Politikerin.

Ah, da kommen wir dann dem Kern der Sache doch schon näher. Statt die Leute mit irgendwelchem Arbeitslosengeld bei Laune zu halten, sollte man (sollte! und man!, so sprach die gut situierte Arbeitsministerin in der Hoffnung, dass irgendein man sich zum sollen bereit erklären möge) ihnen Arbeitsplätze geben. Den Vorschlag ihres Parteikollegen Roland Koch, Arbeitsunwillige zum Arbeiten zu zwingen, lehnte sie immerhin ab (‘türlich: Wo keine Arbeitsplätze frei sind, da kann auch keiner arbeiten), aber einen Punkt hat sie, so scheint mir, vergessen:

Wer als Arbeitsloser Hartz IV beziehen kann, der wird sich in einer Zeit der Globalisierung (lies: Verlagerung von Arbeitsplätzen in ein Land, in dem man mit weniger Lohn zufrieden ist) meist hüten, sich nach einer womöglich schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsstelle umzusehen; die Vorbereitung auf das spätere Leben in der angeblich zivilisierten Gesellschaft beginnt nicht erst mit dem Schulabschluss. Uta Meier-Gräwe, unter anderem Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen, schrieb bereits 2008:

Wenn (…) Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen dominieren, ist (…) Lernverweigerung mit der Begründung „Ich werd eh Hartz IV“ eben auch nicht verwunderlich.

Das Volk hat längst erkannt, dass das ALG II, unabhängig von seiner Bezeichnung, ein taktischer Fehler und eine wirtschaftliche Katastrophe war. Vielleicht sollte man die Kriegskasse stattdessen nutzen, um Arbeitsplätze, die im Inland verbleiben, zu subventionieren. Enorme Ausgaben trotz einer geschätzten Staatsverschuldung von fast zwei Billionen Euro sind ja spätestens seit der letzten Unternehmens- und Bankenrettungsphase (Hauptsache, die Boni stimmen) kein Problem mehr, der Steuerzahler zahlt’s. Sind dann erst einmal genügend Stellen frei, bleibt den zuständigen Entscheidern genug Freiraum, um dieses unsägliche “Hartz IV” feierlich seines Amtes zu entheben und sich etwas besseres auszudenken; dann hat die nächste Regierung wenigstens was zu tun.

Klingt undurchdacht? Wartet’s ab.

Tocotronic – Schall und Wahn

Tocotronic ist eine dieser Musikgruppen, von denen man schon mal irgendwo irgendwas gehört hat und mit denen man irgendwas assoziieren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu kennen. Was mir spontan bei Tocotronic einfällt: Popkultur. Spex, musikexpress und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Popkultur einfällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erstmals bewusst mit der Musik von Tocotronic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufreunden. “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, zitierte auch ich schon und empfand es schon Jahre, bevor ich das Lied kannte, wie wohl die meisten Jugendlichen bisweilen einem Herdentrieb und dem Wunsch folgend, irgendwo Anschluss zu finden. Was das für ein Genre war, war mir damals einigermaßen egal; irgendwie auffällig eigenständiges Indiegeschrammel mit deutschen Texten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manchmal aber auch einen, der nach der Hineininterpretation einer möglichst Zeigefinger schwingenden Bedeutung geradezu zu schreien schien; “Geschrammel” möchte ich hier übrigens keinesfalls als Wertung, lediglich als Beschreibung verstanden wissen.

Dann kam “Kapitulation”, und es stellte einen Richtungswechsel dar: Die Lieder wurden nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blumfeld schienen Tocotronic, wenngleich noch immer kaum politisch textend, ihr musikalisches Erbe antreten zu wollen, und sie machten ihre Sache gut. Stücke wie Harmonie ist eine Strategie oder das Titellied zeigten eine veränderte Band, die längere Texte und mehr Melodie auf auch weiterhin nur kurzer Laufzeit unterbrachte, und selbst ihre juvenil-aggressiven, an frühe Ton Steine Scherben erinnernden Momente (Sag alles ab) klangen irgendwie reifer und, letztlich, besser. Es blieb Geschrammel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also “Schall und Wahn”. Tocotronic haben sich mit “Kapitulation” offenbar bei den üblichen Rezensenten beliebt gemacht, und so überschlagen sich die ins Internet schreibenden Hörer quasi vor blinder Begeisterung, und die wenigsten von ihnen versuchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hinter offenkundig albernen Liedern wie “Bitte oszillieren Sie” zu finden, wirkliche Verrisse gibt es nicht einmal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schreihälse der Rezensentenszene zu tummeln pflegen. “Schall und Wahn” ist ein Phänomen. Peter nennt die Presseschau hierzu sinngemäß eine blinde Heldenverehrung von schwafelnden Angebern, und damit hat er vermutlich ebenso Recht wie Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeutung der Texte befragt, eine zu naive Herangehensweise kritisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musiker je auf eine dumme Frage lesen durfte: “Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.”)

Das Album ist keine Offenbarung voller kryptischer Botschaften, die entschlüsselt werden müssten. Es ist allerdings tatsächlich das am ausgereiftesten klingende Album, das Tocotronic bislang veröffentlicht haben. Der auf “Kapitulation” eingeschlagene Weg wird weiter verfolgt und geschliffen, in den Texten ist die Weltverbesserung Nonsens (“Bitte oszillieren Sie”, “Macht es nicht selbst”) und Reflexion (“Im Zweifel für den Zweifel”) gewichen. Mit “Stürmt das Schloss”, ein Lied in der Tradition von “Sag alles ab”, ist auch ein krachender Ohrwurm auf dem Album zu finden. (Ist “SdS” eine Abkürzung für “Stürmt das Schloss”, oder hat es eine tiefere Bedeutung? Ein nicht zu unterschätzender Vorteil von Liedern, deren Text man versteht, ist es ja, dass die Interpretation allein einem selbst überlassen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehrfach etwas abgewinnen und muss dafür nicht einmal kryptische Musikmagazine kaufen.)

Tocotronic sind erwachsen geworden, und sie unterlassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, “Schall und Wahn” wird in diesem Jahr eins der wenigen guten Indierockalben bleiben, und ich freue mich über jeden Versuch, den Gegenbeweis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probehören. Nicht übel. Gar nicht übel.

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Medienkritik XXI: Sprachschuld

Eins der interessantesten Sprachbilder, die Justizberichterstattungen zieren, ist das Schuldigsprechen, das mir soeben wieder einmal auf SPIEGEL Online auffiel:

Mord an Abtreibungsarzt: Todesschütze schuldig gesprochen lautet die Überschrift. Die Vorgeschichte wird kurz erwähnt:

Acht Monate nach der Ermordung des prominenten amerikanischen Abtreibungsarztes George Tiller ist der Todesschütze von einem Gericht im US-Bundesstaat Kansas schuldig gesprochen worden.

(…) Tiller war im Mai vergangenen Jahres im Foyer seiner Kirche in Wichita erschossen worden. Der 67-Jährige hatte eine von drei Kliniken in den USA geleitet, die auf Schwangerschaftsabbrüche im fortgeschrittenen Stadium spezialisiert sind.

Die von mir hervorgehobenen Satzteile sind hier besonders interessant, denn wir lernen:

1. Ein “Todesschütze” ist noch nicht per se schuldig.
2. US-amerikanische Ärzte besitzen eigene Kirchen.

Und so ein Mordprozess ist in den Handfeuerwaffen nicht unbedingt kritisch gegenüber stehenden Vereinigten Staaten auch sonst recht seltsam:

Er gestand in seinem Prozess, den Arzt im Eingangsbereich der Kirche erschossen zu haben, bekannte sich aber nicht schuldig, weil der Mord an dem Abtreibungsarzt in seinen Augen gerechtfertigt war. Er habe Tiller davon abhalten wollen, “weitere Babys zu töten”. Er bereue die Tat nicht.

Daraus ergeben sich wiederum zwei Folgerungen:

1. Auch ein bekennender “Todesschütze” ist noch nicht per se schuldig.
2. Reue scheint ein nötiger Aspekt zu sein, um unschuldig zu morden.

Bei SPIEGEL Online stimmt man diesem Aspekt zu, immerhin ist in Fettschrift bereits in der Einleitung zu lesen:

Der Angeklagte zeigte keine Reue vor Gericht: (…)

Hätte er es getan, was hätte sich geändert? Wäre er womöglich also nur schuld, nicht jedoch schuldig gewesen? Ich bin kein Jurastudent oder gar darüber hinaus in juristischen Fragen bewandert, jedoch hoffe ich, dass die deutsche Rechtsprechung da ein wenig undifferenzierter vorgeht. (Nachtrag: Aufklärung vom Fachmann gibt’s in den Kommentaren.)

(Apropos undifferenziert: Dieses unsägliche iPad-Dings ist nicht nur mindestens überflüssig, sondern zudem vor neunzehn Jahren schon besser da gewesen. Nur, damit sich keiner beschwert, dass ich mich zu wenig mit diesem Hype befasse. Das soll’s dann jetzt aber auch gewesen sein.)

Wieder Spaß im ÖPNV

Man forderte kürzere Einträge von mir. Ich versuche es mal:

Ich fuhr heute zwecks professioneller Untersuchung meiner Äußerlichkeiten und trotz der zu allzu viel Bequemlichkeit einladenden Semesterferien mit dem Bus, und dies gleich mehrfach (eben hin und zurück). Die Rückfahrt war weitgehend unspektakulär, ich lernte nur unfreiwillig einige weitere Sprechstücke irgendeines mir nicht namentlich bekannten Aggro-Berlin-artigen Rappers kennen und stellte fest, dass reiner Schludrigkeit zuschulden kommende Sprachstörungen (“sch” statt “ch”, “isch” statt “ig” usw.) offenbar eine zwingende Voraussetzung darstellen, um es in diesem Genre wenigstens zu ausreichender Bekanntheit zu bringen; aber die Hinfahrt, um wieder einmal ein Max-Goldt-Zitat anzubringen, war super:

Die initiale Haltestelle des von mir gewählten Verkehrsmittels befindet sich vor einer Grundschule, und so hatte ich nicht das Glück, einige schöne Sätze für die Nachwelt festhalten zu können. Es ging offenbar um einen Mitschüler namens Nico, und die kleinen Strolche, die sich später noch gegenseitig die Namen diverser Pokémon an den Kopf warfen, sprachen, teils bewaffnet mit Schneehaufen, also wie folgt:

“Wo is’ Nico?” – “In seim Arsch!” – “Ich muss ihn abwerfen, damit er nicht abhaut!”

Die Sprache einmal beiseite gelassen – für zu wenig Sprachübung können sie noch nichts -, hat mir besonders die Selbstverständlichkeit gefallen, mit der die Logik dermaßen verdreht wurde. Ich habe gelernt:

1) Ist ein Mensch nicht aufzufinden, sollte man in dessen Gesäß suchen.
2) Um einen Mitmenschen am Gehen zu hindern, ist es hilfreich, ihn mit Schnee zu bewerfen.

Ich komme mir so furchtbar alt vor.

(Ganz tolle Ankündigung für eine Fernsehreportage übrigens: “Fesche Jungs in Uniformen und ihre langen Rohre”. Ieks.)

Freiheit für den Schurkenstaat!

“Ja, spinne ich denn?”, so sollte eigentlich der erste Satz dieses Artikels lauten, aber allzu leicht wollte ich es meinen Kritikern auch nicht machen, also hole ich lieber etwas weiter aus:

Wie einige meiner treuen Leser womöglich bereits bemerkt haben, bin ich Entwickler diverser Projekte, von denen einige auf dem bislang als zuverlässig und der Entwicklung freier Software förderlich bekannten Portal SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht verlinkt) lagen, was insbesondere für Teamarbeit einige unschätzbare Vorteile mit sich brachte. Eine der wichtigsten Eigenschaften freier Software ist eben ihre Freiheit, die nicht durch lokale Gesetze wie zum Beispiel ein allzu enges Urheberrecht eingeschränkt werden kann. Laut dem GNU-Projekt, Wegbereiter der freien Software, ist an “frei” wie in “freier Rede” und nicht wie in “Freibier” zu denken, was freie Software von bloßer Freeware (also Gratisprogramme mit Lizenzbeschränkungen) unterscheidet.

Dies war eigentlich eine unumstößliche Wahrheit, die nicht zuletzt dank milliardenschwerer Förderer wie eben sf.net aufrecht erhalten werden konnte.

Nun aber haben sich die Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten zu Wort gemeldet, die von Freiheit (Stichwort: Guantánamo) ungefähr so viel verstehen wie unsere zuständigen Minister vom Internet, und fanden es natürlich gar nicht gut, dass im eigenen Land so viel von dieser Freiheit herrscht, von der auch andere profitieren, selbst so genannte “Schurkenstaaten”, die vor einigen Jahren jemand so bezeichnete, der den USA selbst einen nicht allzu guten Leumund einfuhr; und sie schwangen also ihren längeren Hebel (was ich mir wahrlich nicht vorstellen möchte) und beschlossen ungefähr folgendes:

sf.net solle fortan den fünf Staaten Kuba, dem Iran, Nordkorea, dem Sudan und Syrien jeglichen Zugang zu den eigenen Angeboten verwehren, da dies als “Export in Schurkenstaaten” gewertet würde, und sf.net gehorchte; nicht aus Überzeugung, versteht sich, sondern weil die GPL und vergleichbare Lizenzen eben weniger Wert besäßen als US-amerikanische Impertinenz Gesetzgebung.

Eine am Montag erfolgte Stellungnahme endete im Wortlaut so:

We regret deeply that these sanctions may impact individuals who have no malicious intent along with those whom the rules are designed to punish. However, until either the designated governments alter the practices that got them on the sanctions list, or the US government’s policies change, the situation must remain as it is.

Frei übersetzt und zusammengefasst: Tja, schade, kann man aber nichts machen; sollen halt die bösen Schurkenstaaten sich kooperativ verhalten, dann ist alles wieder in Ordnung. Es muss dann doch sein: Ja, spinne ich denn?

Von weltweit ansässigen Programmierern erstellte Webseiten, Programme und Datenbanken unterliegen seit neuestem US-amerikanischen Exportbestimmungen (“[t]he specific list of sanctions that affect our users concern the transfer and export of certain technology to foreign persons and governments on the sanctions list”, Hervorhebung von mir) und dürfen nicht aus fiesen Staaten wie Nordkorea heruntergeladen werden, weil die US-amerikanische Regierung das nicht so mag?

Wer irgendetwas auf eine US-amerikanische Webseite hochlädt (Google Code, heißt es, habe ähnliche Beschränkungen eingeführt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bislang der Ansicht, “Exportieren” hieße “hinterher isses in einem anderen Land”), sondern überträgt auch noch die Vollmacht zur Lizenzänderung auf die zuständige Regierung. Michael Manske stellt richtig fest:

Man muss sich leider fragen inwieweit man sich bei in den USA betriebenen Plattformen noch des “Open” in Open Source sicher sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fassen, langsam bis 10 zu zählen und den geordneten Rückzug anzutreten. Mehrere Entwickler haben bereits Konsequenzen gezogen, ich meinerseits schaue mich auch bereits nach einer neuen, adäquaten Heimat für die letzten meiner dort verbliebenen Projekte um.

Ich rate allen Lesern, die ebenfalls unter einer freien Lizenz entwickeln, dazu, es mir gleichzutun. Freie Software ist kein Politikum, und sie darf es niemals werden. Und das Wichtigste ist: Freiheit gilt auch für “Schurkenstaaten”.

Um das zu erkennen, muss man wahrlich kein Schurke sein.

Kurz verlinkt V: Von weltlichen Werten, Weltkonzernen und Weltsprachen

Weltliche Werte halten Einzug in das “Web 2.0″, das Netz, in dem man intimste Details mit "Freunden" teilt oder zumindest mit irgendwelchen Leuten, die in einer “Freundesliste” stehen; im Zweifel also mit der ganzen Welt. Und weil man ja nichts zu verbergen hat und man die “neue” Technik gern dazu nutzt, Menschen gleicher Interessen kennen zu lernen, hat man in den USA einen neuen Trend der dortigen Netzbewohner aufgespürt:

Dank Blippy können Nachbarn und Freunde im Internet sehen, was der Einzelne per Kreditkarte bezahlt: Musik, Schuhe, Hotel mit der Geliebten. Das soll Spaß machen (…). Seit wenigen Tagen ist der Zugang für alle offen.

Spaß! Feiern! Gute Laune! Diese albernen bunten Hütchen aufsetzen, der Welt seine Rechnungen präsentieren und pausenlos dümmlich grinsen. (Hat irgendein verrückter Wissenschaftler eigentlich irgendwann mal Nervengas in US-amerikanische Belüftungsanlagen gekippt? Anders kann ich mir das nicht erklären.)

Der ebenfalls US-amerikanische Weltkonzern Apple wirft mal wieder ein neues, nutzloses Produkt auf den Markt, und die berichtenden Pressevertreter überschlagen sich mal wieder geradezu in Lobhudeleien. Eine Analyse des SPIEGEL-Online-Berichtes hat Nicolas Neubauer vorgenommen, die zeigt, warum man Berichterstattungen über Apple-Produkte grundsätzlich kritisch gegenüber stehen sollte. Lesenswert und amüsant.

Apropos amüsant: Ein Leser wies mich mit den Worten “selten so fremdgeschämt wie in diesem vid, und zeitgleich kriegste übelst wut” (in Originalschreibweise) auf dieses Video hin, in dem der zur Endlagerung in Brüssel vorgesehene baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger die so genannte Weltsprache Englisch als Amtssprache der Europäischen Union (deren Mitgliedsstaaten eben immer noch mehrheitlich deutschsprachig sind, was gern vergessen wird) anpreist und seine eigenen Kenntnisse dieser Sprache demonstriert. Um Himmels Willen, möchte ich da beinahe ausrufen, nein, bitte nicht!

Sein oder ich sein?

(Und da wäre dann noch die zwickende Erinnerung an die immer weiter tickende Lebensuhr, und bei jedem Ticken freut man sich, dass es noch nicht zu spät ist, vor lauter Perspektiven sieht man sich selbst schon nicht mehr im Spiegel und will das auch eigentlich gar nicht, man setzt sich dann also lieber hin auf den gemütlichen Stuhl, der sich “Lebensweg” nennt, und schaut fröhlich in alle Richtungen. Ich sollte mal, ich könnte eigentlich, aber was soll’s, ist ja noch Zeit. Man ist noch lange keine 30, jeder Tag kommt einem ohnehin ewig vor. Nur keine Hektik. Der Herrgott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesacht. Bisher hat alles gut funktioniert, und man könnte, wenn man wollte, also warum beeilen, die anderen versumpfen ja auch. Leben ist jetzt, und wenn’s morgen auch noch ist, denken wir morgen noch mal drüber nach und beginnen wieder bei “Und da wäre dann noch”. Man könnte Musiker werden, Texte kann man und eine Gitarre hat man auch schon mal gesehen, ach ja, eine Band oder wenigstens ein Aufnahmegerät wäre mal toll; suche ich dann nachher oder kaufe ich dann später. Vielleicht. Bis dahin: Lyriker. Gedichte und Prosa verfassen und sich ungeheuer wichtig dabei vorkommen, irgendwer wird’s schon lesen wollen. Und wenn nicht? Dann verdient man sich eben was dazu. Programmieren, klar, macht man ja eh den ganzen Tag und verdient manchmal, wenn man Glück hat, sogar ein paar Währungseinheiten damit, dies ist eine freie Welt, wenn du es nicht machst, macht es wer anders, also lassen wir das mit dem Risiko mal, und die unfertigen Lebensentwürfe liegen beschriftet und säuberlich eingeheftet bereit, man ist ja noch jung und muss sich noch nicht festlegen, aber man hat dann schon mal was, womit man was anfangen kann, wenn man mal angefangen hat. Und in ruhigen Momenten, in denen man denkt, so, jetzt könntest du dann mal anfangen, fragt man sich dann lieber, warum man denn überhaupt noch nicht angefangen hat, und schreibt Texte wie diese. Suche Motivation, gern auch gebraucht.)

Du hast wieder alles gegeben, hast alles genommen,
warst nicht nur daneben, hast dich auch so benommen,
bist wenigstens deinem Leben ‘ne Nacht lang entkommen;
das Problem ist nur, eben hat es zu dämmern begonnen…

(Die Fantastischen Vier: Hey!)

Hilfe, Unterwanderung!

Und das Neueste aus der Welt der wirren Blogs (bewusst nicht verlinkt): Ich werde unterwandert. Und mit mir eine ganze Partei.

Was ist passiert? Nun, unter dem reißerischen Titel Dresden nazifrei! rufen einige Prominente und weniger Prominente, darunter auch Bundestagsabgeordnete der Partei “Die Linke.”, derzeit dazu auf, eine am 13. Februar geplante Demonstration im Gedenken an die Opfer der Bombardierung deutscher Städte zu blockieren. (Ja, es geht wörtlich um Blockaden, nicht um bloße Gegendemonstrationen.) Und weil das “irgendwas mit Hitler” zu tun hat, pappte man das Siegel “Antifaschismus” obendrauf, ließ es von ausgerechnet der bekanntlich Demokratie und Rechtsstaat liebenden Antifaschistischen Aktion organisieren und suchte sich Mitstreiter für diese antidemokratische Straftat Aktion zur Wahrung der Demokratie.

Nun hat sich auch ein Landesverband der Piratenpartei bereit erklärt, diese Aktion zu unterstützen. Da das aktive Blockieren einer legitimen Demonstration jedoch weder mit den Grundsätzen der Piratenpartei (“wir sind nicht links und nicht rechts, wir sind vorne!”) noch mit geltendem Gesetz in Einklang zu bringen ist, wurde nach einer heißen Diskussion im Piratenforum (die gern verlinkt, aber wohl nie so ganz gelesen wird) diese Unterstützung vorerst wieder zurückgerufen.

Und schon haben wir den Salat und die negative Presse von den gewohnten Schreihälsen und Burgtrompetern:

Die Piratenpartei sympathisiere nicht mehr nur mit der NPD, weil sie nicht bereit ist, linksmotivierte Straftaten zu unterstützen; nein, sie werde gar von ihr, so schreibt der übliche (absichtlich nicht verlinkte) Quatschblogger, unterwandert. Die gute, alte George-W.-Bush-Mentalität (either you are with or you are against us, weil’s halt zwischen Linksautonomen und Rechtsradikalen nichts geben darf) schlägt wieder zu. Außer Frédéric vom Spreeblick kommt auch niemand auf die Idee, die entsprechende Stellungnahme der Piratenpartei auch nur zu erwähnen. Recherchen? Pustekuchen.

Da kann man eigentlich nur noch die Nase rümpfen.

The National – Alligator

Eigentlich hätte jetzt hier ein geschliffen formulierter Text voll zynischer Wortspiele stehen sollen, der die derzeit durch die Blogs geisternde Geschichte von der bislang blödesten Abmahnung des Jahrzehnts zum Thema hätte und in dem ich mich über die eigentlich überaus unangenehme Verbindung aus fehlender technischer Sachkenntnis und Geld für Anwälte beklagen wollte, aber bevor ich ihn schließlich fixierte, beschloss ich, noch einmal einen Blick in den immer noch stetig wachsenden Sammelordner noch zu hörender Musikalben zu werfen, schob also das erstbeste Werk in mein Abspielgerät, setzte die Kopfhörer auf und war ausreichend fasziniert, um stattdessen einen Text über die gehörte Musik zu verfassen.

Das Album “Alligator” der US-amerikanischen Band The National ist inzwischen fünf Jahre alt, aber es hat sich bislang erfolgreich meinen Ohren entzogen; wohl auch, weil mir das Nachfolgewerk “Boxer” eher ab- als zusagen wollte und weil ich deshalb erst mal verdrängt habe, je etwas von dieser Musikgruppe konsumiert zu haben. Ich hoffe nicht, dass es ein Zeichen fortschreitenden Alters ist, aber “Alligator” trifft derzeit genau neben meinen musikalischen Nerv. (Würde es meinen Nerv treffen, würde es schmerzen, daher ist daneben gerade gut. Ach, Wortspiele, die man erklären muss, sind keine guten solchen.)

Peter vergleicht The National mit den Editors (die ich nicht mag) und Interpol (die ich nicht kenne), auf Amazon.de zieht man mit Joy Division und den Tindersticks dann immerhin Vergleiche, die ich einigermaßen verstehe und für richtig halte. Mischt man alles zusammen, was man so über dieses Album liest, so enthält es mindestens melancholischen Indie-Americana-Post-Punk-Rock, und weil sich das vermutlich dann doch lieber keiner merken will, nenne ich es einfach mal eine Melange aus letzteren beiden Bands und freue mich tierisch darüber, so eine schöne kurze Beschreibung formuliert zu haben. Die ist wenigstens schön griffig.

Dieses Album also, das (schrieb ich das schon?) mir sehr gefällt, drückt in Text, Gesang und Instrumentierung eine verzweifelte Melancholie aus, wie sie mir in all meiner Melodramatik gerade recht kommt. Musik für einsame Seelen, die für feige Depressionen dann doch wieder nicht einsam genug sind.

I got two sets of headphones, I miss you like hell
Won’t you come here and stay with me
Why don’t you come here and stay with me

Ungekünstelte Lyrik ist gute Lyrik, und vertont klingt sie so oder auch so. Kaufen, hören und auf die Texte achten. Ersteres und zweiteres in dieser Reihenfolge, dritteres gleichzeitig mit zweiterem. (Davor oder danach geht natürlich auch.)